Job

Zu Hause

Ja, das Virus ist mittlerweile auch im Yukon angkommen. Bislang wurden vier Personen positiv getestet, doch die Auswirkungen haben wir schon deutlich vorher gespürt.

So ist das wohl in den Gebieten, die vom Touristenaufkommen abhängig sind. Quarantäne = keine Reisenden = kein Einkommen = Laden dicht. Tyrel ist schon knapp zwei Wochen arbeitslos. Ich arbeite noch, wohl wissend, dass Fluggesellschaften drastisch Personal einsparen müssen um zu überleben. Bislang trifft es die Arbeiter, die offensichtlich nichts mehr zu tun haben, da kaum noch Flüge durchgeführt werden und die Prognosen täglich schlechter werden. Ich hätte noch Arbeit um mich eine ganze Zeit damit zu beschäftigen. Aber wenn ich Direktor wäre, würde ich mich einsparen wenn es ums Überleben der Firma geht? Zu einer eindeutigen Antwort komme ich nicht.

Naja, es kommt ja eh wie es kommt. Solange wie ich kann, laufe ich eine Runde mit Arma zum Sonnenaufgang, schmeiße den Computer an inklusive mobilem Internet und arbeite.

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Dramatische Farben zur Morgendämmerung.

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Photovoltaikpaneele sorgen für austeichend Strom zur Tageszeit.

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Klapptisch, Klappstuhl, Klappcomputer, klappt alles.

Endlich beantwortet auch das Universum meine Frage, wie um Himmels Willen ich denn das mörderische Programm stemmen soll, das ich mir für dieses Frühjahr vorgenommen habe. Laufen ohne Ende, das Feld bereiten, Büsche und Bäume pflanzen, Hühnerstall bauen, Hühner aufziehen, noch mehr laufen. Das scheint plötzlich nach tollen Projekten und nicht mehr nach Aufgabe der kompletten freien Nicht-Arbeitszeit.

Egal wie sich die Situation entwickelt, jedenfalls wird mir erstmal nicht langweilig. Und jeden Tag aufs Neue bin ich unendlich dankbar dafür, dass wir in unserem kleinen Häuschen leben. Würden wir noch im alten Haus leben, hätten wir jetzt arge Existenzsorgen.

Also: Man darf ruhig auch mal auf seine scheinbar irren Eingebungen hören!

Diese Woche stehen noch 11 km auf der Laufagenda. Da schnüre ich doch gleich meine Laufschuhe. Egal ob mein Lauf abgesagt wird oder nicht, ich freue mich schon darauf, Ende Juni meinen Marathon zu laufen. Ohne andere Teilnehmer hätte ich auch echte Chancen aufs Siegertreppchen!

Passt auf euch auf! 🙂

Sammelsurium

Das Jahr ist nun schon etliche Wochen alt.
Und ich kann mich nicht aufraffen, zu schreiben.

Viele Emails von lieben Menschen schauen mich erwartungsvoll im Posteingang an.
Blogbeitraege fristen ihr Dasein als Entwurf, da sie irgendwie nie fertig zu sein scheinen.
Mit einem Bein bin ich noch tief im Winterschlaf, das andere laeuft den immer laenger werdenden Tagen entgegen. Und dem Berglauf Ende Juni.

Aber heute, da schreibe ich einfach wieder, egal was.

Was ich in den letzten Wochen gelernt habe:

  • Mein grosses Suedfenster im Buero eignet sich super, um Pflanzen vorzuziehen. Ja, bei mir wachsen jetzt schon kleine Tomatenpflanzen. Allen Leuten, die sich wundern, ob das nicht viel zu frueh ist, sage ich, dass ich es aber gern so wollte. So.
  • Hunde koennen Zwingerhusten bekommen obwohl sie dagegen geimpft sind. Und hustende Hunde duerfen nicht in die Hundeschule.
  • Wenn man mittags auf der Arbeit in Laufmontur verkuendet, dass man kurz einkaufen geht, nimmt einen keiner ernst. Wenn man nach einiger Zeit mit Kaese und Bagels beladen zurueck kommt, sind alle ernsthaft ueberrascht.
  • Ein paar Tage Brechdurchfall kann nachhaltig das Essverhalten veraendern: Ich steh jetzt auf Haferschleim, waehrend es mich vorher schon beim Gedanken daran geschuettelt hat.
  • Wenn man im Franzoesischkurs versucht, einen starken Quebec-Akzent zu imitieren und gleichzeitig ueber Poutine zu reden, spricht man stattdessen ueber Prostituierte. Poutine =/ Poutain.
  • -37 °C ist nicht zu kalt zum Laufen. -44 °C ist definitiv zu kalt.
  • Wenn man im Winter ohne Strom lebt und trotzdem zur Arbeit fahren will/muss, darf man frueh aufstehen. Erst muss der Generator gestartet werden (mit Akkubohrmaschine statt Kordel), dann muss der Generator warm laufen, dann muss man 15 Meter Verlaengerungsschnur von Generator zu Auto verlegen um Motorblock sowie Batterie elektrisch mindestens eine Stunde zu beheizen. Anschliessend startet das Auto [vielleicht] und es kann aufgewaermt werden… Freitags klingelte mein Wecker um 2:30 h.
  • Auch freitags um 2:30 h bin ich froh, dass wir nicht mehr im alten Haus leben. Da waere der Winter anders, jedoch noch unkomfortabler gewesen bei gleichzeitig weitaus hoeheren Kosten.
  • Bei Temperaturen kaelter als -25 °C brauchen Tyrel und ich ungefaehr gleich lange auf dem Donnerbalken. Fuer jedes Grad Kelvin mehr braucht Tyrel ca. eine Minute laenger.
  • Dienstags nach einem 10,5 h Arbeitstag noch zwei Stunden Franzoesischkurs dranzuhaengen ist sportlich. Dann auf Franzoesisch die ganze Zeit ueber leckeres Essen reden zu muessen, ist fies. J’aime le fromage!
  • Auch wenn man 45 km in der Woche laeuft, ist es noch immer sauanstrengend! Ich weiss nicht, ob sich das jemals aendern wird. Aber ich merke deutliche Verbesserungen in meiner Grundstimmung und -fitness. Also laufe ich mehr… weil ich mich besser fuehle wenn ich gerade nicht laufe?!
  • Arma ist sehr gelehrig und fuehrt Befehle 1A aus, solange kein anderer Hund in der Naehe ist. Oder andere Menschen. Oder Autos fahren. Oder da ein verdammter Stock liegt!
  • Wenn man so gut wie jeden Tag der Oeffnungszeiten in der neuen Fleischerei abhaengt, die ausschliesslich lokales Fleisch verkauft, wird man irgendwann mit „Welcome Home / Willkommen Zuhause“ begruesst. Weiteres Vorgehen: Schritt 1: Vorschlagen, dass Grillfackeln produziert und zum Verkauf angeboten werden. Schritt 2: ???. Schritt 3: PROFIT.
  • Wenn der letzte von drei Manager-Kollegen aus persönlichen Gründen am Vormittag nach Hause geht, ist es anscheinend völlig angemessen, Céline Dion zu singen.

Anbei ein paar Impressionen.

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Lebensrettend: Am Generator den Seilzugstarter abbauen und stattdessen die Antriebswelle mit einem Akkubohrer in Wallung bringen.

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Ja, -44 °C ist Sockenwetter.

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Ist die Kaelte eigentlich noch trocken, wenn der Gesichtsschutz zufriert und man von Eis umgeben ist?

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Frostiger Hund im Schnee.

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Malerisch, egal bei welchen Temperaturen: Sonnenuntergaenge.

 

Einschub – Privates

Eigentlich bin ich ja noch dabei, von meinem Flusstrip in der Wildnis zu berichten. Seit meiner Wiederkehr in die Zivilisation ist aber einiges passiert, sodass ich einen Einschub schreiben moechte.

Als ich wieder zur Arbeit erschien, fragte ich natuerlich ob es Neuigkeiten von meinem Chef (Marc) gibt. Ja, die gaebe es, aber die solle er selbst verbreiten. Den naechsten Tag wuerde er in die Firma kommen.

Der naechste Tag kam und mit ihm Marc. Mit Rollator und Hilfe. Man setzt sich zusammen. Die Behandlungen sind abgebrochen, er wird jetzt palliativ behandelt. Keiner kann sagen, wie die Krankheit voranschreiten wird, da sie so extrem selten ist und erst wenige Male ueberhaupt dokumentiert wurde.

Jedenfalls reiche seine Kraft nicht aus, sich ausreichend um seine Arbeit zu kuemmern. An manchen Tagen kann er das Bett nicht verlassen vor Schmerzen. An anderen Tagen hat er etwas mehr Energie. Aber die will er dafuer nutzen, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Daher wird er morgen aus dem Unternehmen ausscheiden.

Wie es jetzt mit unserer Abteilung weiterginge, frage ich. Der Direktor kam mittlerweile dazu. Das stehe nicht fest. Und wir sollten uns ungestoert unterhalten.

Zum ungestoerten unterhalten gingen wir in unseren altern Buerocontainer. Ob ich mir vorstellen koenne, die Ingenieursabteilung zu leiten, fragt Marc. Das komme drauf an zu welchen Bedingungen, antworte ich. Ich wuerde verlaessliche Hilfe benoetigen bei einigen Themengebieten, einiges muesse fremd vergeben werden. Und ich haette keine Lust, mein Privatleben hintenanzustellen und keine Freizeit mehr zu haben.

Und ausserdem, und jetzt muss auch ich schluchzen, ist es doch total doof, dass ich davon profitiere, dass er krank ist!

Ich solle es auch einer anderen Perspektive sehen: Wenn ich es mache, helfe ich dem Unternehmen und allen Beteiligten. Als Marc vor ein paar Jahren gekuendigt hatte, war seine Stelle 1,5 Jahre lang weltweit ausgeschrieben und nicht eine Bewerbung ist eingegangen. Ich bin vielleicht nicht sehr lange angelernt worden, lerne aber blitzschnell und bin auch faehig, mir Sachen selbst beizubringen aus dem Kontext. Ausserdem stehe Marc mir weiterhin bei Fragen zur Verfuegung. Nicht weil er muesse, sondern weil er gerne moechte. Seine Arbeit haette ihm immer grossen Spass gemacht und ausserdem ist es gut fuer ihn, sich nicht nur mit der Krankheit zu beschaeftigen.

Na gut… dann bin ich wohl Chef. Wie verrueckt das Leben manchmal spielt.

Marc bewundere ich dafuer, wie stark er ist. Mit seiner Partnerin und vier kleinen Kindern als Alleinversorger auszufallen, ist ein starkes Stueck. Und seine Partnerin kann jetzt noch nicht mal arbeiten gehen, da er die Kinder allein nicht betreuen kann, geschweige denn Essen zuzubereiten oder den Haushalt zu machen.

Aus meinem Gefuehl des Mitleides und der Hilflosigkeit versuche ich etwas Positives zu schaffen. In Canada ist man zwar stolz auf die soziale Absicherung und medizinische Versorgung aber in Wirklichkeit ist das Gebotene eher ein Bruchteil von dem, was ich aus Deutschland kenne. In Wirklichkeit kann Marcs Familie vielleicht ihr Haus nicht halten. Fuer mich steht fest, dass ich Geld sammeln moechte. Und ich finde, die Firma sollte sich daran beteiligen nach allem, was Marc fuer sie getan hat.

Nach einigen Gespraechen, Emails an leitende Personen und produktiven Besprechungen habe ich das tatsaechlich geschafft, die Firma wird $2500 spenden, wenn $2500 an Privatspenden zusammenkommen. Hier ist der Link zur Spendenseite und somit ein wirklicher Einblick in mein Privatleben:

https://www.gofundme.com/marc-bergeron

Ausserdem besuche ich Marc alle zwei bis drei Wochen wenn die Kinder in der Schule sind. Wir haben beschlossen, eine Kuchentherapie zu machen. Ich bringe Kuchen zum Besuch und entweder die Krankheit wird davon geheilt und wir gewinnen einen Medizin-Nobelpreis oder aber es bringt nichts und wir haben wenigstens gute Kuchen zusammen gegessen. 🙂 Den restlichen Kuchen lasse ich natuerlich da, so koenne die Kinder ihn vernichten wenn sie auch der Schule kommen.

Mein neuer Job macht mir Spass. Ich kann gut mit Verantwortung umgehen. Zunaechst habe ich viel Aufraeum- und Umstrukturierungsaufgaben vor mir fuer die naechsten Monate. Und wenn ich damit fertig bin, werden neue Projekte in Angriff genommen. So gut wie taeglich flattert sowieso etwas Dringliches auf den Tisch, so wird es nicht langweilig.

Zu Halloween wurde zum kanadischen Buffet (potluck) aufgerufen. Jeder bringt was mit, keiner spricht sich ab. Und bitte im Kostuem! Mir ist nur ein Kostuem eingefallen, das angebracht war, so hab ich es selbst geschneidert und bemalt am Abend vorher.

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Ich arbeite an meinem Schreibtisch im Flugzeugkostuem.

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Meine Arme sind die Fluegel, an denen sogar kleine Triebwerke baumeln.

Das Leben ist vielleicht nicht gerade gerecht, aber es ist doch schoen!

Diese Lektion kann man von Menschen wie Marc lernen, wenn man es an sich heran laesst.

Fokus

Eigentlich wollte ich nicht darueber schreiben. Jetzt mache ich es doch, denn ich weiss nicht, wie ich irgendetwas schreiben soll ohne es zu beschreiben.

Mein Chef ist krank seit zwei Monaten. Richtig krank. Er hat Tumore am Rueckenmark, die mittlerweile seine Nerven geschaedigt haben. Heisst, er kann abwaerts der Brust seine Haut nicht mehr spueren und seine Beine nur noch ziemlich unkontrolliert bewegen. Krebs ist es nicht aber eine extrem seltene Sache, sodass keiner weiss, wie es weitergeht oder auch nicht.

Er ist noch keine 40 Jahre, hat mit seiner Partnerin vier kleine Kinder im Alter von zehn bis vier Jahren. Sportlich, die Familie isst nur Bio und gute Sachen.

Und dann sowas.

Freitag habe ich ihn nach zwei Monaten wieder gesehen, er kam ueberraschend ins Buero. Mit Rollator und Hilfe seiner Partnerin. Es taete ihm gut, sich hier ein bisschen normal zu fuehlen, sagt er, waehrend er mir Zugriffe auf Datenbanken und Passwoerter und kleine Kniffe zeigt. Nach eine Stunde kommt seine Partnerin um ihn wie verabredet abzuholen. Er kann nicht so lange sitzen.

Gib uns noch etwas Zeit, bittet er sie, wir sind noch nicht fertig und ich fuehle mich gut. Sie nimmt den Vierjaehrigen an die Hand und verspricht, bald wiederzukommen.

Er haette sich abgefunden damit, Paraplegiker zu sein, erklaert er mir. Doch seit dem Wochenende merke er, dass das Gefuehl in seinen Armen schwindet. Er wurde erst weiter unten an der Wirbelsaeule operiert, daher wollen sie in Vancouver nichts machen. Am Montag hat er einen Termin in Ottawa, da wollen sie feststellen, ob er vielleicht fuer die Cyber-Knife-Methode in Frage kommt. Da wird mit hoher oertlicher Dosis Bestrahlung operiert statt mit einem Messer.

Fuer alles, was kommt, ist er vorbereitet. Falls er weder Arme, noch Beine bewegen kann, soll der Stecker so schnell wie moeglich gezogen werden. Ohne Reue blickt er zurueck „What a great life!!!“ Nur findet er es schade, dass er seine Partnerin vielleicht mit der Erziehung der vier Kinder allein lassen muss. Das ist ein grosser Job. „Wir haben so viel Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe investiert in die Erziehung der beiden Aelteren und man sieht bereits, wie sich das auszahlt. Ich weiss nicht, ob eine Person alleine den Kleineren so viel Aufmerksamkeit bieten kann. Das ist die einzige Sache, die mich beschaeftigt.“

Seine Ernaehrung habe er auch umgestellt, er isst jetzt keto, nur noch 20 Gramm Kohlenhydrate maximal pro Tag. „Das heisst, du kannst Kaese essen, oder?!“ frage ich freudig. „Ja genau, ich esse Berge von Kaese.“ Sofort hole ich mein dickes Stueck Kaese (heute ein Tomme de Chevre des Alps) aus meiner Tasche, das ich sonst zu Mittag gegessen haette und biete es ihm an. „Vielleicht ein kleines Eckchen… hast du ein Messer?“ „Ja, habe ich, aber beiss doch einfach ab. Du kannst alles haben, ich hab noch mehr davon.“ Zwei Minuten spaeter ist vom Kaese nichts mehr uebrig, es scheint zu schmecken.

Schliesslich kommt auch die Partnerin wieder, jetzt ist es Zeit zu gehen. Wir gehen zur Tuer um sie hereinzuwinken, er sitzt auf seinem Rollator vor der Tuer und schaut heraus. Sieht ernst zu mir hoch und breitet einen Arm aus. Ich beuge mich herunter und wir umarmen uns.

Vielleicht war es das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Vielleicht koennen sie ihm helfen, dass es nicht noch schlimmer wird. Ich wuensche ihm und seiner Familie von Herzen das Beste.

Dass er ohne Reue lebt, finde ich ganz toll. Fuer wie viele Leute waere so eine Krankheit eine Gelegenheit um festzustellen, dass man nicht den eigenen Weg im Leben gegangen, sondern der Umstaende wegen so viele Kompromisse eingegangen ist, dass man nicht mehr weiss, wer man eigentlich ist.

Vor fast zwei Monaten ist ein lieber Freund von mir in Deutschland gestorben.

Vor zwei Monaten habe ich angefangen zu laufen. Mit einer Minute laufen, mehr ging nicht. Jetzt kann ich 30 Minuten laufen. Morgen will ich fuenf Kilometer schaffen.

In diesem Leben will ich eine gesunde und glueckliche Version meiner selbst sein. Es gibt keine Ausreden, kein Gejammer. Ich mache es oder ich lasse es.

Ich bin hier. Und hier bin ich genau richtig.

Nicht bereit, mich zu verbiegen. Bereit, alle Herausforderungen anzunehmen.

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Ich. Eine Seite meiner Haare sind abrasiert. Das bin ich und das ist mein Weg

Berufsstände

Meine Augen haben sich wieder etwas mehr auf unscharf gestellt und verdreht. Die Sehschwäche kratzt mittlerweile an der -7 und auch die Hornhautverkrümmung hat zugenommen.

Unschöner Nebeneffekt: Die torischen Kontaktlinsen drehen auch fleißig im Auge umher und ich sehe nur noch mit einem Auge scharf. Maximal einem Auge.

Dann stellen wir halt vorerst auf das gute alte Nasenfahrrad um.

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Ich, bebrillt, vor elektronischen Zeichnungen im Büro.

Tyrel findet, dass ich jetzt wirklich aussehe wie ein Ingenieur. Und irgendwie bin ich das ja auch.

An manchen Tagen auf der Arbeit klappt es erstaunlich gut. Ich ändere Zeichnungen von Flugzeugelektronik anhand von Ingenieursaufträgen. Ich verfasse meinen ersten kleinen Ingenieursauftrag zum Austausch von Navigationscontrollern.

Dann gibt es wieder Tage, an denen ich mich frage, was ich hier eigentlich mache und wie irgendwer auf die Idee kommt, dass ich dafür qualifiziert bin.

Doch dann beruhige ich mich schnell wieder. Natürlich bin ich qualifiziert. Immerhin habe ich 1998 alle Folgen der Sendung mit der Maus gesehen, die den Flugzeugbau erklärt haben!

Nachmittags gehe ich spazieren und treffe auf Biberdämme. Vor Ort stand ich in einer Mückenwolke. Doch das Bild, das ich geschossen habe, schaue ich mir später noch sehr gerne an.

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Ein Biberdamm staut einen kleinen Bach auf, umgeben von frischem Grün.

Was für schöne Farben. Und eine ganz raffinierte Baukunst, die diese Nagetiere einfach so vollbringen.

Oh Kanada, du bringst mich immer wieder zum Staunen. 🙂

Job 5: Nochmal die Fluggesellschaft

Jawohl, ein neuer Job.

War ja auch mal wieder Zeit, oder? Immerhin habe ich den letzten ganze 4 (in Worten: vier) Monate durchgezogen!

Um ehrlich zu sein, bin ich in Job 5 reingerutscht. Oder er in mich? Hmm… Wie auch immer. 🙂

Vor einigen Wochen kam der Ingenieur der Airline auf mich zu und fragte mich, ob ich gut in Logik bin. „Ich liebe Logik!“ antwortete ich, woraufhin er nur noch von elektrischen Schaltkreisen sprach. Ich nickte und laechelte abwechselnd, bis er verabredete, mir seine Entwuerfe zu geben, damit ich sie nachvollziehen kann.

Nachdem er hinter der Stellwand meines Buerowuerfels verschwunden war, begann ich die Internetrecherche zu diesem Kommunikationsproblem und wurde schnell fuendig.

Die schlechte Nachricht: Ich habe soeben verkuendet, dass ich Elektronik liebe und damit impliziert, dass ich mich gut auskenne, obwohl ich als Maschinenbauer der natuerliche Feind des Elektrotechnikers bin und ebensowenig Ahnung davon habe.

Die gute Nachricht: Es scheint ja irgendwie logisch zu sein, wenn es Logic heisst. Und ich liebe Logik wirklich. Ausserdem kann Elektronik auch nicht schwerer sein als zum Beispiel die Festlegung der Profilverschiebung eines zu konstruierendes Zahnrades, dessen komplettes Getriebe in einer zufaellig besetzten Gruppenarbeit bearbeitet wird. Oder so.

Und immer, wenn ein Elektriker mich als Mechaniker ueberheblich behandelt, spielt sofort folgendes Lied von Torfrock in meinem Kopf:

Im schlimmsten Fall sage ich dem Ingenieur einfach, dass er eine richtig gute Arbeit abgeliefert hat und ich nicht einen einzigen Fehler finden konnte. 🙂

Ein paar Tage spaeter habe ich dann tatsaechlich die Arbeit in der Hand. Das Internet stellt mir freundlicherweise genug Ressourcen zur Verfuegung, um mir das Thema selbst naeherzubringen und dann nachzuvollziehen, was er da eigentlich gemacht hat. Und Matheregeln spielen auch eine Rolle: Allerdings sind die Boolschen Regeln anders als die ueblichen.

Ich wurstel mich durch, nach ein paar Stunden habe ich alles in einem Elektronikprogramm nachgebildet und mache mich an die mathematischen Vereinfachungen, suche Gemeinsamkeiten, klammere aus und stelle um. Auch die bilde ich nach und vergleiche die Logiktabellen.

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Ein Ausschnitt aus meiner ersten elektronischen Schaltung.

Als ich beim Herunterscrollen der Tabellen erkenne, dass meine Loesung die gleichen Ergebnisse liefert, wie die des Ingenieurs, rauschen ein paar Glueckshormone durch meine Blutbahn. Ich habs!!!

Schliesslich suche ich noch die passenden Hardware-Module mit Bestellnummern heraus, die in einem Flugzeug verbaut werden koennen. Ich grinse vor mich hin, weil der alte Rechenschieber auf meinem Hals doch noch nicht allzu verrostet ist.

Dem Ingenieur faellt die Kinnlade herunter, als er meine Loesung sieht. „Pro Flugzeug sparen wir damit $2000!“ merkt er an. Wieder laechel und nicke ich, wie am Anfang des Projekts.

Kurze Zeit spaeter taucht eine ominoese Stellenausschreibung auf, die wie fuer mich gemacht scheint. Engineering Support Specialist, zu deutsch heutzutage wahrscheinlich der gleiche Begriff. Ein Spezialist, der die Ingenieursarbeit unterstuetzt. Kann ich, mach ich.

Bekam ich.

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Dunkle Moebel, weisse Waende. In diesem Buero kommt der Bregen in Wallung.

Freitag bin ich umgezogen in mein eigenes Buero. Es steht in einem Container, zusammen mit dem Buero des Ingenieurs. Ich freue mich schon drauf, was als naechstes verruecktes passiert. 🙂

Morgens halb 4 in Kanada

Schon 3:30h und hoechste Zeit aufzustehen!

Der Blick ist noch ganz verschwommen durch die Augenpopel, die um diese Uhrzeit noch nicht den Ausgang bei der Traenendruese gefunden haben. Trotzdem finde ich den Weg ins Badezimmer und stecke mir die Zahnbuerste in den Hals. Da sehe ich eine Nachricht, die mich stutzig werden laesst: Tyrel bittet mich darum, ihn aufzuwecken! Um diese Uhrzeit!

Seiner Bitte nachkommend hole ich ihn aus dem Lummerland und frage nochmals nach, ob er denn wirklich aufstehen moechte. Immerhin muss er erst in sieben Stunden zur Arbeit. Er entgegnet eine Frage: „Kannst du nachgucken, wie viel Schnee auf den Auto liegt?“ Ich stapfe zum Fenster an der anderen Seite des Hauses und schiele aufs Auto. „Nur ein bisschen Puderschnee, alles gut.“ „…ich habe die Einfahrt geraeumt!“ Erneutes Stapfen zum Fenster. „Oh wow, vielen Dank!!“ „Erst habe ich begonnen zu Schaufeln aber dann habe ich einen Redneck Plow gebaut. Ich fahre mit dir die Einfahrt hoch um dir zu zeigen, wie super das geht!“

  1. Unsere Einfahrt ist ca. 700 Meter lang mit beachtlichem Gefaelle (zum Haus geht es bergab) sowie Unebenheiten.
  2. Es hat diesen Winter ziemlich viel geschneit fuer Yukon Verhaeltnisse (Waden- bis kniehoch).
  3. Als Redneck Plow bezeichnet man einen Schneepflug, der notduerftig aus vorhandenen Materialien zusammengezimmert wurde und der hinter einem Truck gezogen wird.
  4. Tyrels Redneck Plow besteht aus zu einem Balken zusammengefuegten Holzlatten.

Moment… wenn er sich sicher ist, dass das super funktioniert, warum steht er dann um diese Uhrzeit auf?

Ich mache mich schnell fertig. Schliesslich mag ich es ueberhaupt nicht, zu spaet zur Arbeit zu kommen. Und gestern bin ich mit dem Auto eher die Ausfahrt hochgeschwommen statt gefahren.

Vor Ort stelle ich fest, dass der Schnee irgendwie verdichtet ist und ich darauf gehen kann. Scheint also geklappt zu haben das mit dem Schneeraeumen.

Nach ca. 7 Minuten hat Tyrel noch vor dem Huegel das Auto so festgefahren, dass es weder vor- noch zurueck geht.

Wir stapfen zum Truck, Tyrel faehrt mich bis zur Strasse und laeuft zum Haus zurueck. Es werden fuer ihn zwei harte Schaufelstunden werden, bis er das Auto zur Arbeit fahren kann. Ich schreibe meiner Arbeitskollegin, dass ich mich eventuell ein paar Minuten verspaeten werde. Zum Glueck habe ich jeden Morgen einen 15minuetigen Zeitpuffer fuer Unvorhergesehenes und schlechte Strassenverhaeltnisse eingeplant, sodass ich drei Minuten zu frueh ankomme. Im Buero schnell die aktuelle Flugplanung studieren, Schreibzeug und Taschenrechner greifen und ab in den Hangar.

Dort gehe ich zur Tuer rein und da stehen sie. Meine Arbeitskollegin und vor ihr zwei Duesenjets der kanadischen Luftwaffe!

Die beiden Schmuckstücke waren ein Unterhaltungspunkt bei den Sourdough Rendezvous letztes Wochenende. Sie sind geflogen und durften auch am Flughafen bewundert werden. Nun wärmen sie auch kurz in unserer beheizten Flugzeuggarage auf, bis sie sich wieder auf den Heimweg machen.

Nach gut 1,5 Jahren Whitehorse bin könnte ich auch mal wieder auf fliegen… Ob ich dieses Mal erfolgreicher bin im Kapern?

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Irgendwie fehlt mir der Steigbügel, um in dieses Flugzeug einsteigen zu können.

Ganz besonders interessant finde ich die Sitze der Piloten. Je Flugzeug sitzen zwei Piloten hintereinander und so sieht ihre Rückenlehne aus:

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Man könnte fast denken, es handelt sich um einen großen klobigen Plastikkasten, den man sich als Rucksack aufsetzt. Aber irgendwo muss ja die ganze Sicherheitsausrüstung hinpassen, samt Fallschirm und Schleudersitz.

Kurz vor 6 Uhr morgens sitze ich im Büro und wundere mich darüber, was heute schon alles passiert ist.