Outdoor

Projekt Elchkanu Tag 6

Am fruehen Morgen werde ich aus dem Schlaf gerissen von Tyrels gekonnter Imitation einer verzweifelt riemigen Elchkuh. Wer das jetzt romanterisch findet, der hoere sich doch mal bitte exemplarisch an, wie das klingt.

Dazu muss ich anmerken, dass Tyrel das Ganze eher schreit. Hoert sich also eher an wie eine unheilige Mischung aus verzweifelter Elchkuh und rostiger Kettensaege.

Sofort schlage ich vor fuer unseren morgendlichen Weckton genau dieses Geraeusch einzustellen und stehe auf. Anscheinend kommt der kalte Morgen nicht wieder, es ist 1 Grad. Meine blaue, dick gefuetterte Latzhose macht beim Laufen ein leises siiipp, siiiipp, siiipp, was Tyrel in den Wahnsinn treibt. Anscheinend ist er der Meinung, Elche moegen keine warmen Hosen. Schliesslich ziehe ich Tyrels dicke Fleecehose ueber meine wollene lange Unterhose und nun kann auch der Elch nicht mehr meckern.

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Unser Camp am naechsten Morgen. Die Plane bietet Schutz vom Wetter und ist befestigt am Kanu und in den Sand gegrabenen Stoecken. Die Paddel spannen die Plane zusaetzlich auf, damit der Wind sie nicht auf uns nieder drueckt.

Beim Zubereiten des Fruhstuecks rufen wir und behalten unsere Umgebung genau im Auge. Leider ruehrt sich nichts. Wollen wir trotzdem eine weitere Nacht hier bleiben? Immerhin haben wir endlich einen Elchbullen gesehen!

Wir ueberlegen hin und her und entscheiden uns schliesslich dazu, zu gehen. Der Elchbulle von gestern hat allem Anschein nach eine gute Nase von unserem Geruch erhascht und ist jetzt ueber alle Berge. Wir machen einfach mehrere Pausen auf unserer Fahrt und rufen. Und hoffen auf eine bessere Gelegenheit.

Wir packen zusammen und fahren ein paar Flussbiegungen weiter, um dort zu rufen. Doch der Elch kommt nicht wieder. Auch kein anderer Elch schaut vorbei. Mist.

Ein paar Kilometer weiter versuchen wir es wieder. Rufen. Warten. Beobachten. Wieder Rufen.

Nichts.

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Aus dem gruenlichen Wasser des Yukon River ragen riesige Klippen hervor, die der Fluss ins Ufer gegraben hat.

„Dann sollte es halt nicht sein.“ denke ich mir und tauche wieder ab in die Monotonie der Paddelbewegung. Gleichfoermig wie in einer Meditation komme ich mit jedem Mal Paddeln meinem warmen Kaesekuchen ein kleines Stueckchen naeher.

„Mooose!“ Sofort sehe ich, was sich am Strand der kleinen Insel vor uns abspielt: Mama Elch liegt tatsaechlich mit ihren zwei Elchkaelbern am Strand und geniesst das Leben! Sofort hole ich meine Kamera raus. „Was machst du da?!? Schnell, wir muessen aus der Stroemung raus ans Ufer paddeln!!!“ Okay, okay. Die Kamera wird unsanft in den orangenen Muellsack am vorderen Ende des Kanus zurueckbefoerdert und ich lege mich maechtig ins Paddelzeug.

Aufgeschreckt durch die untypischen Flussbewohner suchen die Elche auch gleich das Weite. „Es koennen ja noch mehr Elche hier auf der Insel sein… wir pirschen uns an.“

Und wir pirschen und pirschen. Ueber Steine, durch Sand, Gras und Schlamm. Und finden nichts. Die ultrafrischen Spuren der fluechtenden Familie zeigen, dass diese gleich nach unserer Ankunft vom gegenueberliegenden Ende der Insel aus ans Festland geschwommen sind. Und die Elche haetten wir sowieso nicht gejagt, da die Kaelber noch zu jung waren und Mutti eh unter Schutz steht. Hmpf. Also geht es zurueck zum Kanu. Tyrel geht links durchs Unterholz, ich rechts.

Auf einmal ein lauter Knall!!!

War da jetzt doch noch ein Elch, den wir uebersehen haben?!

Freudestrahlend betritt Tyrel die Lichtung, die zwischen uns lag. Von seiner linken Hand baumelt… ein Hase. Der fuellt zwar nicht zu Hause die Gefriertruhen aber stellt eine willkommene Abwechslung in unserer derzeitigen Ernaehrung dar!

Ein gut gefuellter Teller Hasenfleisch ist die Jagdausbeute des Tages.

Als Beilage zum Hasen gibt es meinen Spezialkartoffelbrei, der aus vorportionierten und speziell gewuerzten Kartoffelflocken besteht.

Nach etwas mehr Paddelei sehen wir von weitem ein rotes Kanu. Es bleibt jedoch ganz weit entfernt. Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir die letzten beiden Tage keinen anderen Menschen auf dem Fluss getroffen haben. Und irgendwie war es auch total okay so. Jetzt ist es aber auch wieder schoen zu sehen, dass man nicht allein ist auf der ganzen grossen Welt. Der grosse Abstand zum Kanu gefaellt mir ganz gut, so kann ich mir noch ein bisschen Zeit lassen mit meinen Gedanken, unsozialisiert.

 

Mit 47 km und einer Menge Jagdversuchen auf dem  Tacho halten wir fuer die Nacht. Wir schlafen in einem alten Holzfaellerlager, Erickson’s Woodyard. Doch heute ist es spaet und dunkel, morgen werden wir uns genauer umsehen.

Mein Schlafsack kuschelt mit mir von allen Seiten und leicht gleite ich ins Traumland hinueber.

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Wieder da aus der Senke!

Alles neu macht der August – neuer Job, neuer Stellplatz vom Wohnwagen und neuerdings auch kein Richard mehr in Kanada zu Besuch.

Aber freundlicherweise gewaehrt uns der gute Richie einen Einblick in das, was er so alles im Yukon an Ein- oder auch Ausblicken gehabt hat.

Mit einem Mopped hat er fuer einen Monat des Yukon und auch Teile Alaskas unsicher gemacht. Wenn das nicht nach Postkartenbildern riecht!!!

Vor etwas ueber einem Jahr habe ich zudem meine Haarpracht gekuerzt – und zum Glueck nach einem Jahr daran gedacht, ein Vergleichsbild zu schiessen!

Fazit: Am Modestil hat sich nicht viel geaendert. Dunkle Hose, Guertel, schwarzes Tank Top und Bundeswehrhemd drueber. Die Haare sind wieder laenger aber insgesamt sehe ich… irgendwie geloester aus. Und… Ich habe ein Muttermal?! Ach nee doch nicht ^^

Nachdem ich jetzt schon die ersten Tage im neuen Job verbracht habe und das groesste Schlafdefizit vom Umzug nachholte, werde ich dann auch hoffentlich wieder oefteriger zum Schreiben kommen. Auch ueber den neuen Job 🙂

 

Erfrischung gefaellig?

Da mich zur Zeit reichlich Nachrichten ueber die Bullenhitze in Deutschland erreichen, moechte ich gerne fuer etwas digitale Abkuehlung sorgen:

Letzten Samstag war ich mit Bella wandern. Zusammen haben wir White Mountain am Little Atlin Lake bezwungen, was verdammt steil war.

Es war ein kuehler, regnerischer Sommertag. Nachdem wir uns ueber die Baumgrenze gehieft haben, gab es schon einen tollen Ausblick auf den Little Atlin Lake zu bewundern.

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Grau in grau verschwimmen See, Regenwolken und Berge im Hintergrund. Im Vordergrund lassen kleine Baeume erahnen, dass wir schon ganz schoen hoch gestiefelt sind.

Zum Teil war der Aufstieg so steil, dass man klettern musste. Nach der Klettertour sahen wir zum Glueck, dass es einen alternativen Weg ohne Kletterpartie gab. Das war fuer den Rueckweg sehr hilfreich.

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Steil steil geht es eine felsige Partie hoch. Immerzu sind wir dabei einem Kabel gefolgt, dass den auf dem Berg befindlichen Sendemast mit STrom versorgte.

Als wir endlich oben waren, wurden wir Mitte Juni von einem Schneesturm ueberrascht. Jedoch konnte uns das nicht vom Picknick abhalten, immerhin waren wir hungrig!

Das Picknick endete jedoch nicht mit einem vollen Bauch, sondern eher mit Fingern, die sich nicht mehr richtig bewegen lassen vor Kaelte. Also gehts bergab, so wird man auf jeden Fall wieder warm!

So, liebes Deutschland! Sommer geht auch anders. Und wenn dem Einen oder Anderen eben kurzfristig das Schwitzen vergangen ist, wird es mir ganz warm ums Herz. 😉

Ach du dicker Marshmallow

Wieder bin ich etwas schlauer geworden: Man kann auch umziehen, ohne Nervenzusammenbrüche dabei zu erleiden. Mein Geheimnis? Zieht in einen Wohnwagen! Kein Kisten Einräumen, nichts streichen, keine neuen Mieter reinlassen, kein Stress!!!

Wir leben jetzt also auf der Farm, auf der ich arbeite. Etwas abgeschieden, damit man seine Privatsphäre genießen kann. Ich bin echt froh, keine 30 Minuten Autofahrt mehr sondern nur 3 Minuten Fußweg.

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Hinter dem Truck steht unser Trailer mit schon ausgefahrener Markise. Links im Bild ist unsere Feuerstelle aus Steinen aufgeschichtet.

Tyrels Arbeitskollegin Bella hatte per Mail um ein Lagerfeuer am Samstag gebeten. Diesen Wunsch erfüllten wir ihr nur zu gerne. Lecker Gemüse, Fleisch und Bier wurde eingekauft und ein Feuerchen gestartet. Da bittet mich Bella, ihr etwas aus ihrem Rucksack zu reichen. Der Reißverschluss enthüllt allerdings rätselhafte Objekte. Partyhüte? Tröten? Sexy Spiegeleiformen? Was hab ich verpasst?

Tyrel entpuppte sich als Schelm. Bella hatte zwei Tage vorher Geburtstag, wovon ich nichts wusste. Tyrel fragte Bella, ob er ihren Geburtstag benutzen kann, um mir eine Geburtstagsfeier zu schenken. Immerhin war ich in Deutschland alle paar Wochen auf einer Feier eingeladen und Tyrel möchte nicht, dass mir hier etwas fehlt.

Also stand ich da etwas ratlos, aber sehr gerührt. Ist das jetzt meine Feier? Eigentlich gehört sie doch dem Geburtstagskind! Die Freude über die Überraschung besiegte allerdings die Verwirrung und wir hatten einen tollen Abend am Lagerfeuer.

Vor allem der Nachtisch war für mich noch exotisch. Es gab nämlich Smores, ein kanadisches Lagerfeuer-Pflichtessen. Man röste sich einen Marshmallow und drücke ihn dann mit etwas Schoki zusammen zwischen zwei Kekse. Natürlich kann man sich das auch selbst zusammenstellen, wir haben aber zwei Packungen Smores Kit gekauft. Einmal den Klassiker mit Milchschokolade und eher salzigen Cracker Keksen und dann Reverse (umgekehrte) Smores mit weißer Schoki und dunklen Oreo-Keksen. Meine Logik dazu: Wenn man einen Smores ist und anschließend einen Reverse Smores, kann das ganze ja gar keine Kalorien haben! Die Waage habe ich am nächsten Tag lieber doch nicht dazu befragt.

Elktastisch!

Eine ganze Weile schon nehme ich auf alle meine Streifzuege meine schwere Kamera mit – es koennte mir ja wieder eine Eule ueber den Weg flattern. Leider ist das bis jetzt noch nicht geschehen. Aber ausgezahlt hat es sich trotzdem bereits! Am Rande des Highways erspaehten Tyrel und ich einen Sprung Elk.

Elk steht im amerikanischen Englisch nicht etwa fuer Elch, sondern fuer Hirsche. So dachte ich zumindest bis ich eben nochmal sicher ging und es gegoogelt habe. In Wirklichkeit handelt es sich bei den Vertretern der Gattung Edelhirsche um Wapitis. Die sind um einiges groesser und schwerer als die Bambis, die in Europa anzutreffen sind. Laut Wikipedia erreichen sie eine Schuterhoehe von bis zu 1,5 Metern und ein Gewicht bis zu 450 Kilogramm.

Mit Freunden bin ich die Tage auch auf dem Lake Laberge spazieren gewesen. Es hatte den Tag vorher ordentlich geschneit und ein paar Fissel waren immer noch in der Luft. Das hatte zur Folge, dass die Berge im Hintergrund einfach nicht mehr zu sehen waren und der zugeschneite See farblich mit dem weissen Himmel verschmolz. In einem kleinen Schieferberg am Ufer war der Abdruck eines Ammoniten zu sehen. So jung ist das Land dann doch nicht, auch wenn Kanada dieses Jahr erst den 150ten Geburtstag feiert. Aber wenn man es genau nimmt, wird die Bundesrepublik dieses Jahr auch erst 68!

Beim Durchsehen meiner Bilder fand ich uebrigens, dass die Sperbereule trotz Handykamera soooo schlecht auch nicht getroffen wurde. Man kann erahnen, dass es sich um etwas Euliges handeln sollte. Also moechte ich es euch nicht vorenthalten. 🙂

Eule mit Weule

Die Schatten hinter Bäumen werden kürzer, die Tage heller und die Eichhörnchen lauter. Auch wenn das Thermometer seit einer Woche morgendlich höchstens -30 Grad anzeigt, scheint es hier sowas wie Frühling zu werden. Tyrel und ich gingen einen neuen Weg erkunden und erneut wurde eine schöne Wanderung durch eine Eulensichtung gekrönt. Dieses Mal habe ich keine great horned owl gesehen, sondern eine hawk owl, zu deutsch Sperbereule.

Wieder war ich mächtig beeindruckt, was Eulen doch für zauberhafte Kreaturen sind. Im Zoo waren sie mir etwas unheimlich, wenn sie mich mit ihrem durchdringenden Blick durch das Drahtgeflecht ansahen. Aber hier draußen in der wilden, weitläufigen Kälte? Hier erlebe ich es als sehr inspirierendes Ereignis. Der große Vogel könnte schließlich sonst wo hineulen, ich gehe auf einem winzigen Pfad in seinem Wohnzimmer spazieren. Und trotzdem gönnt er mir seine Aufmerksamkeit und starrt mich mit gelben Augen an. Dreht den Kopf wie R2D2 nach hinten und starrt mich wieder an. Nur um mir klar zu machen, dass Smartphone Kameras nicht für Tierbeobachtungen ausgelegt sind. So ein Mist.

Gestern Morgen lauschte ich ein wenig dem Ofen in der Dunkelheit. Bis sich ein weiteres Geräusch dazugesellte. Draußen, vor dem Trailer, singt eine great horned owl ihr hoo hohoo hoo. Im Zwielicht begegne ich den -31 Grad mit langer Unterhose, Pulli und Crocs über den nackten Füßen. Aber die Eule sehe ich nicht.

Zurück im angewärmten Bett überkommt mich eine Idee. Mir stehen eine Kamera und Spaziergänge zur Verfügung. Wie wäre es, wenn ich beides kombiniere und zu einem kleinem Hobby-Stalker der heimischen Fauna werde?

Gesägt, tun getan. Nach einem anständigen Fußmarsch ging und stellte ich mich dann auf die Lauer… Fürs legen lag mir dann doch zuviel Schnee herum. Nachdem meine Finger und einige Gesichtspartien von meinem Nervensystem als nicht mehr vorhanden gemeldet wurden, machte ich mich auf den Rückweg mit fetter Beute: Ich hatte doch glatt drei Bilder geschossen!!!

*hust*
Okay, ich kann mich bestimmt noch verbessern. Wäre ja auch frustrierend, wenn ich der geborene Ornithologe wäre und die ersten 29 Jahre davon keinen blassen Schimmer davon gehabt hätte, oder? Vielleicht gehe ich erstmal auf Jagd im Buchladen und schaue, ob ein Buch mit beschrifteten Piepmätzen vorrätig ist. Aber die Kamera will ich jetzt häufiger mitschleppen auf meine Erkundungstouren. Man kann ja nie wissen!

Bei einer unserer Wanderungen in einem uns noch unbekannten Gebiet hier in der Gegend sind Tyrel und ich auf eine Art kanadischen Zen-Garten gestoßen. Der Berg im Hintergrund hat wohl vor einiger Zeit mächtig gebröckelt und einige Findlinge hinterlassen. Bis jetzt ist dieser Berg mein liebster im Yukon. Ich mag ihn richtig gerne und würde ihn gerne mal besteigen (ja, ich weiß, die Frühlingsgefühle…). Dabei kannte ich noch nicht mal seinen Namen!

Nach einigen Recherchen stellte er sich heraus, dass er fieshafterweise überhaupt keinen richtigen Namen hat! Für meine Verhältnisse ist er groß und toll und schön und in Deutschland hätte jeder Gipfel bestimmt einen geschichtsträchtigen Namen. Hier heißt er einfach nur „Ibex Area Mountain“. Weil er irgendwo in der Nähe vom Ibex Mountain und dem Ibex River rumsteht. Das wird ihm nicht gerecht. Ich werde ihn Karrrsten nennen. Und wenn Tyrels Arbeitskollegin Bella in ein paar Wochen wieder zum Sommerjob aufschlägt, können wir Karrrsten vielleicht zusammen erzwingen (mein Wanderbuch sagt, das dauert neun Stunden! *keuch*).

Letzte Woche Samstag habe ich übrigens meinem ersten Konzert im Yukon beigewohnt und dann auch noch mit lokaler Musik! Claire Ness wurde in Whitehorse geboren und ist hier aufgewachsen. Ihre Musik ist eher im Bereich Country oder Folk einzuordnen, macht gute Laune und verleitet zum Träumen.

Der Vorband-Musiker war Fleetwood Holly, ein junger Mann aus Ostdeutschland (so wurde er angekündigt! Ist das nicht irre, dass die Kanadier da unterscheiden?), der jetzt auf einem Hausboot auf dem Yukon River bei Dawson City hier im Yukon wohnt und fleißig Musik macht.

Viele Wege führen nach Rom… Und noch viel mehr, viel buntere zum eigenen Glück. 🙂 Zum Beispiel auf den zugefrorenen Yukon-River zum Sonnenuntergang.

Die Jagd auf das Bison-Phantom

Der erste Tag von Tyrels Urlaub war gleichzeitig mein 29ter Geburtstag (was fuer ein Zufall, oder?). Einen Tag vorher habe ich im Supermarkt eine kleine Fertig-Sahnetorte von den leckeren Suessigkeiten Reese gesichtet. Wahrscheinlich muss ich nicht erwaehnen, dass sie schliesslich im Einkaufswagen gelandet ist.

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Reese’s Schoko-Sahnetorte, wartet noch sicher in ihrer Plastikhaube auf bessere Zeiten.

Am Vorabend meines Geburtstages lag diese Torte dann verfuehrerisch auf der Kuechenzeile herum. Wahrscheinlich bemerkte Tyrel den intensiven Augenkontakt, den sie mit mir suchte. Jedenfalls redete er mir gut zu, dass ja schliesslich durch die neun Stunden Zeitverschiebung in Deutschland schon mein Geburtstag sei. Erleichtert schnitt ich die Torte an und wir erlegten die Haelfte. Der zweite Teil wurde dann folgerichtig als kanadisches Geburtstagsfruehstueck verzehrt.

Dann ging es ab auf den Schiessstand. Mein Geburtstagsgewehr wollte schliesslich noch richtig ausgerichtet werden. Ein Zielfernrohr war eigentlich schon fertig eingestellt bei der gekauften Waffe dabei. Doch kann auch ich aus der Vergangenheit lernen. Und meine Vergangenheit fuehrte mich in die Zeit der technischen Fruehbesprechungen des letzten Produktionstages. Wenn im Arbeitsbericht vermerkt war, dass irgendein Teil dem Ruf der Schwerkraft gefolgt und einfach so abgefallen ist, kam mit 98%iger Sicherheit die Frage

„Wie waren die Schrauben gesichert?!“

Die Antwort, dass sie mit dem vorgeschriebenen Moment angezogen wurden, wurde nicht akzeptiert.

Da ich mir selbst gegenueber nicht Rede und Antwort stehen wollte, wie meine Schrauben gesichert wurden, falls mein Zielfernrohr auf eimal lose ist oder sogar abfaellt: Eine Schraubensicherung musste her!

Also wurden alle Schrauben herausgedreht und anschliessend mit Loctite, einem Klebstoff zur Schraubensicherung, versehen.

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Piff, Paff, Puff! Ich, eingemummelt, ziele mit meinem Gewehr am Schiessstand auf Zielscheiben.

Daraus resultierte dann aber, dass es wieder notwendig war, das Zielfernrohr auszurichten. Nach 20 Schuessen tat die Schulter ganz schoen weh aber das Ziel wurde getroffen. Tyrel legte noch zweimal nach mit der Premium-Bison-Munition und fertig war die Uebeungsstunde.

Den Rest des Tages verbrachten wir mit einem schoenen Spaziergang, dem Packen unserer Sachen fuer die Jagd, sowie dem Schlemmen von Tyrels Bannock, einer Art Indianerbrot.

Am naechsten Morgen klingelte der Wecker dann um 6 Uhr, damit wir puenktlich zu Sonnenaufgang an unserem Zielort, irgendwo zwischen Whitehorse und Carmacks, ankommen.

Jeder von uns zog einen geliehenen Schlitten, der mit Ausruestungsgegenstaenden gepackt war und hoffentlich etwas spaeter noch mit Bisonfleisch. Am Anfang war ich angenehm ueberrascht, wie leicht der Schlitten zu ziehen ist im Gegensatz zu einem ueberladenen Rucksack auf dem Ruecken. In den folgenden zwei Tagen und keine Ahnung wie vielen Kilometern fragte ich mich dann doch einige Male, warum ich das eigentlich mache. Die Antwort darauf war allerdings erschreckend einfach: Ich musste mich nur umsehen. So viel Schoenheit in der Natur. Weit weg von aller Zivilisation. Und bis auf die ein paar Tage alten Schneemobilspuren auch keine Zeichen von ihr.

Einerseits bin ich froh, dass vor ein paar Tagen Schneemobile hier entlanggefahren sind. Sie haben den Schnee verdichtet und man kann einigermassen darauf laufen. Wann immer wir den Weg verlassen, sinken wir knietief ein in die weisse Pracht.

Andererseits sehen wir die ganze Zeit, die wir hier verbringen, kein einziges Bison. Nur sehr, sehr alte Spuren einer kleinen Herde, die durchaus schon Monate alt sein koennen. Mit einem Schlitten kann man sich besser anschleichen als mit einem Schneemobil. Aber wenn die Schneemobile schon durch das Droehnen alle Bisons ins Hinterland verjagt haben, bringt einen das auch nicht viel weiter.

Doch die Landschaft entschaedigt fuer alles. Selbst als der Wind so stark ueber den Huegelkamm pfeift, dass sich der Schnee jeden entbloessten Hautfetzen beisst, muss ich das Schauspiel bewundern. Auf den Bildern sieht es auch gar nicht mehr so kalt und windig aus, wie es mal war, sondern eher fluffig.

Neben der spektakulaeren Landschaft haben wir sogar das Glueck, die heimische Tierwelt zu beobachten. Gleich zwei Elche sehen wir am ersten Tag und einen weiteren am zweiten. Sie scheinen zu wissen, dass die Elchjagd nur von August bis Oktober erlaubt ist und gucken uns unglaeubig an, bevor sie schnell um die Ecke duesen.

Mehr Fotoglueck hatte ich mit einem Schneehasen. Anscheinend hatte der noch nie etwas vom Kinderlied „Haeschen in der Grube“ gehoert und hat die beiden Schlittenjaeger fuer einige Minuten aus der Maennchenposition aufmerksam beobachtet. Hasen duerfen zur Zeit gejagt werden. Aber wir hatten nur Waffen fuer Grosswild mitgenommen und begnuegten uns, Hasi mit unseren Handykameras abzuschiessen.

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Der weisse Schneehasi ist zwar gut getarnt im ganzen Schnee. Aber vorsichtig geht anders. Er macht Maennchen und lauscht ganz aufmerksam, was wir so machen.

Am spaeten Nachmittag haben wir dann unser Lager aufgeschlagen. Erst hiess es Schnee wegschaufeln und platttrampeln. Danach wurde eine Plane gespannt, zum Teil auf dem Boden als Unterlage und zum anderen Teil als Wand und Dach falls es anfaengt zu schneien. Sobald die Plane ausgelegt ist, schnell den Schlafsack aufschuetteln, damit die Daunen flauschig werden und einen spaeter auch schoen waermen koennen. Feuerholz mochte auch noch gesammelt werden. Zum Glueck stehen ausreichend tote Baeume in der Gegend rum, hier raeumt halt keiner auf. 🙂

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Der Schlafsack liegt schon in der Planenunterkunft. Zum Kopfende wird eine Feuerstelle entstehen. Einen guten Stapel toter Baeume habe ich schon herangeschleppt.

Schliesslich wird das Licht immer weniger und der Hunger immer groesser. Beste Zeit, ein Feuerchen zu starten. Am besten eignen sich dafuer duenne, trockene Fichtenzweige, die mit einer fasrigen Flechte behangen sind, die hier old man’s beard genannt wird (Altherrenbart zu deutsch). Leider sind solche Zweige in der Naehe nicht zu finden. Daher schnitze ich mit einer Axt von einem gespaltenen Stueck Holz an den Seiten Holzspaene, bis das Ganze aussieht wie eine Holzfeder.

Bei unserem letzten Campingausflug habe ich nach unserer Rueckkehr den Topf fast wegschmeissen wollen. Das duennwandige Material hat die Kaesemacaroni schoen anbrennen lassen. Fuer dieses Mal habe ich mich daher fuer ein anderes Kochkonzept entschieden: Freezerbag Cooking! Also kochen im Gefrierbeutel. Vor Tourbeginn fuellt man einen wiederverschliessbaren Gefrierbeutel mit getrockneten Zutaten, zu denen man im Camp nur noch kochendes Wasser hinzufuegen muss. Kurz warten, fertig. Kein Abwasch ist noetig, man kann gleich aus dem Beutel essen und den Rest des kochenden Wassers gleich noch in die Thermoskanne fuellen.

Zum Abendessen gab es also Spezialkartoffelbrei aus dem Gefrierbeutel. Man nehme getrocknete Kartoffelflocken, Milchpulver, etwas Schmalz, Pfeffer und Salz, braunen Zucker und Senfpulver. Um die Konsistenz noch interessanter zu machen, habe ich noch stuffing hinzugefuegt. Das sind getrocknete, gewuerzte Brotwuerfel, mit denen man hierzulande gerne einen Truthahn zu Thanksgiving ausstopft, bevor er in den Ofen wandert.

Noch zu Hause habe ich einige Zusammenstellungen aus dem Gefrierbeutel ausprobiert. Besonders gut eignet sich Kartoffelbrei, 5 Minuten Reis (anscheinend schon vorgekocht und dann getrocknet), Couscous und gespaltene Linsen. Viel guenstiger als gekaufte Campinggerichte und man weiss ausserdem, was drin ist.

Nach einer langen, dunklen Nacht meldet sich am Morgen als erstes die Blase. Der Schlafsack hat trotz den -7 Grad ganze Arbeit geleistet und man ist kuschlig warm… kann es nur nicht geniessen, weil der unangenehme Teil unausweichlich bevorsteht. Warum ist die Plane eigentlich so kuschlig an mich herangerueckt? Ein Blick auf die Feuerstelle verraet den Grund: In der Nacht hat es ein bisschen geschneit.

Doch auch wenn ich raus aus dem Schlafsack muss: Die Umgebung entschaedigt mich umgehend dafuer mit einem wunderschoenen Sonnenaufgang im Nirgendwo.

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Die Sonne ist noch nicht ganz ueber die Berge geklettert. Dennoch leuchtet sie die Wolken orange-rot an und taucht alles in ein wunderschoenes Licht.

Befluegelt von Mutter Natur versuche ich gleich, den naechsten Outdoor-Tipp umzusetzen, den ich gelesen habe: Zusammengedrueckte Schneebaelle sollen sich hervorragend als Klopapier nach dem morgendlichen Faekalienabwurf eignen. Fazit: Zuerst wird die Rosette taub, dann die Finger. Wer soll das denn bitte unter Kontrolle haben?! Da lob ich mir den Zellstoff.

Unseren zweiten Tag verbringen wir weiterhin mit durch-die-Gegend-Stapfen. Auf dem Schneemobilpfad mit Schlitten, zum Spaehen im knietiefen Schnee. Wenn ich vom Schlitten ziehen muede werde, stelle ich mir vor, ich sei ein kleines, hochmotiviertes Yak. Keine Ahnung warum, aber die Vorstellung hilft. Die ziehen doch gerne Schlitten, oder?

Am spaeten Nachmittag des zweiten Tages  beschliessen wir, das Lager abzubrechen und nach Hause zu fahren. Wenn wir jetzt noch ein Bison sehen wuerden, haetten wir keine Zeit mehr, es zu zerlegen und nach Hause zu bringen, bevor Tyrel wieder arbeiten muss. Ausserdem hat Tyrel mir gesagt, dass wir doch morgen in die Stadt fahren um einen schoenen saftigen Burger zu geniessen. Ich fuerchte, das war das ueberzeugende Argument. Nach einigen Stunden haben wir alles zusammengepackt und sind mit den Schlitten am Truck angelangt, um die Heimreise anzutreten.

Als wir an dem Oertchen Braeburn vorbeifahren, ist es schon ca. 20 Uhr. Tyrel fragt mich, ob ich am Truckstop halten moechte. Immerhin ist der Ort fuer seine Zimtschnecken bekannt. Nein danke, sage ich. Schon verlockend aber wir wollen doch nach Hause… Tyrel setzt den Blinker und wir halten vor dem Truckstop. Anscheinend sind meine Englischkenntnisse immer noch nicht die besten. Oder sein Gehirn kann das Wort Nein nicht ausreichend verarbeiten.

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Die riesige Zimtschnecke ist mehr als 20 cm im Durchmesser und mit Zuckerguss verziert! Wer kann da widerstehen?

Jedenfalls steigen wir nach kurzer Zeit wieder in den Truck, mit zwei $10 Zimtschneckchen. Eine essen wir auf der Fahrt, die naechste gibt es den naechsten Morgen zum Fruehstueck, bevor wir uns aufmachen in Richtung Stadt. Erst baden wir in den heissen Quellen und anschliessend gibt es meinen Motivationsburger. Besser gehts nicht!

Ein paar Mal habe ich mich auf der Tour gefragt, warum ich das eigentlich mache. Aber ich koennte schon wieder. 🙂

Unschoenster Moment: Raus aus dem muckeligen Schlafsack, rein in die steifgefrorenen Socken.

Schoenster Moment: Elche aus der Naehe, Sonnenaufgang und die himmlische Stille.

Wiederholungsgefahr: Sehr hoch!

 

Uebrigens: Heute ist der Starttag des Yukon Quest, dem haertesten Hundeschlittenrennen der Welt. 1600 Kilometer fuehren die Musher von Whitehorse nach Fairbanks in Alaska. Auf dem Weg in die Stadt haben wir kurz am Takhini River gehalten und konnten die ersten beiden Starter mit ihren Hundeteams auf ihrem Weg nach Alaska bewundern!