Landschaft

Atlin Arts and Music Festival

Durch einen Todesfall in der Familie ihres Freundes verging meiner Arbeitskollegin die Lust auf die Teilnahme am Atlin Arts and Music Festival (kurz AAMF). Kurzerhand kaufte ich also ihre Karten ab und machte mich mit Richard auf den Weg nach Atlin.

Atlin ist eine kleine Ortschaft, die ca. 2 Fahrtstunden und knapp 200 km von Whitehorse entfernt ist. Besonders an Atlin ist, dass es nur eine Zufahrtsstrasse aus dem Yukon besitzt, aber in der Provinz British Columbia (kurz BC, Hauptstadt ist Vancouver) liegt. Ca. 400 Leute wohnen das ganze Jahr ueber in Atlin, allerdings gibt es keinen Buergermeister, keine regionale Verwaltung oder sonst was. Alles, was es gibt, ist der riesige See Atlin Lake, der von wunderschoenen Bergen umgeben ist und von Gletschern gespeist wird. Und einmal jaehrlich ein Musik- und Kunstfestival.

Atlin bei Sonnenschein ist wirklich zauberhaft. Jedoch hatten wir nur Samstag dieses Privileg, Freitag und Sonntag goss es unentwegt. Aber das war schon okay so, immerhin war man da auch mit An- und Abreise beschaeftigt.

Anders als die Metal- und Gothicfestivals, bei denen ich in Deutschland Stammkunde war, ist das AAMF sehr familienorientiert. Es gab einen riesigen Sandhaufen auf dem Festivalgelaende und viele Aktivitaeten fuer die Kleinen. Auch das Kuenstlerische ist nicht zu unterschaetzen. Im kleinen oertlichen Kinosaal gab es reichlich Vorstellungen, die man sich als Festivalbesucher ansehen konnte. Zwei Kurzfilme, die im Yukon produziert wurden, gefielen mir ganz gut aber der Film Manifesto mit Cate Blanchett war so erzwungen kuenstlerisch und nervig, dass ich erst dreimal wegnickte und dann doch lieber den Saal verliess.

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Beverly Gray referiert auf einer Wiese ueber yarrow, zu deutsch Schafgarbe.

Von den kuenstlerischen Angeboten besuchten wir zum einen eine Lehrstunde fuer nordindische Taenze, sogenannten Bhangra, bei Gurdeep, mit dem wir uns spaeter noch anfreundeten. Zum anderen gingen wir mit der Kraeuterfrau und Autorin aus Whitehorse, Beverly Gray, auf einen einstuendigen Kraeuterspaziergang. Schwerpunkte waren die Heilwirkungen von dandelion (Loewenzahn), plantain (Wegerich) und yarrow (Schafgarbe). Hoechst interessant und wert, sich mehr damit zu beschaeftigen. Ihr Buch habe ich jedenfalls schon laenger bei mir zu Hause und es hat mir maechtig geholfen mit meinen Blasenentzuendungen.

Festivalstimmung, so wie ich es kannte, kam bei mir jedoch nicht so recht auf. Ein Grund dafuer war mit Sicherheit, dass man zum Verzehr von Alkohol in einen abgesperrten Bereich gehen musste und die Buehne durch einen hohen Zaun aus der letzten Reihe betrachten konnte. Aber davon ab waren die meisten Musiker auch nicht so gut, dass sie mich vom Hocker gerissen haetten. Eine Ausnahme gab es gluecklicherweise doch! Ich kam in den Genuss die Musik von Ben Caplan kennenzulernen!

Hier der Youtube Link zu einem seiner Lieder!

Alles in allem hatte ich trotz der unterschiedlichen Auffassungen von Festivals eine gute Zeit. Neben Ben Caplan hatten meine Freunde Bella und Richard, sowie der indische Tanzlehrer Gurdeep daran einen erheblichen Anteil. Und Atlin selbst ist wirklich wunderschoen und definitiv nochmal einen Besuch wert, wenn die Besucherscharen alle ausgeflogen sind!

Vor allem, als ich Samstag Nacht zum Zelt zurueckging, erwischte ich eine wunderschoene Stimmung am Hafen von Atlin. Dank Mondschein und Mitternachtsdaemmerung konnte ich auch um 00:30 h noch Bilder ohne Blitz nur mit meinem Smartphone aufnehmen.

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Im stillen See spiegeln sich die Berge, auf denen auch im Hochsommer etwas Schnee liegt.

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Ein paar Boote liegen malerisch im Hafen und werden vom Mond daemmerig beleuchtet.

Nicht zum Festival gehoerig aber was ich trotzdem noch loswerden muss:

Heute morgen habe ich wieder ein Auto gesehen, welches in die Kategorie „Ein Leben ohne deutschen TUEV“ gehoert!

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Anscheinend ist der Fahrzeugfuehrer Tischler und nicht Glaser. Die Fenster zum Kofferraum dieses Kombos (oder Vans?) sind mit solidem Holz vernagelt worden.

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Die Jagd auf das Bison-Phantom

Der erste Tag von Tyrels Urlaub war gleichzeitig mein 29ter Geburtstag (was fuer ein Zufall, oder?). Einen Tag vorher habe ich im Supermarkt eine kleine Fertig-Sahnetorte von den leckeren Suessigkeiten Reese gesichtet. Wahrscheinlich muss ich nicht erwaehnen, dass sie schliesslich im Einkaufswagen gelandet ist.

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Reese’s Schoko-Sahnetorte, wartet noch sicher in ihrer Plastikhaube auf bessere Zeiten.

Am Vorabend meines Geburtstages lag diese Torte dann verfuehrerisch auf der Kuechenzeile herum. Wahrscheinlich bemerkte Tyrel den intensiven Augenkontakt, den sie mit mir suchte. Jedenfalls redete er mir gut zu, dass ja schliesslich durch die neun Stunden Zeitverschiebung in Deutschland schon mein Geburtstag sei. Erleichtert schnitt ich die Torte an und wir erlegten die Haelfte. Der zweite Teil wurde dann folgerichtig als kanadisches Geburtstagsfruehstueck verzehrt.

Dann ging es ab auf den Schiessstand. Mein Geburtstagsgewehr wollte schliesslich noch richtig ausgerichtet werden. Ein Zielfernrohr war eigentlich schon fertig eingestellt bei der gekauften Waffe dabei. Doch kann auch ich aus der Vergangenheit lernen. Und meine Vergangenheit fuehrte mich in die Zeit der technischen Fruehbesprechungen des letzten Produktionstages. Wenn im Arbeitsbericht vermerkt war, dass irgendein Teil dem Ruf der Schwerkraft gefolgt und einfach so abgefallen ist, kam mit 98%iger Sicherheit die Frage

„Wie waren die Schrauben gesichert?!“

Die Antwort, dass sie mit dem vorgeschriebenen Moment angezogen wurden, wurde nicht akzeptiert.

Da ich mir selbst gegenueber nicht Rede und Antwort stehen wollte, wie meine Schrauben gesichert wurden, falls mein Zielfernrohr auf eimal lose ist oder sogar abfaellt: Eine Schraubensicherung musste her!

Also wurden alle Schrauben herausgedreht und anschliessend mit Loctite, einem Klebstoff zur Schraubensicherung, versehen.

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Piff, Paff, Puff! Ich, eingemummelt, ziele mit meinem Gewehr am Schiessstand auf Zielscheiben.

Daraus resultierte dann aber, dass es wieder notwendig war, das Zielfernrohr auszurichten. Nach 20 Schuessen tat die Schulter ganz schoen weh aber das Ziel wurde getroffen. Tyrel legte noch zweimal nach mit der Premium-Bison-Munition und fertig war die Uebeungsstunde.

Den Rest des Tages verbrachten wir mit einem schoenen Spaziergang, dem Packen unserer Sachen fuer die Jagd, sowie dem Schlemmen von Tyrels Bannock, einer Art Indianerbrot.

Am naechsten Morgen klingelte der Wecker dann um 6 Uhr, damit wir puenktlich zu Sonnenaufgang an unserem Zielort, irgendwo zwischen Whitehorse und Carmacks, ankommen.

Jeder von uns zog einen geliehenen Schlitten, der mit Ausruestungsgegenstaenden gepackt war und hoffentlich etwas spaeter noch mit Bisonfleisch. Am Anfang war ich angenehm ueberrascht, wie leicht der Schlitten zu ziehen ist im Gegensatz zu einem ueberladenen Rucksack auf dem Ruecken. In den folgenden zwei Tagen und keine Ahnung wie vielen Kilometern fragte ich mich dann doch einige Male, warum ich das eigentlich mache. Die Antwort darauf war allerdings erschreckend einfach: Ich musste mich nur umsehen. So viel Schoenheit in der Natur. Weit weg von aller Zivilisation. Und bis auf die ein paar Tage alten Schneemobilspuren auch keine Zeichen von ihr.

Einerseits bin ich froh, dass vor ein paar Tagen Schneemobile hier entlanggefahren sind. Sie haben den Schnee verdichtet und man kann einigermassen darauf laufen. Wann immer wir den Weg verlassen, sinken wir knietief ein in die weisse Pracht.

Andererseits sehen wir die ganze Zeit, die wir hier verbringen, kein einziges Bison. Nur sehr, sehr alte Spuren einer kleinen Herde, die durchaus schon Monate alt sein koennen. Mit einem Schlitten kann man sich besser anschleichen als mit einem Schneemobil. Aber wenn die Schneemobile schon durch das Droehnen alle Bisons ins Hinterland verjagt haben, bringt einen das auch nicht viel weiter.

Doch die Landschaft entschaedigt fuer alles. Selbst als der Wind so stark ueber den Huegelkamm pfeift, dass sich der Schnee jeden entbloessten Hautfetzen beisst, muss ich das Schauspiel bewundern. Auf den Bildern sieht es auch gar nicht mehr so kalt und windig aus, wie es mal war, sondern eher fluffig.

Neben der spektakulaeren Landschaft haben wir sogar das Glueck, die heimische Tierwelt zu beobachten. Gleich zwei Elche sehen wir am ersten Tag und einen weiteren am zweiten. Sie scheinen zu wissen, dass die Elchjagd nur von August bis Oktober erlaubt ist und gucken uns unglaeubig an, bevor sie schnell um die Ecke duesen.

Mehr Fotoglueck hatte ich mit einem Schneehasen. Anscheinend hatte der noch nie etwas vom Kinderlied „Haeschen in der Grube“ gehoert und hat die beiden Schlittenjaeger fuer einige Minuten aus der Maennchenposition aufmerksam beobachtet. Hasen duerfen zur Zeit gejagt werden. Aber wir hatten nur Waffen fuer Grosswild mitgenommen und begnuegten uns, Hasi mit unseren Handykameras abzuschiessen.

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Der weisse Schneehasi ist zwar gut getarnt im ganzen Schnee. Aber vorsichtig geht anders. Er macht Maennchen und lauscht ganz aufmerksam, was wir so machen.

Am spaeten Nachmittag haben wir dann unser Lager aufgeschlagen. Erst hiess es Schnee wegschaufeln und platttrampeln. Danach wurde eine Plane gespannt, zum Teil auf dem Boden als Unterlage und zum anderen Teil als Wand und Dach falls es anfaengt zu schneien. Sobald die Plane ausgelegt ist, schnell den Schlafsack aufschuetteln, damit die Daunen flauschig werden und einen spaeter auch schoen waermen koennen. Feuerholz mochte auch noch gesammelt werden. Zum Glueck stehen ausreichend tote Baeume in der Gegend rum, hier raeumt halt keiner auf. 🙂

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Der Schlafsack liegt schon in der Planenunterkunft. Zum Kopfende wird eine Feuerstelle entstehen. Einen guten Stapel toter Baeume habe ich schon herangeschleppt.

Schliesslich wird das Licht immer weniger und der Hunger immer groesser. Beste Zeit, ein Feuerchen zu starten. Am besten eignen sich dafuer duenne, trockene Fichtenzweige, die mit einer fasrigen Flechte behangen sind, die hier old man’s beard genannt wird (Altherrenbart zu deutsch). Leider sind solche Zweige in der Naehe nicht zu finden. Daher schnitze ich mit einer Axt von einem gespaltenen Stueck Holz an den Seiten Holzspaene, bis das Ganze aussieht wie eine Holzfeder.

Bei unserem letzten Campingausflug habe ich nach unserer Rueckkehr den Topf fast wegschmeissen wollen. Das duennwandige Material hat die Kaesemacaroni schoen anbrennen lassen. Fuer dieses Mal habe ich mich daher fuer ein anderes Kochkonzept entschieden: Freezerbag Cooking! Also kochen im Gefrierbeutel. Vor Tourbeginn fuellt man einen wiederverschliessbaren Gefrierbeutel mit getrockneten Zutaten, zu denen man im Camp nur noch kochendes Wasser hinzufuegen muss. Kurz warten, fertig. Kein Abwasch ist noetig, man kann gleich aus dem Beutel essen und den Rest des kochenden Wassers gleich noch in die Thermoskanne fuellen.

Zum Abendessen gab es also Spezialkartoffelbrei aus dem Gefrierbeutel. Man nehme getrocknete Kartoffelflocken, Milchpulver, etwas Schmalz, Pfeffer und Salz, braunen Zucker und Senfpulver. Um die Konsistenz noch interessanter zu machen, habe ich noch stuffing hinzugefuegt. Das sind getrocknete, gewuerzte Brotwuerfel, mit denen man hierzulande gerne einen Truthahn zu Thanksgiving ausstopft, bevor er in den Ofen wandert.

Noch zu Hause habe ich einige Zusammenstellungen aus dem Gefrierbeutel ausprobiert. Besonders gut eignet sich Kartoffelbrei, 5 Minuten Reis (anscheinend schon vorgekocht und dann getrocknet), Couscous und gespaltene Linsen. Viel guenstiger als gekaufte Campinggerichte und man weiss ausserdem, was drin ist.

Nach einer langen, dunklen Nacht meldet sich am Morgen als erstes die Blase. Der Schlafsack hat trotz den -7 Grad ganze Arbeit geleistet und man ist kuschlig warm… kann es nur nicht geniessen, weil der unangenehme Teil unausweichlich bevorsteht. Warum ist die Plane eigentlich so kuschlig an mich herangerueckt? Ein Blick auf die Feuerstelle verraet den Grund: In der Nacht hat es ein bisschen geschneit.

Doch auch wenn ich raus aus dem Schlafsack muss: Die Umgebung entschaedigt mich umgehend dafuer mit einem wunderschoenen Sonnenaufgang im Nirgendwo.

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Die Sonne ist noch nicht ganz ueber die Berge geklettert. Dennoch leuchtet sie die Wolken orange-rot an und taucht alles in ein wunderschoenes Licht.

Befluegelt von Mutter Natur versuche ich gleich, den naechsten Outdoor-Tipp umzusetzen, den ich gelesen habe: Zusammengedrueckte Schneebaelle sollen sich hervorragend als Klopapier nach dem morgendlichen Faekalienabwurf eignen. Fazit: Zuerst wird die Rosette taub, dann die Finger. Wer soll das denn bitte unter Kontrolle haben?! Da lob ich mir den Zellstoff.

Unseren zweiten Tag verbringen wir weiterhin mit durch-die-Gegend-Stapfen. Auf dem Schneemobilpfad mit Schlitten, zum Spaehen im knietiefen Schnee. Wenn ich vom Schlitten ziehen muede werde, stelle ich mir vor, ich sei ein kleines, hochmotiviertes Yak. Keine Ahnung warum, aber die Vorstellung hilft. Die ziehen doch gerne Schlitten, oder?

Am spaeten Nachmittag des zweiten Tages  beschliessen wir, das Lager abzubrechen und nach Hause zu fahren. Wenn wir jetzt noch ein Bison sehen wuerden, haetten wir keine Zeit mehr, es zu zerlegen und nach Hause zu bringen, bevor Tyrel wieder arbeiten muss. Ausserdem hat Tyrel mir gesagt, dass wir doch morgen in die Stadt fahren um einen schoenen saftigen Burger zu geniessen. Ich fuerchte, das war das ueberzeugende Argument. Nach einigen Stunden haben wir alles zusammengepackt und sind mit den Schlitten am Truck angelangt, um die Heimreise anzutreten.

Als wir an dem Oertchen Braeburn vorbeifahren, ist es schon ca. 20 Uhr. Tyrel fragt mich, ob ich am Truckstop halten moechte. Immerhin ist der Ort fuer seine Zimtschnecken bekannt. Nein danke, sage ich. Schon verlockend aber wir wollen doch nach Hause… Tyrel setzt den Blinker und wir halten vor dem Truckstop. Anscheinend sind meine Englischkenntnisse immer noch nicht die besten. Oder sein Gehirn kann das Wort Nein nicht ausreichend verarbeiten.

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Die riesige Zimtschnecke ist mehr als 20 cm im Durchmesser und mit Zuckerguss verziert! Wer kann da widerstehen?

Jedenfalls steigen wir nach kurzer Zeit wieder in den Truck, mit zwei $10 Zimtschneckchen. Eine essen wir auf der Fahrt, die naechste gibt es den naechsten Morgen zum Fruehstueck, bevor wir uns aufmachen in Richtung Stadt. Erst baden wir in den heissen Quellen und anschliessend gibt es meinen Motivationsburger. Besser gehts nicht!

Ein paar Mal habe ich mich auf der Tour gefragt, warum ich das eigentlich mache. Aber ich koennte schon wieder. 🙂

Unschoenster Moment: Raus aus dem muckeligen Schlafsack, rein in die steifgefrorenen Socken.

Schoenster Moment: Elche aus der Naehe, Sonnenaufgang und die himmlische Stille.

Wiederholungsgefahr: Sehr hoch!

 

Uebrigens: Heute ist der Starttag des Yukon Quest, dem haertesten Hundeschlittenrennen der Welt. 1600 Kilometer fuehren die Musher von Whitehorse nach Fairbanks in Alaska. Auf dem Weg in die Stadt haben wir kurz am Takhini River gehalten und konnten die ersten beiden Starter mit ihren Hundeteams auf ihrem Weg nach Alaska bewundern!

 

 

Zwischen den Jahren

Weihnachten ist um. Ganz ohne Lametta und Geschenke haben wir es uns dieses Jahr gemütlich gemacht.

Traditionell wird Weihnachten in Kanada am 25.12. gefeiert. Der heilige Abend ist gefüllt mit Vorfreude aber das wars dann auch. Kurz vor den Feiertagen verspürte ich aber doch den Wunsch, Heiligabend nicht einfach unter den Tisch fallen zu lassen.

„Ich möchte am Abend des 24.12. gerne was Schönes, Besonderes machen.“ Sage ich also zu Tyrel. Und er hat auch gleich die Lösung „Ja, super! Wir erschießen was!“ So hat wohl jeder eine etwas andere Vorstellung von einem schönen, heiligen Abend. Aber wir konnten uns einigen: Es gab ein Lagerfeuer bei -20 Grad, dazu Wurst am Stiel, Kartoffelsalat und (leider nicht glutenfreies) Bier.

Am Heilignachmittag hatten wir noch einen Spaziergang gemacht auf den Gipfel unseres Hausberges. Doch die Hühnchen waren schneller als wir, die Gewehre hatten wir umsonst mitgebracht. Dafür habe ich die wunderschöne Winterlandschaft geschossen, die sich zu unseren Füßen in unendlicher Weite ausrollte.

Am nächsten Tag ging es dann zu unserem Freund James, der einen Braten bereitet hatte. Fuchs Louie ließ sich leider nicht blicken, freute sich aber mit Sicherheit über die Fettreste, in die der Braten eingewickelt war.

Das Schönste an Weihnachten ist dieses Jahr aber wohl, dass die Tage wieder länger werden. Aber bis das merklich soweit ist, genieße ich das besondere Licht der Dämmerung. Egal wo ich bin, wenn ich mich umdrehe ist mit Sicherheit ein Postkartenmotiv zu sehen.

Vor zwei Tagen bin ich mit meinem Rad die 35 Minuten zum Yukon River gefahren. Mit nur -20 Grad erschien es mir relativ warm, sodass ich meine dünne Mütze aufsetzte. Schließlich bewege ich mich und will nicht so stark schwitzen, das macht nämlich richtig kalt, wenn man erstmal nass ist.

Ca. 15 Meter vom Ufer entfernt hat Tyrel vor zwei Wochen ein Loch ins Eis gehackt, um die Dicke zu prüfen. Mit gut 20 cm kann man ohne Sorge eine LKW-Kolonne drüberfahren. In das zufrierende Eis steckte er noch einen Stock zur Markierung. Und genau bis zu diesem Stock traue ich mich dann auch alleine zu gehen.

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Mein gut gebautes Rad lehnt an den Stock im Yukon River.

Als ich dann etwas auf und ab ging, knackt es auf einmal heftig unter mir und ich spüre Vibrationen durch meine Gummistiefel. Gut, dass ich eben nochmal auf dem Klo war, schießt mir durch den Kopf. Ansonsten hätte ich mit einem Taschenwärmer im Schlüpper nach Hause fahren können.

Aber irgendwie ist noch nichts Lebensbedrohliches passiert. Die Eisdecke ist heil und unversehrt. Bis jetzt hat mich auch noch kein Hai attackiert. Die sind ja schließlich überall, wenn man Filmemachern Glauben schenken kann. Also bewege ich mich in Zeitlupe zu meinem Fahrrad. Schließlich hat es zwei Rettungsringe dabei. Auf Lenker und Sattel gestützt schiebe ich mich ans rettende Ufer… Nur um später von Tyrel zu erfahren, dass das ein ganz normales Verhalten einer gesunden Eisdecke war. Es knackt halt manchmal. Mir war es trotzdem genug Adrenalin für den Tag und ich fuhr nach Hause.

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Trotz dem nicht zu kalten Wetter mit -20 Grad war mein Gesicht dann doch recht eingefroren. Die Überraschung kam, als ich im Trailer wieder aufgetaut bin: Mein linkes Ohrläppchen war rot, angeschwollen und tat weh. Oh Oh, meine erste Frostbeule? Zum Glück habe ich mir nichts erfroren, sonst hätte sich mittlerweile lila-schwarze Blasen gebildet. Was sagt uns das? Warme Mütze auch bei -20 Grad tragen. Die geht zum Glück auch über die Ohrläppchen!

Tyrel hat sich hier schon alle Finger und seine Nase erfroren. Über kurz oder lang gehört das wohl dazu. Nur hat er mir gegenüber einen evolutionären Vorteil: Seine Ohrläppchen sind angewachsen und nicht freihängend wie meine! Im Biologieunterricht wurden die unterschiedlichen Ohrläppchen-Typen genau wie das Merkmal Zungenroller oder Zungen-nicht-roller erklärt. Lustig, die Vererbung und Genetik daran zu demonstrieren aber irgendwie sinnlos. Mitnichten. Was nicht rumhängt, kann nicht abfrieren!! Zum Glück muss ich mir keine Gedanken um meine Fortpflanzungsorgane machen!

Silvester heißt hier nicht Silvester, sondern New Year’s Eve. Also Neujahrabend. Macht ja auch Sinn, wenn man da an Heiligabend denkt. Wir sind eingeladen von Tyrels Arbeitgeber, der da immer die Mitarbeiterfeier abhält. Alle Mitarbeiter mit Begleitung in ein Steakhaus und essen und trinken auf Firmenkosten. Da hier Lebensmittel und vor allem Alkohol viel teurer als in Deutschland sind, ist das eine sehr noble Geste. Attacke, ich fang schon mal an zu fasten! 😀

Bike Pride

Eins vorneweg: Alle Fahrradtypen sind wunderschön und sollten gefeiert werden.
Doch ich habe mich verliebt in den sinnlichsten Typen. Seitdem steht für mich fest: Echte Räder haben Kurven.

Der Name ist diskriminierend und sollte boykottiert werden. Ja, ich habe mir ein Fatbike gekauft. Aber es ist nur stabil gebaut und hat halt schwere Speichen. Gegen diese Rundungen kann kein ultraleichtes Rennrad ankommen.

In Deutschland habe ich hin und wieder ein Fatbike gesehen und mich gefragt, welcher Ingenieur denn bitte freiwillig ein völlig ineffizientes Fahrrad entwickelt, was genauso sinnvoll ist wie ein Monstertruck in den 90er Jahren. Nur dass man mit dem Fahrrad noch keine Stadien füllen kann um durch brennende Reifen zu fahren oder über 5 LKW zu springen.
Das war genauso so lange meine Meinung, bis ich eins probegefahren bin. Über Eis und einer Mischung aus tiefem und festgefahrenem Schnee mit einigen Bordsteinen versetzt. Und ich bin so gefahren als wäre das normaler Asphalt.
In einer Welt, auf der ein gutes halbes Jahr lang Schnee liegt, ist das verdammt nützlich! Mit meinem deutschen Trekkingrad bin ich auch im Winter gefahren. Das ging immer so lange gut, bis ein Flatschen Eisschnee auf dem Weg lag. Dann hieß es Schneckentempo und festhalten. Oft genug sprang das Vorderrad aber hin und her, sodass ich schieben musste um nicht zu fliegen.
Dem Fatbike ist alles egal. Mit den 100 mm breiten Felgen walzt es einfach alles platt und gräbt sich weder in Sand noch Schnee ein. Wer mal versucht hat, mit dem Rad die Nachbarskinder auf dem Spielplatzsand zu beeindrucken, weiß, dass das normalerweise eine mühselige Angelegenheit ist.

Jetzt fahre bzw. schiebe ich mich und das Rad jeden Tag zum Ende der Straße hoch. Das dauert je nach Verfassung 35 bis 45 Minuten. Der Rückweg ist mit drei Minuten ohne Treten deutlich angenehmer und die kleine Belohnung. Durch die anhaltenden Temperaturen letzter Woche von -30 bis -35 °C wuchs mir auch zuverlässig ein lieblicher SchwEISsschnurrbart. Besser geht es nicht! Die folgenden Bilder dokumentieren meinen Bartwuchs, chronologisch geordnet von -30 bis -35 Grad.

Meist versuche ich, gegen Sonnenaufgang meine Tour zu machen. Das manchmal goldene, manchmal rosa oder orange Licht der Sonne zu dieser Jahreszeit ist wirklich einzigartig.

Mittlerweile ist ein starker Suedwind aufgezogen und es sind sommerliche -5 Grad Celsius geworden. Das ist immerhin ein Temperaturunterschied wie von 0 Grad auf 30 oder 35 Grad innerhalb von zwei Tagen. So ein warmer Wind wird hier Chinook genannt und der kommt einfach von Zeit zu Zeit bis es wieder richtig kalt wird.

Nach einer superlangen Wartezeit ist jetzt auch endlich der ganze Papierkram eingereicht, der mir zur unbefristeten Aufenthaltserlaubnis verhelfen soll. Frueher dachte ich in Deutschland ist die Buerokratie verstaubt und umstaendlich. Als 16jaehrige versuchte ich einst, eine Mofa ohne Betriebserlaubnis mit Kaufvertrag, den mein Bruder unterschrieben hatte, auf mich zuzulassen. Das Wartezimmer des Strassenverkehrsamtes sah mich in den folgenden Wochen mehr als mein damaliger Freund. Zugegeben, mit dem stark bebrillten, untersetzten Mann des Nummernschildcenters haette ich auch wahrscheinlich eine harmonischere Beziehung fuehren koennen. Aber das ist eine andere Geschichte.

In Deutschland haette man nur mit Reisepass, Perso und Krankenversicherungsnachweis zum Auslaenderamt gehen muessen und waer legal wieder herausgekommen. In Kanada brauchen sie Beweise. Dass man existiert. Wo man wohnt. Wann man sich besucht hat und wo. Dass man keine Tuberkulose hat (inkl. Roentgenbild) und keine krimelle Vergangenheit. Schriftlich und beglaubigt. Nebst Ausfuellen unzaehliger Fragebogen. Dass, was so lange gedauert hat, war jedoch die Namensaenderung von Tyrel. Da er meinen Nachnamen annehmen wollte, mussten alle seine Dokumente geandert werden (nacheinander!), bis man dann einen neuen Reisepass beantragen konnte. Dafuer muss man drei langjaehrige kanadische Freunde finden, die eidesstattlich versichern, dass man existiert und das Blut zum gewissen Teil aus Ahornsirup besteht. Am laengsten hat aber die Aenderung des Fuehrerscheins gedauert mit 2,5 Monaten. Und warum? Weil sies koennen.

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Ein Stapel Antraege – schnell weg damit und ab die Post!

Als dann schliesslich der Reisepass in der Post war, wollte ich sofort alles wegschicken. Als ich die Aktualitaet der Formulare auf der Regierungsseite pruefte, erschien aber die Meldung, dass fuenf Tage spaeter ein neuer Prozess mit neuen Formularen eingefuehrt wird, mit dem die Aufenthaltserlaubnis in 12 statt 26 Monaten ins Haus flattern koennte. Also habe ich genau genommen Zeit gespart, indem die Namensaenderung so lange gedauert hat! In drei bis vier Monaten sollte auch meine Arbeitserlaubnis  da sein. Darauf freue ich mich wirklich, endlich wieder was zur Haushaltskasse beitragen!!

Doch so lange wird mir die Zeit auch nicht lang. Es gibt immer was zu tun und das ohne Fernseher, der einen auf Standby stellt waehrend man in die Roehre guckt. 🙂

Das Schoene ist, dass ich dem Ganzen ohne Sorgen begegnen kann. Ich weiss, dass es wird. Bis jetzt ist alles geworden. Und wenn man sich den Kopf zerbricht, gewinnt man nichts ausser Magengeschwueren. Man kann es eh nicht aendern. Jeden Tag stehe ich auf und mache das, was anliegt, so gut ich kann. Und nebenbei versuche ich mein Leben so auszurichten, dass das, was anliegt, mir auch noch Spass macht. So laesst es sich aushalten, egal ob Chinook oder nicht.

Pferdegedanken und erneute Eiszeit

Als Heranwachsende hatte ich mit Pferden nicht viel zu tun. Ein Schnupperkurs mit meiner Cousine in einem Reitstall in der fünften Klasse hat auch nicht viel geholfen. Vielleicht lag es an der Pferde-Bewegungs-Maschine, die drei demotivierte Zossen vor sich her schob. Vielleicht an den Schreien der Schnupperkürslerin, als ihr gebrochener Arm in einem aufblasbaren Transport-Gips gerichtet wurde. Wahrscheinlich aber eher an der Trainerin, die ihrer Kollegin voller Stolz erzählt, wie sie ein Pferd blutig gedroschen hat als es nicht gehorchte.

So große Tiere. Eingepfercht in kleinen Boxen. Warten darauf, dass ein Mensch kommt, den sie dann herumtragen sollen, während er ihnen im Maul herumzerrt. Da bin ich raus. Bei schönem Wetter unterwegs sein konnte ich auch auf dem Fahrrad, Mofa oder Motorrad. Günstiger im Unterhalt und im Winter einfach einzumotten.

Meine Position begann ich zu überdenken, als ich letztes Jahr im Yukon ankam. Die Pferde auf der Ranch waren im Winter nicht angebunden oder eingezäunt. Sie wurden einmal am Tag mit Heu gefüttert, konnten aber machen, was sie wollen. Da habe ich zum ersten Mal wirklich Kontakt zu einem Pferd aufgenommen, obwohl ich ja schon öfter auf welchen saß. Das rotbraune Pferd Kluane und ich. Vor dem Frühstück bin ich spazieren gegangen, da sind wir uns begegnet. Wir haben uns angeglotzt. Für ne halbe Stunde. Und wir mochten uns irgendwie. Das war schön. 🙂

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Ein dicker Muskwa waelzt sich im Schnee.

 

Dann habe ich ne Art Pferdeflüsterer kennen gelernt und anschließend geheiratet. Bevor er mich im Herbst 2015 in Deutschland besuchen kam, wollte ich also ein bisschen Reiten lernen. Mein Ziel war es, bei einem gemeinsamen Reitausflug nicht zu sterben. Was mir bis jetzt auch gelungen ist. Allerdings muss ich sagen, dass mir das Reiten doch sehr technisch vorkam. Du möchtest galoppieren? Kein Problem, sitze einige Schritte im Trab aus, während du das eine Bein nach hinten an den Pferdehintern bringst, ganz leicht mit einer Hand an den Zügeln zuppelst und dabei mit den Hüften das Pferd rhythmisch antreibst.

Hallo? Das Vieh hat Ohren! Warum kann man nicht einfach miteinander reden wie in jeder funktionierenden Beziehung auch?

Meine Feuerprobe habe ich dann auf Sankt Peter Ording irgendwie überstanden. Ich habe den zweistündigen Strandausritt gebucht. „Wie reit-erfahren muss man dafür sein?“ „Wir galoppieren mehrere Kilometer im Watt am Stück. Sie müssen das Pferd in allen Gangarten sicher beherrschen können. Nur für erfahrene Reiter!“ „Okay, buche ich.“ Ich hatte bis zu dem Telefonat zwar nur kurz an der Lounge galoppiert und noch nie frei aber ich dachte mir, wenn neunjährige Mädchen das können, kann ich das doch wohl auch.

Ich bin nicht gestorben und noch nicht mal unfreiwillig abgestiegen. Aber Spaß geht irgendwie anders. Komischerweise hatte Tyrel auch keinen großen Spaß an der Tour. Er mochte die Pferde nicht, die Sättel und die Gangarten waren auch nicht sein Fall.

Hier im Yukon habe ich bislang noch keinen Pferdestall gesehen. Alle Pferde stehen draußen rum. Deb hat insgesamt sieben Stück, wovon drei zur Zeit auf dem Grundstück sind. Als ich sie gefragt habe, ob sie Pferde mag, sagte sie, sie mag die Möglichkeiten, die sie einem bieten. Tagelang mit Gepäck in die Berge reiten um von einem Basiscamp Schafe jagen zu gehen. Pferde können hier in Gebiete vordringen, wo kein Zweirad oder Quad hinkommt. Dementsprechend werden sie auch trainiert: als ruhige Lastenträger und verlässliche Reitpferde, als Arbeitsmittel und nicht so sehr als Hobby.

Die übliche Gangart ist Schritt, weil das Gelände meist unwegsam ist, uneben und voller Hindernisse. Wenn ich loswill, mache ich das „kissing noise“. So als würde man Baby Enten anlocken wollen, nur ohne Brot. Normalerweise geht das Pferd dann los. Wenn es nicht losgeht, mache ich das Geräusch nochmal, zusammen mit ganz leichtem Druck meiner Fersen.

Was ich bis jetzt verstanden habe vom Reiten hier:
1. Bleib ruhig. Pferde sind potentiell nervös, da ist es gut wenn einer ruhig bleibt.

2. Gib dem Pferd so wenig Reize wie möglich. Wenn man es einmal angetrieben hat, sollte es theoretisch so lange von alleine laufen, bis man es stoppt.

3. Setz dich durch. Das Pferd muss merken, dass du der Chef bist, sonst macht es, was es will. Wenn du also links am Baum vorbei gehen wolltest und das Pferd den rechten, einfachen Weg einschlägt, dreh zur Not dreimal um, bis es da lang geht wo du willst.

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Nein, meine Beine schleiffen nicht auf dem Boden… ganz klarer Perspektivenfehler.

Damit könnte ich keinen Blumentopf gewinnen und wahrscheinlich noch nicht mal das Miniatur-Hufeisen. Aber es reicht aus, um damit ohne Sattel durch den Busch zu reiten. Sitzheizung inklusive 🙂

Seit ein paar Tagen ist ein neues Pferd hier angekommen. Sie ist etwa ein Jahr alt und hat noch keinen Namen. Ich wollte sie Latex nennen aber der Name konnte sich bislang komischerweise noch nicht durchsetzen. Deb will sie trainieren und dann Freunden als Dankeschoen fuer deren Kinder schenken.

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Latex – sie ist schliesslich ein Paint Horse!

Die letzten Tage sind die Temperaturen doch wieder winterlich geworden. Beste Zeit, um eine mehrstuendige Wanderung bei -17 Grad zu unternehmen. Die Fluesse geben sich Muehe, sich gegenseitig beim Eisskulptur entwerfen zu uebertreffen. Und Vaeterchen Frost hat mir meinen ersten richtigen Yukon-Maskara verpasst diese Saison!

Tyrel praktiziert weiterthin seine erworbenen Deutschkenntnisse. Als wir letztens an einem Campingplatz mit Klohaeuschen vorbeigewandert sind, rief er ploetzlich:

„Hier ist ein Kampplatz! Mit eine Scheiss-Stuhl!“

Und auch den logischen Aufbau der deutschen Sprache versteht er anscheinend besser als ich selbst. Als ich heute morgen dicke Fausthandschuhe anprobierte, kommentierte er dazu: „Das ist kein Handschuh. Das ist ein Handstiefel!“ Dass er Muetzen gerne als „Kopfschuh“ bezeichnet, ist selbstverstaendlich.

Zum Schluss noch ein erklaerendes Bild, warum denn das schmackhafte Grouse in Deutsch auch Rauhfusshuhn genannt wird. Im Sommer tatsaechlich nur rauh, laesst das Huehnchen im Winter noch zusaetzlich Federn an den Fuesschen wachsen. Wie auch immer, das naechste Abendessen ist gesichert. 🙂

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Der Fluch des Bison

Manchen Tag ist es warm hier, um den Gefrierpunkt herum. In der Sonne schmilzt der Schnee im Tal für eine kurze Zeit, bevor wieder neuer fällt. Nur die Berge bleiben mit Schnee bedeckt. Wenn ihnen zu kalt wird, ziehen sie sich einfach eine kuschlige Wolkendecke über den Kopf und träumen vom kurzen Sommer.

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James bearbeitet zur Zeit einen ca. 100 Kilo schweren Stoßzahn eines Mammuts. Dann wird er eine Box und einen Halter dafür bauen und es an den Käufer verschicken. Er wird nur für seine Arbeit bezahlt, hat das Zähnchen nicht zufällig irgendwo gefunden. Zwei fragwürdige Gestalten haben es ungesichert auf der Ladefläche des Pickups die sechs Stunden Autofahrt von Dawson nach Whitehorse transportiert. Ziemlich mutig für eine 20.000$ teure Fracht.

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Auf dem Woodlot nichts Neues. Und irgendwie doch, sieht es doch jedes Mal anders aus. Mit der Zeit entwickle ich einen anderen Bezug zu Holz. So viele verschiedene schöne Farben kann es haben. Bei meinem gestrigen Spaziergang musste ich die Wurzel eines verrottenden Baumstumpfes einfach dokumentieren.

Am Wochenende waren wir auf Bison-Jagd. Nachdem die Wald-Bisons fast ausgerottet waren, wurden in den Achtzigern hier 23 Tiere ausgewildert. Heute ist die Population mit 1700 Bisons alles andere als bedroht. Vielmehr gibt das Umweltamt an, dass zu viele Wiederkäuer durch den Yukon streifen. Nicht viele Leute machen auch auf die Jagd, denn die Bisons verstecken sich gern im Wald oder auf Bergen weitab jeder Straße oder Zivilisation. Und wenn man dann eins geschossen hat, steht man dann da mit bis zu 450 kg Fleisch ohne Knochen und muss das irgendwie zerteilen und nach Hause schaffen.

Es winken hohe Strafen für denjenigen, der verwertbare Teile eines geschossenen Tieres zurücklässt. Verschwendung jeder Art ist verboten. Auch muss man das Tier respektvoll behandeln. Wer dabei erwischt wird, seinen erlegten Elch mit Hasenohren für ein Bild zu dekorieren kommt genauso in Schwierigkeiten wie jemand, der ihm blöde Spitznamen gibt. Kein Scherz. Und das finde ich auch gut so. Wenn ein Tier sein Leben für einen gibt, sollte man besser respektvoll handeln und nichts verschwenden.

Zurück zum Bison: Nach vier Stunden Autofahrt sind wir zu einem Campingplatz mitten im nirgendwo, aber jedenfalls in den Bergen, gelangt. Den ganzen Tag haben wir mit einem Freund von Tyrel im Truck verbracht und sind umher geallradet. Immer wieder aussteigen, umherlaufen und Ausschau halten. Letztendlich sind die beiden Waffenträger nicht fündig geworden. Ich hingegen schon. Ich habe schöne Fotos geschossen von den einsamen Landschaften, die sich mir aufgetan haben. Also bin ich durchaus zufrieden mit meinem Jagdglück. 🙂

Am Abend zurück beim Camp ging es Tyrel gar nicht gut. Er hat sich erkältet und wollte nur schlafen. Also haben sein Freund und ich schnell ein Camp aufgebaut und Feuer entzündet und Tyrel konnte seinen 13 stündigen Schlaf antreten.

Ich war weniger gesegnet, um Mitternacht wünschte ich mir sehnlichst einen Katheter zur Hand. Doch es nützt ja alles nichts, raus aus dem Daunenschlafsack, rein in die eisige Realität eines bedürftigen Uro-Genital-Traktes. Das Feuer war mittlerweile erloschen und wir schliefen unter einer Plane. Morgens waren es dann frische -8 Grad Celsius. Anscheinend nichts, wofür man hier ein Zelt benötigt. Aber ich will mich nicht beschweren, immerhin war ich noch nicht mal erkältet, ganz im Gegensatz zu Tyrel.

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Als er endlich von der Totenruhe erwachte, stopfte ich ihn in den Truck mit unseren restlichen Sachen und fuhr zurück nach Whitehorse. Wir stoppten im Real Canadian Superstore um Medikamente zu kaufen. Apothekenpflicht gibt es hier nämlich nicht. Von Hustensaft über Schmerzmittel zu der Pille danach steht hier alles im Supermarktregal. Nur für Antibiotika und sonstiges braucht man ein Rezept. Damit geht man zum Pharmazie-Tresen im Supermarkt und bekommt ein Plastikdöschen mit den verschriebenen Pillen mit nach Hause.

Aber nicht in unserem Fall. Bestens ausgestattet gegen alles was so eine echte Männergrippe ausmacht, ging es in den Trailer, wo ich eine anfing, eine schöne Hühnersuppe zu kochen. Ich erinnerte mich an den Ausspruch einer ehemaligen Nachbarin von mir:
„Lieber zwei kranke Kinder als einen kranken Mann!“
Aber mein Mann war gar nicht so wehleidig wie ich es aus früheren Beziehungen kenne. Er schlief und hustete einfach abwechselnd für zwei Tage, bis er wieder den Trailer verlassen konnte. Das lobe ich mir 🙂

Apropos Essen: Letzte Woche packte mich die Sehnsucht nach ner guten alten Currywurst Pommes. In meinem Berufsleben war Donnerstag Currywursttag. Und jetzt brachte ich schon unzählige Donnerstage völlig ohne Phosphatschwengel zu. Also galt es zu improvisieren.

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Eine dicke Knoblauchwurst wurde geachtelt und frittiert, während Süßkartoffel-Pommes im Backofen schmorten. Nur noch Ketchup mit Curry mischen und warm machen und schon erhält man eine kanadische Imprurry-Wurst. Geschmeckt hats gut. 🙂

Eisrausch im Yukon

Vor ein paar Tagen haben wir einen Tagesausflug nach Alaska gemacht. In den kleinen unteren Schnipsel von Alaska, Skagway. Von dort sind vor gut 100 Jahren die meisten Goldsucher gestartet. Sie kamen mit Schiffen von San Francisco oder anderen Orten der Westküste an und mussten sich im Winter mit einer Tonne gesetzlich vorgeschriebener Ausrüstung auf den weiten Weg zu den Quellseen des Yukon machen. Dort zimmerten sie sich ein Floß und brachen pünktlich mit dem Aufbrechen Seen im Frühling in den Norden auf in Richtung Dawson. Der meistgegangene Weg ist der Chilkoot Trail, der schon lange zuvor von den Indianern (hier heißen sie politisch korrekt First Nations) als Handelsweg genutzt wurde. Heute ist der Wanderweg eine Touristenattraktion. Man braucht spezielle Erlaubnisscheine um den Weg zu wandern und muss sich an den Zeitplan halten. Denn die Campingplätze sind vorgeschrieben mit Vorrichtungen, um keine Bären mehr als nötig anzulocken. Der Chilkoot Trail wird von den meisten Wanderern in ca. 4 Tagen begangen.

Deb, ihr Sohn Emerson und ihre Hunde Kiji und Roxy haben sich auch angemeldet für den Chilkoot Trail. Und wir haben sie die ca. 2 Stunden Fahrtzeit hingefahren, dafür die Spritkosten erhalten und einen schönen Tag gehabt. 🙂

Die Landschaft ist wirklich unwahrscheinlich schön, allerdings selbst im Sommer unwegsam, windig und kalt. Wie muss es den Goldsuchern erst ergangen sein?

Die restliche Zeit habe ich viel gelernt. Und gestern schließlich meinen Schusswaffen-Sicherheitskurs absolviert. Den benötigt man, um Waffen zu kaufen und transportieren zu dürfen. In Kanada beschränkt sich der Transport allerdings entweder zum Schießstand oder zur Jagd. Und mit dem normalen Kurs sind nur zugelassene Jagdwaffen eingeschlossen, das heißt Schrotflinten und Gewehre, wobei es da auch Einschränkungen gibt. Nach 7 Stunden Unterricht und Handling der verschiedenen Arten der Gewehre gab es einen schriftlichen und einen praktischen Test. Den praktischen Teil habe ich sogar mit 100 % bestanden! 😄✨🔫 Jetzt heißt es also Papierkram einreichen und warten.

Jagen darf ich allerdings erst, wenn ich den Jagskurs bestanden habe am 13.8.. Und solange ich meinen Erlaubnisschein für die Waffen nicht habe, darf ich nur in unmittelbarer Nähe von jemandem schießen, der so einen Schein besitzt. So geschehen an einem anderen Tag am Schießstand. Für meine ersten Schießversuche gar nicht schlecht: ohne Sucher nur mit Kimme und Korn auf 100 yards Entfernung, ca. 100 Meter.

Tyrel besitzt ein halbautomatisches Gewehr, das heißt wenn eine Kugel abgefeuert wird, wird die nächste Patrone automatisch nachgeladen. Ich finde Gewehre vom Typ bolt action vom Handling her gut (laut Internet Kammerverschluss auf deutsch). Schöne Mechanik, kann ich sehen und verstehen, macht einen robusten Eindruck. Wir gucken mal, vielleicht kann ich demnächst auch mal so ein Gewehr auf dem Schießstand ausprobieren 🙂

Im Anschluss an meine erfolgreiche Prüfung waren wir ein Eis essen im verheißungsvoll klingenden Laden „Marbel Slab“. Auf deutsch Marmorbramme? Gar nicht weit gefehlt, das Konzept ist genial. Man sucht sich ein oder mehrere Sorten Eis aus. Die werden dann auf die richtige Größe abgewogen und auf eine gekühlte Marmorplatte (oder Bramme 😋) gedrückt. Dann kann man sich allerlei Leckereien aussuchen, die in die Eiscremmasse mit Spatel eingearbeitet wird. Anschließend sucht man sich noch eine der frisch hergestellten Waffelspezialitäten aus und spaziert selig aus dem Laden heraus. 😇

Meine Wahl: Vanilla Bean Eiscreme (mit ganz viel schwarzen Vanillepunkten drin), darin eingearbeitet: Cookie Dough (Keksteig), Brownies (Schokokuchen) und Reese (Erdnussbutter-Schoko-Süßigkeit). Dazu eine Waffel, die in Zartbitterschoko getauchte und dann mit Butterfingers (Karamellsüßes) veredelt wurde. Wem da nicht das Wasser im Mund zusammenläuft, der hat kein Herz. 😜

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Mjam!!!