Jagd

Flusstrip 2018: Tag 3

In der Wildnis scheine ich einen helleren Schlaf zu haben. Ich wache auf, wenn ich das Feuer nicht mehr knistern hoere und lege neues Holz nach. Dann kann ich kurz nicht schlafen, weil das Feuer zu laut knistert und es zu hell geworden ist, da der Schein des Feuers die Plane ueber uns wie eine Kinoleinwand beleuchtet. Das ganze wiederholt sich etwa drei Mal, bis gegen 7 Uhr morgens Aufstehstimmung verbreitet wird und ich mich aus dem Schlafsack schaele.

Auch heute Morgen zeigt das Thermometer -12 Grad an. Schnell schluepfe ich in meine dicke Kleidung und bewege mich, um warm zu werden. Wasser muss geholt werden, sowie das Fruehstueck, was mit den anderen Lebensmitteln nachts in einem Plastikcontainer beim Boot bleibt. Vor Baerenbesuch graut es meinen Mitstreitern dabei nicht so sehr wie vor Maeusen.

Nachdem unsere Gaumen gestern durch die Elchwuerstchen und Kaesegnocci so verwoehnt wurden, gibt es heute morgen wieder ein Fertiggericht von Knorr. Joe gebe ich eine Packung hausgemachte Nussriegel mit fuer einen Snack zwischendurch auf dem Boot. Tyrel und ich beschliessen, so wenig wie moeglich selbst von den Riegeln zu essen, damit wir Joe auch eine Freude machen koennen, wo er uns doch aus der Patsche hilft und dabei noch so gut verkoestigt.

Heute Morgen brauchen wir laenger, bis wir aufbrechen. Tyrel hat ein paar duenne Baeumchen gefaellt und zusammen mit Joe wird beraten, wie die Boote nun am besten zusammengebunden werden koennen, damit alles gut navigierbar ist und das Gummiboot keinen Schaden nimmt. Ich nutze die Zeit um mich warmzuhalten, packe unser Camp zusammen und bringe die Kisten herunter in Richtung Boot. Mit der Kamera halte ich den Sonnenaufgang fest.

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Die Sonne lugt hinter den oestlichen Bergen hervor, waehrend sich noch Nebelschwaden auf dem Wasser tummeln.

Joe und Tyrel zurren derweil fleissig an den Booten herum. Zugseile, Bungeeseile und Ratschen ist etwas, was man in Unmengen mit auf einen Trip in die Wildnis nimmt und in allen moeglichen Situationen darueber gluecklich ist.

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Die Boote sind mit zwei duennen Baeumen parallel miteinander verbunden und werden wieder mit der Ausruestung eingeraeumt.

Schliesslich treiben wir auf dem Fluss. Langsam geht es voran, bei engen Kurven paddeln wir zusaetzlich, damit wir nicht auf eine Kiesbank auflaufen. Ein paar Flusswindungen weiter begruesst uns ein maechtiges Floss!

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Bestimmt 15 Meter lang ist das Floss, das mit Annehmlichkeiten wie Autositzen und einer Feuerstelle ausgeruestet ist.

Wir gehen an Land und machen uns ein Bild von der Lage. Unglaublich ausgeruestet waren die Flossfahrer unterwegs. Eine Dusche ist an Bord, eine Betonplatte mit Feuerstelle, eine Kueche, Schlafplaetze, Kisten voller noch haltbarer Lebensmittel, Werkzeuge und eine Kiste voller Naegel. Eine Landungsbruecke fuehrt zum Ufer, dort hat jemand Unmengen von Feuerholz gesaegt und ein provisorisches Klo ausgehoben und zum Teil mit Klopapier und Faekalien gefuellt.

Gab es Probleme mit dem Floss, sodass sie nicht weiter konnten? Sind sie auf Grund gelaufen und haben das Floss dann nicht mehr zurueck ins Wasser bekommen? Haben sie aus anderen Gruenden die Expedition abbrechen muessen und das Boot zurueckgelassen um im naechsten Sommer zurueckzukommen?

Wir wissen es nicht und werden es wahrscheinlich nicht erfahren. Es bleibt nur abzuwarten, ob das Floss im naechsten Jahr noch vorhanden ist oder vom losbrechenden Eis im Fruehling zermalmt oder losgerissen wurde.

Wir lassen den Ort ruhen und ziehen weiter.

Nach einer Flussbiegung ruft Tyrel leise „es hat ein geweih…“

!!! EIn junger Elchbulle sonnt sich am Ufer und schaut uns fragend an!!! So unauffaellig, wie es nun mal geht, greife ich nach meinem Gewehr, lade Munition durch, nehme die Schutzkappen des Suchers ab und lege an. „Schiess nicht, er rennt doch schon weg!“ Und auch ich sehe nur noch den Elchgalopp… Verdammt! Joe musste den Motor bedienen, vor uns im Fluss befanden sich Kiesbaenke, Steine und Stromschnellen. Und Tyrel hat gepaddelt, um Joe zu unterstuetzen. Naja, es ist gut, dass wir wenigstens einen Elch gesehen haben. Schnell geht es zur Stelle, die der Elch zur Siesta ausgewaehlt hatte. Joe streift gegen den Uhrzeigersinn um die kleine Insel, Tyrel und ich im Uhrzeigersinn. Im Eis um die Insel entdecken wir schliesslich, wo der Elch vom Festland angereist und auch wieder abgereist ist. Schade, er ist weg.

Wir tuckern zum anderen Ufer und machen Mittag. Vielleicht kommt der Elch ja nochmal wieder. Tyrel und ich essen ein paar staubige Cracker, waehrend die Schatten der Baeume ueber uns ziehen und die Mittagpause unangenehm machen. Es ist Zeit, weiterzuziehen.

Tyrel fallen immer wieder die Augen zu. Hmm, habe nicht ich das Feuer am Leben gehalten heute Nacht und sollte jetzt muede sein? Aber wie schoen, dass seine Erkaeltung so gut ausgeheilt ist, davon ist gar nichts mehr zu spueren.

Joe reicht uns ein Stueck Christstollen herueber, wir schneiden zwei kleine Scheiben ab. In meinem Mund erklingt eine Symphonie. Wie wundervoll es schmeckt! Ist es, weil ich gerne Stollen mag, weil ich hungrig bin, weil ich mich hier von Fertiggerichten ernaehre oder liegt es an der frischen Luft? Spielt ueberhaupt keine Rolle. Mit geht es einfach prima und ich bin da, wo ich gerade sein soll.

Waehrend wir alle Ausschau halten nach einem Cousin des fluechtenden Elchbullen, mache ich ein paar Bilder von anderen Tieren.

Heute passiert nicht mehr viel. Wir halten, errichten das Lager, machen ein Feuer.

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Das Feuer waermt einen Topf mit Wasser auf einem Gitterrost. Daneben wurden schon Tyrels und meine Plastikschuessel mit Fertignudeln und heissem Wasser befuellt.

„Wollen wir naechstes Jahr Urlaub im Warmen machen?“, fragt Tyrel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Jagdtrip dafuer ausfallen wird 2019. Aber warm klingt eigentlich ganz verlockend zur Abwechslung. Tyrel moechte gern Alligatoren sehen. Die gibts doch in Louisiana, da ist das Essen so scharf und lecker, das gefaellt mir wiederum!

Wir wuenschen uns eine gute Nacht und warme Traeume.

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Flusstrip 2018: Mehr Vorbereitungen und Tag 1

Der letzte Beitrag mit etwas chaotischen Vorbereitungen endete mit dem Dienstag vor der Abreise. Es folgen die weiteren Vorbereitungen bis zum Abreisetag, sowie der erste Tag auf dem Fluss.

Vorbereitungen:

Mittwoch: Wir haben Besuch und essen Baerenbraten; Tyrel repariert hustend den Motor und ist sich sicher, dass er jetzt gut funktioniert.

Donnerstag: Tyrel wird kraenker. Ich verweigere, den Motor auf dem See zu testen und koche stattdessen ueber Nacht im Slow Cooker eine Huehnersuppe.

Freitag: Nach einer nahezu schlaflosen Nacht fiebert Tyrel und ist elend. Ich floesse ihm Suppe und Tee ein.

Samstag: Irgendwann abends mobilisiert Tyrel ausreichend Kraefte, sodass wir unseren Truck zum Zielort Carmacks fahren koennen. Auf der Rueckfahrt verlangt er erst nach Orangensaft und schlaeft dann fuer den Rest. Eigentlich wollten wir heute abend schon zum Startpunkt fahren und dort eine Nacht schlafen, aber das koennen wir knicken.

Sonntag: Tyrel fiebert nicht mehr aber hustet ganz schlimm, sobald er sich bewegt. Wir beschliessen, heute noch auszuruhen. Auf dem Fluss gibt es naemlich keine Hilfe, falls irgendwas schlimmer wird. Das Auto ist gepackt und wartet auf Tyrels Genesung. Nachmittags probieren wir dann doch den Motor auf dem See aus, klappt super! 🙂

Tag 1 auf dem Fluss:

Eigentlich wollten wir um 6 Uhr morgens losfahren, Tyrel hat einen dementsprechenden, naechtllichen Wecker gestellt. Als dieser jedoch klingelt, wird er ausgestellt ohne dass Tyrel sich zum Aufstehen bewegen kann. Ich protestiere jedenfalls nicht, predige ich ihm doch immer noch, dass er Ruhe braucht und sich kaum welche goennt.

Ca. 2,5 Stunden spaeter als geplant verlassen wir schliesslich das Haus. Das Auto ist ja schon gepackt, wir praktisch! Leider konnten wir unsere Leinenueberzuege fuer unsere Schlafsaecke nicht finden. Die sind aber wichtig, falls wir in der Naehe eines Feuers schlafen, denn ansonsten sind die teuren Schlafsaecke durch Funkenflug schnell ruiniert. Ich ueberzeuge Tyrel, in der Stadt Leinenstoff zu kaufen, damit ich die Ueberzuege auf der Autofahrt zusammennaehen kann. Er ist nicht ueberzeugt, dass das klappen wird, kauft den Stoff aber trotzdem.

Bei mir stellt sich eine Gier nach Burgern ein. Ich halte es fuer wichtig, dass eventuelle Gelueste noch vor einem mehrtaegigen Wildnistrip gestillt werden. Tut man das nicht, kann das Verlangen unertraeglich werden. Jedenfalls, wenn man so gerne isst wie ich. Tyrel ist einigermassen ueberzeugt von meinen Argumenten und ich senke meine Zaehne noch ein letztes Mal in einen Burger ohne Broetchen aber dafuer mit Salat umwickelt. Das kann man hier ohne Aufpreis dazubestellen, Burgerbroetchen fand ich schon immer zu pappig und suess.

Eine grosse Pulle Hustensaft wandert noch ins Auto, sowie zwei Karibu (Rentier) Abschussgenehmigungen. Unser Freund Joe kam erst von seiner Flusstour zurueck und hat gesehen, dass jemand ein Karibu geschossen hat. Fuer den Fall, dass statt Elch ein Karibu unsere Schusslinie kreuzt, wollen wir natuerlich vorbereitet sein.

Schliesslich geht es auf die Fahrt nach Johnson’s Crossing, unseren Startpunkt und Einstieg in den Teslin River. Waehrend ich fleissig Leinenbezuege naehe, fragt Tyrel, ob ich das nicht lieber spaeter im Camp machen moechte. Noe, sage ich, und naehe froehlich weiter. So lange brauche ich auch gar nicht, als ich fertig bin muessen wir noch ein ganzes Stueckchen fahren. Ungefaehr 30 Minuten vor unserem Zielort kommt uns James entgegengefahren in Joes Truck samt Anhaenger. Das heisst Joe hat sich wahrscheinlich gerade von James absetzen lassen und ist auf dem Fluss! Mal sehen, ob wir ihn treffen. Kommt auf seine und unsere Strategie an, die meisten wollen am ersten Tag ordentlich Kilometer machen, um alle Tages- und Wochenendjaeger hinter sich zu lassen, die zum Ausgangspunkt zurueckkehren.

Zunaechst muessen wir bei dem Motel Bescheid sagen, dass wir unseren Wagen dort fuer ungefaehr eine Woche parken wollen. An der Rezeption lachen Tyrel dann frische Haehnchenfluegel und mich ein riesiger Keks mit Schokostueckchen an, die nehmen wir auch noch mit zur Staerkung bevor wir das Boot zusammenpuzzeln. Obwohl es Montagnachmittag ist, werden etliche Boote ins Wasser gelassen. An der Stelle des Flusses gibt es eine Betonrampe, mit der man seinen Bootsanhaenger direkt ins Wasser fahren kann, um da das Boot ins Wasser zu lassen. Wir mit unserem vollgepackten Kombi, auf dessen blosses Dach ein Aluboot geschnallt wurde, sind hier irgendwie Exoten.

Eine gute Stunde dauert es, bis wir alles ins Boot gestopft haben. Das System entsteht dabei meist in Tyrels Kopf und ich gebe ihm solange verschiedene Kisten und Utensilien, bis er zufrieden ist. Und dann ist es auch schon Zeit um die Annehmlichkeiten der Zivilisation hinter sich zu lassen.

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Ich stehe an unserem Startpunkt vor dem vollgepackten Boot und lasse die imaginaeren Muskeln spielen.

Meine Haare habe ich mir dieses Jahr in viele kleine Zoepfe geflochten. Letztes Jahr hatte ich sie in zwei losen Zoepfen, was mir am Ende eine grosse Filzplatte auf dem Kopf bescherte.

Dieses Jahr fahren wir nicht alleine, wir haben eine Galleonsfigur am Bug angebracht.

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Die Pluesch-Katze Pusheen begleitet uns samt Regenbogen-Maehne und Einhorn.

Tyrel und ich hieven das Boot ins Wasser. Ich setze mich hinein, Tyrel schiebt es noch weiter ins Wasser und kommt nach. Und wir sind unterwegs.

Ich benutze mein Paddel und navigiere uns stormabwaerts und weg vom Ufer. Tyrel laesst den Motor ins Wasser und startet ihn. Wir lassen den Motor warmlaufen, sicher ist sicher und heute ist ein kuehler Tag. Dann legt Tyrel den Gang ein und wir tuckern ganz langsam den Fluss herunter.

Im Kanu letztes Jahr sassen wir hintereinander, dieses Jahr koennen wir nebeneinander sitzen, das ist schoen. Tyrel drueckt mir die Flusskarte in die Hand. „Du navigierst uns dieses Jahr. Zweites Mal auf dem Fluss, mehr Verantwortung!“

„Okay… Immer flussabwarts, bis ich Stopp rufe.“ navigiere ich vor mich hin. Wozu braucht man eigentlich ne Karte, man weiss doch wo der Fluss langfliesst. „Weisst du, wo wir auf der Karte sind?“ fragt Tyrel nach ein paar Minuten. „Hmmm, entweder in dieser oder dieser Biegung…“ „Es ist aber wichtig zu wissen, wo wir sind. Auf der Karte sind flache Stellen und Steine im Fluss eingezeichnet, die einen in ernste Schwierigkeiten bringen koennen. Ausserdem sind die Lagerplaetze verzeichnet, abends sollten wir nicht an unserem naechsten Lagerplatz vorbeifahren. Der naechste koennte weit weg sein.“ erklaert Tyrel.

Fortan suche ich die Umgebung nach Steilhaengen, Felspfeilern und Prallhaengen ab und vergleiche mit der Karte, die sich in einem grossen Gefrierbeutel befindet. Zusaetzlich halte ich natuerlich nach Tieren Ausschau, ueberpruefe die Wassertiefe und schaue, ob vor uns Gefahren im Wasser lauern koennten.

Nach ein paar Stunden auf dem Wasser finden wir beide, dass es Zeit fuer die erste Pause ist. Wir steuern eine Insel an, die wir letztes Jahr ausgiebig erkundet haben. Ich finde es ist Zeit fuer eine Pause, weil ich so endlich den Mittagsproviant probieren kann. Zuhause habe ich backblechweise fleissig gebacken: Zwei Tassen Mandeln, eine Tasse Erdnuesse, eine Tasse Puffreis, einen halben Teeloeffel Salz und eine halbe Tasse Ahornsirup vermengen, auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech geben und bei 160 Grad Celsius ca. 30 bis 40 min backen. Ober- Unterhitze, hier gibts meist kein Umluft und eine Tasse fasst ca. 250 ml. Bessere Riegel hab ich bisher noch nicht gegessen und ich hab schon einige Rezepte selbst ausprobiert.

Weiter gehts auf dem Fluss, wie schoen dass jetzt ein paar schoene Tage vor uns liegen! Mit einem Patpatpat untermalt der Motor unsere Aufbruchstimmung. Komischerweise wird daraus gleich darauf ein proetproetproet und dann Stille. „Kein Problem, das Benzin ist bestimmt leer“ beruhigt Tyrel.

Doch Benzin ist noch genug drin. Oel auch. Tyrel versucht den Motor wieder zu starten und zieht mehrmals heftig an der Starterschnur. Der Motor springt wieder an, die Stimmung ist jedoch gedaempft. „Lass uns bald nach einem Lagerplatz Ausschau halten.“ schlaegt Tyrel vor und ich stimme zu. Nach zwei weiteren Flussbiegungen zeigt die Karte auf der rechten Seite eine Lagermoeglichkeit an. Langsam naehern wir uns und ein orangener Punkt ist entfernt genau dort auszumachen. „Das ist Joe!“ ruft Tyrel ueberzeugt. Ich Maulwurf bin noch nicht ueberzeugt. Wir kommen immer naeher, da kann auch ich ausmachen, dass der orangene Punkt ein Gummiboot ist, wie ich es schon bei Joe gesehen habe. Dass Joe jetzt neben seinem Boot steht, hilft mir bei der Identifizierung ungemein. Wir steuern auf das Ufer zu um zu plaudern.

„Heute hab ich frueh Feierabend gemacht, es ist schon alles bereit und das Feuer brennt. Es ist genug Platz fuer euch, wenn ihr wollt.“ „Nur, wenn es dich nicht stoert!“ „Ach, Quatsch, ich hab eh mein Buch zu Hause vergessen.“

Das Boot am Ufer vertaeut ueberlegen wir, was jetzt in welcher Kiste war und was wir fuer das Lager brauchen. Tyrel schnappt sich die Kettensaege und macht etwas Feuerholz. Joe hatte naemlich kein Benzin mehr in der Kettensaege und wollte mal gucken, ob das bereits Gesaegte vielleicht zum Fruehstueck am Morgen reicht. Waehrenddessen suche ich eine ebene Stelle im Waldboden und beaeuge die umliegenden Baeume. Mit ein paar Bungeeseilen und Gurten spanne ich eine Plane zwischen den Baeumen. Eine Seite ist die tiefste, damit eventueller Niederschlag ablaufen kann. Unter der Plane breite ich eine weitere Plane auf dem Boden, auf der wir schlafen werden. Darauf die Unterlagen, Schlafsaecke im heute morgen genaehten Leinen-Ueberzug und die Innenschlafsaecke. Ich sehe auf mein Werk und bin ganz zufrieden mit mir. Das haette ich letztes Jahr noch nicht ohne Weiteres alleine geschafft.

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Es sieht nur dahingeworfen aus, ist aber eine funktionierende Lagerstaette mit System.

Auch Tyrel ist zufrieden und lobt mich. Am Feuer koennen wir heute nicht schlafen, dafuer reicht der Platz da nicht aus. Aber ich freue mich schon auf die erste Nacht im Freien seit langem.

Als die Sonne untergeht, erhitzen wir Wasser ueber dem Feuer. Wir haben eine ganze Menge Fertiggerichte von Knorr mitgebracht; so erhoffen wir uns mehr Abwechslung als die Kaesenudelodysee von letztem Jahr. Wieder schuetten wir das Fertiggericht in einen Plastikcontainer zusammen mit heissem Wasser und lassen das ganze fuer einige Zeit eingepackt in meiner dicken Jacke quellen. Heute esse ich Honig-Knoblauch-Nudeln und die sind gar nicht mal so schlecht. Noch lange sitzen wir am Feuer und erzaehlen uns gegenseitig ernste und lustige Geschichten aus unseren Leben.

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Ein warmes Feuer vor Baumsilhouetten, Abenddaemmerung und Spiegelungen im Fluss.

Ich reisse mich vom Feuer und der Gesellschaft los und gehe noch einmal hinunter zu den Booten am Fluss. Wie schoen friedlich und einfach diese Welt doch sein kann.

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Grau-orange Abendstimmung am Fluss im Niemandsland.

Heute werde ich bestimmt gut schlafen. 🙂

Es klopft an der Wand (Achtung, blutige Bilder)

Es ist Mittwoch abend. Wieder einmal stelle ich um 21 Uhr fest, dass es schon wieder viel zu spaet geworden ist. Der Wecker klingelt um 4:20 h in der Frueh und ich brauche eine gute Muetze Schlaf, um mein Gehirn im vollen Umfang nutzen zu koennen.

Gegen 21:30 h liege ich dann auch endlich im Bett und schlafe ein. Tyrel bleibt meist noch etwas auf, da er nicht so frueh aufstehen muss und schleicht dann spaeter leise ins Schlafzimmer.

Ich werde wach, da Tyrel sich neben mir ruckartig bewegt. Draussen kracht es.

„Da ist ein Baer!!“

Klare Gedanken fassen kann ich noch nicht. Was kracht da an der Aussenwand des Schlafzimmers, warum soll das ein Baer sein und was ist hier ueberhaupt los? So frage ich dann einfach „Und jetzt?!“

„Ich werde ihn schiessen!“

Achja, es ist ja Baerensaison und wir haben zusammen ganze vier Abschussgenehmigungen fuer Schwarbaeren und zwei fuer Grizzlybaeren. Aber bitte warum wuerde ein Baer gegen unsere Wand krachen?

Waehrend ich noch versuche, die Dinge in meinem Kopf zu sortieren, ist Tyrel angezogen und hat seine Schrotflinte geladen mit speziellen kupferummantelten Bleigeschossen, petetrator slugs.

Einfach im Bett liegen bleiben kann ich auch nicht. Ich ziehe einen Wollpulli ueber und gehe ins Wohnzimmer. Um auch irgendwie bewaffnet zu sein, greife ich zu unserem Baerenspray, und komme mir dabei albern vor, als ich Tyrel durchs Fenster beim Anschleichen sehe. Aber falls der Baer Tyrel am Wickel haben sollte, ist es am besten, mit Baerenspray auf das Knaeul zu spruehen. So toetet man wenigstens nicht den Falschen aus Versehen.

Tyrel legt an und es knallt.

Dann geht er zurueck zur Tuer, wo ich ihm entgegen gehe.

„Ein Schwarzbaer! Ich hab ihn getroffen aber er ist entkommen. Wir muessen ihn aufspueren!“

Schnell lade auch ich meine neue Schrotflinte mit den penetrator slugs, schnalle meine Bauchtasche mit Jagdgenehmigung, Abschussgenehmigungen und Munition um und schluepfe in bereitstehende Gummistiefel. Wir gehen zur Abschussstelle.

Der Baer hat eine kleine Gefriertruhe umgeschmissen und inspiziert. Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, denn sie ist leer. Hat sie vielleicht interessant gerochen? Schwarzbaeren sollen einen Geruchssinn haben, der sieben Mal besser ist als der von Hunden!

Tyrel geht schnell noch ins Haus und holt die Kopflampen fuer den Fall, dass es dunkel wird. Noch ist es zum Glueck hell so hoch im Norden. Ich stehe da mit meiner Flinte und schaue auf die umliegenden Buesche. Irgendwo ist der Baer, sehr wahrscheinlich verletzt und zu allem bereit. Die Pferde, die auf dem Feld neben unserem Haus stehen, sind ganz aufgeregt, laufen umher und geben blubberige Geraeusche von sich. Und dann hoere ich ein tiefes Stoehnen von weiter rechts, etwas entfernter. Da muessen wir hin!

Mit Tyrel streife ich durch das Gebuesch hinter unserem Haus. „Vergiss nicht, auch auf die Baeume zu schauen!“ fluestert er mir zu. Stimmt ja, Schwarzbaeren sind ausgezeichnete Kletterer. Ein komisches Gefuehl ist es schon, durch das Dickicht zu streifen in dem Wissen, dass ein verletzter Baer ganz in der Naehe ist und der Baer mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr genau weiss, wo wir gerade trampeln.

Wir schluepfen schliesslich durch den Zaun zur Pferdeweide um zu sehen, warum die Pferde so einen Radau machen. Beide Pferde stehen direkt in einer Ecke der Weide und starren auf einen Punkt. Als wir uns naehern, rennt das juengere Pferd wie von der Tarantel gestochen weg. Das Aeltere ist auch sichtlich nervoes und weicht uns schnell aus.

Tatsaechlich haben die Pferde auf den Baeren gestarrt, der etwas entfernt auf der anderen Seite des Weidezauns liegt und sich noch bewegt. Doch mit der Schrotflinte koennen wir keinen sauberen Schuss landen. Ich gehe zurueck, um das Gewehr mit Vergroesserungsglas (Scope) zu holen, waehrend Tyrel die Position der Pferde einnimmt und den Baeren im Auge behaelt.

Wieder streife ich durch Buesche und bewundere meine Jagdbekleidung. Ich trage einen Wollpulli und eine Schlafhose aus Fleece, dazu Gummistiefel, Brille und meine Zahnschiene gegen Knirschen neben Schrotflinte und Bauchtasche.

Im Haus muss ich erstmal dringend pinkeln, lade dann das Gewehr, packe extra Munition in meine Bauchtasche und schnalle das Gewehr auf den Ruecken. In den Haenden halte ich nach wie vor die Schrotflinte. Die ist einfach praktischer im Busch, falls man sofort auf eine Situation reagieren muss.

Tyrel hat in der Zwischenzeit seine Position gewechselt, der Baer ist aufgestanden. Mittlerweile liegt er wieder auf dem Ruecken und wir versuchen uns zu einer Position zu bewegen, in der wir einen sauberen Schuss landen koennen. „Wenn er noch mehr in diese Richtung geht, verschwindet er im Sumpf. Wir muessen ihn umzingeln!“, weist Tyrel an. Einen verletzten Baeren zu umzingeln hoert sich nicht nach der Beschaeftigung an, die man der Nachtruhe unbedingt vorziehen wuerde. Doch ich moechte in diesem Moment nur noch eins: Das Leid des Baeren beenden.

Als wir den Baeren zu umkreisen versuchen, rappelt er sich wieder auf und geht weiter. Ich kann meine Augen nicht von ihm lassen, es ist ein majestaetischer Anblick, wie der Baer in seiner Kraft trotz seiner Schmerzen noch so schreiten kann. Dann sieht Tyrel eine gute Schussposition und schiesst zwei Mal. Der Baer bricht zusammen.

Er stoehnt und windet sich, rollt einen Abhang herunter. Dann wird es sehr still. Wir beobachten den Baeren fuer ein paar Minuten. Nichts ruehrt sich.

Jetzt ist es Zeit, an die naechsten Schritte zu denken. Tyrel entwertet eine Abschusserlaubnis. Wir gehen zum Haus und ueberlegen, wie wir den Baeren transportieren koennen. Die Moskitos zerfleischen uns so nah am sumpfigen Gebiet und es waere schoen, wenn wir ihn etwas geschuetzter verarbeiten koennten. Leider ist uns ein Griff unserer Schubkarre vor zwei Wochen abgebrochen. Und wie bekommen wir den Baeren den Hang hoch? Ich schlage vor, es mit dem Plastikkinderschlitten zu versuchen, der uns schon beim Transport des Bisons gute Dienste erwiesen hat.

Beim Haus spruehen wir erstmal die anscheinend verlockende Gefriertruhe mit Chlorwasser aus, damit wir nicht noch mehr Baeren anlocken. Ich ziehe mir Handschuhe an, da es jetzt wahrscheinlich blutig wird. Mit Schlitten und kaputter Schubkarre kehren wir zurueck. Zwei Schrotflinten haben wir natuerlich noch dabei. Manchmal werden weitere Baeren von den Schuessen angelockt.

Wir stellen den Schlitten neben den Baeren und versuchen ihn hinein zu rollen. Mit ist ganz mulmig zumute, der Baer hatte sich eben noch bewegt und sieht so aus, als wuerde er nur schlafen. Da stelle ich mich lieber an das hintere Ende. Als Tyrel das Vorderbein bewegt, ertoent ein Grollen und ich erschrecke mich. Doch das Grollen wurde durch die Loecher in der Lunge erzeugt, durch die beim Bewegen Luft stroemte. Schliesslich liegt der Baer im gelben Schlitten.

Der Baer ist ein stattliches Maennchen mit geschaetzt 150 kg Gewicht. Der Geruch steigt mir in die Nase und ich verstehe nicht, dass ich diesen Geruch nicht immer im Gedaechtnis habe. Suess-feucht-herb. Meine DNA scheint ihn seit Urzeiten zu kennen, meine Nackenhaare stellen sich auf. Es scheint der Geruch der Gefahr zu sein.

Zwischen duennen Baeumen und Gebuesch zerren wir den Baeren schliesslich den Hang hoch. Neben den Schlitten legen wir die Schubkarre auf die Seite und schaffen es irgendwie, die Schubkarre samt Baeren aufzurichten. Der Weg nach Hause mit Baeren in der Schubkarre ist lang. Wir koennen nicht ueber die Pferdeweide abkuerzen und durch kein Gebuesch fahren. Doch irgendwann stehen wir vor dem Haus.

Wir raeumen den Weg frei von der Haustuer bis zum grossen Tisch in Wohnzimmer und legen aufgeschnittene Plastiksaecke aus, um das spaetere Aufraeumen zu begrenzen. Dann hiefen wir die Schubkarre Stufe fuer Stufe zur Haustuer und fahren den Baeren ins Wohnzimmer. Hier atmen wir erstmal tief durch.

Ich zuecke den Fotoapperat, irgendwie moechte ich nicht, dass der Baer so ganz gesichtslos in unserer Gefriertruhe verschwindet.

Waehrend Tyrel mehr Muellsaecke ausbreitet und den Wohnzimmertisch fuer das Verarbeiten vorbereitet, raeume ich den Kuehlschrank um und nehme Glasplatten und Schubladen heraus. Zum Glueck haben wir nicht viel im Kuehlschrank, ich wollte nach der Arbeit gross einkaufen. Jetzt denke ich, dass es in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit weise ist, den Baeren nur auszuweiden, zu Haeuten und in grosse Stuecke zu teilen, die man dann im Kuehlschrank fuer ein paar Tage aufbewahrt, bis man alles zerteilt und einfriert.

Als alles vorbereitet ist, muss der grosse Baer noch irgendwie auf den Tisch gewuchtet werden. Ich merke, wie mir die Kraefte mit jedem neuen Versuch mehr versagen und mein Koerper nach Schlaf verlangt. Tyrel schlaegt vor, dass wir drei Betonschalungssteine aus dem Garten holen und die Schubkarren an sich aufbocken. Hier lerne ich mal wieder ein neues englisches Wort, diese Steine nennt man cinder blocks, was sich mit Schlackenblock uebersetzen liesse. Nach weiteren Kraftanstrengungen helfen uns diese Steine tatsaechlich, die Schubkarre aufzubocken und den Baeren auf dem Tisch zu platzieren.

Tyrel sieht mich an und ich scheine so auszusehen, wie ich mich fuehle. Er schickt mich ins Bett. Fuer anderthalb Stunden versuche ich zu schlafen, muss aber immer wieder an den Baeren denken und wie dankbar ich bin, dass ich ihn von so Nahem betrachten konnte. Dann frage ich mich, warum ich nicht wie andere auch die Baeren bei einer Wohnmobilreise vom Strassenrand aus beobachten kann. So richtig eine Antwort faellt mir nicht ein. Die Jagd jedoch ist mittlerweile zu einem wichtigen Bestandteil in meinem Leben geworden. Es fuehlt sich ehrlich an, das Fleisch zu essen von einem Lebewesen, in dessen letzten Lebensminuten man dabei war. Es ist eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Keine Auslagerung der Verantwortlichkeiten.

Schliesslich uebermannt mich noch ein kurzes Nickerchen. Ich traeume, dass Tyrel und ich unbedingt in die Pullman City Westernstadt im Harz muessen, um eine Auskunft zu erhalten. Doch die Wetsernstadt ist geschlossen. Dann klingelt der Wecker. Komischerweise fuehle ich mich nicht so schlecht wie vermutet.

Als erstes moechte ich sehen, wie sich Tyrel schlaegt. Ich oeffne die Schlafzimmertuer und ein beissender Geruch kommt mir entgegen. Eingeweide. Im Wohnzimmer treffe ich auf einen ueberraschend zurechnungsfaehig wirkenden Mann, der den Baeren komplett ausgeweidet hat. Jetzt ist nur noch das Haeuten und Zerteilen dran. Ob er das schafft, bevor er auch zur Arbeit muss? Er ist zuversichtlich, obwohl es nur noch wenige Stunden bis dahin sind.

Ich mache mich fertig und gehe zur Arbeit. Spaeter korrespondieren Tyrel und ich. Gegen Mittag schickt er mir eine Nachricht, dass ihm gerade aufgefallen ist, dass er beim Haeuten anscheinend doch etwas muede war. Ich soll in den Kuehlschrank gucken, wenn ich nach Hause komme.

Im Kuehlschrank finde ich dann Folgendes vor:

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Der Kuehlschankinhalt. Eine Menge Baerenfleisch, dann der Hals und Kopf. Doch der Kopf ist noch voll bepelzt.

Tyrel muss so geistig umnachtet gewesen sein aufgrund des Schlafmangels, dass er den Pelz um den Kopf einfach abgeschnitten hat. Okay, das sieht dann wahrscheinlich komisch aus, wenn man das Baerenfell ohne Kopf hat. Aber vielleicht verarbeiten wir es nach dem Gerben ja und machen Handschuhe daraus, oder einen Bikini. Dann faellt es gar nicht mehr auf. 🙂

Einige Teile hatten nicht mehr in den Kuehlschrank gepasst. Die hat Tyrel dann in unsere Gefriertruhe gelegt und wir haben sie nach der Arbeit wieder herausgenommen und verarbeitet. Doch an dem Rest sitzen wir immer noch dran. Der Baer ist ganz schoen gross und hatte auch gute Fettreserven. Vor allem dafuer, dass die Baeren erst vor kurzem aus dem Winterschlaf erwacht sind. Daher wundert es mich noch mehr, dass er unsere leere Kuehltruhe demolieren wollte.

Ich betrachte sein Opfer einfach als ein grosses Geschenk, fuer das ich sehr dankbar bin! Und jetzt mache ich mich an die Zubereitung des heutigen Abendessens. Es gibt Baerengulasch.

Bleiberecht

Es ist soweit.

Laut einer neuen Verordnung hatten die kanadischen Behoerden genau ein Jahr Zeit, um zu entscheiden, ob ich dauerhaft bleiben darf oder nicht. Am genau letzten Tag vor Ablauf dieser Frist erhielt ich einen Bescheid per Email. Man habe eine Entscheidung getroffen und wuerde mich kontaktieren.

Ich wurde nach einiger Zeit per Email kontaktiert, dass ich doch bitte innerhalb von 30 Tagen mit meinem Ehepartner, Pass, Bildern und einigen Formularen zu den Behoerden erscheinen muss. Ein Nichterscheinen innerhalb dieser Frist fuehre dazu, dass mein Antrag abgelehnt wird.

Wir sind erschienen… und ich habe einen Stempel im Pass!

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Ich beisse in meinen Pass, um die Echtheit zu ueberpruefen.

Wie alles bei den kanadischen Behoerden will auch die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung gut Weile haben. Von daher muss ich jetzt noch auf meine sogenannte permanent resident card warten. Die bescheinigt dann zweifellos, dass ich mich in Kanada ohne weiteres auhalten darf und sorgt so fuer die sorgenfreie Ein- und Ausreise.

Allerdings sollte man dazu wissen, dass der gemeine Kanadier ueber nicht allzu viel Urlaubstage verfuegt. Genau genommen sind es zwei Wochen Urlaub pro Jahr, also fuer mich 8 Tage. Die bekommt man aber erst voll, wenn man ein ganzes Jahr durchgearbeitet hat. Ohne Urlaub. Das in deutschen Arbeitskreisen uebliche „Ich arbeite jetzt schon vier Monate ohne einen Tag Urlaub zu haben!“ schockt mich nicht mehr so ganz. ^^

Mit einer Woche Mexiko (das Mallorca der Kanadier) oder sogar Deutschland kann ich dieses freudige Ereignis also nicht feiern. Tyrel und ich waren lecker japanisch essen, das bei mir auch fuer Hochstimmung gesorgt! 😀

Zwei Tage spaeter erhielt ich dann ganz unerwartet noch ein Geschenk von Tyrel anlaesslich meiner Aufenthaltsgenehmigung.

Geschenke sind eigentlich nicht so seins. Und der Karton war auch zu gross und laenglich, eine Katze war da sicher nicht drin.

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Die Schrotflinte und ich auf dem Schiesstand.

Es war dann doch eine neue Schrotflinte, eine Stevens 320.

Tyrel ist ja schon seit laengerem der Meinung, dass der Trend zur Zweitschrotflinte geht, er hat naemlich schon eine. Warum ich dann noch eine brauche? Naja, zur Baerenabwehr, sagt er. Da muss ich einwaenden, dass Baerenspray viel sicherer wirkt und Statistiken zufolge auch zu weniger Verletzungen auf beiden Seiten fuehrt. Man sollte nur hoffen, dass man nicht gegen den Wind spruehen muss!

„Aber wenn du auf der Jagd bist und etwas auf kurze Distanz schiessen musst… Oder Zugvoegel im Herbst!“

Na gut. 🙂 Lieber als ein Diamentenring, Parfum oder ein paar Schuhe ist mir die Flinte allemal. Und es trainiert wohl auch die labberigen Arme beim Wandern, wenn man ein paar Kilo Schrotflinte mit sich umher traegt.

Ausserdem kann ich so endlich ein Lied der Bullyparade stilecht nachsingen, welches mich im Maschinenbaustudium beim Lernen fuer die Dynamikklausur mit Ohrwurm fast zum Wahnsinn getrieben hat:

 

Was tut man nicht alles, um sich dieser exotischen, kanadischen Kultur anzupassen! 😉

Bison Jagd – der dritte Versuch (Achtung, blutige Bilder, langer Beitrag!)

Es ist Mitte November 2017. Tyrel und ich haben ganze fuenf Tage zusammen frei! Schnell beschliessen wir, wieder auf Bisonjagd zu gehen. Die letzten beiden Male hat es zwar nicht geklappt (und auch der Elchversuch wurde nichts) aber auf dem Sofa vor dem Kamin sind die Jagdchancen gleich Null! Ausserdem ist das Campen im Winter immer wieder besonders schoen, wenn auch nicht sehr komfortabel. Die Wettervorhersage schwankt zwischen -25 und -30 Grad. Brrr.

Eigentlich wollten wir uns ja ein Schneemobil anschaffen. Die letzten zwei Jagdversuche haben gezeigt, dass man ohne solches keine reellen Chancen hat, da die Bisons gleich am Anfang der Saison von den ersten Jaegern ins Hinterland gescheucht werden. Und zu den Orten, an denen sich die Herde dann aufhaelt, genuegt auch ein strammer Dreitagesmarsch nicht. Die Strapazen, das ganze Tier dann mit dem Schlitten nebst Ausruestung zurueckzuziehen, will ich mir gar nicht vorstellen.

In unser Budget passte nur ein ziemlich gebrauchtes Schneemobil und der Kleinanzeigenmarkt gab nichts her, was Tyrels Anspruechen genuegte. Ich kenne mich nicht aus mit Schneemobilen, daher vertraue ich einfach seiner Expertise.

An einem freien gemeinsamen Vormittag vor unserer freien Zeit fahren wir also gemeinsam raus zu unserer letzten Bisonjagdstelle und wandern zu dem Ort, wo wir im Januar 2017 unsere Schlitten mit Ausruestung ueber einen zugefrorenen Fluss gezogen haben. Einfach um zu gucken, wie viele Schneemobilspuren schon zu sehen sind. Vielleicht sind die Bisons ja noch gar nicht vertrieben!

Vor Ort erwartet uns eine gute und eine schlechte Nachricht. Gut: Noch keine Spuren von Schneemobilen! Schlecht: Der Fluss ist noch nicht zugefroren!!!

Nach langem Ueberlegen, waten im Fluss und Gummistiefeln voller eisigem Wasser dann die Ueberlegung: „Wir koennten an dieser Stelle vielleicht mit dem Truck durch den Fluss fahren!“ Wenns klappt, super! Wenns nicht klappt, ganz grosser Mist. Dann muessen wir versuchen, den Truck mit Seilwinde irgendwie wieder rauszuziehen. Bei -25 Grad, im Wasser. Aber Tyrel zeigt sich zuversichtlich, wenn wir nur Schneeketten und genug Last im Truck haben. Wir beschliessen, unseren Freund James nach Rat und ggf. seinen Segen zu fragen, immerhin wohnt er schon etliche Jahrzehnte im Yukon.

James haelt das Vorhaben fuer moeglich. Allerdings fuegt er hinzu, dass er zu alt fuer den Scheiss ist und keine Lust haette, den Truck selbst aus dem Fluss zu ziehen im Fall der Faelle. Aber in unserem Alter, klar.

Wir packen also reichlich Proviant und Wechselklamotten zu den ganzen Jagdutensilien. Einen Tag vor Abreise kommt mir dann aber noch eine Idee!

Eine Nachricht ging vor kurzem durch ganz Kanada und vor allen den Yukon. Bei der Bisonjagd hat ein pensionierter Forstbeamter ein Bison angeschossen, welches daraufhin zurueck in den Wald gewandert ist, als waere nichts passiert. Nach 20 Minuten Warten ist er dem Bison nachgegangen, um es zu erlegen. Fataler Fehler: Das Gewehr hatte er dabei auf den Ruecken geschnallt! Im Wald ueberrascht das Bison ihn dann und fuegt ihm etliche Verletzungen zu, bis es keine Lust mehr hat, ihm um einen Baum herum nachzujagen. Dann wird es schliesslich erlegt. Wer die originale Geschichte lesen, will, klicke hier.

Meiner Meinung nach waren es zwei Fehler, die der Jaeger begangen hat:

  1. Wenn man in den Wald geht, um ein verwundetes Tier zu suchen, sollte man das Gewehr bereits in der Hand halten.
  2. Wenn ich nicht sicher bin, ob ich das Tier gut treffen kann, schiesse ich nicht. 250 Meter ist ne Menge, wenn man nicht sehr erfahrener Schuetze ist und je nach Kaliber laesst dann auch die Schusskraft schon entscheidend nach.

Jetzt aber zurueck zu meiner Idee: Der besagte Jaeger war nicht alleine auf Jagd, sondern begleitet von seinem 72jaehrigen Freund Fred, der sich zur Zeit der Bisonattacke im Truck ausgeruht hat. Wir kennen Fred, da wir einen gemeinsamen Freund haben! Meine Idee also: Wir koennen doch einfach mal nett fragen, wo sich dieses Drama abgespielt hat. Wenn da ein Bison war, haengt da vielleicht noch ein zweites rum.

Nach einem Telefonat steht der Plan. Wir werden alles packen wie geplant, fahren zuerst zur Stelle aus den Nachrichten, wandern ein wenig herum und dann, wenn wir nichts sehen, geht es mit dem Truck hoffentlich sicher durch den eisigen Fluss.

Schliesslich ist es soweit. Wir fahren los und finden auch die beschriebene Abfahrt vom Highway und die weiteren Gabelungen, die uns zum Tatort des Bisonangriffs bringen. Nachdem wir etwas gefahren sind, parken wir den Truck und steigen aus, um uns etwas umzusehen.

Nach einer Minute finde ich Bisonspuren im Schnee!! Es schneit jedoch ein bisschen und es herrscht auch leichter Wind, sodass man nicht genau sagen kann, wie alt die Spuren sind. „Vielleicht von letzter Nacht.“ schaetzt Tyrel. Natuerlich folgen wir den Spuren um zu sehen, wohin das Bison letzte Nacht gewandert ist.

Die Spuren den Bison fuehren zu einem kleinen See und dann am linken Ufer entlang. Sie verlaufen nicht geradeaus, sondern immer mal wieder zu Buschwerk und Baeumen, dann und wann ist etwas Schnee aufgekratzt. Wahrscheinlich hat es nach Futter gesucht auf seinem Weg.

Schliesslich fuehren die Spuren einen Hang hinauf auf ein Plateau. Tyrel und ich kraxeln hinauf.

„BISON!!!“ schreifluesstert Tyrel.

Ca. 20 bis 30 Meter vor uns steht tatsaechlich ein Bison.

Mein Herz faengt an zu rasen, ich kann es nicht fassen.

Tyrel laedt das Gewehr und zielt.

Doch das Bison hat uns auch entdeckt und schaut uns direkt an. Ganz ruhig steht es da und guckt. Bewegt sich nicht.

So kann natuerlich nicht geschossen werden. Man muss das Tier von der Seite erwischen. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Schuss Lunge und/ oder Herz trifft und das Tier moeglichst schnell stirbt. Ein Kopfschuss kann schnell abprallen durch die dicke Schaedeldecke oder nicht-lebenswichtige Bereiche des Hirns treffen. Wuerde man das Tier frontal in den Brustbereich schiessen, ist das Brustbein im Weg und die Gefahr ist gross, dass der Schaden nicht an Herz und Lunge, sondern den Eingeweiden auftritt und das Tier unnoetig leidet sowie das Fleisch verunreinigt wird.

Das Bison muss sich also langsam zur Seite drehen! Wenn es so verharrt, kann Tyrel nicht schiessen. Wenn es wegrennt, ist das Ziel wahrscheinlich zu unsicher und wenn es auf uns zurennt dann muessen wir uns wahrscheinlich auch einen Baum suchen, um den wir herumrennen koennen.

Das Bison starrt. Und starrt. Tyrel zielt. Und ich? Ich halte mir die Ohren zu, mein Herz rast wie verrueckt und ich kann nicht aufhoeren, schnell durch den Mund zu atmen. Wahrscheinlich wirke ich gerade mehr als idiotisch! Meinen Blick kann ich nicht vom Bison wenden.

Da fuehle ich Tyrels Arm an meinem und ich hebe die Haende von meinen Ohren. „Sei leise! Du atmest total laut!!!“ Ja, recht hat er aber ich bin aus der Puste wie nach einem Langlauf! Ich versuche also halbwegs leise zu atmen und das dann auch noch durch die Nase.

Das Bison bewegt sich. Ganz langsam. Erst den Kopf. Dann geht es einen Schritt zur Seite und der Koerper steht schliesslich seitwaerts zu uns.

Ein Knall.

Ist das Bison getroffen?? Es bewegt sich langsam und… dreht die andere Koerperseite zu uns!!

Tyrel laedt nach und ein weiterer Knall ertoent.

Das Bison dreht uns den Hintern zu und geht gemaechlich ein paar Schritte zum naechsten Baum. Dort legt es sich auf die Seite.

Tyrel geht auf das Bison zu, ich halte ihn am Arm fest. „Lass es in Ruhe sterben!! Wenn du es erschreckst, steht es nochmal auf und rennt weg!!“ „Ich moechte doch nur eine bessere Sicht haben, damit ich nochmal schiessen kann, falls es aufsteht.“ „Okay, aber lass es in Ruhe! Ich hole den Truck.“

Atemlos laufe ich durch den Schnee bei -25 Grad den Hang hinunter. Dann beschliesse ich, dass es jetzt auch nicht mehr auf eine Minute ankommt und gehe einfach schnell. Ich kann es nicht fassen. Ein Bison!!

Nach 10 Minuten Fussmarsch erreiche ich den Truck und fahre ihn rueckwarts an den Hang hinan. Tyrel kommt mir entgegen. „Es ist tot, ich hab es ihs Auge gepiekt.“ Ins Auge pieken ist uebrigens ein ueblicher Test zu ueberpruefen, ob ein Tier tot ist. Der Reflex, das Auge zu schliessen, wenn etwas hineinpiekt, ist einer der letzten, der versagt.

„Als erstes muessen wir ein Feuer starten. Unten am See habe ich ein paar tote Baeume gesehen. Ich werde die gleich in Stuecke saegen und du kannst mir helfen, alles zum Bison zu tragen.“

Tyrel schnappt sich die Kettensaege, gestiftet von Oma und Opa, und ich greife mir den gelben Kinderschlitten, um schon Messer, Fleischbeutel, Aexte und sonstige Utensilien zum Bison zu bringen. Achja, die Kamera nicht vergessen.

Waehrend die Kettensaege vom Seeufer ertoent, stehe ich vor dem toten Bison und versuche irgendwie Danke zu sagen. Aber wie? Keine Worte die ich kenne, koennen Mitleid, Dankbarkeit, Trauer und Freude so ausdruecken, wie ich das alles jetzt empfinde. Ich streichel den Bisonkopf und sage einfach „Danke“.

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Der Bisonkopf ruht im Schnee.

 

Ein wenig merkwuerdig sieht der Kopf vom Bison schon aus, denke ich mir. Irgendwie verbeult. Andererseits hab ich ja auch wenig Vergleichsmoeglichkeiten mit auf der Seite liegenden Bisons von Nahem bislang.

Kurz haenge ich meinen Gedanken nach, dann steige ich hinab zum Geraeusch der Kettensaege. Schliesslich liegt eine Menge Arbeit vor uns.

Das ganze gesaegte Holz wird den Hang hochgeschleppt, dann hacken wir Holz mit der Axt und starten ein Feuer. Das Feuer brauchen wir unbedingt, um die Messer und Haende aufzuwaermen wahrend des Haeutens. Wenn Blut oder Fett am Messer festfriert (bei -25 Grad sehr wahrscheinlich) ist die Klinge stumpf und schneidet nicht mehr. Und auch die Finger werden durch die nassen Handschuhe kalt und unbeweglich. Im Herbst und Sommer muss man sich darum keine Gedanken machen.

Es handelt sich uebrigens um ein maennliches, sehr junges Bison. Ein Blick in das Maul verraet, dass es gerade die Milchzaehne verliert und die Hoerner zeigen nach oben, das heisst es ist etwa drei bis vier Jahre alt. Zum Groessenvergleich ein Bild zusammen mit mir.

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Ich knie hinter dem Bison im Schnee. Bis auf den aufgeblaehten Bauch ist das Bison nicht sehr maechtig.

Sobald das Bison stirbt, kann das natuerlich entstehende Gas in den vielen Maegen nicht mehr hinaustransportiert werden. Deshalb schwillt der Bauch an.

Als erstes muss das Bison auf den Ruecken gedreht werden, damit mit dem Haeuten begonnen werden kann. Unser Bison ist klein und kann problemlos mit zwei Personen bewegt werden. Allerdings ist es schwierig, es auf dem hohen Nackenkamm zu balancieren. Daher nehmen wir zwei Holzscheite zur Hilfe, die wir links und rechts an die Seiten klemmen.

 

Das Ende vom Brustbein wird erfuehlt und die Haut vorsichtig eingeschnitten. Man moechte schliesslich nicht die Eingeweide verletzen, die ziemlich unter Druck stehen.

Das Haeuten dauert ein paar Stunden. Man moechte vorsichtig vorgehen, damit keine Loecher im Fell entstehen und auch das Fleisch nicht unnoetig angeschnitten und beschaedigt wird.

Schliesslich ist das Bison entkleidet und liegt auf seinem Fell wie auf einer Decke.

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Die ersten Hufglieder werden abgetrennt und schliesslich auch der Kopf, den Tyrel mit der Axt vom Koerper trennt.

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Der Bisonkopf liegt abgetrennt im Schnee.

Leicht ist jetzt am Kopf zu erkennen, dass eine Seite stark geschwollen ist. Das Bison konnte wahrscheinlich nicht mehr gut sehen auf der Seite und muss Schmerzen gehabt haben. Vielleicht hatte es Zahnschmerzen, weil es Probleme mit dem Wechsel von Milchzaehnen zu normalen Zaehnen gab? Auch die Hoerner sehen etwas asymmetrisch aus.

Um den Ruecken vom Fell zu trennen, muessen wir die Holzkeile entfernen und das Bison erst auf die eine, dann auf die andere Seite drehen. Das Fell bleibt dabei die ganze Zeit als saubere Unterlage fuer das Fleisch liegen.

 

Der naechste Schritt ist normalerweise das Ausweiden. Da die Innereien aber so unter Druck stehen, kann es sein, dass sie beim Ausweiden explodieren und saemtliches Fleisch verunreinigen. Daher entscheiden wir uns dafuer, zunaechst die Keulen zu entfernen, damit diese bei einer moeglichen Explosion nicht verunreinigt werden koennen.

Jetzt, wo nur noch der aufgeblaehte Rumpf des Bisons vor uns liegt, fasst sich Tyrel ein Herz und oeffnet ganz vorsichtig die Bauchdecke. Ein grosser Ballon kommt uns entgegen. Tyrel schafft es tatsaechlich nichts zu beschaedigen, sodass die Innereien zum Glueck nicht explodieren. Alles bleibt frei von Magen- und Darminhalten.

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Ein riesiger Ballon voller Maegen und Eingeweide entspringt dem nun klein aussehenden Bisonrumpf. Daneben liegen Fell und Kopf.

Nach dem Ausweiden steht der Transport zum Truck an. Hierbei ist wichtig, dass man das ganze Fleisch zuerst transportiert und erst zum Schluss das Fell und den Kopf. Wenn man naemlich zuerst den Kopf zum Truck bringt und dann ein Mitarbeiter der Jagdbehoerde vorbeikommt, ist es so, als wolle man das Fleisch da vergammeln lassen. Und das ist strafbar. Von einem Bison muss alles Fleisch verwendet werden. Kopf und Fell ist optional. Das ist anders beim Baeren, bei dem man das Fell verwenden muss, das Fleisch aber zuruecklassen kann. Das finde ich ungerecht. Wenn man ein Tier toetet, dann soll man es meiner Meinung auch essen und das Fleisch nicht verkommen lassen. Dabei ist es egal, ob es sich um Bison oder Baer handelt, bei richtiger Zubereitung ist beides gesund und lecker.

Als alles Fleisch und schliesslich auch Kopf und Fell im Truck verstaut sind, muessen wir natuerlich noch aufraeumen. Unsere ganzen Sachen nehmen wir mit. Dann sind nur noch die Eingeweide da und das Feuer.

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Der riesige Haufen Eingeweide ist groesser als das Feuer aus aufgetuermten Holzscheiten.

Tyrel erklaert mir, dass wir noch die Eingeweide auf das Feuer rollen muessen. „Warum denn?“ wundere ich mich, schliesslich ist das Feuer nun wirklich nicht in der Lage, die Eingeweide zu verbrennen. „Der Geruch, der entsteht, ist kilometerweit wahrnehmbar fuer alle Fuechse, Kojoten, Woelfe und Raben. Und meinst du nicht, die freuen sich bei diesen Temperaturen ueber eine warme Mahlzeit?“ Na gut, das leuchtet ein!

Als ich das abschliessende Bild von den Eingeweiden auf der Feuerstelle und dem zerlegten Bison im Truck schiessen moechte, gibt der Akku meiner Kamera entgueltig den Geist auf. -25 Grad sind nicht sehr batteriefreundlich.

Waehrend wir nach Hause fahren, wird es Nacht. Ich kann immer noch nicht glauben, was passiert ist. Zweimal fahren wir hinaus in die Wildnis und ziehen tagelang Schlitten durch den Schnee hinter uns her und sehen nichts. Und dann koennen wir den Truck fast 100 Meter an das Bison heranfahren? Verrueckt.

Zuhause stellt sich erstmal die Frage, wo wir das Bison lagern. Wir wollen es die naechsten Tage ueber zerlegen und unsere Wohntemperatur zu warm, die Aussentemperatur zu kalt, der Kuehlschrank zu klein. Schliesslich kleiden wir unser Naehzimmer komplett mit neuen Planen aus, oeffnen das Fenster ein bisschen und schliessen die Tuer. Das Thermometer bestaetigt die perfekte Kuehlschranktemperatur.

Jetzt, wo wir fuer heute Feierabend machen koennen und sich die Aufregung legt, merken wir, wie hungrig wir sind. Schnell rolle ich einen Fertig-Pizzateig aus, backe ihn vor und bereite den Pizzabelag vor. Tomatensauce, Gewuerze, Mais, Spinat, KAESE und… haben wir noch etwas Fleisch? Aeehm… einen ganzen Raum voll?

So entsteht das erste Gericht mit Bisonfleisch: Bisonpizza.

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Ein Blech voller Bisonpizza stillt den grossen Hunger.

Als wir dann auf dem Sofa sitzen und verdauen, werde ich ganz traurig.

Ich fuehle mich so hilflos und kann es einfach nicht verstehen. Vor einigen Stunden hat mich ein Bison angeschaut. Jetzt liegt ein Fleischberg in unserem Naehzimmer. Wo in aller Welt ist das Bison hin?!? Wo ist das, was sich bewegt hat? Was ist der Unterschied zwischen lebendig und tot und wohin kann er so ploetzlich verschwinden??

Warum hat das Bison Schmerzen gehabt? Mit welchem Recht koennen wir es essen? Warum muessen wir Tiere oder Pflanzen essen zum leben? Und in was fuer einer Gesellschaft leben wir eigentlich, dass mich die Realitaet dieser Fragen erst im Alter von 29 Jahren erwischt?!?

Ganz in Ruhe konnte ich mit Tyrel ueber alles reden. Er glaubt, dass es einfach eine Art Elektrizitaet ist, die das Bison vom Fleischberg unterscheidet. Die Elektrizitaet war in dem Bison, sie ist in uns und auch in einer Zuendkerze, wenn wir ein Auto starten.

Vielleicht muss Leben vergehen, damit Leben entsteht und Leben erhalten wird. Und spielt es dabei eine Rolle, ob es eine Pflanze ist, die ihr Leben gibt oder ein Tier, solange es respektvoll geschieht? Ich glaube, beide koennen fuehlen.

Warum bietet unsere Gesellschaft oder Kultur keine Hinweise, wie man seine Dankbarkeit und seinen Respekt ausdruecken kann, fuer ein Lebewesen, dass einen naehrt? Warum klammern wir alles aus, was mit diesen komplexen, widerspruecklichen Gefuehlen zu tun hat? Nimmt es uns nicht ein Stueck Realitaet?

In den naechsten Tagen zerlegen Tyrel und ich das Bison Stueck fuer Stueck und frieren die Stuecke ein.

Als wir die beiden Hinterkeulen zerlegen, bemerken wir grosse Verletzungen an beiden Keulen, die wir grosszuegig hinausschneiden muessen. Es sieht so aus, als waere das Bison von einem anderen Bison in den Hintern gespiesst worden. Vielleicht haben sie gemerkt, dass es Zahnschmerzen hat und nicht ganz gesund ist, und es daher aus der Herde vertrieben. Das kleine Bison tut mir noch ein Stueck mehr leid.

Doch da muss ich an eine Weissheit der Ureinwohner denken. Sie sagen, dass in dem Moment, in dem du ein Tier erlegst, gibt es freiwillig seinen Leib, um dich zu naehren. Es ist ein grosses Geschenk, was dir widerfaehrt. Sei dankbar und handle mit Respekt.

Der Gedanke hilft mir. Und war es nicht tatsaechlich ein bisschen so, dass sich das Bison nach langem Starren einfach in die perfekte Position zum Abschuss gestellt hat, gleich zwei Mal?

Spaeter, beim Zerlegen der Vorderkeulen, mache ich noch eine Entdeckung.

Das Projektil vom ersten abgegebenen Schuss hat die Vorderkeule getroffen und ist nach ca. 2 cm Eindringtiefe von einer dicken Sehne gestoppt worden. Das erstaunt Tyrel und mich sehr. Immerhin war das Bison nur ca. 20 Meter von uns entfernt, Wir haben das empfohlene Kaliber und Geschoss verwendet, sowie superteure Premium-Munition. Wir beschliessen, ein staerkeres Gewehr zu kaufen, wenn wir das naechste Mal auf Bisonjagd gehen. Am besten eins fuer Elefanten.

Und wieder bin ich dankbar, dass das Bison sich nocheinmal auf die andere Seite gewandt hat, sodass schliesslich Herz und Lunge getroffen wurden. Es haette ja auch verwundet weglaufen koennen.

Auch wenn diese Erfahrung zum Teil traurig war, habe ich sehr viel gelernt, was ich nicht missen moechte. Ein bisschen verwundert bin ich, dass mich der Tod des Baeren nicht so traurig gemacht hat. Allerdings kam der ja auch zu uns und hat sich nicht ganz korrekt verhalten.

Danke an alle, die diesen langen Beitrag ganz bis zum Ende gelesen und diese lehrreiche Zeit nochmals mit mir durchlebt haben! 🙂

Projekt Elchkanu – Nach der Jagd

Auf dem Weg nach Hause im Truck lassen wir die Tage auf dem Fluss noch einmal an uns vorbei ziehen. Die Stille, die Einfachheit, die Natur… dazu beisse ich in einen frisch gekauften Brownie aus dem Einkaufsladen in Carmacks und kann die Geschmacksexplosion in meinem Mund kaum fassen. So schokoladig, saftig und irre suess! Neben mir liegt eine Flasche Haarspuelung, mit der ich die Filzplatte auf meinem Kopf hoffentlich entwirren kann.

Wieder denke ich an unsere leeren Kuehltruhen und versuche Tyrel aufzumuntern: „Die Bisonjagd faengt doch bald an. Vielleicht halten wir Ausschau nach einem Schneemobil und gehen dann vielleicht erfolgreicher nach Hause als die letzten beiden Male.“ Tyrel stimmt zu, stellt aber gleichzeitig so viele Ansprueche an den Typen des Schneemobils, dass ich ihm diese Aufgabe gedanklich sofort ueberlasse. Die Nacht fliegt am Truck vorbei, die Heizung haelt meine Fuesse warm und ich kann die Aussicht auf ein warmes Zuhause vor Glueck kaum fassen.

Da wir jetzt noch ein paar Tage gemeinsam frei haben, fahren wir am naechsten Morgen gleich zum Startpunkt unserer Reise, um den zweiten Truck abzuholen. Auf dem Rueckweg halten wir in der Stadt und kaufen Lebensmittel ein. Frisch geduscht und wohlig warm arbeite ich zu Hause an der Befriedigung meiner Flussehnsuechte.

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Mit einem Stueck ofenwarmen Kaesekuchen und einer Schale Soljanka lege ich ein Puzzle.

Meine Tagtraeume auf dem Fluss haben mir nicht zuviel versprochen. Soljanka, Kaesekuchen und Puzzlen ist fuerwahr eine super Kombination!!!

Trotz der Spuelung verbessert sich mein Verhaeltnis zu meinen Haaren nicht nennenswert. Sie bestehen zwar nicht mehr ausschliesslich aus Filz, haben in meinen Augen aber bewiesen, wie wenig praktisch sie sind in der aktuellen Laenge. Zum Glueck kann man da was gegen tun.

Hat auch gar nicht wehgetan! 🙂

Dann fahren wir zu unserem Woodlot, um zu sehen, an welcher Stelle es am kluegsten ist, die naechste Strasse mit der Kettensaege hineinzuschneiden. Wir werden von einem neuen Bodenbelag ueberrascht.

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Der erste Schnee der Saison verfuehrt mich noch zum Hineingreifen und Hochwerfen.

Wir sind wieder da und der Winter hat schon auf uns gewartet. Ich freue mich auf Abende am Kamin und die kalte, klare Luft!

 

Von einigen tollen Bloggern wurden mir Fragen gestellt, die ich nicht einfach unter den Tisch fallen lassen kann.

Auf der Seite Der Feind in mir beschreibt C. ihre Erlebnisse nach der Diagnose Brustkrebs. Dabei steht die Krankheit selten im Vordergrund, sondern das intensive Leben, das vielleicht ein Stueck neu entdeckt wurde.

Leider ist der Beitrag mit den Fragen nicht mehr vorhanden (der Rest der Seite zum Glueck aber schon), sodass ich mich nur noch an eine Frage erinnere:

  • Schwarz oder Weiss?

Schwarz. Schlicht, elegant, stark. Wobei ich Schnee gerne in weiss mag, der leuchtet in langen Winternaechten so schoen, dass man sich auch nachts ohne Lampe orientieren kann.

 

Lydia erzaehlt auf ihrem Blog Lydias Welt von ihrem Alltag und Herausforderungen als blinde Frau und Mutter und gibt gute Tipps, wie man als Sehender helfen kann wenn man moechte.

  • Was liest Du am liebsten?

Ganz klar und fast ausschliesslich Sachbuecher. Autobiografien, Buecher ueber interessante historische Ereignisse, Erfahrungsberichte, auch wissenschaftliche Buecher. Ab und an ist mal ein Roman dabei, jedoch fuehlt sich das fuer mich meist eher an wie Berieselung und nichts, worueber ich noch stunden- und tagelang nachdenken kann.

  • Was machst Du, wenn Du nicht einschlafen kannst?

Meist klappt es mit ein wenig Autogenem Training. Wenn ich davon nicht schlafen kann, stehe ich wieder auf, bis ich muede bin. So wird mein Bett nicht mit Schlaflosigkeit verknuepft. Wenn ich alleine einschlafen soll, hoere ich auch manchmal eine Dokumentation oder einen Kabarett-Beitrag und gleite ins Traumland.

  • Glaubst Du, dass Pflanzen Gefühle haben? 

Ja, das glaube ich schon. Vielleicht fliesst kein Harztropfen aus dem Astloch, wenn wir dem Baum Titanic vorspielen, allerdings ist bewiesen, dass Baeume soziale Wesen sind, miteinander kommunizieren, sich opfern und auch merken, wenn sie gegessen werden. Fuer mich bedeutet das, dass sie Gefuehle haben muessen. Bewusstsein waere nochmal eine andere Frage.

  • Hund oder Katze?

Eigentlich wollte ich immer einen Hund haben, schaffte mir dann aber zwei Katzen an, da die mit einer Vollzeitberufstaetigkeit besser zu vereinbaren sind, wenn man allein lebt. Seitdem liebe ich Katzen! Vor allem schwarze Kater bringen mich unter Garantie zum Lachen. Hier im Yukon sind die Bedigungen aber viel guenstiger fuer einen (Draussen-) Hund. Tyrel fuehlt sich bereit fuer einen Hund, hat aber spezielle Anforderungen und keine Eile. Daher wuerde ich auch gerne ausprobieren, wie das Zusammenleben mit einem Hund klappt.

  • Hast Du jemals den Wunsch verspürt, Dich einmal in ein Tier zu verwandeln?

Als Kind natuerlich waere ich gerne das Tier gewesen, was ich gerade gespielt habe. Meist waren das entweder Pferd (Reiten oder Ziehen) oder Loewe (Koenig der Loewen war der groesste Hit). Allerdings bin ich ganz zufrieden mit dem, wer oder was ich bin. 🙂

 

Und dann gibt es ja noch Tally von tallyshome. Mit Witz und Ehrlichkeit taucht man bei ihren Beitraegen in das echte Leben ein (und in lange Abhandlungen von Familienrecht, bis sie endlich die Klausur bestanden hat! ;)).

  • Nahrungsmittelknappheit auf der Erde. Lebensmittel werden rationiert. Jeder Mensch muss sich für eine Lebensmittelgruppe entscheiden, die er nie wieder im Leben wird essen dürfen. Milchprodukte, Fleischprodukte, Fischprodukte, Obstprodukte, Salatprodukte oder Kohlehydrate (ja … darunter fallen auch Süsßigkeiten). Stattdessen bekommt man natürlich Vitaminpillen, die helfen den Körper im Gleichgewicht zu halten. Aber darum geht es ja nicht. Die Frage ist eher: Auf welche Lebensmittelgruppe könntest du für den Rest deines Lebens verzichten?

Die Antwort faellt nicht schwer und ist eindeutig Salatprodukte. Salat. Erstmal hoert sich das Wort echt doof an, wenn man es fuenfmal sagt. Salat, Salat, Salat, Salat, Salat. Dann ist es fuer mich eher Wasser mit Balaststoffen und zwar gesund aber nicht befriedigend. Da ziehe ich mir lieber ein Stueck Kaese rein und habe anschliessend Bauchschmerzen.

  • Autopannen sind ja bekanntlich sowieso schon doof. Du aber bist auf einer verlassenen Landstraße liegen geblieben. Um dich herum gar nix. Außer Wald, Felder und Wiesen. Es wird allmählich dunkel. Dein Handy hat null Empfang. Andere Autos sind nicht in Sicht, die Straße wird aber sowieso nur selten befahren. Du kennst dich in der Gegend nicht aus und das letzte Dorf liegt ca. 1 Stunde  Autofahrt hinter dir zurück. Was tust du?

Als erstes steige ich aus und klappe die Motorhaube auf – ein Zeichen fuer Vorbeifahrende, dass es hier ein Problem gibt. Bei einer Stunde Autofahrt auf einer Landstrasse liegt das naechste Dorf mit Sicherheit mehr als einen Tagesmarsch zurueck – da ich wahrscheinlich nicht geeigneten Proviant und Ausruestung mitfuehre, bleibe ich auf jeden Fall beim Auto. Auch die verlassenste Landstrasse in Deutschland ist immer noch merhmals am Tag befahren. Je nach Situation wuerde ich dann eventuell noch die Strasse mit Aesten oder anderem blockieren, damit niemand einfach so an mir vorbei kann. Allerdings nur, wenn 1. dadurch keine weitere Unfallgefahr besteht und 2. das Blockiermaterial in der Naehe des Autos zu finden ist.

  • Dein Sohn oder deine Tochter (immaginär falls nicht real vorhanden) kommt zu dir und will über etwas privates mit dir sprechen. Er/Sie erklärt dir er/sie sei schwul bzw. lesbisch oder das er/sie RennradfahrerInn als Berufsweg eingeschlagen hat. Was ist schlimmer für dich und wie reagierst du?

Waere beides kein Problem. Viel Spass, schick ne Karte 😀

  • Dein Haustier oder von mir aus auch ein beliebiges Tier fängt plötzlich an mit dir zu sprechen. Was würde es dir wohl erzählen?

Wenn meine oben bereits erwaehnten Katzen sprechen koennten, waere es klar. Eva wuerde alles kommentieren, was man so macht begleitet von „Was macht du da? Warum ist das so?“ und „Ich hab sooo einen Hunger“. Stalin hingegen… naja. Ich glaube er wuerde sich meist beklagen, wie schwer ers doch hat. Armer, schwarzer Kater halt.

  • Manche Menschen wünschen sich, den roten Knopf zu drücken. Alles noch mal zurück auf 0 setzen. Die Menschheit müsste von vorne anfangen. Wie auch immer dieser Neuanfang aussehen würde, es würden wahrscheinlich eine Menge Seelen sterben. Dafür hätte die Erde Zeit sich zu regenerieren, die Tierbestände würden sich erneuern, das Ozonloch sich schließen etc. Die Menschheit würde nicht ausgerottet, nur stark dezimiert. Der Knopf ist jetzt direkt vor dir und es ist definitiv nicht sicher, ob du unter den glücklichen/unglücklichen bist, die überlebt und auch deine Familie wäre nicht sicher. Würdest du es trotzdem tun? Würdest du den Knopf drücken und alles auf 0 stellen?

Diesen Knopf wuerde ich auf gar keinen Fall druecken. Wahrscheinlich wuerden alle Fehler genauso wieder begangen werden. Ich glaube, dass man Probleme loest, indem man vorwaerts geht und sich nicht wuenscht, dass man 10 Schritte zurueck nochmal anders abbiegen koennte.

Projekt Elchkanu Tag 7

Morgens reibe ich mir als erstes den Schlaf aus den Augen und luge dann zum Thermometer herueber. Aha, Null Grad. Solang die Nase morgens nicht friert (das tut sie unter ca. -5 Grad) ist mir alles recht.

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Unter einer aufgespannten Plane hinter einem Stapel Holz haben wir friedlich geschlummert und das Feuer am Leben gehalten.

Ich schnappe meine Kamera und mache meinen morgendlichen Rundgang. Immerhin lagern wir heute bei Erickson’s Woodyard. Hier war eine Anlegestelle fuer die Schaufelraddampfer, die vor ca. 100 Jahren den Yukon hoch und runter gefahren sind. So schnell wie irgend moeglich wurden mit speziellen Karren Unmengen Holz an Bord geladen. Die Holzarbeiter saegten nach Abfahrt weiter per Hand Baeume um und lebten in kleinen Huetten.

Doch auch juengere Spuren sind zu finden. Jaeger, die den Fluss herunterfahren, haben naemlich spezielle Anforderungen. Sobald eine Beute erzielt wurde, werden die gehaeuteten und ausgenommenen Keulen und Teile in luftdurchlaessige aber insekten- und schmutzundurchlaessige Saecke gesteckt.

Dabei ist die Anforderung an das Fleisch, dass es sauber, trocken und kuehl lagert. Gar nicht so einfach, wenn man noch ein paar Tage auf dem Fluss unterwegs ist. Wenn man das Fleisch im Liegen lagert, ist die Unterseite nie trocken und kuehl. Daher muss man die Saecke ueber Nacht aufhaengen. Der geneigte Jaeger baut sich aus ein paar Baumstaemmen eine Haengevorrichtung vor Ort.

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Schmale Baumstaemme sind horizontal auf ca 2 m Hoehe befestigt. Das geschieht entweder von Baum zu Baum oder von Baum zu Dreibein aus weiteren Baumstaemmen. Im Hintergund glitzert der Yukon River gruenblau.

Nun bin ich aber schon mehr als hungrig. Als ich zurueckkehre zu unserem Schlafplatz, kocht zum Glueck das Flusswasser schon ueber dem Feuer! Kann sich irgendwer vorstellen, was es Gutes zum Fruehstueck gibt??

Genau, Kaesemaccaroni. Kochendes Wasser zusammen mit ungekochten Nudeln in die Tupperdose, warm in die dicke Jacke einpacken und warten. Nach einiger Zeit sind die Nudeln dann zwar sehr matschig und schleimig, aber essbar. Wasser abgiessen aber ein bisschen davon bei den Nudeln behalten, denn das Kaesepulver muss ja angeruehrt werden. Ich brauche wirklich ein wenig Abwechslung und krame in der Essenskiste. Schliesslich „verfeinere“ ich das fragwuerdige Mahl mit betraechtlichen Mengen von scharfer Sriracha-Majo und Chili-Oel.

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Auf einer Plastikbox sitzend freue ich mich ueber kulinarische Ergaenzungen zu den Kaesenudeln in meiner Tupperbox.

Meine Lippen, die mittlerweile alle paar Milimeter eingerissen sind, brennen wie Feuer und erinnern mich die naechsten Stunden noch an diese clevere Idee.

Schliesslich haben wir alles gepackt und verzurrt und gleiten wieder dahin.

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Vor dem Kanu spiegelt der glatte Yukon River die umgebenden Waelder und Berge.

Langsam versuche ich mich schon auf die Ankunft vorzubereiten. Morgen abend werden wir schon ankommen, wenn wir keinen Elch mehr sehen. Was ist alles zu tun? Auf dem Fluss ist alles so einfach, weil es logisch und naturgegeben ist. Wenn ich muede bin, bereite ich das Nachtlager, wenn ich hungrig bin, eine Mahlzeit. Wenn mir kalt ist, mache ich ein Feuer. Nichts ist abstrakt, alles greifbar.

Auf jeden Fall muss ich etwas wegen meiner Haare unternehmen!!! War ja ne ganz tolle Idee, sie in losen Zoepfen zu flechten. Um die Ohren zu waermen. Unter der Sturmhaube und Muetze. Mittlerweile waermen sie noch mehr, da sie sich in zwei Filzplatten verwandelt haben, die ich zur Schadensbegrenzung mit einem Zopfgummi zum Dutt hinter den Nacken gebunden habe. Zuhause habe ich noch nicht mal eine Spuelung… vielleicht kann ich ja eine im kleinen Laden in Carcross kaufen.

Dann schweifen meine Gedanken wieder zu Kaesekuchen, Puzzle und Soljanka und die Kilometer gleiten so dahin.

Zur Mittagspause schauen wir auf der Karte genau nach, wo wir sind. Zu unserer Ueberraschung sind wir heute schon 50 km gepaddelt! Wenn wir weiterpaddeln, wuerden wir also ganz in der Naehe von Carmacks uebernachten. „Nee, das ist doof.“ wirft Tyrel ein. „Nachdem der Little Salmon River in den Yukon muendet, verlaeuft eine Strasse direkt am Flussufer. Wenn wir so nahe an der Zivilisation sind, koennen wir auch gleich ganz nach Hause paddeln.“

Hmmm… eigentlich war ich doch noch auf eine Nacht im Freien vorbereitet. Aber nach 7 Tagen klingt eine Dusche und ein Bett dann doch verlockend. Vor allem, wenn die Alternative ein Campen am Highway darstellt.

„Okay, wir versuchen es!“ stimme ich zu. „Dann lass mich auch mal richtig in die Ruder langen!“ Tyrel hatte mich naemlich die letzten Tage ueber zur Schonung meiner Kraefte ermahnt. Wir seien schliesslich noch einige Tage in der Wildnis unterwegs, da muss man ein paar Reserven fuer Unvorhergesehenes ueber haben. Stimmt ja, wenn man darueber nachdenkt. Und wieder ein Pluspunkt fuer die Ehe mit einem Wildnisguide.

Schliesslich filtern wir noch etwas Wasser und ziehen weiter.

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Wir haben eine Plastikflasche voller Wasser gefuellt und druecken das Wasser durch unseren kleinen Sawyer Squeeze Mini Filter in einen Thermosbecher hinein.

Morgens und Abends kochen wir das Flusswasser vor dem Trinken ab. Doch unterwegs waere das viel zu aufwaendig, da wir Holz saegen und ein Feuer machen muessten. Also benutzen wir unseren kleinen Wasserfilter. Das Wasser daraus schmeckt mir um Laengen besser als das Abgekochte. Aber das Flusswasser ist so kalt, dass mir beim Filtern die Haende taub werden. Der Filter hat winzig kleine Roehrchen, durch die Keime und Erreger einfach nicht durchpassen. Daher muss man den Filter auch nie wechseln. Aber er darf nicht frieren, sonst platzen die Roehrchen und es wird nicht mehr alles herausgefiltert. Daher wohnt unser Filter auf unserer Tour in Tyrels Hosentasche und darf auch nachts mit in den Schlafsack.

Zurueck auf dem Fluss gebe ich alles. Kilometer um Kilometer kommen wir unserem Ziel naeher. Am liebsten wuerde ich jetzt Musik hoeren, habe aber nichts entsprechendes dabei. Da frage ich mich, ob ich denn nicht einfach Musik in meinem Kopf spielen lassen kann, ein Ohrwurm ist schliesslich nichts anderes. Ich suche mir eine CD aus und lasse die ersten Toene von System of a Downs „Steal this Album“ erklingen. Als ich das letzte Lied zu Ende gehoert habe, schaue ich auf die Uhr. Es ist tatsaechlich eine Stunde vergangen! Kurios.

„Katze! Katze!!!!!“ ruft Tyrel und erloest mich aus der Frage, welche Musik ich als naechstes spielen soll. Tatsaechlich! Am Ufer sitzt eine knuddelige Katze und grinst uns an. Natuerlich hole ich sofort die Kamera raus, um den Moment festzuhalten.

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Ein Luchs sitzt am Ufer und schaut uns neugierig an.

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Spaeter wurde seine Auferksamkeit von etwas anderem gefangen. Er ist trotzdem noch sehr knuffelig.

„Wenn du ein Luchsbaby zaehmst, darfst du es von mir aus auch behalten!“ bietet Tyrel grossmuetig an. In freier Natur gefallen sie mir aber viel besser.

Ein paar Kilometer weiter hoere ich ein leises Fluchen von Tyrel. „Verdammt, warum ist das kein Schwarzbaer?!“ Am Ufer, ca. 15 bis 20 Meter entfernt von uns sucht ein dicker Grizzlybaer den Strand nach Essbarem ab. Ein Grizzly darf nur alle drei Jahre gejagt werden und Tyrel darf erst naechstes Jahr wieder einen Grizzly jagen.

„Super, dann mache ich gleich ein Foto!“ denke ich mir und greife nach der Kamera. Leider bemerkt und Meister Petz, als ich die Kamera einschalte und bricht sofort mit einem Affenzahn durch das Gebuesch in den Wald hinein. Wow! Was fuer eine Geschwindigkeit und Kraft, es sind etliche Weidenzweige zerbrochen.

Zwei Dinge, die ich bisher nur theoretisch wusste, machen fuer mich nun wirklich Sinn.

  1. Lauf niemals vor einem Baeren davon denn er ist eh schneller als du.
  2. Der Otto-Normalbaer moechte mit Menschen nichts zu tun haben und verkruemelt sich von alleine.

Immer noch bin ich beeindruckt von der Kraft des Baeren. Und lege mich extra schwer ins Zeug beim Paddeln. Jetzt moechte ich baerenstark sein!

Langsam wird es dunkel. „Meinst du, wir koennen es wirklich noch schaffen heute anzukommen?“ frage ich Tyrel. „Na klar, wir muessen immerhin keinen Schlafplatz suchen, keine Plane spannen, keine Ausruestung schleppen, kein Feuerholz saegen, kein Feuer machen,…“ Ganut. Paddelpaddelpaddel.

*Plunsch!!!* „Wat?? Hier ist doch niemand! Warum schmeisst jemand Steine ins Wasser?“ wundere ich mich. „Das ist nur ein idiotischer Biber, der uns zeigen moechte, wie wenig er von uns haelt.“ *Plunsch!* Schon wieder!! „Hoer bitte auf zu Paddeln, ich moechte ein Foto schiessen!“ denn schliesslich habe ich eben den Biberkopf erspaeht, als er ein paar Meter weiter aufgetaucht ist. Ohne Paddeln dreht sich das Kanu im Kreis und treibt weiter flussabwaerts, der Biber jedoch schwimmt entgegen der Stroemung. Mit dem drehenden Kanu, dem abtauchenden Biber und dem grossen Zoom kommt leider kein Foto zustande. Am liebsten wuerde ich auch etwas in Wasser werfen, um dem Biber zu zeigen, dass wir ihn mittlerweile auch doof finden. Komischwerweise finde ich aber keinen grossen Stein im Kanu und paddel einfach weiter.

Nachdem wir jetzt schon geraume Zeit neben dem Highway entlangpaddeln, finde ich auch gut, dass wir heute schon ankommen. Hier waere es keine schoene letzte Nacht gewesen. Und ausserdem habe ich mir komplett die Wehmut der letzten Nacht und des letzten Morgens gespart. Morgen werde ich reichlich Muskelkater haben und ihn im weichen Bett geniessen koennen.

Schliesslich – Endlich – Letztlich mehren sich die Huetten links und rechts an den Uferbaenken. Nur noch zwei Kilometer bis zum Ziel. Zeit fuer ein letztes Foto auf dem Fluss.

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Die Lippen springen bei jedem Grinsen mehr auf und brennen, daher sieht mein Laecheln ein wenig waechsern aus.

Die Sonne ist bereits untergegangen und im Gegenlicht erinnert das Bild an einen Scherenschnitt mit lila Wolken.

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Sonnenuntergang am Yukon River

Der Yukon ist nun schon ziemlich breit und schnell fliessend, sodass wir rechtzeitig auf die richtige Flussseite wechseln koennen, um die Bootsrampe nicht zu verpassen.

Und dann… ist es ploetzlich vorbei.

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Hinter der Bruecke bei Carmacks haben wir das Kanu an Land gezogen und unsere Tour beendet. Ich strecke meine Arme zum Himmel.

Waehrend ich ueber das Kanu und unsere Habseligkeiten wache, holt Tyrel unseren Truck, den wir bei einem Bekannten in Carmacks geparkt haben. Ich lasse den Trip nochmal Revue passieren. Schoen wars gewesen. Alle Elche leben noch. Einerseits bedaure ich unsere leere Kuehltruhe, andererseits freue ich mich fuer die Elche. Ich finde es gut, dass man bei einer Jagd nicht selbstverstaendlich mit Beute nach Hause kommt, sondern die Tiere eine Chance haben zu entkommen. Ich bin dankbar fuer die Schoenheit der Natur und dass ich sie so unmittelbar erleben darf. Und ich freue mich auf eine heisse Dusche und ein warmes Zuhause und weiches Bett.

Danke an alle, die mich auf dieser Reise im Geiste begleitet haben! 🙂