Unterwegs

Dem Fruehling auf der Spur

Der Winter dauert hier im Norden relativ lange. So ungefaehr die Haelfte des Jahres macht er aus. Und bekanntlich geht man im Winter auch nicht ganz so haeufig vor die Tuer, der Kamin ist manchmal doch einladender als -30 Grad, Schnee und Dunkelheit.

Die Folge: Cabin fever, oder zu deutsch Huettenfieber.

Die Decke faellt einem auf den Kopf, die Waende kommen naeher und man ueberlegt, ob man jetzt nicht doch lieber die Sonne von Barbados zusammen mit den Flippers geniessen moechte.

Doch in Whitehorse gibt es jedes Jahr im Februar die Sourdough Rendezvous (deutsch: Sauerteig Verabredungen), die dieses cabin fever lindern sollen. „Los, wir gehen unter Menschen!“ fordere ich Tyrel auf. „Was willst du denn da?“ „Naja, es gibt lustige Wettbewerbe und Ahornsirup Toffees…“ „Aber die koennen wir doch auch selbst hier herstellen!“ „Keine Widerrede, wir gehen morgen da hin. Wenn du nicht mitkommst, gehe ich mit wem anders.“ „Na gut…“

Schliesslich sind wir in die Weltstadt Whitehorse gefahren und kommen in der Zeit zwischen zwei Wettkaempfen an. Kettensaegenweitwurf war gerade beendet. Die beste Zeit, um alle Fressbuden zu inspizieren und sich nach der letzten Bude beim vielversprechendsten Stand einzureihen. Es gibt einen Cheeseburger in einem Bannock (Indianerbrot, das die Ureinwohner von den ersten schottischen Einwanderern erlernt und abgewandelt haben). Gut ausgeruestet schauen wir ein paar Kandidaten dabei zu, wie sie mit einer Bogensaege ein Stueck Holz absaegen und anschliessend gesaegtes Holz mit einer Axt zerhacken. Meine Finger werden schnell kalt durch den Wind bei -15 Grad. Ich beeile mich mit dem Burger und lasse die Haende in meinen grossen Aermeln verschwinden, waehrend wir weiterschlendern.

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Ich beisse beherzt in den Bannockburger waehrend hinter mir handgesaegt wird.

Als Nachtisch gibt es natuerlich den Ahornsirup-Toffee, der mich hierher gelockt hat. Um ihn herzustellen, wird Ahornsirup aufgekocht und in einer Linie auf verdichteten Schnee gegossen. Nun legt man an ein Ende der Linie einen Eisstiel, wartet etwas und rollt die Ahornsirupmasse am Stiel auf. Fertig ist die kanadische Leckerei. Leider gibt es hier im Norden keine Hartholz-Baeume und somit auch keinen Ahorn. Aber die suedlichen Provinzen produzieren genug fuer uns alle.

Ein Toffee ziert meine Hand, waehrend wir uns die Schneeskulpturen ansehen, die Kuenstler aus verschiedenen Laendern hier ausstellen.

Meine Haende werden wieder etwas kuehl. Zum Glueck finde ich schnell ein Feuer, an dem ich sie wieder aufwaermen kann.

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Ich sitze auf einem Schneeblock vor einem Schneeholzstapel und waerme mir die Finger an einem Lagerfeuer, ganz aus Schnee an das sich auch ein Schneebaum lehnt.

Fuenf Minuten spaeter sehen wir wieder Leuten beim Holzsaegen zu, die dies augenscheinlich zum ersten Mal machen. Ich sehe mich um und bemerke, dass beim Seifenkistenrennen in Salzgitter Steterburg mehr los ist. „Komm Tyrel, lass uns spazieren gehen!“

Der grosse, baertige Mann hat keine Wahl und laeuft neben mir her am Yukon River, der fast komplett zugefroren ist dieses Jahr. „Wie schoen die Sonne scheint…“ Wir gehen eine ganze Weile nebeneinenander her. Die Sonne ist schon so kraeftig und trotzdem dauert es noch eine ganze Weile, bis der Fruehling wieder regiert. Wie komisch, es fuehlt sich schon so nach Fruehling an, trotz der -15 Grad! Da weist mich Tyrel auf etwas hin: „Schau, die Weiden!“

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Die ersten Weidenkaetzchen lugen unter Pulverschnee am Weidenzweig hervor.

„Wie geht das denn? Wachsen Pflanzen nicht nur, wenn es 5 Grad oder mehr sind? Wie koennen Weidenkaetzchen bei diesen Temperaturen einfach so herumplueschen?“ „Es sind Weiden, denen ist das Wetter egal.“ Ich nehme die Logik einfach so hin und freue mich, dass nicht nur ich den Fruehling gespuert habe.

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Bison Jagd – der dritte Versuch (Achtung, blutige Bilder, langer Beitrag!)

Es ist Mitte November 2017. Tyrel und ich haben ganze fuenf Tage zusammen frei! Schnell beschliessen wir, wieder auf Bisonjagd zu gehen. Die letzten beiden Male hat es zwar nicht geklappt (und auch der Elchversuch wurde nichts) aber auf dem Sofa vor dem Kamin sind die Jagdchancen gleich Null! Ausserdem ist das Campen im Winter immer wieder besonders schoen, wenn auch nicht sehr komfortabel. Die Wettervorhersage schwankt zwischen -25 und -30 Grad. Brrr.

Eigentlich wollten wir uns ja ein Schneemobil anschaffen. Die letzten zwei Jagdversuche haben gezeigt, dass man ohne solches keine reellen Chancen hat, da die Bisons gleich am Anfang der Saison von den ersten Jaegern ins Hinterland gescheucht werden. Und zu den Orten, an denen sich die Herde dann aufhaelt, genuegt auch ein strammer Dreitagesmarsch nicht. Die Strapazen, das ganze Tier dann mit dem Schlitten nebst Ausruestung zurueckzuziehen, will ich mir gar nicht vorstellen.

In unser Budget passte nur ein ziemlich gebrauchtes Schneemobil und der Kleinanzeigenmarkt gab nichts her, was Tyrels Anspruechen genuegte. Ich kenne mich nicht aus mit Schneemobilen, daher vertraue ich einfach seiner Expertise.

An einem freien gemeinsamen Vormittag vor unserer freien Zeit fahren wir also gemeinsam raus zu unserer letzten Bisonjagdstelle und wandern zu dem Ort, wo wir im Januar 2017 unsere Schlitten mit Ausruestung ueber einen zugefrorenen Fluss gezogen haben. Einfach um zu gucken, wie viele Schneemobilspuren schon zu sehen sind. Vielleicht sind die Bisons ja noch gar nicht vertrieben!

Vor Ort erwartet uns eine gute und eine schlechte Nachricht. Gut: Noch keine Spuren von Schneemobilen! Schlecht: Der Fluss ist noch nicht zugefroren!!!

Nach langem Ueberlegen, waten im Fluss und Gummistiefeln voller eisigem Wasser dann die Ueberlegung: „Wir koennten an dieser Stelle vielleicht mit dem Truck durch den Fluss fahren!“ Wenns klappt, super! Wenns nicht klappt, ganz grosser Mist. Dann muessen wir versuchen, den Truck mit Seilwinde irgendwie wieder rauszuziehen. Bei -25 Grad, im Wasser. Aber Tyrel zeigt sich zuversichtlich, wenn wir nur Schneeketten und genug Last im Truck haben. Wir beschliessen, unseren Freund James nach Rat und ggf. seinen Segen zu fragen, immerhin wohnt er schon etliche Jahrzehnte im Yukon.

James haelt das Vorhaben fuer moeglich. Allerdings fuegt er hinzu, dass er zu alt fuer den Scheiss ist und keine Lust haette, den Truck selbst aus dem Fluss zu ziehen im Fall der Faelle. Aber in unserem Alter, klar.

Wir packen also reichlich Proviant und Wechselklamotten zu den ganzen Jagdutensilien. Einen Tag vor Abreise kommt mir dann aber noch eine Idee!

Eine Nachricht ging vor kurzem durch ganz Kanada und vor allen den Yukon. Bei der Bisonjagd hat ein pensionierter Forstbeamter ein Bison angeschossen, welches daraufhin zurueck in den Wald gewandert ist, als waere nichts passiert. Nach 20 Minuten Warten ist er dem Bison nachgegangen, um es zu erlegen. Fataler Fehler: Das Gewehr hatte er dabei auf den Ruecken geschnallt! Im Wald ueberrascht das Bison ihn dann und fuegt ihm etliche Verletzungen zu, bis es keine Lust mehr hat, ihm um einen Baum herum nachzujagen. Dann wird es schliesslich erlegt. Wer die originale Geschichte lesen, will, klicke hier.

Meiner Meinung nach waren es zwei Fehler, die der Jaeger begangen hat:

  1. Wenn man in den Wald geht, um ein verwundetes Tier zu suchen, sollte man das Gewehr bereits in der Hand halten.
  2. Wenn ich nicht sicher bin, ob ich das Tier gut treffen kann, schiesse ich nicht. 250 Meter ist ne Menge, wenn man nicht sehr erfahrener Schuetze ist und je nach Kaliber laesst dann auch die Schusskraft schon entscheidend nach.

Jetzt aber zurueck zu meiner Idee: Der besagte Jaeger war nicht alleine auf Jagd, sondern begleitet von seinem 72jaehrigen Freund Fred, der sich zur Zeit der Bisonattacke im Truck ausgeruht hat. Wir kennen Fred, da wir einen gemeinsamen Freund haben! Meine Idee also: Wir koennen doch einfach mal nett fragen, wo sich dieses Drama abgespielt hat. Wenn da ein Bison war, haengt da vielleicht noch ein zweites rum.

Nach einem Telefonat steht der Plan. Wir werden alles packen wie geplant, fahren zuerst zur Stelle aus den Nachrichten, wandern ein wenig herum und dann, wenn wir nichts sehen, geht es mit dem Truck hoffentlich sicher durch den eisigen Fluss.

Schliesslich ist es soweit. Wir fahren los und finden auch die beschriebene Abfahrt vom Highway und die weiteren Gabelungen, die uns zum Tatort des Bisonangriffs bringen. Nachdem wir etwas gefahren sind, parken wir den Truck und steigen aus, um uns etwas umzusehen.

Nach einer Minute finde ich Bisonspuren im Schnee!! Es schneit jedoch ein bisschen und es herrscht auch leichter Wind, sodass man nicht genau sagen kann, wie alt die Spuren sind. „Vielleicht von letzter Nacht.“ schaetzt Tyrel. Natuerlich folgen wir den Spuren um zu sehen, wohin das Bison letzte Nacht gewandert ist.

Die Spuren den Bison fuehren zu einem kleinen See und dann am linken Ufer entlang. Sie verlaufen nicht geradeaus, sondern immer mal wieder zu Buschwerk und Baeumen, dann und wann ist etwas Schnee aufgekratzt. Wahrscheinlich hat es nach Futter gesucht auf seinem Weg.

Schliesslich fuehren die Spuren einen Hang hinauf auf ein Plateau. Tyrel und ich kraxeln hinauf.

„BISON!!!“ schreifluesstert Tyrel.

Ca. 20 bis 30 Meter vor uns steht tatsaechlich ein Bison.

Mein Herz faengt an zu rasen, ich kann es nicht fassen.

Tyrel laedt das Gewehr und zielt.

Doch das Bison hat uns auch entdeckt und schaut uns direkt an. Ganz ruhig steht es da und guckt. Bewegt sich nicht.

So kann natuerlich nicht geschossen werden. Man muss das Tier von der Seite erwischen. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Schuss Lunge und/ oder Herz trifft und das Tier moeglichst schnell stirbt. Ein Kopfschuss kann schnell abprallen durch die dicke Schaedeldecke oder nicht-lebenswichtige Bereiche des Hirns treffen. Wuerde man das Tier frontal in den Brustbereich schiessen, ist das Brustbein im Weg und die Gefahr ist gross, dass der Schaden nicht an Herz und Lunge, sondern den Eingeweiden auftritt und das Tier unnoetig leidet sowie das Fleisch verunreinigt wird.

Das Bison muss sich also langsam zur Seite drehen! Wenn es so verharrt, kann Tyrel nicht schiessen. Wenn es wegrennt, ist das Ziel wahrscheinlich zu unsicher und wenn es auf uns zurennt dann muessen wir uns wahrscheinlich auch einen Baum suchen, um den wir herumrennen koennen.

Das Bison starrt. Und starrt. Tyrel zielt. Und ich? Ich halte mir die Ohren zu, mein Herz rast wie verrueckt und ich kann nicht aufhoeren, schnell durch den Mund zu atmen. Wahrscheinlich wirke ich gerade mehr als idiotisch! Meinen Blick kann ich nicht vom Bison wenden.

Da fuehle ich Tyrels Arm an meinem und ich hebe die Haende von meinen Ohren. „Sei leise! Du atmest total laut!!!“ Ja, recht hat er aber ich bin aus der Puste wie nach einem Langlauf! Ich versuche also halbwegs leise zu atmen und das dann auch noch durch die Nase.

Das Bison bewegt sich. Ganz langsam. Erst den Kopf. Dann geht es einen Schritt zur Seite und der Koerper steht schliesslich seitwaerts zu uns.

Ein Knall.

Ist das Bison getroffen?? Es bewegt sich langsam und… dreht die andere Koerperseite zu uns!!

Tyrel laedt nach und ein weiterer Knall ertoent.

Das Bison dreht uns den Hintern zu und geht gemaechlich ein paar Schritte zum naechsten Baum. Dort legt es sich auf die Seite.

Tyrel geht auf das Bison zu, ich halte ihn am Arm fest. „Lass es in Ruhe sterben!! Wenn du es erschreckst, steht es nochmal auf und rennt weg!!“ „Ich moechte doch nur eine bessere Sicht haben, damit ich nochmal schiessen kann, falls es aufsteht.“ „Okay, aber lass es in Ruhe! Ich hole den Truck.“

Atemlos laufe ich durch den Schnee bei -25 Grad den Hang hinunter. Dann beschliesse ich, dass es jetzt auch nicht mehr auf eine Minute ankommt und gehe einfach schnell. Ich kann es nicht fassen. Ein Bison!!

Nach 10 Minuten Fussmarsch erreiche ich den Truck und fahre ihn rueckwarts an den Hang hinan. Tyrel kommt mir entgegen. „Es ist tot, ich hab es ihs Auge gepiekt.“ Ins Auge pieken ist uebrigens ein ueblicher Test zu ueberpruefen, ob ein Tier tot ist. Der Reflex, das Auge zu schliessen, wenn etwas hineinpiekt, ist einer der letzten, der versagt.

„Als erstes muessen wir ein Feuer starten. Unten am See habe ich ein paar tote Baeume gesehen. Ich werde die gleich in Stuecke saegen und du kannst mir helfen, alles zum Bison zu tragen.“

Tyrel schnappt sich die Kettensaege, gestiftet von Oma und Opa, und ich greife mir den gelben Kinderschlitten, um schon Messer, Fleischbeutel, Aexte und sonstige Utensilien zum Bison zu bringen. Achja, die Kamera nicht vergessen.

Waehrend die Kettensaege vom Seeufer ertoent, stehe ich vor dem toten Bison und versuche irgendwie Danke zu sagen. Aber wie? Keine Worte die ich kenne, koennen Mitleid, Dankbarkeit, Trauer und Freude so ausdruecken, wie ich das alles jetzt empfinde. Ich streichel den Bisonkopf und sage einfach „Danke“.

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Der Bisonkopf ruht im Schnee.

 

Ein wenig merkwuerdig sieht der Kopf vom Bison schon aus, denke ich mir. Irgendwie verbeult. Andererseits hab ich ja auch wenig Vergleichsmoeglichkeiten mit auf der Seite liegenden Bisons von Nahem bislang.

Kurz haenge ich meinen Gedanken nach, dann steige ich hinab zum Geraeusch der Kettensaege. Schliesslich liegt eine Menge Arbeit vor uns.

Das ganze gesaegte Holz wird den Hang hochgeschleppt, dann hacken wir Holz mit der Axt und starten ein Feuer. Das Feuer brauchen wir unbedingt, um die Messer und Haende aufzuwaermen wahrend des Haeutens. Wenn Blut oder Fett am Messer festfriert (bei -25 Grad sehr wahrscheinlich) ist die Klinge stumpf und schneidet nicht mehr. Und auch die Finger werden durch die nassen Handschuhe kalt und unbeweglich. Im Herbst und Sommer muss man sich darum keine Gedanken machen.

Es handelt sich uebrigens um ein maennliches, sehr junges Bison. Ein Blick in das Maul verraet, dass es gerade die Milchzaehne verliert und die Hoerner zeigen nach oben, das heisst es ist etwa drei bis vier Jahre alt. Zum Groessenvergleich ein Bild zusammen mit mir.

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Ich knie hinter dem Bison im Schnee. Bis auf den aufgeblaehten Bauch ist das Bison nicht sehr maechtig.

Sobald das Bison stirbt, kann das natuerlich entstehende Gas in den vielen Maegen nicht mehr hinaustransportiert werden. Deshalb schwillt der Bauch an.

Als erstes muss das Bison auf den Ruecken gedreht werden, damit mit dem Haeuten begonnen werden kann. Unser Bison ist klein und kann problemlos mit zwei Personen bewegt werden. Allerdings ist es schwierig, es auf dem hohen Nackenkamm zu balancieren. Daher nehmen wir zwei Holzscheite zur Hilfe, die wir links und rechts an die Seiten klemmen.

 

Das Ende vom Brustbein wird erfuehlt und die Haut vorsichtig eingeschnitten. Man moechte schliesslich nicht die Eingeweide verletzen, die ziemlich unter Druck stehen.

Das Haeuten dauert ein paar Stunden. Man moechte vorsichtig vorgehen, damit keine Loecher im Fell entstehen und auch das Fleisch nicht unnoetig angeschnitten und beschaedigt wird.

Schliesslich ist das Bison entkleidet und liegt auf seinem Fell wie auf einer Decke.

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Die ersten Hufglieder werden abgetrennt und schliesslich auch der Kopf, den Tyrel mit der Axt vom Koerper trennt.

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Der Bisonkopf liegt abgetrennt im Schnee.

Leicht ist jetzt am Kopf zu erkennen, dass eine Seite stark geschwollen ist. Das Bison konnte wahrscheinlich nicht mehr gut sehen auf der Seite und muss Schmerzen gehabt haben. Vielleicht hatte es Zahnschmerzen, weil es Probleme mit dem Wechsel von Milchzaehnen zu normalen Zaehnen gab? Auch die Hoerner sehen etwas asymmetrisch aus.

Um den Ruecken vom Fell zu trennen, muessen wir die Holzkeile entfernen und das Bison erst auf die eine, dann auf die andere Seite drehen. Das Fell bleibt dabei die ganze Zeit als saubere Unterlage fuer das Fleisch liegen.

 

Der naechste Schritt ist normalerweise das Ausweiden. Da die Innereien aber so unter Druck stehen, kann es sein, dass sie beim Ausweiden explodieren und saemtliches Fleisch verunreinigen. Daher entscheiden wir uns dafuer, zunaechst die Keulen zu entfernen, damit diese bei einer moeglichen Explosion nicht verunreinigt werden koennen.

Jetzt, wo nur noch der aufgeblaehte Rumpf des Bisons vor uns liegt, fasst sich Tyrel ein Herz und oeffnet ganz vorsichtig die Bauchdecke. Ein grosser Ballon kommt uns entgegen. Tyrel schafft es tatsaechlich nichts zu beschaedigen, sodass die Innereien zum Glueck nicht explodieren. Alles bleibt frei von Magen- und Darminhalten.

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Ein riesiger Ballon voller Maegen und Eingeweide entspringt dem nun klein aussehenden Bisonrumpf. Daneben liegen Fell und Kopf.

Nach dem Ausweiden steht der Transport zum Truck an. Hierbei ist wichtig, dass man das ganze Fleisch zuerst transportiert und erst zum Schluss das Fell und den Kopf. Wenn man naemlich zuerst den Kopf zum Truck bringt und dann ein Mitarbeiter der Jagdbehoerde vorbeikommt, ist es so, als wolle man das Fleisch da vergammeln lassen. Und das ist strafbar. Von einem Bison muss alles Fleisch verwendet werden. Kopf und Fell ist optional. Das ist anders beim Baeren, bei dem man das Fell verwenden muss, das Fleisch aber zuruecklassen kann. Das finde ich ungerecht. Wenn man ein Tier toetet, dann soll man es meiner Meinung auch essen und das Fleisch nicht verkommen lassen. Dabei ist es egal, ob es sich um Bison oder Baer handelt, bei richtiger Zubereitung ist beides gesund und lecker.

Als alles Fleisch und schliesslich auch Kopf und Fell im Truck verstaut sind, muessen wir natuerlich noch aufraeumen. Unsere ganzen Sachen nehmen wir mit. Dann sind nur noch die Eingeweide da und das Feuer.

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Der riesige Haufen Eingeweide ist groesser als das Feuer aus aufgetuermten Holzscheiten.

Tyrel erklaert mir, dass wir noch die Eingeweide auf das Feuer rollen muessen. „Warum denn?“ wundere ich mich, schliesslich ist das Feuer nun wirklich nicht in der Lage, die Eingeweide zu verbrennen. „Der Geruch, der entsteht, ist kilometerweit wahrnehmbar fuer alle Fuechse, Kojoten, Woelfe und Raben. Und meinst du nicht, die freuen sich bei diesen Temperaturen ueber eine warme Mahlzeit?“ Na gut, das leuchtet ein!

Als ich das abschliessende Bild von den Eingeweiden auf der Feuerstelle und dem zerlegten Bison im Truck schiessen moechte, gibt der Akku meiner Kamera entgueltig den Geist auf. -25 Grad sind nicht sehr batteriefreundlich.

Waehrend wir nach Hause fahren, wird es Nacht. Ich kann immer noch nicht glauben, was passiert ist. Zweimal fahren wir hinaus in die Wildnis und ziehen tagelang Schlitten durch den Schnee hinter uns her und sehen nichts. Und dann koennen wir den Truck fast 100 Meter an das Bison heranfahren? Verrueckt.

Zuhause stellt sich erstmal die Frage, wo wir das Bison lagern. Wir wollen es die naechsten Tage ueber zerlegen und unsere Wohntemperatur zu warm, die Aussentemperatur zu kalt, der Kuehlschrank zu klein. Schliesslich kleiden wir unser Naehzimmer komplett mit neuen Planen aus, oeffnen das Fenster ein bisschen und schliessen die Tuer. Das Thermometer bestaetigt die perfekte Kuehlschranktemperatur.

Jetzt, wo wir fuer heute Feierabend machen koennen und sich die Aufregung legt, merken wir, wie hungrig wir sind. Schnell rolle ich einen Fertig-Pizzateig aus, backe ihn vor und bereite den Pizzabelag vor. Tomatensauce, Gewuerze, Mais, Spinat, KAESE und… haben wir noch etwas Fleisch? Aeehm… einen ganzen Raum voll?

So entsteht das erste Gericht mit Bisonfleisch: Bisonpizza.

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Ein Blech voller Bisonpizza stillt den grossen Hunger.

Als wir dann auf dem Sofa sitzen und verdauen, werde ich ganz traurig.

Ich fuehle mich so hilflos und kann es einfach nicht verstehen. Vor einigen Stunden hat mich ein Bison angeschaut. Jetzt liegt ein Fleischberg in unserem Naehzimmer. Wo in aller Welt ist das Bison hin?!? Wo ist das, was sich bewegt hat? Was ist der Unterschied zwischen lebendig und tot und wohin kann er so ploetzlich verschwinden??

Warum hat das Bison Schmerzen gehabt? Mit welchem Recht koennen wir es essen? Warum muessen wir Tiere oder Pflanzen essen zum leben? Und in was fuer einer Gesellschaft leben wir eigentlich, dass mich die Realitaet dieser Fragen erst im Alter von 29 Jahren erwischt?!?

Ganz in Ruhe konnte ich mit Tyrel ueber alles reden. Er glaubt, dass es einfach eine Art Elektrizitaet ist, die das Bison vom Fleischberg unterscheidet. Die Elektrizitaet war in dem Bison, sie ist in uns und auch in einer Zuendkerze, wenn wir ein Auto starten.

Vielleicht muss Leben vergehen, damit Leben entsteht und Leben erhalten wird. Und spielt es dabei eine Rolle, ob es eine Pflanze ist, die ihr Leben gibt oder ein Tier, solange es respektvoll geschieht? Ich glaube, beide koennen fuehlen.

Warum bietet unsere Gesellschaft oder Kultur keine Hinweise, wie man seine Dankbarkeit und seinen Respekt ausdruecken kann, fuer ein Lebewesen, dass einen naehrt? Warum klammern wir alles aus, was mit diesen komplexen, widerspruecklichen Gefuehlen zu tun hat? Nimmt es uns nicht ein Stueck Realitaet?

In den naechsten Tagen zerlegen Tyrel und ich das Bison Stueck fuer Stueck und frieren die Stuecke ein.

Als wir die beiden Hinterkeulen zerlegen, bemerken wir grosse Verletzungen an beiden Keulen, die wir grosszuegig hinausschneiden muessen. Es sieht so aus, als waere das Bison von einem anderen Bison in den Hintern gespiesst worden. Vielleicht haben sie gemerkt, dass es Zahnschmerzen hat und nicht ganz gesund ist, und es daher aus der Herde vertrieben. Das kleine Bison tut mir noch ein Stueck mehr leid.

Doch da muss ich an eine Weissheit der Ureinwohner denken. Sie sagen, dass in dem Moment, in dem du ein Tier erlegst, gibt es freiwillig seinen Leib, um dich zu naehren. Es ist ein grosses Geschenk, was dir widerfaehrt. Sei dankbar und handle mit Respekt.

Der Gedanke hilft mir. Und war es nicht tatsaechlich ein bisschen so, dass sich das Bison nach langem Starren einfach in die perfekte Position zum Abschuss gestellt hat, gleich zwei Mal?

Spaeter, beim Zerlegen der Vorderkeulen, mache ich noch eine Entdeckung.

Das Projektil vom ersten abgegebenen Schuss hat die Vorderkeule getroffen und ist nach ca. 2 cm Eindringtiefe von einer dicken Sehne gestoppt worden. Das erstaunt Tyrel und mich sehr. Immerhin war das Bison nur ca. 20 Meter von uns entfernt, Wir haben das empfohlene Kaliber und Geschoss verwendet, sowie superteure Premium-Munition. Wir beschliessen, ein staerkeres Gewehr zu kaufen, wenn wir das naechste Mal auf Bisonjagd gehen. Am besten eins fuer Elefanten.

Und wieder bin ich dankbar, dass das Bison sich nocheinmal auf die andere Seite gewandt hat, sodass schliesslich Herz und Lunge getroffen wurden. Es haette ja auch verwundet weglaufen koennen.

Auch wenn diese Erfahrung zum Teil traurig war, habe ich sehr viel gelernt, was ich nicht missen moechte. Ein bisschen verwundert bin ich, dass mich der Tod des Baeren nicht so traurig gemacht hat. Allerdings kam der ja auch zu uns und hat sich nicht ganz korrekt verhalten.

Danke an alle, die diesen langen Beitrag ganz bis zum Ende gelesen und diese lehrreiche Zeit nochmals mit mir durchlebt haben! 🙂

Projekt Elchkanu – Nach der Jagd

Auf dem Weg nach Hause im Truck lassen wir die Tage auf dem Fluss noch einmal an uns vorbei ziehen. Die Stille, die Einfachheit, die Natur… dazu beisse ich in einen frisch gekauften Brownie aus dem Einkaufsladen in Carmacks und kann die Geschmacksexplosion in meinem Mund kaum fassen. So schokoladig, saftig und irre suess! Neben mir liegt eine Flasche Haarspuelung, mit der ich die Filzplatte auf meinem Kopf hoffentlich entwirren kann.

Wieder denke ich an unsere leeren Kuehltruhen und versuche Tyrel aufzumuntern: „Die Bisonjagd faengt doch bald an. Vielleicht halten wir Ausschau nach einem Schneemobil und gehen dann vielleicht erfolgreicher nach Hause als die letzten beiden Male.“ Tyrel stimmt zu, stellt aber gleichzeitig so viele Ansprueche an den Typen des Schneemobils, dass ich ihm diese Aufgabe gedanklich sofort ueberlasse. Die Nacht fliegt am Truck vorbei, die Heizung haelt meine Fuesse warm und ich kann die Aussicht auf ein warmes Zuhause vor Glueck kaum fassen.

Da wir jetzt noch ein paar Tage gemeinsam frei haben, fahren wir am naechsten Morgen gleich zum Startpunkt unserer Reise, um den zweiten Truck abzuholen. Auf dem Rueckweg halten wir in der Stadt und kaufen Lebensmittel ein. Frisch geduscht und wohlig warm arbeite ich zu Hause an der Befriedigung meiner Flussehnsuechte.

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Mit einem Stueck ofenwarmen Kaesekuchen und einer Schale Soljanka lege ich ein Puzzle.

Meine Tagtraeume auf dem Fluss haben mir nicht zuviel versprochen. Soljanka, Kaesekuchen und Puzzlen ist fuerwahr eine super Kombination!!!

Trotz der Spuelung verbessert sich mein Verhaeltnis zu meinen Haaren nicht nennenswert. Sie bestehen zwar nicht mehr ausschliesslich aus Filz, haben in meinen Augen aber bewiesen, wie wenig praktisch sie sind in der aktuellen Laenge. Zum Glueck kann man da was gegen tun.

Hat auch gar nicht wehgetan! 🙂

Dann fahren wir zu unserem Woodlot, um zu sehen, an welcher Stelle es am kluegsten ist, die naechste Strasse mit der Kettensaege hineinzuschneiden. Wir werden von einem neuen Bodenbelag ueberrascht.

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Der erste Schnee der Saison verfuehrt mich noch zum Hineingreifen und Hochwerfen.

Wir sind wieder da und der Winter hat schon auf uns gewartet. Ich freue mich auf Abende am Kamin und die kalte, klare Luft!

 

Von einigen tollen Bloggern wurden mir Fragen gestellt, die ich nicht einfach unter den Tisch fallen lassen kann.

Auf der Seite Der Feind in mir beschreibt C. ihre Erlebnisse nach der Diagnose Brustkrebs. Dabei steht die Krankheit selten im Vordergrund, sondern das intensive Leben, das vielleicht ein Stueck neu entdeckt wurde.

Leider ist der Beitrag mit den Fragen nicht mehr vorhanden (der Rest der Seite zum Glueck aber schon), sodass ich mich nur noch an eine Frage erinnere:

  • Schwarz oder Weiss?

Schwarz. Schlicht, elegant, stark. Wobei ich Schnee gerne in weiss mag, der leuchtet in langen Winternaechten so schoen, dass man sich auch nachts ohne Lampe orientieren kann.

 

Lydia erzaehlt auf ihrem Blog Lydias Welt von ihrem Alltag und Herausforderungen als blinde Frau und Mutter und gibt gute Tipps, wie man als Sehender helfen kann wenn man moechte.

  • Was liest Du am liebsten?

Ganz klar und fast ausschliesslich Sachbuecher. Autobiografien, Buecher ueber interessante historische Ereignisse, Erfahrungsberichte, auch wissenschaftliche Buecher. Ab und an ist mal ein Roman dabei, jedoch fuehlt sich das fuer mich meist eher an wie Berieselung und nichts, worueber ich noch stunden- und tagelang nachdenken kann.

  • Was machst Du, wenn Du nicht einschlafen kannst?

Meist klappt es mit ein wenig Autogenem Training. Wenn ich davon nicht schlafen kann, stehe ich wieder auf, bis ich muede bin. So wird mein Bett nicht mit Schlaflosigkeit verknuepft. Wenn ich alleine einschlafen soll, hoere ich auch manchmal eine Dokumentation oder einen Kabarett-Beitrag und gleite ins Traumland.

  • Glaubst Du, dass Pflanzen Gefühle haben? 

Ja, das glaube ich schon. Vielleicht fliesst kein Harztropfen aus dem Astloch, wenn wir dem Baum Titanic vorspielen, allerdings ist bewiesen, dass Baeume soziale Wesen sind, miteinander kommunizieren, sich opfern und auch merken, wenn sie gegessen werden. Fuer mich bedeutet das, dass sie Gefuehle haben muessen. Bewusstsein waere nochmal eine andere Frage.

  • Hund oder Katze?

Eigentlich wollte ich immer einen Hund haben, schaffte mir dann aber zwei Katzen an, da die mit einer Vollzeitberufstaetigkeit besser zu vereinbaren sind, wenn man allein lebt. Seitdem liebe ich Katzen! Vor allem schwarze Kater bringen mich unter Garantie zum Lachen. Hier im Yukon sind die Bedigungen aber viel guenstiger fuer einen (Draussen-) Hund. Tyrel fuehlt sich bereit fuer einen Hund, hat aber spezielle Anforderungen und keine Eile. Daher wuerde ich auch gerne ausprobieren, wie das Zusammenleben mit einem Hund klappt.

  • Hast Du jemals den Wunsch verspürt, Dich einmal in ein Tier zu verwandeln?

Als Kind natuerlich waere ich gerne das Tier gewesen, was ich gerade gespielt habe. Meist waren das entweder Pferd (Reiten oder Ziehen) oder Loewe (Koenig der Loewen war der groesste Hit). Allerdings bin ich ganz zufrieden mit dem, wer oder was ich bin. 🙂

 

Und dann gibt es ja noch Tally von tallyshome. Mit Witz und Ehrlichkeit taucht man bei ihren Beitraegen in das echte Leben ein (und in lange Abhandlungen von Familienrecht, bis sie endlich die Klausur bestanden hat! ;)).

  • Nahrungsmittelknappheit auf der Erde. Lebensmittel werden rationiert. Jeder Mensch muss sich für eine Lebensmittelgruppe entscheiden, die er nie wieder im Leben wird essen dürfen. Milchprodukte, Fleischprodukte, Fischprodukte, Obstprodukte, Salatprodukte oder Kohlehydrate (ja … darunter fallen auch Süsßigkeiten). Stattdessen bekommt man natürlich Vitaminpillen, die helfen den Körper im Gleichgewicht zu halten. Aber darum geht es ja nicht. Die Frage ist eher: Auf welche Lebensmittelgruppe könntest du für den Rest deines Lebens verzichten?

Die Antwort faellt nicht schwer und ist eindeutig Salatprodukte. Salat. Erstmal hoert sich das Wort echt doof an, wenn man es fuenfmal sagt. Salat, Salat, Salat, Salat, Salat. Dann ist es fuer mich eher Wasser mit Balaststoffen und zwar gesund aber nicht befriedigend. Da ziehe ich mir lieber ein Stueck Kaese rein und habe anschliessend Bauchschmerzen.

  • Autopannen sind ja bekanntlich sowieso schon doof. Du aber bist auf einer verlassenen Landstraße liegen geblieben. Um dich herum gar nix. Außer Wald, Felder und Wiesen. Es wird allmählich dunkel. Dein Handy hat null Empfang. Andere Autos sind nicht in Sicht, die Straße wird aber sowieso nur selten befahren. Du kennst dich in der Gegend nicht aus und das letzte Dorf liegt ca. 1 Stunde  Autofahrt hinter dir zurück. Was tust du?

Als erstes steige ich aus und klappe die Motorhaube auf – ein Zeichen fuer Vorbeifahrende, dass es hier ein Problem gibt. Bei einer Stunde Autofahrt auf einer Landstrasse liegt das naechste Dorf mit Sicherheit mehr als einen Tagesmarsch zurueck – da ich wahrscheinlich nicht geeigneten Proviant und Ausruestung mitfuehre, bleibe ich auf jeden Fall beim Auto. Auch die verlassenste Landstrasse in Deutschland ist immer noch merhmals am Tag befahren. Je nach Situation wuerde ich dann eventuell noch die Strasse mit Aesten oder anderem blockieren, damit niemand einfach so an mir vorbei kann. Allerdings nur, wenn 1. dadurch keine weitere Unfallgefahr besteht und 2. das Blockiermaterial in der Naehe des Autos zu finden ist.

  • Dein Sohn oder deine Tochter (immaginär falls nicht real vorhanden) kommt zu dir und will über etwas privates mit dir sprechen. Er/Sie erklärt dir er/sie sei schwul bzw. lesbisch oder das er/sie RennradfahrerInn als Berufsweg eingeschlagen hat. Was ist schlimmer für dich und wie reagierst du?

Waere beides kein Problem. Viel Spass, schick ne Karte 😀

  • Dein Haustier oder von mir aus auch ein beliebiges Tier fängt plötzlich an mit dir zu sprechen. Was würde es dir wohl erzählen?

Wenn meine oben bereits erwaehnten Katzen sprechen koennten, waere es klar. Eva wuerde alles kommentieren, was man so macht begleitet von „Was macht du da? Warum ist das so?“ und „Ich hab sooo einen Hunger“. Stalin hingegen… naja. Ich glaube er wuerde sich meist beklagen, wie schwer ers doch hat. Armer, schwarzer Kater halt.

  • Manche Menschen wünschen sich, den roten Knopf zu drücken. Alles noch mal zurück auf 0 setzen. Die Menschheit müsste von vorne anfangen. Wie auch immer dieser Neuanfang aussehen würde, es würden wahrscheinlich eine Menge Seelen sterben. Dafür hätte die Erde Zeit sich zu regenerieren, die Tierbestände würden sich erneuern, das Ozonloch sich schließen etc. Die Menschheit würde nicht ausgerottet, nur stark dezimiert. Der Knopf ist jetzt direkt vor dir und es ist definitiv nicht sicher, ob du unter den glücklichen/unglücklichen bist, die überlebt und auch deine Familie wäre nicht sicher. Würdest du es trotzdem tun? Würdest du den Knopf drücken und alles auf 0 stellen?

Diesen Knopf wuerde ich auf gar keinen Fall druecken. Wahrscheinlich wuerden alle Fehler genauso wieder begangen werden. Ich glaube, dass man Probleme loest, indem man vorwaerts geht und sich nicht wuenscht, dass man 10 Schritte zurueck nochmal anders abbiegen koennte.

Projekt Elchkanu Tag 7

Morgens reibe ich mir als erstes den Schlaf aus den Augen und luge dann zum Thermometer herueber. Aha, Null Grad. Solang die Nase morgens nicht friert (das tut sie unter ca. -5 Grad) ist mir alles recht.

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Unter einer aufgespannten Plane hinter einem Stapel Holz haben wir friedlich geschlummert und das Feuer am Leben gehalten.

Ich schnappe meine Kamera und mache meinen morgendlichen Rundgang. Immerhin lagern wir heute bei Erickson’s Woodyard. Hier war eine Anlegestelle fuer die Schaufelraddampfer, die vor ca. 100 Jahren den Yukon hoch und runter gefahren sind. So schnell wie irgend moeglich wurden mit speziellen Karren Unmengen Holz an Bord geladen. Die Holzarbeiter saegten nach Abfahrt weiter per Hand Baeume um und lebten in kleinen Huetten.

Doch auch juengere Spuren sind zu finden. Jaeger, die den Fluss herunterfahren, haben naemlich spezielle Anforderungen. Sobald eine Beute erzielt wurde, werden die gehaeuteten und ausgenommenen Keulen und Teile in luftdurchlaessige aber insekten- und schmutzundurchlaessige Saecke gesteckt.

Dabei ist die Anforderung an das Fleisch, dass es sauber, trocken und kuehl lagert. Gar nicht so einfach, wenn man noch ein paar Tage auf dem Fluss unterwegs ist. Wenn man das Fleisch im Liegen lagert, ist die Unterseite nie trocken und kuehl. Daher muss man die Saecke ueber Nacht aufhaengen. Der geneigte Jaeger baut sich aus ein paar Baumstaemmen eine Haengevorrichtung vor Ort.

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Schmale Baumstaemme sind horizontal auf ca 2 m Hoehe befestigt. Das geschieht entweder von Baum zu Baum oder von Baum zu Dreibein aus weiteren Baumstaemmen. Im Hintergund glitzert der Yukon River gruenblau.

Nun bin ich aber schon mehr als hungrig. Als ich zurueckkehre zu unserem Schlafplatz, kocht zum Glueck das Flusswasser schon ueber dem Feuer! Kann sich irgendwer vorstellen, was es Gutes zum Fruehstueck gibt??

Genau, Kaesemaccaroni. Kochendes Wasser zusammen mit ungekochten Nudeln in die Tupperdose, warm in die dicke Jacke einpacken und warten. Nach einiger Zeit sind die Nudeln dann zwar sehr matschig und schleimig, aber essbar. Wasser abgiessen aber ein bisschen davon bei den Nudeln behalten, denn das Kaesepulver muss ja angeruehrt werden. Ich brauche wirklich ein wenig Abwechslung und krame in der Essenskiste. Schliesslich „verfeinere“ ich das fragwuerdige Mahl mit betraechtlichen Mengen von scharfer Sriracha-Majo und Chili-Oel.

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Auf einer Plastikbox sitzend freue ich mich ueber kulinarische Ergaenzungen zu den Kaesenudeln in meiner Tupperbox.

Meine Lippen, die mittlerweile alle paar Milimeter eingerissen sind, brennen wie Feuer und erinnern mich die naechsten Stunden noch an diese clevere Idee.

Schliesslich haben wir alles gepackt und verzurrt und gleiten wieder dahin.

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Vor dem Kanu spiegelt der glatte Yukon River die umgebenden Waelder und Berge.

Langsam versuche ich mich schon auf die Ankunft vorzubereiten. Morgen abend werden wir schon ankommen, wenn wir keinen Elch mehr sehen. Was ist alles zu tun? Auf dem Fluss ist alles so einfach, weil es logisch und naturgegeben ist. Wenn ich muede bin, bereite ich das Nachtlager, wenn ich hungrig bin, eine Mahlzeit. Wenn mir kalt ist, mache ich ein Feuer. Nichts ist abstrakt, alles greifbar.

Auf jeden Fall muss ich etwas wegen meiner Haare unternehmen!!! War ja ne ganz tolle Idee, sie in losen Zoepfen zu flechten. Um die Ohren zu waermen. Unter der Sturmhaube und Muetze. Mittlerweile waermen sie noch mehr, da sie sich in zwei Filzplatten verwandelt haben, die ich zur Schadensbegrenzung mit einem Zopfgummi zum Dutt hinter den Nacken gebunden habe. Zuhause habe ich noch nicht mal eine Spuelung… vielleicht kann ich ja eine im kleinen Laden in Carcross kaufen.

Dann schweifen meine Gedanken wieder zu Kaesekuchen, Puzzle und Soljanka und die Kilometer gleiten so dahin.

Zur Mittagspause schauen wir auf der Karte genau nach, wo wir sind. Zu unserer Ueberraschung sind wir heute schon 50 km gepaddelt! Wenn wir weiterpaddeln, wuerden wir also ganz in der Naehe von Carmacks uebernachten. „Nee, das ist doof.“ wirft Tyrel ein. „Nachdem der Little Salmon River in den Yukon muendet, verlaeuft eine Strasse direkt am Flussufer. Wenn wir so nahe an der Zivilisation sind, koennen wir auch gleich ganz nach Hause paddeln.“

Hmmm… eigentlich war ich doch noch auf eine Nacht im Freien vorbereitet. Aber nach 7 Tagen klingt eine Dusche und ein Bett dann doch verlockend. Vor allem, wenn die Alternative ein Campen am Highway darstellt.

„Okay, wir versuchen es!“ stimme ich zu. „Dann lass mich auch mal richtig in die Ruder langen!“ Tyrel hatte mich naemlich die letzten Tage ueber zur Schonung meiner Kraefte ermahnt. Wir seien schliesslich noch einige Tage in der Wildnis unterwegs, da muss man ein paar Reserven fuer Unvorhergesehenes ueber haben. Stimmt ja, wenn man darueber nachdenkt. Und wieder ein Pluspunkt fuer die Ehe mit einem Wildnisguide.

Schliesslich filtern wir noch etwas Wasser und ziehen weiter.

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Wir haben eine Plastikflasche voller Wasser gefuellt und druecken das Wasser durch unseren kleinen Sawyer Squeeze Mini Filter in einen Thermosbecher hinein.

Morgens und Abends kochen wir das Flusswasser vor dem Trinken ab. Doch unterwegs waere das viel zu aufwaendig, da wir Holz saegen und ein Feuer machen muessten. Also benutzen wir unseren kleinen Wasserfilter. Das Wasser daraus schmeckt mir um Laengen besser als das Abgekochte. Aber das Flusswasser ist so kalt, dass mir beim Filtern die Haende taub werden. Der Filter hat winzig kleine Roehrchen, durch die Keime und Erreger einfach nicht durchpassen. Daher muss man den Filter auch nie wechseln. Aber er darf nicht frieren, sonst platzen die Roehrchen und es wird nicht mehr alles herausgefiltert. Daher wohnt unser Filter auf unserer Tour in Tyrels Hosentasche und darf auch nachts mit in den Schlafsack.

Zurueck auf dem Fluss gebe ich alles. Kilometer um Kilometer kommen wir unserem Ziel naeher. Am liebsten wuerde ich jetzt Musik hoeren, habe aber nichts entsprechendes dabei. Da frage ich mich, ob ich denn nicht einfach Musik in meinem Kopf spielen lassen kann, ein Ohrwurm ist schliesslich nichts anderes. Ich suche mir eine CD aus und lasse die ersten Toene von System of a Downs „Steal this Album“ erklingen. Als ich das letzte Lied zu Ende gehoert habe, schaue ich auf die Uhr. Es ist tatsaechlich eine Stunde vergangen! Kurios.

„Katze! Katze!!!!!“ ruft Tyrel und erloest mich aus der Frage, welche Musik ich als naechstes spielen soll. Tatsaechlich! Am Ufer sitzt eine knuddelige Katze und grinst uns an. Natuerlich hole ich sofort die Kamera raus, um den Moment festzuhalten.

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Ein Luchs sitzt am Ufer und schaut uns neugierig an.

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Spaeter wurde seine Auferksamkeit von etwas anderem gefangen. Er ist trotzdem noch sehr knuffelig.

„Wenn du ein Luchsbaby zaehmst, darfst du es von mir aus auch behalten!“ bietet Tyrel grossmuetig an. In freier Natur gefallen sie mir aber viel besser.

Ein paar Kilometer weiter hoere ich ein leises Fluchen von Tyrel. „Verdammt, warum ist das kein Schwarzbaer?!“ Am Ufer, ca. 15 bis 20 Meter entfernt von uns sucht ein dicker Grizzlybaer den Strand nach Essbarem ab. Ein Grizzly darf nur alle drei Jahre gejagt werden und Tyrel darf erst naechstes Jahr wieder einen Grizzly jagen.

„Super, dann mache ich gleich ein Foto!“ denke ich mir und greife nach der Kamera. Leider bemerkt und Meister Petz, als ich die Kamera einschalte und bricht sofort mit einem Affenzahn durch das Gebuesch in den Wald hinein. Wow! Was fuer eine Geschwindigkeit und Kraft, es sind etliche Weidenzweige zerbrochen.

Zwei Dinge, die ich bisher nur theoretisch wusste, machen fuer mich nun wirklich Sinn.

  1. Lauf niemals vor einem Baeren davon denn er ist eh schneller als du.
  2. Der Otto-Normalbaer moechte mit Menschen nichts zu tun haben und verkruemelt sich von alleine.

Immer noch bin ich beeindruckt von der Kraft des Baeren. Und lege mich extra schwer ins Zeug beim Paddeln. Jetzt moechte ich baerenstark sein!

Langsam wird es dunkel. „Meinst du, wir koennen es wirklich noch schaffen heute anzukommen?“ frage ich Tyrel. „Na klar, wir muessen immerhin keinen Schlafplatz suchen, keine Plane spannen, keine Ausruestung schleppen, kein Feuerholz saegen, kein Feuer machen,…“ Ganut. Paddelpaddelpaddel.

*Plunsch!!!* „Wat?? Hier ist doch niemand! Warum schmeisst jemand Steine ins Wasser?“ wundere ich mich. „Das ist nur ein idiotischer Biber, der uns zeigen moechte, wie wenig er von uns haelt.“ *Plunsch!* Schon wieder!! „Hoer bitte auf zu Paddeln, ich moechte ein Foto schiessen!“ denn schliesslich habe ich eben den Biberkopf erspaeht, als er ein paar Meter weiter aufgetaucht ist. Ohne Paddeln dreht sich das Kanu im Kreis und treibt weiter flussabwaerts, der Biber jedoch schwimmt entgegen der Stroemung. Mit dem drehenden Kanu, dem abtauchenden Biber und dem grossen Zoom kommt leider kein Foto zustande. Am liebsten wuerde ich auch etwas in Wasser werfen, um dem Biber zu zeigen, dass wir ihn mittlerweile auch doof finden. Komischwerweise finde ich aber keinen grossen Stein im Kanu und paddel einfach weiter.

Nachdem wir jetzt schon geraume Zeit neben dem Highway entlangpaddeln, finde ich auch gut, dass wir heute schon ankommen. Hier waere es keine schoene letzte Nacht gewesen. Und ausserdem habe ich mir komplett die Wehmut der letzten Nacht und des letzten Morgens gespart. Morgen werde ich reichlich Muskelkater haben und ihn im weichen Bett geniessen koennen.

Schliesslich – Endlich – Letztlich mehren sich die Huetten links und rechts an den Uferbaenken. Nur noch zwei Kilometer bis zum Ziel. Zeit fuer ein letztes Foto auf dem Fluss.

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Die Lippen springen bei jedem Grinsen mehr auf und brennen, daher sieht mein Laecheln ein wenig waechsern aus.

Die Sonne ist bereits untergegangen und im Gegenlicht erinnert das Bild an einen Scherenschnitt mit lila Wolken.

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Sonnenuntergang am Yukon River

Der Yukon ist nun schon ziemlich breit und schnell fliessend, sodass wir rechtzeitig auf die richtige Flussseite wechseln koennen, um die Bootsrampe nicht zu verpassen.

Und dann… ist es ploetzlich vorbei.

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Hinter der Bruecke bei Carmacks haben wir das Kanu an Land gezogen und unsere Tour beendet. Ich strecke meine Arme zum Himmel.

Waehrend ich ueber das Kanu und unsere Habseligkeiten wache, holt Tyrel unseren Truck, den wir bei einem Bekannten in Carmacks geparkt haben. Ich lasse den Trip nochmal Revue passieren. Schoen wars gewesen. Alle Elche leben noch. Einerseits bedaure ich unsere leere Kuehltruhe, andererseits freue ich mich fuer die Elche. Ich finde es gut, dass man bei einer Jagd nicht selbstverstaendlich mit Beute nach Hause kommt, sondern die Tiere eine Chance haben zu entkommen. Ich bin dankbar fuer die Schoenheit der Natur und dass ich sie so unmittelbar erleben darf. Und ich freue mich auf eine heisse Dusche und ein warmes Zuhause und weiches Bett.

Danke an alle, die mich auf dieser Reise im Geiste begleitet haben! 🙂

 

Projekt Elchkanu Tag 6

Am fruehen Morgen werde ich aus dem Schlaf gerissen von Tyrels gekonnter Imitation einer verzweifelt riemigen Elchkuh. Wer das jetzt romanterisch findet, der hoere sich doch mal bitte exemplarisch an, wie das klingt.

Dazu muss ich anmerken, dass Tyrel das Ganze eher schreit. Hoert sich also eher an wie eine unheilige Mischung aus verzweifelter Elchkuh und rostiger Kettensaege.

Sofort schlage ich vor fuer unseren morgendlichen Weckton genau dieses Geraeusch einzustellen und stehe auf. Anscheinend kommt der kalte Morgen nicht wieder, es ist 1 Grad. Meine blaue, dick gefuetterte Latzhose macht beim Laufen ein leises siiipp, siiiipp, siiipp, was Tyrel in den Wahnsinn treibt. Anscheinend ist er der Meinung, Elche moegen keine warmen Hosen. Schliesslich ziehe ich Tyrels dicke Fleecehose ueber meine wollene lange Unterhose und nun kann auch der Elch nicht mehr meckern.

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Unser Camp am naechsten Morgen. Die Plane bietet Schutz vom Wetter und ist befestigt am Kanu und in den Sand gegrabenen Stoecken. Die Paddel spannen die Plane zusaetzlich auf, damit der Wind sie nicht auf uns nieder drueckt.

Beim Zubereiten des Fruhstuecks rufen wir und behalten unsere Umgebung genau im Auge. Leider ruehrt sich nichts. Wollen wir trotzdem eine weitere Nacht hier bleiben? Immerhin haben wir endlich einen Elchbullen gesehen!

Wir ueberlegen hin und her und entscheiden uns schliesslich dazu, zu gehen. Der Elchbulle von gestern hat allem Anschein nach eine gute Nase von unserem Geruch erhascht und ist jetzt ueber alle Berge. Wir machen einfach mehrere Pausen auf unserer Fahrt und rufen. Und hoffen auf eine bessere Gelegenheit.

Wir packen zusammen und fahren ein paar Flussbiegungen weiter, um dort zu rufen. Doch der Elch kommt nicht wieder. Auch kein anderer Elch schaut vorbei. Mist.

Ein paar Kilometer weiter versuchen wir es wieder. Rufen. Warten. Beobachten. Wieder Rufen.

Nichts.

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Aus dem gruenlichen Wasser des Yukon River ragen riesige Klippen hervor, die der Fluss ins Ufer gegraben hat.

„Dann sollte es halt nicht sein.“ denke ich mir und tauche wieder ab in die Monotonie der Paddelbewegung. Gleichfoermig wie in einer Meditation komme ich mit jedem Mal Paddeln meinem warmen Kaesekuchen ein kleines Stueckchen naeher.

„Mooose!“ Sofort sehe ich, was sich am Strand der kleinen Insel vor uns abspielt: Mama Elch liegt tatsaechlich mit ihren zwei Elchkaelbern am Strand und geniesst das Leben! Sofort hole ich meine Kamera raus. „Was machst du da?!? Schnell, wir muessen aus der Stroemung raus ans Ufer paddeln!!!“ Okay, okay. Die Kamera wird unsanft in den orangenen Muellsack am vorderen Ende des Kanus zurueckbefoerdert und ich lege mich maechtig ins Paddelzeug.

Aufgeschreckt durch die untypischen Flussbewohner suchen die Elche auch gleich das Weite. „Es koennen ja noch mehr Elche hier auf der Insel sein… wir pirschen uns an.“

Und wir pirschen und pirschen. Ueber Steine, durch Sand, Gras und Schlamm. Und finden nichts. Die ultrafrischen Spuren der fluechtenden Familie zeigen, dass diese gleich nach unserer Ankunft vom gegenueberliegenden Ende der Insel aus ans Festland geschwommen sind. Und die Elche haetten wir sowieso nicht gejagt, da die Kaelber noch zu jung waren und Mutti eh unter Schutz steht. Hmpf. Also geht es zurueck zum Kanu. Tyrel geht links durchs Unterholz, ich rechts.

Auf einmal ein lauter Knall!!!

War da jetzt doch noch ein Elch, den wir uebersehen haben?!

Freudestrahlend betritt Tyrel die Lichtung, die zwischen uns lag. Von seiner linken Hand baumelt… ein Hase. Der fuellt zwar nicht zu Hause die Gefriertruhen aber stellt eine willkommene Abwechslung in unserer derzeitigen Ernaehrung dar!

Ein gut gefuellter Teller Hasenfleisch ist die Jagdausbeute des Tages.

Als Beilage zum Hasen gibt es meinen Spezialkartoffelbrei, der aus vorportionierten und speziell gewuerzten Kartoffelflocken besteht.

Nach etwas mehr Paddelei sehen wir von weitem ein rotes Kanu. Es bleibt jedoch ganz weit entfernt. Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir die letzten beiden Tage keinen anderen Menschen auf dem Fluss getroffen haben. Und irgendwie war es auch total okay so. Jetzt ist es aber auch wieder schoen zu sehen, dass man nicht allein ist auf der ganzen grossen Welt. Der grosse Abstand zum Kanu gefaellt mir ganz gut, so kann ich mir noch ein bisschen Zeit lassen mit meinen Gedanken, unsozialisiert.

 

Mit 47 km und einer Menge Jagdversuchen auf dem  Tacho halten wir fuer die Nacht. Wir schlafen in einem alten Holzfaellerlager, Erickson’s Woodyard. Doch heute ist es spaet und dunkel, morgen werden wir uns genauer umsehen.

Mein Schlafsack kuschelt mit mir von allen Seiten und leicht gleite ich ins Traumland hinueber.

Projekt Elchkanu Tag 5

Es sind kuschlige 5 Grad, als ich die Augen aufschlage. Hungrig. Sehr hungrig!

Obwohl ich gestern abend keinen Bissen mehr herunterwuergen konnte, klingen Kaesemacaroni komischerweise wieder verlockend und mir mundet meine Portion.

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Am Morgen sieht unser Camp etwas verwuestet aus. Unter den gespannten Planen liegen die Isomatten, schon verpackte Schlafsacke und das Feuer heizt Wasser im Topf zum Bereiten des Fruehstuecks.

Wieder lassen wir einen grossen Haufen gesaegtes und gespaltenes Holz zurueck. Der naechste Kanute (wahrscheinlich erst naechsten Sommer) wird sein Glueck kaum fassen koennen.

Nach dem kaesigen Mahl packen wir ein und machen auf den Weg, uns. Nach einigen Flusskilometern muessen wir unserem Teslin River auf Wiedersehen sagen – er muendet im Yukon River, auf dem wir fortan unterwegs sind. Kurz nach der Vereinigung der Fluesse gehen wir an Land und schauen uns ein wenig Geschichte an.

Wir sehen einen Schiffsfriedhof einer anderen Art. Zu der Zeit des Goldrausches Anfang der 1900er Jahre gab es einen regen Schiffsverkehr auf dem Yukon River. Doch mussten die Schaufelraddampfer vor dem Eis des harten Winters gesichert werden. Eine Insel bei Hootalinqua, wo Teslin und Yukon River zusammenfliessen, bot eine gute Lage fuer die Aufbewahrung. Dieses Schiff hiess erst Evelyn und dann Norcom, nachdem es von einem anderen Unternehmen aufgekauft wurde. 1913 wurde Evelyn das letzte Mal ueber riesige Holzbalken auf die Insel gezogen und ist nach wie vor schoen anzusehen – wenn auch heute mit einem etwas anderem Charme als noch vor 100 Jahren.

Ein paar Flusswindungen spaeter gab es schon das naechste Highlight: Der echte Unterbau der SS Klondike lugte aus dem Wasser hervor. Denn die SS Klondike ist hier 1936 auf Grund gelaufen. Der Oberbau wurde daraufhin geborgen und aus ihm ein neues Schiff gebaut, die SS Klondike 2, die heute als Rentnerdasein voll restauriert in Whitehorse eine grosse Touristenattaktion darstellt.

SS steht uebrigens fuer steam ship, also Dampfschiff und keinesfalls fuer eine politische Gesinnung der Werften.

Der Yukon ist merklich breiter und schnell fliessender als der Teslin River. Auch die Farbe hat sich geaendert, sie ist nun milchig-flaschengruen. Wenn es ganz still ist, hoere ich die Sandpartikel am Kanu entlangfliessen. Ich nehme es wahr als ein sehr beruhigendes, gleichfoermig sanftes Rauschen.

Immer mal wieder begegnet uns eine Gruppe Schwaene, die sich unter lautem Geschnatter fertig machen fuer den langen Flug in waermere Gefilde.

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10 Schwaene strecken ihren Hals, waehrend sie vom Fluss aus in Richtung Sueden ziehen.

Bei der ganzen Paddelei habe ich viel Zeit, meinen Gedanken nachzugehen. Die gleichfoermige Bewegung und mangelnde Ablenkung helfen. Meistens denke ich an Essen (wie wahrscheinlich im Alltag auch). Was man alles schoen kochen koennte, wenn man nicht auf einer Kaesemacaroni-Diaet waere. Oder was fuer Aktivitaeten in einem Leben doch alle moeglich sind, wenn man einen festen Wohnsitz als Basis besitzt.

In meinen Gedanken manifestiert sich unbaendige Lust auf zwei Dinge:

  • Kaesekuchen!!! Noch ofenwarm einfach reinschaufeln in den Schlund. Mit Muerbeteig als Boden und Rand.
  • Ein 1000 Teile Puzzle legen. Ziemlich schwierig auf dem Fluss, ich muesste es jeden Morgen wieder in die Schachtel legen und dann am Abend weitermachen. Eher nicht zu empfehlen. Aber zu Hause? Vorm Kamin? Yaaaaaay!!!!

Der Gedanke an eine herhafte Soljanka schwingt ab und zu mit, kann aber gegen die beiden Hauptbegierden nicht ankommen.

Die Zeit verfliegt, waehrend ich meinen Gedanken nachhaenge und schon ist es Zeit, einen Lagerplatz fuer die Nacht zu suchen. Zwei auf der Karte verzeichnete Plaetze verwerfen wir, da wir noch ein paar mehr Kilometer reissen wollen nach unserem etwas langsamen Tag gestern. Der immer dunkler werdende Wald wird abgeloest durch ein ehemaliges Waldbrandgebiet und kahle, tote Staemme ragen in den Himmel.

Da ploetzlich! ELCH! ELCHBULLE!!!!

Mit vereinten Kraeften paddeln wir uns irgendwie an das rechte Ufer und zerren das Kanu an Land. Tyrel greift das Gewehr. Wir rufen den Elch und pirschen langsam durch das ehemalige Waldgebiet, in die Richtung in der wir den Elch vermuten. Wir haben den Wind im Gesicht, das heisst der Elch kann uns nicht riechen, wenn er sich irgendwo vor uns befindet. Nach ca. 15 Minuten beschliessen wir, zurueck zum Kanu zu gehen und das Lager aufzuschlagen, da es bereits dunkel wird. Die ganze Zeit ueber begleitet uns Tyrels Imitation einer Elchkuh.

Waehrend des Lager Bereitens dann eine Bewegung am anderen Ufer! Ein Schatten bewegt sich hinter den Staemmen im Gebuesch! Tyrel ruft und ruft und schliesslich hoeren wir die grunzende Antwort des Elchbullen. Er muss tatsaechlich durch den Fluss geschwommen sein, um uns dann vom anderen Ufer aus in Augenschein zu nehmen. Doof fuer uns, jetzt weht der Wind naemlich von uns zu ihm…

Der Elch an sich ist ja nicht doof, nur aeusserst schmackhaft – was uns auch an erster Stelle in diese Situation gebracht hat. Scheinbar missbilligt er unsere seit fuenf Tagen groesstenteils unterlassene Koerperhygiene und verschwindet schliesslich im Unterholz. Einen sauberen Schuss haette Tyrel nicht landen koennen, da der Elch sich konstant bewegt hat, Baeume im Weg waren und wir im Zweifelsfall auch zu lange gebraucht haetten, ihm auf der anderen Seite des Flusses nachstellen haetten koennen.

Trotzdem kann es sein, dass der Elch sich am naechsten Morgen nochmals blicken laesst. Oder vielleicht ein anderer Bulle, wenn wir laut genug rufen?

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Eine Aufnahme vom naechsten Morgen: Dort am anderen Ufer ueberm Steilhang hinter Totholz schlich tatsaechlich ein Elchbulle umher!

Muede von 62 Flusskilometern schlafen wir unter einer Plane am Strand und hoffen, dass wir am naechsten Morgen mehr Glueck haben werden als heute.

 

Projekt Elchkanu Tag 4

Das konsequente Abspannen des Schlafplatzes mit Planen gestern hat dazu gefuehrt, dass der Rauch des Feuers genau in die Richtung meines Kopfes gewirbelt wurde. Die ganze Nacht ueber. Dementsprechend geraedert wache ich auf und registriere die sommerlich anmutenden 6 Grad mit maulwurfigen Augen.

Neben dem Schlafentzug ueberreicht mir Mutter Natur ein weiteres Geschenk: Ich habe meine Tage.

An dieser Stelle moechte ich nochmals auf den Besuch meines Bruders Anfang September verweisen. Hier praesentierte er mir die Frage, die ihm von Freunden/ Kollegen bezogen auf meine Person am haeufigsten gestellt wurde:

Wie macht sie das denn, wenn sie ihre Tage hat im Winter?!

An seiner Stelle haette ich ja direkt zurueckgefragt, wie das denn die Schwestern der Fragesteller macht, wenn sie ihre Tage hat… im Winter! 😀 Aber da es durchaus Leute zu beschaeftigen scheint, moechte ich gerne aus meinem Menstruationstaeschchen plaudern.

Schon im Jahre 2012 beschloss ich, der Damenhygieneindustrie ein Schnippchen zu schlagen und umzusteigen. Keine Binden mehr (verklebt und laeuft ueber) und auch keine Tampons (laeuft entweder ueber oder legt die Schleimhaeute trocken, wenn man nicht eine Blutungskurve vorliegen hat, an der man minutioes die Wechselintervalle anpassen kann).

Stattdessen benutze ich eine sogenannte Menstruationstasse aus Silikon. Die Vorteile haben mich total ueberzeugt!

  • Wiederverwendbar fuer ca. 10 Jahre -> spart eine Menge Geld und Muell.
  • Sehr scheimhautfreundlich, nichts wird ausgesaugt oder laeuft ueber.
  • Nur zweimal Ausleeren pro Tag.
  • Keine Duft-, Bleich- oder Schadstoffe werden an die Haut abgegeben.
  • Man spuert sie ueberhaupt nicht.

Fuer mich ist noch ein weiterer, entscheidender Vorteil, dass das Blut im Koerper gesammelt wird und so in der Wildnis keine hungrigen Baeren anlockt. Man kann es an einem Ort ausleeren, den man gleich wieder verlaesst.

Okay, das war der Exkurs. Nun zurueck zur Exkursion! 🙂

Obwohl ich aeusserst zufrieden bin mit meinem Blutungsmanagement, habe ich trotzdem aeusserst schlecht geschlafen und weiss nicht genau, wie ich den heutigen Paddeltag ueberleben soll. Aber zuerst beginnt dieser Tag eh wie jeder andere auch: Morgentoilette, Feuer mit Holz fuettern, Wasser im Topf holen und ueber dem Feuer platzieren, gewuenschtes Fruehstueck im Container platzieren (heute Ramen-Nudelsuppen) und darauf warten, dass das Wasser kocht.

Dann schliesslich kochendes Wasser in Behaelter giessen, Deckel druff, Container in warmer Jacke einpacken und warten, bis es einigermassen weichgekocht ist. Schliesslich essen, sitzend auf unseren kleinen, gelben Plastikkisten, hier milk crate genannt (zu deutsch: Milchkasten).

Tyrel reisst mich aus der Essseligkeit: „ELCH!! Ohne Witz!!!“

Tatsaechlich, am anderen Flussufer tritt aus dem Gebuesch… eine Elchin.

Beigeistert zuecke ich die Kamera und kann ein paar brauchbare Bilder schiessen, obwohl die Dame mit blossem Auge nicht so gut zu erkennen ist.

Tyrel ist damit beschaeftigt, seine persoenliche Interpretation einer riemigen Elchkuh durch die Gegend zu toenen, damit eventuell der Liebhaber der Elchin in Erscheinung tritt. Doch nichts geschieht, die Elchin zieht schliesslich weiter und wir wenden uns wieder der nun eher kuehlen Nudelsuppe zu.

Als wir die letzten Bissen verschlingen, zeigt sie sich noch einmal.

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Lady Elch stapft durchs Wasser und sucht anschliessend im flachen, pflanzigen Gewaesser nach Nahrung.

Einige Zeit noch verbringen wir mit Rufen – doch nichts tut sich. Noch eine Nacht hier verbringen moechte ich auf keinen Fall, nachdem ich so schlecht geschlafen habe. Also packen wir unsere Sachen und ziehen weiter.

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In den schnellfliessenden Aussenseiten der Kurven im Fluss finden sich immer haeufiger Klippen aus hellem Kies.

Das erste Mal halten wir, weil Tyrel eine kleine Flussmuendung entdeckt, in die kein Motorboot hinein fahren kann. So haben wir einen Vorteil mit unserer Kanu-Paddlerei, falls wir auf ein belebtes Elchgebiet stossen sollten.

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Ein kleines Rinnsal schlaengelt sich durch eine saftige Wiese, auf die die Sonne scheint.

„Jetzt muessen wir Geduld haben und rufen!“ stellt Tyrel fest. „Und sonst ganz leise sein!“ Wir setzen uns aufs Feld und warten und rufen und warten… und ich schlafe nach zwei Minuten ein.

Doch kein lauter Knall reisst mich aus meinem wohlverdienten Nickerchen, sondern Tyrel’s Einsicht, dass wir besser weiter ziehen sollten. Na gut, so lange es nicht allzu weit ist.

Als wir die naechste geeignete Bucht finden, wo Tyrel nach Elchen Ausschau halten moechte, mache ich klar, dass ich Schlaf brauche, um weiter paddeln zu koennen. Ich schnape mir einfach meine dicke Jacke und Tyrels Schwimmweste, die er ausgezogen hat, kraxle das Flussbett hinauf bis der Grund nicht mehr nass ist und lasse mich fallen. Kopf auf die Schwimmweste, Jacke als Decke und fertig ist das selige Nickerchen. Nach einer Stunde werde ich von selbst wach und frage mich, wie lange ich wohl geschlafen habe und wo Tyrel ist. Doch als ich mich aufrapple, sehe ich, wie er die Angelrute wieder im Kanu verstaut. „Kein Fisch beisst. Meinst du, du kannst weiter paddeln oder sollen wir lieber hier unser Lager aufschlagen?“ „Mein Akku ist wieder voller, lass uns noch paddeln.“

Schliesslich kamen wir noch auf 28 km am heutigen Tage und fanden einen schoenen Platz zum schlafen. Waehrend Tyrel sich ums Feuerholz bemuehte, ging ich den vielen Eulenrufen nach in den dunklen Wald hinein. Eine Eule kann ich fuer einen Augenblick sogar auf einem Baum sitzend entdecken, allerdings flattert sie schnell lautlos davon. Mit Hilfe meines Vogelbuches identifiziere ich sie schliesslich als great gray owl, zu deutsch Bartkauz. Ein grosses Voegelchen mit knapp 70 cm Koerperhoehe.

Unser Camp ist diese Nacht nicht komplett winddicht abgespannt und so kann der Rauch gut entweichen und wird nicht verwirbelt. Die Kaesemacaroni haengen mit mittlerweile wie zu erwarten zum Halse raus. Grossmuetig biete ich Tyrel den Rest meiner Portion an, welche er gern verschlingt.

Den Eulenrufen in der Nacht lauschend krabble ich tiefer in meinen roten Schlafsack und schlafe ganz friedlich ein.