Schwan

Projekt Elchkanu Tag 5

Es sind kuschlige 5 Grad, als ich die Augen aufschlage. Hungrig. Sehr hungrig!

Obwohl ich gestern abend keinen Bissen mehr herunterwuergen konnte, klingen Kaesemacaroni komischerweise wieder verlockend und mir mundet meine Portion.

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Am Morgen sieht unser Camp etwas verwuestet aus. Unter den gespannten Planen liegen die Isomatten, schon verpackte Schlafsacke und das Feuer heizt Wasser im Topf zum Bereiten des Fruehstuecks.

Wieder lassen wir einen grossen Haufen gesaegtes und gespaltenes Holz zurueck. Der naechste Kanute (wahrscheinlich erst naechsten Sommer) wird sein Glueck kaum fassen koennen.

Nach dem kaesigen Mahl packen wir ein und machen auf den Weg, uns. Nach einigen Flusskilometern muessen wir unserem Teslin River auf Wiedersehen sagen – er muendet im Yukon River, auf dem wir fortan unterwegs sind. Kurz nach der Vereinigung der Fluesse gehen wir an Land und schauen uns ein wenig Geschichte an.

Wir sehen einen Schiffsfriedhof einer anderen Art. Zu der Zeit des Goldrausches Anfang der 1900er Jahre gab es einen regen Schiffsverkehr auf dem Yukon River. Doch mussten die Schaufelraddampfer vor dem Eis des harten Winters gesichert werden. Eine Insel bei Hootalinqua, wo Teslin und Yukon River zusammenfliessen, bot eine gute Lage fuer die Aufbewahrung. Dieses Schiff hiess erst Evelyn und dann Norcom, nachdem es von einem anderen Unternehmen aufgekauft wurde. 1913 wurde Evelyn das letzte Mal ueber riesige Holzbalken auf die Insel gezogen und ist nach wie vor schoen anzusehen – wenn auch heute mit einem etwas anderem Charme als noch vor 100 Jahren.

Ein paar Flusswindungen spaeter gab es schon das naechste Highlight: Der echte Unterbau der SS Klondike lugte aus dem Wasser hervor. Denn die SS Klondike ist hier 1936 auf Grund gelaufen. Der Oberbau wurde daraufhin geborgen und aus ihm ein neues Schiff gebaut, die SS Klondike 2, die heute als Rentnerdasein voll restauriert in Whitehorse eine grosse Touristenattaktion darstellt.

SS steht uebrigens fuer steam ship, also Dampfschiff und keinesfalls fuer eine politische Gesinnung der Werften.

Der Yukon ist merklich breiter und schnell fliessender als der Teslin River. Auch die Farbe hat sich geaendert, sie ist nun milchig-flaschengruen. Wenn es ganz still ist, hoere ich die Sandpartikel am Kanu entlangfliessen. Ich nehme es wahr als ein sehr beruhigendes, gleichfoermig sanftes Rauschen.

Immer mal wieder begegnet uns eine Gruppe Schwaene, die sich unter lautem Geschnatter fertig machen fuer den langen Flug in waermere Gefilde.

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10 Schwaene strecken ihren Hals, waehrend sie vom Fluss aus in Richtung Sueden ziehen.

Bei der ganzen Paddelei habe ich viel Zeit, meinen Gedanken nachzugehen. Die gleichfoermige Bewegung und mangelnde Ablenkung helfen. Meistens denke ich an Essen (wie wahrscheinlich im Alltag auch). Was man alles schoen kochen koennte, wenn man nicht auf einer Kaesemacaroni-Diaet waere. Oder was fuer Aktivitaeten in einem Leben doch alle moeglich sind, wenn man einen festen Wohnsitz als Basis besitzt.

In meinen Gedanken manifestiert sich unbaendige Lust auf zwei Dinge:

  • Kaesekuchen!!! Noch ofenwarm einfach reinschaufeln in den Schlund. Mit Muerbeteig als Boden und Rand.
  • Ein 1000 Teile Puzzle legen. Ziemlich schwierig auf dem Fluss, ich muesste es jeden Morgen wieder in die Schachtel legen und dann am Abend weitermachen. Eher nicht zu empfehlen. Aber zu Hause? Vorm Kamin? Yaaaaaay!!!!

Der Gedanke an eine herhafte Soljanka schwingt ab und zu mit, kann aber gegen die beiden Hauptbegierden nicht ankommen.

Die Zeit verfliegt, waehrend ich meinen Gedanken nachhaenge und schon ist es Zeit, einen Lagerplatz fuer die Nacht zu suchen. Zwei auf der Karte verzeichnete Plaetze verwerfen wir, da wir noch ein paar mehr Kilometer reissen wollen nach unserem etwas langsamen Tag gestern. Der immer dunkler werdende Wald wird abgeloest durch ein ehemaliges Waldbrandgebiet und kahle, tote Staemme ragen in den Himmel.

Da ploetzlich! ELCH! ELCHBULLE!!!!

Mit vereinten Kraeften paddeln wir uns irgendwie an das rechte Ufer und zerren das Kanu an Land. Tyrel greift das Gewehr. Wir rufen den Elch und pirschen langsam durch das ehemalige Waldgebiet, in die Richtung in der wir den Elch vermuten. Wir haben den Wind im Gesicht, das heisst der Elch kann uns nicht riechen, wenn er sich irgendwo vor uns befindet. Nach ca. 15 Minuten beschliessen wir, zurueck zum Kanu zu gehen und das Lager aufzuschlagen, da es bereits dunkel wird. Die ganze Zeit ueber begleitet uns Tyrels Imitation einer Elchkuh.

Waehrend des Lager Bereitens dann eine Bewegung am anderen Ufer! Ein Schatten bewegt sich hinter den Staemmen im Gebuesch! Tyrel ruft und ruft und schliesslich hoeren wir die grunzende Antwort des Elchbullen. Er muss tatsaechlich durch den Fluss geschwommen sein, um uns dann vom anderen Ufer aus in Augenschein zu nehmen. Doof fuer uns, jetzt weht der Wind naemlich von uns zu ihm…

Der Elch an sich ist ja nicht doof, nur aeusserst schmackhaft – was uns auch an erster Stelle in diese Situation gebracht hat. Scheinbar missbilligt er unsere seit fuenf Tagen groesstenteils unterlassene Koerperhygiene und verschwindet schliesslich im Unterholz. Einen sauberen Schuss haette Tyrel nicht landen koennen, da der Elch sich konstant bewegt hat, Baeume im Weg waren und wir im Zweifelsfall auch zu lange gebraucht haetten, ihm auf der anderen Seite des Flusses nachstellen haetten koennen.

Trotzdem kann es sein, dass der Elch sich am naechsten Morgen nochmals blicken laesst. Oder vielleicht ein anderer Bulle, wenn wir laut genug rufen?

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Eine Aufnahme vom naechsten Morgen: Dort am anderen Ufer ueberm Steilhang hinter Totholz schlich tatsaechlich ein Elchbulle umher!

Muede von 62 Flusskilometern schlafen wir unter einer Plane am Strand und hoffen, dass wir am naechsten Morgen mehr Glueck haben werden als heute.

 

Brat mir doch einer nen Schwan

Es ist wirklich geschehen: Die Temperaturen steigen schon seit einigen Tagen auf bis zu sieben Grad Celsius tagsueber und die riesigen Schneeberge sorgen mit ihrem Schmelzwasser dafuer, dass alle Autos einen schlammfarbenen Anstrich erhalten. Auch wenn ich der Meinung bin, dass Waschen bei den riesigen Matschpfuetzen nichts bringt, faehrt Tyrel unbeirrt in die Waschstrasse.

Die Ureinwohner pflegten zu sagen, der Fruehling komme zusammen mit den Schwaenen. Bislang hatte ich erst ein paar Schwaene aus lackierten Sperrholzplatten in der Stadt entdeckt. Bei naeherem Hinsehen entpuppte es sich als Werbung fuer „Swan Haven“, also Schwanenoase. Was auch immer das sein soll. Vielleicht ein Restaurant? Schnell zwei Freunde geschnappt und ab nach Marsh Lake zu Swan Haven!

Swan Haven entpuppte sich tatsaechlich als Schwanenbeobachtungspunkt im Fruehjahr. Die Schwaene sind auf dem Weg zu ihren Brutplaetzen im Norden und nutzen eine nicht zugefrorene Stelle im Marsh Lake zum Seepflanzen verspeisen und Krach machen. Dabei sind wir genau zur rechten Zeit gekommen. Zwei Tage eher waren genau 4 Schwaene am anderen Ende des Sees gezaehlt worden. Gestern waren es bereits ueber 500 Trompeterschwaene.

So friedvoll das weisse Federvieh auch erscheinen mag, ueber den ganzen See schallte es HONKHONKHONKHONKHONKHONKHONK, was angeblich auch die ganze Nacht ueber anhalten soll. Noch ist der Schwanenhoehepunkt nicht erreicht. Und die Tundraschwaene kommen erst noch durch.

Interessanterweise ist Marsh Lake nur im Fruehling eine Haltestelle auf der Schwanenmigration. Der Spiegel des Sees sinkt ueber den Winter so sehr, dass das ganze Gruenzeug im Wasser super erreichbar ist und abgegrast wird. Im Sommer und Herbst dagegen steht das Wasser viel hoeher, so dass kein Federvieh mehr gruendeln kann. Die Pfanzen haben Zeit zu wuchern und im naechsten Fruehjahr den Schwaenen wieder ein reichhaltiges Buffet bieten zu koennen.

Auch auf meinem so gut wie taeglichen Kameraspaziergang schoss ich mittlerweile Bilder, auf denen man Voegel erkennen kann.

Und schon wieder Fruehling? Das bedeutet, dass ich echt schon ueber ein Jahr verheiratet bin! 🙂 Neben lieben Glueckwuenschen haben wir auch ueberraschend ein Geschenk erhalten. Einen grossen Pappkarton vom oertlichen Gerber, mit dessen Sohn und Schwiegertochter ich befreundet bin (Tyrel kennt eh die halbe Stadt). Unwissentlich hat er voll ins schwarze getroffen: Wir erhielten ein Fell eines kleinen Bisons!!! Wie cool ist das bitte?! An zwei Stellen loesen sich die Haare ein bisschen vom Leder, daher kann der Gerber das Fell wahrscheinlich nicht verkaufen.

Ich dachte immer, Bisonfell ist ganz zottelig und drahtig. Aber unter den herausstehenden Zotteln ist die Unterwolle super weich! Wer moechte nicht mal mit einem Bison schmusen?!

Ich habe uebrigens keinen Schnurrbart auf dem Bild. Ich habe kurz vorher dem Schokoladen- und Erdnussbuttergott gefroent und bin noch ziemlich verschmiert (weiss jetzt auch nicht, ob das vorteilhafter ist als ein echter Schnurrbart…).

Da sich die Awardberichte in letzter Zeit ziemlich gehaeuft haben, gelobte ich ja eine Pause davon. Jetzt hat mir aber die wunderbare Tally von https://tallyshome.wordpress.com/ so tolle Fragen gestellt, dass ich die einfach beantworten musste. So.

1. Du bist krank (so wie ich heute), was tust du, um dennoch gut über die kommenden Tage zu kommen?
So oft wie möglich würde ich mein liebes Bett aufsuchen und versuchen, meinen Mann dazu zu bringen, mir was Leckeres zu kochen und seinen Ingwer-Zimt-Zitronen-Tee zu kredenzen. Und einen Film mit mir zu gucken. Mich zu plüschen… Mir zu sagen, dass es mir bald besser geht… Achja, schön wärs eigentlich! 😂

2. Man bietet dir 1 Millionen Euro an, wenn du mit dem Bloggen aufhörst und auch in Zukunft NIE wieder bloggst. Nimmst du es an? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, warum? Und vor allem, was machst du dann?!
Klar, Kohle her aber sofort!!! Ich kaufe mir Land, zimmer mir ne Hütte drauf und fütter ein paar Schweine dick. 😍
Mit der restlichen Kohle beschäftige ich einen südkoreanischen Immigranten, handgeschriebene Neuigkeiten an meine Follower per Brieftaube rauszuschicken. Und mir nebenbei Kimchi zuzubereiten.

3. Wenn du deinen Charakter in 4 Wörtern beschreiben müsstest, welche wären es dann?
Durch und durch durch. XD

4. Hast du schon mal den Sinn deines Lebens gesucht und wurdest du fündig?
Sind wir nicht alle auf der Suche? 😉
Für mich habe ich gefunden, dass ich erstmal lernen musste, was mir gut tut. Und dann ganz einfach dem guten Gefühl folgen. Auch wenn es einen über den Atlantik führt.

5. Du bestellst dein absolutes Lieblingsgericht im Restaurant. Es wird perfekt zubereitet und dir an den Tisch gebracht. DANN kommt eine dir bekannte Person (nicht das eigene Kind!) , die du gut leiden kannst und klaut dir ungefragt etwas vom Teller. Wie reagierst du?
Am liebsten würde ich meinen Hintern in seinen oder ihren Teller drücken. In Wirklichkeit klaue ich eher vom gegnerischen Teller so viel wie möglich, sabber mein restliches Essen an, damit es für andere nicht mehr begehrenswert ist oder ich raste aus. Ganz nach Laune. 😇

6. Ausnahme Zustand. Die Zombiapokalypse ist da! Es geht um das nackte Überleben. In welcher Situation wärst du bereit einen Menschen zu töten?
In so ziemlich jeder Situation, in der mir oder meinem Lieben dieser Mensch verdammt gefährlich wird und uns ans Leder will. Quid pro quo.

7. In welcher Zeit würdest du gerne leben wollen? Und warum?
Seit ich die örtliche Bücherei geplündert habe, wäre ich gern Pionier gewesen. Entweder zur Zeit des Goldrausches hier im Yukon oder Alaska oder auch im Wilden Westen. Ganz irre muss das gewesen sein. Nix da, nur Natur. Alles selber machen, auch die Gesetze oder den Speck. Hi Hi.

8. Wenn du es dir aussuchen könntest, in welchem Beruf würdest du dann arbeiten wollen und vor allem in welcher Position?
Ich wäre gern selbstständig. Nicht als Nageldesignerin (glaube noch nicht mal, dass ich dafür Talent hätte), aber als irgendwas anderes. Touristenbranche würde sich hier im Yukon gut anbieten. Ich kann gut und viel arbeiten und würde das gerne auch in meine eigene Tasche tun. So wäre dann auch mal eine längere Auszeit möglich, ohne dass man darum betteln muss.

9. Gibt es etwas, was du noch nie getan hast, aber wahnsinnig gerne einmal tun würdest? Und warum tust du es nicht?
Super gerne würde ich einmal Langstreckenwandern. So richtig lang. Von Mexiko nach Kanada durch die ganzen USA in einem Stück ohne schummeln, vielleicht auf dem Pacific Crest Trail. Bislang habe ich es nicht gemacht, weil ich schon nach Kanada auswandern wollte, als ich davon das erste Mal erfuhr. Und jetzt kann ich erstens nicht das Land verlassen, bis ich meinen Papierkram zusammen habe und zweitens ist der Trail seit dem Film „Wild“ mit Reese Witherspoon reichlich überfüllt. Mal gucken, vielleicht ergibt es sich ja nochmal später irgendwann.

10. Hat das Osterfest irgendeine Bedeutung für dich und wie wirst du die Zeit zu Ostern verbringen?
Klar hat es eine Bedeutung! Jesus ist von den Toten auferstanden, genau wie in einem Zombiefilm, nur religiöser! 😀 Normalerweise war Ostern Grillen bei meinen Eltern (ist es jetzt immer noch, nur ohne mich 😉 ). Dieses Jahr Ostern weiß ich noch gar nicht, was ich mache. Vielleicht helfe ich dann schon auf einer Farm aus und sammle das erste Mal echte Eier?

 

Ich bin schoen ganz gespannt auf den zweiten Fruehlingsboten: Den Krokus! Gross und lila lugt er hier angeblich aus dem Boden hervor, wenn der Schnee noch ein bisschen mehr gewichen ist. Ich halte Ausschau! 🙂