Whitehorse

Winterimpressionen

Nach dem letzten Winterbeitrag ist eine ganze Menge Schnee gefallen – gut 20 cm in 48 Stunden. Es gab eine oeffentliche Schneefallwarnung. Und das wars dann auch schon mit den Besonderheiten darueber. Der Flugverkehr hat nicht gelitten und es gab auch kein Verkehrschaos. Wenn man nicht dazu zaehlt, dass sich hinter mir eine Schlange auf dem ungeraeumten Highway gebildet hat, da ich 70 km/h statt 90 km/h gefahren bin. Allerdings war ich ja auch nur mit meinem kleinen Auto mit Zweiradantrieb unterwegs, da muessen die Allradfahrer schon ein wenig Verstaendnis haben.

Jedenfalls nahm ich den Schneefall zum Anlass, wieder auf meinen Haushuegel zu kraxeln und ein paar Winterbilder zu schiessen – ich kann mir nicht vorstellen, dass Ankes Winterbilderwunsch durch den letzten Beitrag schon fuer die ganze Saison besaenftigt wurde 😉

Dieses Mal bin ich Nachmittags auf Bilderjagd gegangen. Bevor die Sonne ganz untergeht. Die Stimmung ist auch wunderschoen, jedoch anders als die Morgenstimmung.

K640_DSC02102

Panoramabild der letzten Sonnenstrahlen des Tages

Nachmittags ist das Licht eher golden. Und leider gibt es meine schoenen pinken Berge nur Morgens. Aber der Nachmittag steht dafuer fuer eine andere Farbe: Terracotta.

K640_DSC02106

Die Wolken im Westen faerben sich gold-orange vor einem noch blauen Himmel.

K640_DSC02103

Die Berge im Osten erstrahlen noch einmal im Terracotta, bevor sie in der Nacht verschwinden.

Auch die Nordlichter tanzen gelegentlich fuer uns des Nachts.

K640_DSC01979

Gruen-gelbe Schatten winden sich hinter schwarzen Baumumrissen.

Vor einer Woche dann fuhr ich mittags fuer Erledigungen in die Stadt. Bei – 30 Grad heisst schlechte Sicht uebrigens nicht mehr Nebel, sondern Eiskristalle, die mir eine Sicht von ca. 100 Metern erlaubten. Doch auf meiner Rueckfahrt war die Sicht ploetzlich gut. Die Eiskristalle waren aber nicht verschwunden, hoben sich nur ein wenig an, um sich einige Meter ueber Bodenhoehe zu versammeln.

„Davon muss ich Fotos machen!“ nehme ich mir vor und beobachte das Phaenomen auf meiner Fahrt. Zu Hause angekommen haben sich die Eiskristalle so weit gehoben, dass sogar ein paar Sonnenstrahlen auf Bergen zu sehen sind.

K640_DSC02116

Der Himmel reisst auf zwischen Eiskrstalldecke und Bergsilhouette.

K640_DSC02117

Die Kaeseglocke aus schlechter Sicht laesst die Landschaft dunkel erscheinen.

Und dann findet ein Sonnenstrahl den Weg durch den Brei aus Eiskristallen und gibt die Sicht frei auf eine Postkartenansicht, direkt vor meiner Haustuer.

K640_DSC02119

Schneebedeckte Baeume vor einer sonnenbeschienenen Bergflanke unter der Dunstglocke.

Wie schoen die Welt doch ist. Einfach so.

Advertisements

Projekt Elchkanu – Nach der Jagd

Auf dem Weg nach Hause im Truck lassen wir die Tage auf dem Fluss noch einmal an uns vorbei ziehen. Die Stille, die Einfachheit, die Natur… dazu beisse ich in einen frisch gekauften Brownie aus dem Einkaufsladen in Carmacks und kann die Geschmacksexplosion in meinem Mund kaum fassen. So schokoladig, saftig und irre suess! Neben mir liegt eine Flasche Haarspuelung, mit der ich die Filzplatte auf meinem Kopf hoffentlich entwirren kann.

Wieder denke ich an unsere leeren Kuehltruhen und versuche Tyrel aufzumuntern: „Die Bisonjagd faengt doch bald an. Vielleicht halten wir Ausschau nach einem Schneemobil und gehen dann vielleicht erfolgreicher nach Hause als die letzten beiden Male.“ Tyrel stimmt zu, stellt aber gleichzeitig so viele Ansprueche an den Typen des Schneemobils, dass ich ihm diese Aufgabe gedanklich sofort ueberlasse. Die Nacht fliegt am Truck vorbei, die Heizung haelt meine Fuesse warm und ich kann die Aussicht auf ein warmes Zuhause vor Glueck kaum fassen.

Da wir jetzt noch ein paar Tage gemeinsam frei haben, fahren wir am naechsten Morgen gleich zum Startpunkt unserer Reise, um den zweiten Truck abzuholen. Auf dem Rueckweg halten wir in der Stadt und kaufen Lebensmittel ein. Frisch geduscht und wohlig warm arbeite ich zu Hause an der Befriedigung meiner Flussehnsuechte.

IMG_20171010_075733

Mit einem Stueck ofenwarmen Kaesekuchen und einer Schale Soljanka lege ich ein Puzzle.

Meine Tagtraeume auf dem Fluss haben mir nicht zuviel versprochen. Soljanka, Kaesekuchen und Puzzlen ist fuerwahr eine super Kombination!!!

Trotz der Spuelung verbessert sich mein Verhaeltnis zu meinen Haaren nicht nennenswert. Sie bestehen zwar nicht mehr ausschliesslich aus Filz, haben in meinen Augen aber bewiesen, wie wenig praktisch sie sind in der aktuellen Laenge. Zum Glueck kann man da was gegen tun.

Hat auch gar nicht wehgetan! 🙂

Dann fahren wir zu unserem Woodlot, um zu sehen, an welcher Stelle es am kluegsten ist, die naechste Strasse mit der Kettensaege hineinzuschneiden. Wir werden von einem neuen Bodenbelag ueberrascht.

IMG_20171010_155923

Der erste Schnee der Saison verfuehrt mich noch zum Hineingreifen und Hochwerfen.

Wir sind wieder da und der Winter hat schon auf uns gewartet. Ich freue mich auf Abende am Kamin und die kalte, klare Luft!

 

Von einigen tollen Bloggern wurden mir Fragen gestellt, die ich nicht einfach unter den Tisch fallen lassen kann.

Auf der Seite Der Feind in mir beschreibt C. ihre Erlebnisse nach der Diagnose Brustkrebs. Dabei steht die Krankheit selten im Vordergrund, sondern das intensive Leben, das vielleicht ein Stueck neu entdeckt wurde.

Leider ist der Beitrag mit den Fragen nicht mehr vorhanden (der Rest der Seite zum Glueck aber schon), sodass ich mich nur noch an eine Frage erinnere:

  • Schwarz oder Weiss?

Schwarz. Schlicht, elegant, stark. Wobei ich Schnee gerne in weiss mag, der leuchtet in langen Winternaechten so schoen, dass man sich auch nachts ohne Lampe orientieren kann.

 

Lydia erzaehlt auf ihrem Blog Lydias Welt von ihrem Alltag und Herausforderungen als blinde Frau und Mutter und gibt gute Tipps, wie man als Sehender helfen kann wenn man moechte.

  • Was liest Du am liebsten?

Ganz klar und fast ausschliesslich Sachbuecher. Autobiografien, Buecher ueber interessante historische Ereignisse, Erfahrungsberichte, auch wissenschaftliche Buecher. Ab und an ist mal ein Roman dabei, jedoch fuehlt sich das fuer mich meist eher an wie Berieselung und nichts, worueber ich noch stunden- und tagelang nachdenken kann.

  • Was machst Du, wenn Du nicht einschlafen kannst?

Meist klappt es mit ein wenig Autogenem Training. Wenn ich davon nicht schlafen kann, stehe ich wieder auf, bis ich muede bin. So wird mein Bett nicht mit Schlaflosigkeit verknuepft. Wenn ich alleine einschlafen soll, hoere ich auch manchmal eine Dokumentation oder einen Kabarett-Beitrag und gleite ins Traumland.

  • Glaubst Du, dass Pflanzen Gefühle haben? 

Ja, das glaube ich schon. Vielleicht fliesst kein Harztropfen aus dem Astloch, wenn wir dem Baum Titanic vorspielen, allerdings ist bewiesen, dass Baeume soziale Wesen sind, miteinander kommunizieren, sich opfern und auch merken, wenn sie gegessen werden. Fuer mich bedeutet das, dass sie Gefuehle haben muessen. Bewusstsein waere nochmal eine andere Frage.

  • Hund oder Katze?

Eigentlich wollte ich immer einen Hund haben, schaffte mir dann aber zwei Katzen an, da die mit einer Vollzeitberufstaetigkeit besser zu vereinbaren sind, wenn man allein lebt. Seitdem liebe ich Katzen! Vor allem schwarze Kater bringen mich unter Garantie zum Lachen. Hier im Yukon sind die Bedigungen aber viel guenstiger fuer einen (Draussen-) Hund. Tyrel fuehlt sich bereit fuer einen Hund, hat aber spezielle Anforderungen und keine Eile. Daher wuerde ich auch gerne ausprobieren, wie das Zusammenleben mit einem Hund klappt.

  • Hast Du jemals den Wunsch verspürt, Dich einmal in ein Tier zu verwandeln?

Als Kind natuerlich waere ich gerne das Tier gewesen, was ich gerade gespielt habe. Meist waren das entweder Pferd (Reiten oder Ziehen) oder Loewe (Koenig der Loewen war der groesste Hit). Allerdings bin ich ganz zufrieden mit dem, wer oder was ich bin. 🙂

 

Und dann gibt es ja noch Tally von tallyshome. Mit Witz und Ehrlichkeit taucht man bei ihren Beitraegen in das echte Leben ein (und in lange Abhandlungen von Familienrecht, bis sie endlich die Klausur bestanden hat! ;)).

  • Nahrungsmittelknappheit auf der Erde. Lebensmittel werden rationiert. Jeder Mensch muss sich für eine Lebensmittelgruppe entscheiden, die er nie wieder im Leben wird essen dürfen. Milchprodukte, Fleischprodukte, Fischprodukte, Obstprodukte, Salatprodukte oder Kohlehydrate (ja … darunter fallen auch Süsßigkeiten). Stattdessen bekommt man natürlich Vitaminpillen, die helfen den Körper im Gleichgewicht zu halten. Aber darum geht es ja nicht. Die Frage ist eher: Auf welche Lebensmittelgruppe könntest du für den Rest deines Lebens verzichten?

Die Antwort faellt nicht schwer und ist eindeutig Salatprodukte. Salat. Erstmal hoert sich das Wort echt doof an, wenn man es fuenfmal sagt. Salat, Salat, Salat, Salat, Salat. Dann ist es fuer mich eher Wasser mit Balaststoffen und zwar gesund aber nicht befriedigend. Da ziehe ich mir lieber ein Stueck Kaese rein und habe anschliessend Bauchschmerzen.

  • Autopannen sind ja bekanntlich sowieso schon doof. Du aber bist auf einer verlassenen Landstraße liegen geblieben. Um dich herum gar nix. Außer Wald, Felder und Wiesen. Es wird allmählich dunkel. Dein Handy hat null Empfang. Andere Autos sind nicht in Sicht, die Straße wird aber sowieso nur selten befahren. Du kennst dich in der Gegend nicht aus und das letzte Dorf liegt ca. 1 Stunde  Autofahrt hinter dir zurück. Was tust du?

Als erstes steige ich aus und klappe die Motorhaube auf – ein Zeichen fuer Vorbeifahrende, dass es hier ein Problem gibt. Bei einer Stunde Autofahrt auf einer Landstrasse liegt das naechste Dorf mit Sicherheit mehr als einen Tagesmarsch zurueck – da ich wahrscheinlich nicht geeigneten Proviant und Ausruestung mitfuehre, bleibe ich auf jeden Fall beim Auto. Auch die verlassenste Landstrasse in Deutschland ist immer noch merhmals am Tag befahren. Je nach Situation wuerde ich dann eventuell noch die Strasse mit Aesten oder anderem blockieren, damit niemand einfach so an mir vorbei kann. Allerdings nur, wenn 1. dadurch keine weitere Unfallgefahr besteht und 2. das Blockiermaterial in der Naehe des Autos zu finden ist.

  • Dein Sohn oder deine Tochter (immaginär falls nicht real vorhanden) kommt zu dir und will über etwas privates mit dir sprechen. Er/Sie erklärt dir er/sie sei schwul bzw. lesbisch oder das er/sie RennradfahrerInn als Berufsweg eingeschlagen hat. Was ist schlimmer für dich und wie reagierst du?

Waere beides kein Problem. Viel Spass, schick ne Karte 😀

  • Dein Haustier oder von mir aus auch ein beliebiges Tier fängt plötzlich an mit dir zu sprechen. Was würde es dir wohl erzählen?

Wenn meine oben bereits erwaehnten Katzen sprechen koennten, waere es klar. Eva wuerde alles kommentieren, was man so macht begleitet von „Was macht du da? Warum ist das so?“ und „Ich hab sooo einen Hunger“. Stalin hingegen… naja. Ich glaube er wuerde sich meist beklagen, wie schwer ers doch hat. Armer, schwarzer Kater halt.

  • Manche Menschen wünschen sich, den roten Knopf zu drücken. Alles noch mal zurück auf 0 setzen. Die Menschheit müsste von vorne anfangen. Wie auch immer dieser Neuanfang aussehen würde, es würden wahrscheinlich eine Menge Seelen sterben. Dafür hätte die Erde Zeit sich zu regenerieren, die Tierbestände würden sich erneuern, das Ozonloch sich schließen etc. Die Menschheit würde nicht ausgerottet, nur stark dezimiert. Der Knopf ist jetzt direkt vor dir und es ist definitiv nicht sicher, ob du unter den glücklichen/unglücklichen bist, die überlebt und auch deine Familie wäre nicht sicher. Würdest du es trotzdem tun? Würdest du den Knopf drücken und alles auf 0 stellen?

Diesen Knopf wuerde ich auf gar keinen Fall druecken. Wahrscheinlich wuerden alle Fehler genauso wieder begangen werden. Ich glaube, dass man Probleme loest, indem man vorwaerts geht und sich nicht wuenscht, dass man 10 Schritte zurueck nochmal anders abbiegen koennte.

Ein Sonnenaufgang im Winter

Irgendwie bin ich immernoch mit der literarischen Aufarbeitung der Herbstaktivitaeten beschaeftigt. Doch jetzt hat mich die liebe Anke schon zwei mal nach Winterbildern gefragt, was ich ihr bis jetzt schuldig geblieben bin.

Daher dieser Einschub. Als kleines Dankeschoen fuer die lieben Karten, Fotos und Emails, die mich mit Weihnachtswunschen erreicht haben (ein Fresspaket von meinen Eltern war auch dabei)! Ich bin jetzt schon 1,5 Jahre nicht mehr in Deutschland und ich freue mich, dass ich immer noch ein Stueck dazu gehoere. 🙂

Wenn ich gefragt werde, ob die dunkle Jahreszeit nicht total doof ist, muss ich verneinen. Ich mag die Zeit. Die Kaelte, die Ruhe, das prasselnde Kaminfeuer, vor dem ich auftauen kann. Die Nordlichter! Das Glitzern des Schnees im Schein der Kopflampe. Das goldene Licht am Tage. Und vor allem: Die pinken Berge am Morgen!!!

Heute morgen bin ich ganz frueh aufgestanden, noch vor Sonnenaufgang, um diesen schoenen Moment festzuhalten. Naja, vor Sonnenaufgang ist ehrlich gesagt auch nicht so schwierig, da die Sonne in Whitehorse heute offiziell um 10:10 h aufgeht. 🙂 Um 9:30h machte ich mich also dick eingemummelt auf nach draussen, wo immerhin -30 Grad herrschten.

K640_DSC02024

In der Daemmerung gehe ich unsere 600 m lange, verschneite Zufahrt zum Haus entlang.

Ziemlich am Anfang unserer Zufahrt liegt ein kleiner Huegel, von dem man eine schoene Aussicht hat. Den habe ich natuerlich gleich erklommen.

K640_DSC02031

Im Osten faerbt sich der Himmel langsam heller hinter der Bergsilhouette.

Doch es ist noch ziemlich dunkel. Da hilft nur Warten. „Warum habe ich eigentlich meine Brille auf und nicht meine Kontaktlinsen eingesetzt?“, frage ich mich, waehrend ich die Glaeser das erste mal mehr oder weniger erfolgreich vom Frost befreie.

K640_DSC02040

Im Westen faerbt sich der Himmel rosa.

Zum Glueck drehe ich mich um, waehrend ich auf meinen kalten Fuessen hin- und herwippe. Obwohl es noch ziemlcih dunkel ist, nimmt der Himmel im Westen schon eine dunkelrosa Farbe an. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis meine lieben Berge gefaerbt sind.

Langsam faengt es an. Die im Westen liegenden Berge scheinen schon ein klein wenig rosa zu werden. Zwischen jedem Bild stecke ich meine Kamera in meine Jacke, damit sie nicht ploetzlich aufhoert, zu funktionieren. Bei -30 Grad dauert es nur einige Minuten, bis die Batterie ihre Dienste verweigert.

Auf der Ostseite sehe ich schon, wie die Sonne durch einen Bergpass gebrochen ist und ihre langen Strahlen hindurchstreckt.

K640_DSC02058

Ein wenig ist zu erkennen, dass ein Berg in der Ostseite angestrahlt wird.

Der weisse Streifen vor den Bergen ist der Yukon River. Eine duenne Wolkenschicht breitet sich zur rechten Seite meines Sichtfeldes aus, ungefaehr auf mittlerer Hoehe der Berge.

Und schliesslich ist es soweit und meine lieben Berge sind im praechtigen Pink gefaerbt.

Pink vor hellblau: Schoenste Schluepferfarben bietet das winterliche Morgenszenario, das ich im Sommer irgendwie vermisse. Doch die Sonne muss noch aufgehen… es ist nun auch schon spaeter als 10:10 h. Die Sonne muss wohl noch ueber den Berg klettern.

Gegen 10:30 h ist es dann schliesslich soweit und die ersten Sonnenstrahlen treffen auf die Kameralinse. Ein Gefuehl der Erleichterung durchstroemt mich. Dass die Sonne jeden Tag aufs Neue aufgeht, scheint wie ein erfuelltes Versprechen, wie ein Grund, die Hoffnung nicht aufzugeben. Oder bin ich nur so froh, bald wieder ins Warme zu treten?

Dann bricht die Sonne komplett durch und das rosa Licht ersteckt sich auf meinen Huegel und mich selbst. Wie schoen es ist, dass man sich auf einige Sachen wirklich verlassen kann.

Dieses rosa Licht am Morgen ist fuer mich die schoenste Weihnachtsdekoration, die ich mir vorstellen kann. Dazu ist Weihnachten auch der Punkt, an dem die Tage wieder laenger werden. Das Fest hat hier eine ganz neue Bedeutung fuer mich bekommen.

Jetzt bin ich aber wirklich froh, wieder ins Haus zu gehen und aufzutauen vor dem warmen Kamin, den ich am Morgen angefeuert habe.

K640_DSC02085

Der Kaminrauch wird schon von der Sonne erleuchtet, der Rest liegt noch im Dunkeln.

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins spannende 2018 wuenscht euch allen aus dem Yukon eure Luisa!

Mit den Augen des Bruders Teil 1

Wie ich vor einiger Zeit schon angedeutet habe, kamen mich im September mein Bruder und seine Frau besuchen. Wir nennen sie mal Johannes und Sarah. Weil mir die Namen gefallen. Und weil sie tatsaechlich so heissen. 😉

Johannes und Sarah kamen also Anfang September aus dem weit entfernten Deutschland in den Yukon geflogen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch nicht mal 48 Stunden unser neues Haus bezogen und ich mir die Finger blutig geputzt. Aber mutig, wie sie waren, wollten sie trotzdem schon bei uns uebernachten. Kein Problem. Eine Fahrt in die Stadt innerhalb der 48 Stunden hat die noetigen Utensilien besorgt.

September kann hier durchaus schon Schnee liegen. Auf jeden Fall aber im Oktober, wie der Blick auf den matschig-weissen Schneebelag vor dem Fenster zeigt. Johannes und Sarah aber verbrachten fast die gesamte Zeit bei unverschaemt gutem Wetter.

Freundlicherweise wurden mir die Urlaubsbilder zur Verfuegung gestellt, damit ich ueber meine Welt aus einer weiteren Perspektive berichten kann. 🙂

Das Haus und Grundstueck

Mein Haus habe ich ja bereits in einem Beitrag vorgestellt. Allerdings gibt es hier nochmals einen Einblick.

Auch vor und hinter dem Haus gibt es noch eine Menge zu entdecken. Direkt neben dem Hauseingang laedt ein Gasgrill mit Sitzecke zu Stunden der froehlichen Voellerei in den ca. 5 Monaten Nicht-Winter des Jahres ein. Hinten im Garten wartet ein Gewaechshaus darauf, im naechsten Fruehling belebt zu werden (und ich weiss ja jetzt auch, wie, hihi!). Und vor unseren grossen Fenstern gibt es reichlich Stellen, in denen im Winter beduerftige Voegel gegen Essensmarken eine kernige Mahlzeit erhalten.

Auch ein Fluesschen ist direkt am Haus zu finden. Grosse Faenge darf man hier nicht erwarten, jedoch ist das Gluggern schoen anzuhoeren. Ich bin schon gespannt, ob der Fluss im Winter ganz bis unten hin durchfriert oder weiterhin mit Glucksen geschaeftigt ist unter dem Eispanzer.

Ist man gewillt, ein paar Meter zu gehen, trifft man schnell auf einen kleinen Huegel, von dem man einen wunderbaren Ausblick auf die umgebende Landschaft hat. Fuer den Yukon untypisch sind hier die vielen Flaechen, die sich fuer Landwirtschaft und Weiden eignen. Das unter anderem diese Tatsache hat Whitehorse mit der Zeit den Titel der Hauptstadt des Yukon eingebracht. Nur hier war es naemlich moeglich, einen grossen Flughafen zu errichten, der im Laufe des zweiten Weltkrieges von den Amerikanern zu militaerischen Zwecken genutzt wurde.

Whitehorse und Umgebung

Natuerlich wurden viele Ausfluege unternommen nach in die Stadt Whitehorse und die weitere Umgebung. Besonders gefiel der Yukon River, dessen Farbe ich auch einfach nur toll finde. Hier einige Eindruecke von Spaziergaengen.

Eine Sehenswuerdigkeit schloss leider kurz vor dem Besuch die Tore fuer die Wintersaison: Die SS Klondike. Nach dem Goldrausch befoerderte der Schaufelraddampfer Waren flussaufwaerts nach Dawson und kam beladen mit Erzen und manchmal auch Gold zurueck 🙂 Nun ruht er in Whitehorse und gibt Touristen einen Eindruck der damaligen Transportmittel.

K1024_IMG_3085

Die SS Klondike ist ein Schaifelraddampfer mit erstaunlich wenig Tiefgang!

Trotz des geringen Tiefgang des Schiffes lief die SS Klondike auf eine Sandbank des sich staendig veraendernden Yukon Rivers auf und wurde stark beschaedigt. Der Oberbau wurde nach Whitehorse gebracht und auf einen nachgebildeten Unterbau gesetzt. Der echte Unterbau ruht noch immer auf der besagten Sandbank und kann bei Niedrigwasser von Kanufahrern auf dem Yukon River besichtigt werden.

Weiter geht es in Teil 2. 🙂

Das Haus

Wie bereits im letzten Beitrag angekuendigt, haben wir uns mittlerweile wieder einmal raeumlich veraendert. Langsam bin ich so routiniert im Sachen einpacken, Anhaenger beladen und Trailer reisefest machen, dass ich direkt in eine Sinti oder Roma- Familie gehoeren koennte.

Seit Ende des letzten Winters erinnere ich Tyrel regelmaessig an eine Sache:

Den naechsten Winter moechte ich in etwas Isoliertem verbringen!!!

Das hat nicht den Grund, dass der letzte Winter total schrecklich war. Im Gegenteil, ich habe viel gelernt und hatte auch reichlich Spass am Abenteuer. Aaabert: Es gab dann doch eine Sache, die ich gar nicht lustig fand. Das war naemlich nach Hause kommen, nachdem beide fuer mehrere Stunden gleichzeitig das Haus verlassen hatten. Sei es, um in der Stadt Waesche zu waschen und Internet mit Burgern zu konsumieren oder auch eine ausgedehnte Wanderung in Winterlandschaften. In beiden Faellen kam man durchgefroren nach Hause und… wurde von einem -10 Grad „warmen“ Heim begruesst. Alles war eingefroren. Auch das Kriechen mit Winterjacke unter die Bettdecke brachte nicht viel, da man selbst noch ganz kalt von den -30 Grad draussen war und das Bett als Kuehlbox fungierte. Also wurde schnell der Ofen entzuendet und gleichzeitig Wasser gekocht, um sich mit Waermflasche und Tee noch weiter ausfzutauen. Das ganze Prozedere war schnell getan aber es dauerte gut und gerne 3 (in Worten: drei) Stunden, bis sich die Bude so sehr aufgewaermt hat, dass man im Schlafanzug nicht am Boden festfror.

Es war zum Glueck nicht allzu haeufig der Fall, dass dieses Szenario eintrat. Ich war meistens zu Hause oder wir waren gemeinsam nicht laenger als 3 oder 4 Stunden unterwegs. Mein Hirn fragte sich trotzdem schon nach der Situation im naechsten Winter… und stellte fest, dass wir hoechstwahrscheinlich beide arbeiten werden! Vollzeit!! Das wuerde bedeuten, dass das Aufheizen des Grauens fast taegliche Routine wuerde!!! Nein, danke. Das brauche ich wirklich nicht.

Daher meine mehrmals im Monat platzierten Erinnerungen an Tyrel. Naechster Winter… Isoliert… Schon bald entsponn sich die Idee, dass wir doch eine kleine, portable Huette selbst bauen koennten. Entweder aus Holz mit Isolierung (Standardbauweise in Nordamerika) oder auch in einen gekauften Ueberseecontainer hinein. Die Idee finde ich immer noch gut! Doch dann kam schliesslich der Sommer… und mit ihm eine verrueckte Zeit voller Geschaeftigkeit, Besuche, Veraenderungen und mehr als Vollzeit Beschaeftigungen bei beiden von uns. Und schon befanden wir uns im Monat August.

Als ich Ende Juli erneut meine Wintererinnerung platzierte und Tyrel antwortete, dass wir nach Ueberseecontainern Ausschau halten sollte, wurde mir klar, dass das dieses Jahr wohl nichts mehr wird. Der gesamte Herbst spielt sich hier im Monat September ab und ab Oktober ist es dann schon Winter. In zwei Monaten ein kleines Haus bauen? Bestimmt moeglich. Aber dazu braucht man eine Menge Zeit. Und das ist das Gut, was wir zur Zeit am wenigsten haben! Also veraenderte ich meine Erinnerung leicht und fuegte immer an, dass wir uns ja fuer diesen Winter ganz eventuell etwas mieten koennen, da wir zur Zeit sehr beschaeftigt sind und auch noch im Fruehjahr anfangen koennen, etwas zu bauen. Am liebsten haette ich gesagt „Das ist total unrealistisch, dass wir in der kurzen Zeit noch was bauen koennen, denk doch mal nach!“. Aber so wuerde ich Tyrel recht geben, wenn er mich als Pessimisten darstellt. Und es ist doch wirklich netter ausgedrueckt mit den ganzen Konjunktiven 😉

Durch meine diplomatischen Fortschritte war es sogar Tyrel (!), der als erster im Internet nach Mietobjekten Ausschau hielt. Unsere Ansprueche waren dabei: Moeglichst keine Nachbarn, etwas Isoliertes, das die Waerme haelt und moeglichst auf der Haelfte des Weges zwischen Whitehorse und unserem Woodlot. Eine Huette in der falschen Richtung aus der Stadt heraus wollten wir besichtigen. Der Termin wurde jedoch mehrmals verschoben, sodass wir inzwischen ein weiteres Objekt erspaeht hatten. Dieses Objekt war ein Holzhaus mit Strom und einer Gasheizung nebst Kamin, das genau in der Mitte zwischen Woodlot und Stadt liegt. Gleich haben wir die Maklerin angerufen, eine Selbstauskunft mit nettem Brief geschrieben und uns beim Gruppenbesichtigungstermin schoen bei der Maklerin eingeschleimt. Und es hat geklappt! In der Nacht vom 1. September sind wir eingezogen! 🙂

Die Herausforderung beim Einzugtermin: Bereits am 3. September erwarteten wir ein Flugzeug, aus dem mein Bruder mit Frau aussteigen sollten. Und das Haus wollte gruendlich ausgeraeumt und geputzt werden! Der darauffolgende Schlafentzug zahlte sich schliesslich aus. Das Haus war wohnlich geworden, der Teppich mit einem speziellen Reinigungsgeraet gewaschen und ein Gaestezimmer aus dem Boden gestampft. Ehrlich gesagt bin ich immer noch muede davon… Schlaf ist mein Lebenselixier!

Von dem Besuch meines Bruders und meiner Schwaegerin werde ich getrennt nochmal berichten. Gestern sind die beiden wieder in ein Flugzeug gestiegen und wir hatten alle Spass zusammen 🙂

Die erste Nacht im Haus hat mir gar keinen Spass gemacht. Ueberall war geschmacklose Deko von fremden Leuten an der Wand. Man hoert, wenn nachts die Heizung anspringt und nicht mehr, wie der Wind durch die Baeume streift. Und ueberall liegt Teppich!!! Pfui! Ich bin ein grosser Freund von wischbaren Boeden. Am Tag nach unserem EInzug haben wir dann noch eine Tour zu James gemacht, um unsere verbleibenden Sachen abzuholen. Beim Einladen der Kisten auf den Anhaenger wurde ich ziemlich froestelig, es war nur knapp ueber Null Grad und ich hatte noch nicht mal eine lange Unterhose an! Wieder im Haus die unerwartete Ueberraschung: Man kommt nach Hause und es ist… warm?! Hexerei!!! …an die man sich bestimmt gewoehnen kann. 🙂 Spaetestens nach der erfolgten kompletten Reinigung des ganzen Hauses fuehle ich mich auch wohl hier. Es ist rustikal, aber wir haben sogar Strom, eine Waschmaschine samt Trockner und Internet und solche Spirenzchen! Das bedeutet eine grosse Zeitersparnis in unserer Freizeit (die wir dann mit Holz saegen fuellen koennen), da wir nicht mehr wegen jedem Mist in die Stadt fahren muessen.

So, genug geschrieben, es muessen Bilder her!

Eine Information noch an meine lieben Mitblogger:

Laut dem allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin leben in Deutschland etwa 150’000 Blinde und etwa 500’000 hochgradig sehbehinderte Menschen. Das Internet stellt fuer sie eine tolle Moeglichkeit dar, an Informationen zu kommen oder auch zum Beispiel Blogs zu lesen, genau wie bei uns Sehenden. Wenn Bilder eingefuegt werden, die nicht weiter erklaert werden, stellt das eine Barriere dar, die den Lesespass erheblich mindert. Und auch wir Sehlinge koennen manchmal nicht alles auf den Bildern erkennen oder wissen nicht genau, was der Autor denn nun darauf zeigen moechte.

Von daher moechte ich darauf aufmerksam machen, dass es sich wirklich lohnt, Bildbeschreibungen einzufuegen! Durch die tolle Aufklaerung auf dem Blog lydiaswelt bin ich seit bald einem Jahr fleissig am Bilder beschreiben. Es dauert nicht lange, macht mir wirklich Spass und hilft anderen. 🙂

Ob ich jetzt dauerhaft so feudal wohnen moechte, weiss ich noch nicht. Ein bisschen vermisse ich das einfache Leben in einem kleinen Heim schon. Andererseits bedeuten Strom, Internet und Wasser schon erhebliche Vereinfachungen des taeglichen Lebens. Aber wir der gute Miffy von Nuttingham mir schon versicherte, kann ich die Bude ja jederzeit niederbrennen und in ein Zelt ziehen… oder so. 😀 Wie gut, dass man immer auf den Rat guter Freunde zaehlen kann.

Morgen werde ich dann auch anfangen, den riesigen Berg unbeantworteter Mails abzuarbeiten! Fuer dieses Jahr ist auch kein Umzug und/ oder Besuch aus Deutschland mehr angedacht. Und nur noch mit meinen Jobs und dem Internet im Haus wird eine zeitnaehere Beantwortung hoffentlich in greifbare Naehe ruecken. 🙂

Job 3: Die Selbstständigkeit

Wie in den letzten beiden Beiträgen schon ausreichend beschrieben, arbeite ich in letzter Zeit ziemlich viel. Job 1 und 2 zusammen haben schon mehr Stunden als eine Vollzeitstelle. Aber dann ist da noch der Donnerstag, an dem ich weder Job 1 noch Job 2 nachgehe. Da ist es nämlich Zeit… Für Job 3! 🙂

Job 3: Zusammen mit Tyrel Feuerholz machen und verkaufen

Donnerstag ist der einzige Tag, an dem Tyrel und ich zusammen frei haben. Das muss ausgenutzt werden! Einige Wochen lang haben wir uns mit allen möglichen Behörden angefreundet, alle Scheine brav beantragt, Gebühren bezahlt, doch noch mal länger gewartet als gedacht und den nächsten Schein beantragt. Und schließlich hatten wir nicht nur unser eigenes Gewerbe angemeldet, sondern auch ein eigenes Woodlot zugeordnet bekommen, auf dem wir kommerziell Feuerholz machen und anschließend verkaufen können.

Da wir beide Vollzeit arbeiten, haben wir uns bewusst im höheren Preissegment eingeordnet. Für ein Cord Holz (=3,624 Raummeter) nehmen wir im Sommer $265 (= 177 Euro) und im Winter $300 (= 200 Euro). Viele der Einwohner von Whitehorse heizen ausschließlich mit Feuerholz. Ins Feuerholz ist eins der wenigen Güter, die nicht über eng definierte Grenzen transportiert werden darf. Es muss also alles lokal gekauft werden. Der Grund dafür ist, dass Feuerholz im Gegensatz zu Bauholz nicht behandelt wird und dadurch alle möglichen Baumkrankheiten beinhalten kann, egal ob Käfer, Pilze oder sonst was.

Erschwerend hinzu kommt, dass hier alles Feuerholz von Bäumen kommt, die zum Zeitpunkt des Erntens schon abgestorben waren. Daher, dass Waldbrände hier zum Ökosystem gehören, gibt es überall Gebiete, in denen einige Jahre zuvor ein Waldbrand gewütet hat. Das Produkt ist stehend gut abgelagertes Feuerholz, sogar bereits ohne Rinde. Wenige Bäume sind verkohlt, die wollen die Kunden nicht haben, da sie sonst die ganze Bude zurußen. Eine zweite Möglichkeit der Totholzgewinnung sind Gebiete, die Käfern zum Opfer gefallen sind. Dieses Holz ist jedoch nicht ganz so sehr beliebt, weil die Bäume meist noch die Rinde haben und diese dann wieder das Haus vollkrümelt.

Wir haben ein Woodlot in einem Gebiet, in dem es vor einigen Jahren einen Waldbrand gab und sind sehr zufrieden mit dem vorhandenen Holz.

An einem typischen Donnerstag rollen wir morgens gegen 7 Uhr vom Hof und kommen meist gegen Mitternacht wieder. Für einen Tag körperliche Ertüchtigung zahlen wir keinen Beitrag im Fitnessstudio, sondern schlagen 3 Cord Feuerholz, was wir je nach Staffelpreis für $720 bis $900 verkaufen.

Meist fällt Tyrel die Bäume und sägt das Holz in 6 oder 8 Fuß Länge (1,83 m oder 2,44 m). Ich schnappe mir dann die Baumstämme und stapel sie auf Truck oder Anhänger. Wenn wir das Holz am gleichen Tag noch zum Kunden bringen wollen und es in kleine Stücke gesägt werden muss, bringen wir unser sawhorse (Deutsch: Sägepferd und richtig Deutsch: Sägebock (danke Gunnili;) )) mit. Dann lade ich die Baumstämme auf das sawhorse, Tyrel sägt alles auf die gewünschte Länge und ich stapel die kleineren Stücke auf Truck und Anhänger.

Ist das Tagewerk getan, liefern wir das Holz entweder direkt zum Kunden oder wir fahren wieder nach Hause. Dazu ist zu sagen, dass unser zu Hause zur Zeit wieder bei unserem Freund James und Fuchs Louie ist, südlich der Stadt.

Für meine Freundin Anke habe ich den guten Louie wieder beim Füttern abgelichtet. Die Ergebnisse können sich sehen lassen, obwohl es nur die Kamera im Smartphone war.

Apropos Zuhause… Da wird sich in den nächsten Tagen auch wieder etwas tun. Wir wollen ja nicht, dass Langeweile aufkommt in unserem Leben. 😀 Und unser zweiter Besuch aus Deutschland wird auch kommenden Sonntag eintreffen… Falls ich also wieder für zwei Wochen in der Senke verschwinden sollte, ihr wisst jetzt wenigstens, wo ihr mich finden könnt 😉

Job 2: Hostel

Ein Job ist kein Job heißt es doch, oder wie war das noch gleich? 🙂 Der Trick ist, dass mir Job Nummer 1 an dem Tag vor die Füße gefallen ist, da mir die Zahlungsunfähigkeit der Farm eröffnet wurde. Die Eigentümerin des Restaurants ist nämlich eine Freundin von Tyrel und mir, die wir an dem Tag zufällig getroffen haben und das Gespräch entsponn sich wie von selbst. Nun ist der Job Nummer 1 allerdings keine Vollzeitstelle. Ich möchte aber eine Vollzeitstelle haben! Kein Problem, sagt die Freundin, ich könne doch noch im Hostel aushelfen, damit ich auf meine Stunden komme. Das Hostel gehört ihr doch auch.

Gesägt, tun getan! Ich war zwar noch nie Gast in einem Hostel aber ich kann mit Sicherheit eins leiten! 🙂

Job Nummer 2: Hans Dampf in allen Gassen im Hostel

Im Hostel ist genau ein Mitarbeiter für alles zuständig. Das heißt, wer immer gerade arbeitet, macht alles, was anfällt.

Das fängt an mit Kaffee kochen am Morgen, Küche putzen, Handtücher auswechseln, Wäsche starten, Betten beziehen, mehr Wäsche waschen, mehr Betten beziehen, Gäste zur Schließzeit mittags herausbitten, mehr Wäsche waschen und Betten beziehen, das Telefon beantworten, Buchungen entgegennehmen, Mails beantworten, mehr Wäsche waschen, Duschen und Klos putzen, staubsaugen und wischen, Gäste einchecken, abkassieren und ihnen eine Tour durchs Hostel geben, Müll, Kompost und Recycling rausbringen, Post sortieren, draußen für Ordnung sorgen, Telefon und Mails beantworten, mehr Gäste einchecken, bei allen Fragen zur Seite stehen, und und und und und…

Es wird jedenfalls nicht langweilig und ich habe mich noch nie dabei erwischt, sehnsüchtig aus dem Fenster zu schauen und mich woanders hin zu wünschen. Ich habe irgendwie andere Dinge zu tun und bin damit beschäftigt, schlechte Witze zu reißen. Die Gäste können sich nämlich nicht wehren muhahaha ;D

Meine liebste Tätigkeit ist es, für einen Gast ein Taxi zu bestellen. Es ist so einfach und macht den Gast unsagbar glücklich, dass er sich nicht drum kümmern muss. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert, was für eine große Wirkung das Schwingen eines Telefonhörers haben kann. Andererseits würde es mir wahrscheinlich genauso gehen. Für mich selbst habe ich auch noch nie ein Taxi bestellt! Zu Jugendzeiten hatte ein Freund nach der Disko ein Taxi auf den Namen Geröllheimer bestellt und sich gewundert, warum es nie kam… Immerhin hatten wir auf diesen Namen schon unzählige Tische in Restaurants reserviert und wurden immer freundlich bedient. Daher waren Taxis für mich immer ein wenig suspekt. Ziemlich ironisch, dass Taxis bestellen in einem Hostel meine Lieblingsbeschäftigung geworden ist 😀

Falls es Leute gibt, die, genau wie ich, noch nie in einem Hostel genächtigt haben, möchte ich ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Hostels haben das Ziel, eine sichere, saubere und günstige Unterkunft für Reisende zu bieten. Die meisten Betten sind in Schlafsälen zu finden (oder schreibt man das mit Doppel-ä?!), es gibt jedoch auch private Zimmer. Duschen und Badezimmer werden jedoch von allen geteilt. Es gibt eine große Gemeinschaftsküche und auch der Kühlschrank, die Außenbereiche und der Grill kann genutzt werden. Genauso bieten wir eine kleine Bücherei, einen Computer und ein Telefon, sowie unsere Waschmaschine samt Trockner zur Nutzung an.

Besonders gut am Hostel gefällt mir, dass die Reisenden untereinander schnell neue Kontakte knüpfen und sich neue Gesprächs- und auch Reisepartner finden. Die Atmosphäre ist großzügig. Gerne wird Essen geteilt und Sachen wie Bärspray und Kartuschen für den Gaskocher an zukünftige Reisende gespendet. Wenn wir Maler- oder Renovierungsarbeiten am Hostel vornehmen, fragen wirklich mehrere Gäste, ob sie helfen können!! Wenn wir sie dann mit Pinsel oder Handschuhen ausstatten, machen sie sich an die Arbeit! Finde ich jedes Mal wieder toll und es wäre nichts, was mir bei meinen Besuchen in Hotels oder Pensionen eingefallen wäre. Allerdings war ich auch meist auf der Durchreise und hab mich nach dem Frühstück aus dem Staub gemacht auf zu neuen Abenteuern.

Unsere Gäste sind ein bunt gemischtes Völkchen. Die meisten sind schon junge Reisende mit Rucksack. Es kommen aber auch Familien, Leute die einwandern wollen und nach einem Job suchen, ältere Herrschaften, die mit über 70 mit dem Kanu auf dem Yukon fahren oder den Chilkoot Trail wandern, Durchreisende, Bewohner aus kleineren Orten im Yukon, die zum Arzttermin nach Whitehorse kommen und so weiter und so fort.

Die meisten kommen schon aus Kanada oder den USA. Aber auch viele Belgier, Franzosen, Deutsche, Österreicher, Schweizer, Südkoreaner und Chinesen sind dabei. Einige Gäste kamen aus Japan, Taiwan, Italien, Spanien, Südafrika und Ghana. Und viele Länder fallen mir gerade einfach nicht ein. ^^

Immer wieder ergeben sich auch sehr interessante, nachdenkliche und auch lustige Gespräche mit Gästen.

Einige, an die ich mich ad hoc erinnere:

  • Ich gebe einem Gast die Tour durchs Hostel und witzele ein bisschen rum. Gast1: „Ich kann gar nicht glauben, dass du aus Deutschland bist. Deutsche sind doch immer so ernst!“ Ich: „Ja, das war auch immer ein großes Problem mit mir in Deutschland und langfristig der Grund, warum ich das Land verlassen musste.“ Gast1: „Wirklich?!“ Ich: „Nein.“
  • Gast2: „Wenn du Deutsch bist, warum siehst du dann holländisch aus und hast einen schwedischen Dialekt?“
  • Gast3 (70 Jahre): „In meinem Heimatort in Ontario wohnt eine Frau, die dir zum Verwechseln ähnlich sieht… Naja fast, denn sie ist mittlerweile um die Fünfzig. Könnte also deine Mutter sein *schleim*“ Ich: „Ist sie ne scharfe Braut?“ Gast3: „Definitiv!“ Ich: „Puh… Glück gehabt! *Schweiß von der Stirn wisch*“

Meist arbeite ich an ein oder zwei Tagen unter der Woche, nachdem ich mit Job Nummer 1 im Restaurant fertig bin und komme so auf einen schneidigen 13 Stunden Tag. Am Wochenende arbeite ich nochmals ein oder zwei Tage im Hostel, wobei die Zeiten stark schwanken zwischen 3 und 12 Stunden. Das Ergebnis ist jedoch, dass ich sehr abwechslungsreiche Wochenstunden von bis zu 55 Stunden zusammen kriege, was mich freut. 🙂

Nur donnerstags gehe ich weder zu Job 1, noch Job 2. Was ich donnerstags so treibe, erfahrt ihr im nächsten Beitrag mit Job 3 🙂 allerdings kann ich den jetzt nicht auch noch aus dem Ärmel schütteln, da ich jetzt wieder zu Job 2 muss, anschließend schlafen und Job 1. Aber ich bleibe dran, der nächste Beitrag hat dann auch wieder Bilder.