Fotos

Hundeleben

Erkenntnisse der ersten zwei Monate mit Hund:

  • Ich komme zu fast nichts mehr zu Hause!

Das ist einerseits gut, da ich auch nicht mehr dazu komme, auf dem Sofa zu hocken und das Internet nach lustigen Bildern abzusuchen. Jetzt bin ich auf jeden Fall haeufiger draussen, als es vorher der Fall war. Andererseits komme ich auch nicht mehr zum Bloggen, da der Hund direkt Bloedsinn anstellt, wenn man fuenf Minuten konzentriert etwas anderes machen moechte. Aaalso muss ich mich in der Hinsicht ein bisschen umorganisieren. Schreiben, wenn Tyrel mit dem Hund beschäftigt ist, zum Beispiel.

  • „Mein Gott, bist du groooss geworden!!“

Ein Ausspruch saemtlicher Freunde jedes Mal, wenn sie Arma erblicken. Erschreckenderweise ist es uns auch passiert, als wir sie nach sieben Tagen Deutschland aus der Hundepension abgeholt haben… Der Fotovergleich spricht fuer sich!

 

  • Einem Hundeblick ist schwer zu widerstehen.

Obwohl Arma jetzt schon deutlich weniger Welpe ist als noch vor zwei Monaten, zieht der klassische Hundeblick immer noch. Gemein: Besonders niedlich ist der Blick, wenn man sie gerade eher ausschimpfen als knuddeln sollte.

 

  • Manchmal waere man gern allein.

So eine (auch von Hunden) ungestoerte Privatsphaere hat echt was. Wenn man eine fiese Erkaeltung hat und ungestoerte Mittagsruhe halten moechte. Wenn man etwas kocht und einem eine Zutat auf den Boden faellt (die im Bauch des Hundes wirklich nicht mehr zu retten ist). Wenn man auf dem Klo die Unterbuchse runterzieht, um 0,3 Sekunden spaeter einen Hundekopf darin zu finden. Oder wenn man haeufig mit dem Auto fahren muss, weil man am Ende der Welt wohnt, aber dem Hund bei jeder Fahrt hoechst dramatisch uebel wird samt Erbrechen.

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Hund mit ueberdimensionalen, sich abseilenden Schleimzapfen an der Schnauze.

  • Eigentlich ist es aber ganz schoen.

Wenn Tyrel wild mit seinem Hund spielt, der im Anschluss zum Kuscheln dieses Mal jedoch lieber zu mir moechte.

Wenn man die Umwelt noch einmal mit messerscharfen Hundesinnen kennen lernt.

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Vorsichtiger Hund schnueffelt am Pferd.

Wenn ein vielfach geworfener Ball wirklich apportiert und hergegeben wird.

Und natuerlich wenn sich Arma jedes Mal aufs Neue von Herzen freut, mein manchmal auch genervtes und uebermuedetes Antlitz zu sehen. 

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Hund mit Herzchenaugen vor Postenkartenlandschaft

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Freunde und Berge

Tyrel und ich sind ziemlich „socially awkward“. So eine richtig passende deutsche Uebersetzung dafuer kann ich nicht finden. Hier werden so Leute bezeichnet, die nicht wirklich asozial sind, sich aber irgendwie kauzig-komisch-unbeholfen in sozialen Situationen verhalten. Ja, ich kann sehr extrovertiert und wie ne Partybombe rueberkommen. Aber in meinem tiefsten Herzen bin ich aeusserst introvertiert und geniesse das Abgeschiedensein hier daher auch so sehr. Aus Ruhe und der Natur ziehe ich meine Energie. Tyrels Beduerfnis nach Ruhe ist in der Hinsicht noch staerker ausgepraegt. So kommt es, dass wir uns auch an Feiertagen so gut wie nie ins Getuemmel stuerzen, sondern unser eigenes Sueppchen kochen. Einfach, weils so schoen ist.

Jetzt kam aber Ostern um die Ecke und damit auch eine Einladung von unseren Freunden Berenike und Robert, uns ihr Grundstueck in der Wildnis anzusehen. Nach einer zweistuendigen Autofahrt wuerden wir unser Auto abstellen um nochmal 7 km mit dem Quad gen Nirgendwo zu duesen. Und auf dem Grundstueck erwartet uns ganz feudal ein wall tent (Zelt mit Holzrahmen auf Plattform mit Holzofen) und sogar ein outhouse (Ein gutes altes Klohaeusschen ueber ner Grube draussen).

Mal rauskommen. Mit Freunden. Einfach, aber bequem. Na klar!

Die kleine Arma wurde nicht lange gefragt, sie wurde schnell zu ihrer ersten Quadfahrt verholfen und hat sich auch kaum beschwert. Naja, bei der Aussicht…

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Von links: Berenike, ich, Arma (man kann die Oehrchen erkennen) und Robert auf dem Quad. Auf Eis, vor Eis und mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund.

Uns erwartete ein Stueck Land in Hanglage mit Seezugang und der richtigen Mischung aus Wildnis und Entwicklungspotenzial. Eigentlich ist es jetzt schon genau richtig – mit dem wall tent, das als Basislager fuer Entdeckungen des Umkreises dient. Ein sehr gemuetliches Basislager, welches aber zu wenig Annehmlichkeiten bietet, um es fuer Tage nicht mehr verlassen zu muessen, ohne dass die Wildnis den geneigten Bewohner vor die Tuer lockt.

Die Mitternachtssonne ist zum Glueck noch nicht unter uns, sodass wir bei einem stimmungsvollen Feuer sitzen und Geschichten austauschen konnten, bis das Innere des Zeltes doch zu verlockend wurde.

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Links das wall tent mit Ofenrohr am Hang. Rechts Robert (von hinten), Tyrel (mit Arma) und ich (in rot). Ja, tatsaechlich ein unzensiertes Bild vom guten Tyrel!

Dem Wochenende zum Opfer fielen eine Nudel-Elch-Pfanne, ein gigantischer Hefezopf mit Himbeer-Chili-Konfituere, etliche Schweinehund-Broetchen, die noch vor dem Backgang wie niedliche Haeschen aussahen, eine Ladung frischgebackenes Indianerbrot mit Cranberries, und zwei Trinkflaschen abgefuellten Weins.

Arma hatte mit ihren gerade mal 10 Wochen Lebenszeit keinerlei Probleme. Sie genoss das Toben mit ihrer Freundin Opie (die am zweiten Tag langsam die Schnauze voll hatte von scharfen Welpenzaehnchen) und blieb immer brav in unserer Naehe.

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Opie doest, Arma faengt wieder an zu staenkern.

Bis zu meinem 26. Lebensjahr waren mir Berge ziemlich egal. Ist doch auch wie Flachland, nur anstrengender, oder? Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, ohne Berge zu wohnen. Die Anstrengung beim Besteigen eines Huegels zusammen mit dem darauffolgenden Ausblick… Da fuehle ich mich einfach ruhig und froh.

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Wie schoen einfache Faltungen eine Landschaft doch machen koennen!

Zu Hause folgt die Weiterfuehrung des Gefuehls, das mich beim Ausblick auf Berge beschleicht: Ich moechte mehr Teil dieser Landschaft sein. Nicht zu bequem werden. Tyrel muss mal wieder herhalten fuer eine tiny house Diskussion.

Am Ende der Diskussion haben wir genuegend Punkte geloest, um ein grob ueberschlagenes Modell zu erstellen.

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Links ist der Eingang, dann folgt eine kleine Gaderobe, der Holzofen plus Holz, ein Tisch mit Stuehlen, das Sofa und eine Kueche. Neben dem Sofa fuehren Treppen in ein kleines Kriechloft zum Schlafen. Unter dem Loft ist ein wenig mehr Stauraum.

Ob das Modell schon aehnlich aussieht wie das Endprodukt? Ich weiss es nicht. Aber es fuehlt sich schon gut an, wenn ich auf den Vorfahren meines zukuenftigen Basislagers blicke. 🙂

Trailer or Nothing!

Unter dem Motto standen die letzten Monate: Entweder wir finden nen passenden Anhaenger oder unsere Plaene werden verdammt schwierig umzusetzen.

Um herauszufinden, welche Mindestgroesse denn fuer uns noch passend waere, klebte ich schliesslich ein potenzielles Tiny House Modell zusammen fuer einen 20 Fuss langen trailer zusammen.

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Fertig zusamengeklebt ist die Holzstaenderbauweise des kleinen Hauses mit abnehmbarem Schraegdach.

Als alle Waende und das Dach vollendet sind, frage ich Tyrel, wie man hierzulande denn Richtfest feiert. Fragender Blick seinerseits, den ich als Herausforderung zu einer deutschen Kulturstunde deute. Mit Heissklebepistole, gerebeltem Thymian und einem Fetzen Klopapier mache ich mich an die Herstellung des Anschauungsmaterials und haenge es an einen Dachbalken.

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Eine Miniatur-Richtkrone sorgt fuer Stimmung im Modell.

Ich stelle das festlich geschmueckte Modell vor Tyrel und erklaere ihm, dass jetzt die traditionell gekleideten Zimmerleute ein Spruechlein aufsagen und Familie, Freunde und Nachbarn zu der Feier zusammenkommen. Doch eine Sache fehlt noch zur Abrundung: Es wird natuerlich auch getrunken bei einem Richtfest! Aufopfernd nehme ich ein Likoerchen aus dem Schrank und demonstriere.

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Zum Wohl! Manche Tradition muss erhalten werden.

Die zwei Schluecke bereute ich am naechsten Morgen. Mein Hals kratzte und letztendlich brach Fieber aus. Trotzdem hat uns das Modell weitergeholfen: Wir haben buchstaeblich „begreifen“ koennen, wie sich ein Wohnraum mit den Dimensionen anfuehlen wuerde. Dass wir keinen Platz fuer ein richtiges loft (Zwischenboden) haetten. Aber wir haetten ihn schon, wenn wir unter dem loft eine Sitzecke einrichten wuerden, in der man eh die meiste Zeit sitzt und nach ca. 7 Mal Kopf an der Decke anschlagen auch lernt, dass man dort nicht aufrecht stehen kann. Ein Kompostklo im Tiny House wuerde nicht gehen, dafuer wuerde der Platz fehlen. Aber ich plaediere sowieso fuer ein Outhouse draussen. Seit wir unser Wasser selbst holen und pumpen und die Haelfte davon im Klo runterspuelen, glaube ich nicht mehr an die Fortschrittlichkeit von Spueltoiletten.

Nach meinem Fiebern musste ich ein lang geplantes Projekt auf der Arbeit einfuehren. Nur um in der darauffolgenden Woche eine Dienstreise in den US of A anzutreten. Von meinem Hotelzimmer aus staunte ich ueber den 24 Stunden waehrenden Verkehr. Unterhaltsamer als Fernsehen war das alle Mal.

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Sonnenuntergang hinter einer Metropole. Lange her, seit ich eine neunspurige Kreuzung sah.

Wieder zu Hause erblickte ich anstelle eines Trailers eine andere Anzeige: Welpen genau der Hundeart, die Tyrel schon so lange sucht. Gleich in der Naehe, nur gut zwei Fahrtstunden entfernt. Ich musste tief durchatmen und ueberlegen, ob ich ihm die Anzeige zuschicke. Immerhin haben wir jetzt wirklich andere Prioritaeten. Und der Hundewunsch koennte von mir aus auch noch 4 bis 200 Jahre unerfuellt bleiben. Aber fair muss man bleiben und Informationen vorenthalten ist nicht die feine englische Art. Also bekam Tyrel den Link zu der Anzeige zugeschickt. Und er wurde zwei Tage spaeter schon Besitzer von Arma.

Ja, sie ist niedlich. Ja, sie macht viel Unsinn und treibt einen gern in den Wahnsinn.

Arma ist halb Schaeferhund und halb Greyhound-Mix. Ich freue mich schon darauf, mit ihr spaeter wandern und laufen zu gehen. Doch zur Zeit scheint ihr Leben nur daraus zu bestehen, alles beissen zu wollen, dann muede zu werden und einzuschlafen, nach dem Aufwachen ganz schnell aufs Klo zu muessen und dann wieder zu spielen und zu beissen. Die Hundehalter, mit denen ich bisher gesprochen habe, versichern mir, dass die Welpenzeit zu schnell vorbeigeht und sie schon (!) mit sechs Monaten etwas ruhiger wird.

Tyrel ist jedenfalls sehr gluecklich, was ich gern sehe. Und ich bin fleissig am trainieren mit ihr, um sie gut zu erziehen. Es ist schon erstaunlich, wie schnell so ein junger Hund lernt.

Aber zurueck zum Thema.

Alle Trailer, die wir besichtigt haben, waren entweder unglaublich verrostet und/ oder ueberteuert.

In Ermangelung eines Trailers haben wir angefangen, uns nach Alternativen umzusehen. Koennten wir eventuell doch ein winziges Haeuschen auf unserem vorhandenen Trailer bauen? Wieviel kostet es, eine Konstruktion mit einem Umzugsunternehmen zu bewegen? Und was fuer Restriktionen gelten da? Alle Recherchen fuehrten zu unbefriedigenden Szenarios.

„Aber wir koennten doch einfach noch ein weiteres Jahr in diesem Haus hier verbringen.“, merkt Tyrel an waehrend seine Hand von Armas Zaehnen erkundet wird. Ich atme tief durch und entgegne, dass wir eine Loesung finden werden. Mitte Mai ist das Bauholz vom oertlichen Haendler im Angebot. Bis dahin muss die Grobplanung stehen. Die Uhr tickt.

Diesen Mittwoch geht es dann doch ganz schnell. Ich sehe eine sehr vielversprechende Anzeige eines Trailers, zwei Stunden entfernt von uns. Am Abend fahren wir hin. Kaufen ihn. Und ziehen ihn nach Hause. Eine wirklich passende Anhaengerkupplung haben wir zwar noch nicht. Aber ich merke an, dass wir nicht umsonst im letzten Wilden Westen leben; solange es sicher ist, wird es schon okay sein. Diese Ansicht scheint sowohl Tyrel als auch den Verkaeufer zu ueberzeugen – wir ziehen nach Hause mit unserem neuen, schoenen trailer.

Wir sind so begeistert von dem trailer, dass wir kein permanentes Haus darauf bauen wollen. Das waere irgendwie schade um den trailer, den man ja fuer nichts anderes mehr gebrauchen koennte. Stattdessen wollen wir unser kleines Haus selbst damit umziehen koennen. Und in einer zweiten Tour auch noch unser restliches Geraffel; je nachdem wie schwer das Haus an sich sein wird.

Diesen Beitrag konnte ich mit nur ca. 16 Welpenbespassungspausen verfassen. Fuer neue Aktionen mit der Heissklebepistole warte ich dann doch lieber, bis Tyrel zu Hause ist. Sicher ist sicher.

Habt eine gute Woche!

Flusstrip 2018: Tag 6

Geweckt werde ich diese Nacht erst wie gewohnt von tanzenden Maeusen auf unserer Plane und spaeter nochmal durch Niederschlag auf die Plane ueber uns. Vielleicht war es doch keine allzu gute Idee, die Plane mit den Brandloechern ueber uns zu spannen, denke ich mich noch; gestern Abend war kein Woelkchen am Himmel. Es gelingt mir trotzdem, beide Augen nochmal zuzudruecken und zu schlummern, bis ich Joe in der Daemmerung herumwuseln hoere. Zum Glueck herrscht kein Niederschlag mehr, vereinzelt sind Graupel zu finden.

Normalerweise halte ich nachts das Feuer am Leben. Heute Nacht jedoch haben wir eine Schutzwand aus Holz auf unserer Seite errichtet, damit der Funkenflug nachts unsere teuren Daunenschlafsaecke nicht bedroht. Durch die Wand konnte ich das Feuer dann aber nicht mehr sehen und somit nicht instandhalten ohne aus dem warmen Schlafsack zu kriechen, was ich bald eingesehen habe.

Obwohl heute wohl keine zweistelligen Minusgrade herrschen, ist uns kalt. Ein frischer Wind weht und irgendwie fuehlt es sich klamm an, obwohl der Boden auf den ausgetretenen Pfaden im Lager staubt.

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Mit ein paar letzten Handgriffen wird unser Lager wieder zurueckverwandelt in eine Uferlichtung am Yukon River – nur mit einem Haufen zusaetzlichem Feuerholz.

Bald schon sitzen wir dick eingemummelt im Boot und fahren dahin. Einzelne Schneeflocken segeln auf uns herab und laden uns ein zu malerischen Winterlandschaften in nur wenigen Wochen. Noch sieht alles so nach Herbst aus, als ob der Winter noch weit weg waere und vielleicht dieses Jahr eher nass-trueb werden koennte.

Zum ersten Mal beschliessen wir, heute zum Mittag ein Feuer zu machen um uns aufzuwaermen. Joe zaubert etliche Beutel mit Tassensuppen hervor und bald schon waermen wir Finger an Schuesseln und fuellen Maegen mit suesslichen Pulver-Tomatensuppen. Ich gehe zum Boot, um zu sehen, wie sich unsere Galleonsfigur Pusheen macht bei diesem Wetter, doch ihr scheint es wirklich nichts auszumachen.

Am fruehen Nachmittag machen wir wieder Halt. Hier waere die letzte sinnvolle Moeglichkeit eines weiteren Lagers. Weiter flussabwaerts sind sie meisten Gebiete in Privatbesitz oder anderweitig geschuetzt, sodass dort nicht gejagt werden darf. Es ist noch frueh genug am Tag, dass wir unseren Endpunkt Carmacks heute erreichen koennten. Hier muessen wir uns entscheiden.

Ich freue mich einerseits auf eine Nacht ohne Maeseschuhplattler neben meinen Ohren, andererseits vermisse ich die Zivilisation nun wirklich noch nicht und wir haben noch Zeit, bis wir wieder arbeiten muessen. Allerdings sind die Chancen auf Jagdglueck durch eine weitere Nacht nicht unermesslich hoeher; wir schippern den gleichen Weg entlang, nur zu einer anderen Uhrzeit. Ausserdem haette das letzte Lager jetzt auch einen Beigeschmack nach Abschied. Die dicker werdende Wolkendecke scheint uns fast zur Abreise ueberreden zu wollen. Tyrel will nach Hause. Also fahren wir.

Schliesslich sehen wir die Bruecke von Carmacks. Wir sind vor ein paar Tagen an der ersten Bruecke gestartet und steigen nach einigen hundert Kilometern an der zweiten Bruecke wieder aus.

In der Zivilisation. Es scheint noch grob alles so zu funktionieren wie vor einer Woche. Komischerweise habe ich keinen speziellen Heisshunger und frage daher Tyrel, ob er auf etwas Spezielles Lust haette. Pizza! Es werden zwei Tiefkuehl-Pizzas gekauft, natuerlich aus Deutschland importiert wie fast alle Pizzas hier.

Joe wuerde eigentlich von James abgeholt werden, der erstmal fuer drei Stunden hierher fahren muesste. Natuerlich fahren wir ihn nach Hause, auch wenn wir dafuer gute zwei Stunden laenger unterwegs sein werden. Nach kurzer Fahrt kommen wir in ein Unwetter von Eisregen, was die naechsten hunderte Kilometer anhalten wird, bis wir Joe abliefern. Mittlerweile sind wir beide so gierig nach Pizza, dass wir auf dem Weg nach Hause online riesige Pizzas bestellen und dann in der Stadt abholen. Zu Hause angekommen koennen wir uns so motivieren, bei Eisregen schnell den ganzen Truck auszuraeumen und unsere Ausruestung ins Haus zu schaffen. Denn anschliessend goennen wir uns unsere Pizzaberge, bevor wir gegen 2 Uhr morgens ins Bett fallen.

Am naechsten Morgen sehen wir den ersten Gruss vom Winter. Er hat uns vermisst und ist froh, dass wir wieder da sind. Daher hat er angefangen, die Landschaft herauszuputzen.

Wir holen unser Auto vom Startpunkt ab und essen dort im Restaurant eine leckere Suppe mit frischem Brot. In der Stadt waschen wir drei grosse Saecke Waesche und kaufen ein.

Und am naechsten Tag veranstalten wir einen Waffelabend mit Joe und James und verspeisen Tuerme von Waffeln mit Bratapfelmarmelade, roter Gruetze, Eis, Schokosauce, Ahornsirup und Apfelmus und lachen dabei aus tiefstem Herzen.

Wie ein bisschen Reduktion so gluecklich machen kann.

Flusstrip 2018: Tag 5

Auf der Plane, auf der wir schlafen, wird heute Nacht ein besonders lauter Stepptanz von der oertlichen Maeusekolonie aufgefuehrt. Ich hampele herum, damit die Maeuse verjagt werden. Sich bewegende Menschen finden sie naemlich irgendwie gruselig. Doch jetzt bin ich auch wach. Als erste. Es daemmert leicht, also ist es gegen 7 Uhr. Ich stehe auf und entzuende ein Feuer. Das gelingt mir mittlerweile wirklich gut!

Leichter Schneeregen kommt nieder, als ich meine Blase entleere. Es wird irgendwas unter Null Grad sein, aber nicht sehr weit unter Null. Beim Fruehstuecken hoert der Niederschlag auf. Weiter geht es auf den Fluss.

Tyrel sieht mit seinen Adleraugen, wie ein Weisskoepfiger Adleraugenbesitzer einen Fisch erbeutet. Ich erkenne, wie das Wappentier seine Beute schwer fliegend in eine Waldschneise hineinwuchtet. Im Moment, in dem wir in die Schneise sehen koennen, mache ich schnell ein Foto. Es ist ein wenig unscharf, aber man kann erkennen, dass der Vogel ein gutes Fruehstueck erbeutet hat.

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Auf einem abgebrochenen, toten Baum haelt der Weisskopfseeadler seine Beute mit den Greiffuessen und schlingt einen Schnabel voll herunter.

Immer wieder deutet Joe auf geheime Camps an den Flussufern, die nicht auf der Flusskarte verzeichnet sind. Er kennt diesen Fluss wie seine Westentasche; c.a. 20 Sommer lang hat er hier Kanutouristen gefuehrt. Im Herbst hat er dann gejagt, das dann allerdings schon seit 30 Jahren. Alles, was er erzaehlt und fuer zukuenftige Exkursionen nuetzlich sein koennte, notiere ich mit Bleistift auf der Flusskarte. Danach stecke ich meine kalten Finger schnell wieder in die Handschuhe und bewege sie fuer einige Zeit, um warmes Blut in sie hineinzupumpen.

Bei einer Flusswindung greift Tyrel nach dem Fernrohr.

„Kuh.“

Gemeint ist wohl der kleine Schatten im Wasser, anscheinend handelt es sich um eine Elchkuh.

Joe schaltet den Motor aus, die Stroemung erfasst uns, traegt uns weiter und dreht uns dabei langsam im Kreis. Wir drei ergreifen unsere Gewehre. Hat diese Elchkuh einen Verehrer im Gebuesch stehen? Nur Elchbullen duerfen gejagt werden, da das Fehlen einiger maennlicher Elche kaum Auswirkungen auf die Gesamtelchpopulation hat. Das Fehlen einer Elchkuh jedoch ist ein Einschnitt durch die ausbleibenden Nachkommen.

Joe imitiert den Ruf einer willigen Elchin. Doch nichts ruehrt sich. Die Elchbrunft scheint dieses Jahr schon vorbei zu sein. Die Elchbullen hatten entweder schon ausreichend Freundinnen oder haben mittlerweile andere Dinge im Kopf. Die Temperatur spielt eine grosse Rolle bei der Brunft. Dieser Herbst ist aussergewoehnlich kalt, vielleicht vergeht manchem Elch da die Lust.

Nach ein paar Minuten lege ich mein gesichertes Gewehr beiseite und greife zur Kamera, damit ich wenigstens ein paar Fotos mit nach Hause bringen kann.

Auch dieses Jahr kommen wir wieder an den Ueberresten des Unterbaus von dem Schaufelraddampfer SS Klondike vorbei. SS steht hierbei fuer Single Screw Steamship, was bedeutet, dass es sich um ein Dampfschiff mit nur einem Schaufelrad handelt. Das Wasser hat dieses Jahr einen besonders niedrigen Stand, laut Joe den niedrigsten seit 30 Jahren. Daher ist besonders viel des Schiffes freigelegt und wir gehen auf eine Erkundungstour.

Spaeter kommen wir an einer weiteren historischen Stelle vorbei. Eine alte Goldmine. Joe ist ganz begeistert, so viel von der Baggerkonstruktion hat er noch nie gesehen.

Wieder auf dem Fluss bewundern wir noch ein paar Adler. Wir ueberholen zwei andere Jagdgruppen, die allerdings bislang scheinbar auch keinen Erfolg hatten.

Ein wenig spaeter bauen wir wieder unser Lager auf. Eine kleine Angelrute haben wir mittgebracht, die ich erfolglos auswerfe. Ist es nicht verrueckt, dass ich noch nie einen Fisch gefangen habe?

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Tyrel steht im Camp vor dem Feuer und Bergen von gesaegtem Feuerholz.

Eines Tages wird es schon so weit sein. Da wird der erste Fisch am Haken zappeln und auch der erste Elch in der Gerfriertruhe landen. Und bis dahin geniesse ich die Reise dahin.

Flusstrip 2018: Tag 4

Heute morgen zeigt das Thermometer nur -8 Grad an. Durch eine frische Brise fuehlt es sich jedoch um einiges kaelter an. Ich misstraue dem Messergebnis und stelle das Thermometer auf einen etwas abgelegenen Baumstumpf, auf den die Waerme des Feuers mit Sicherheit nicht strahlt. Das hat wohl auch geklappt. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, da ich das Thermometer nicht wiedergefunden habe. Es wird jetzt wohl den ganzen Winter fleissig messen und Ende Juni 2019 die ersten Touristen verwundern.

Dann wieder packen, fruehstuecken, los. Nicht nur ein Thermometer lassen wir zurueck, sondern auch wieder Berge an Feuerholz. Man weiss nie, wer als naechstes an diesen Platz kommen wird; ob er oder sie vielleicht durchnaesst oder kalt ist. Fest steht, dass die wenigsten Flussbesucher eine Kettensaege im Gepaeck haben.

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Mit dem Holzhaufen, den wir zuruecklassen, koennen mehrere Lagerfeuer entzuendet werden.

Auf dem Fluss gilt es nach Tieren Ausschau zu halten. Sich anhand der Karte zu orientieren und Notizen zu machen. Die Umgebung einzusaugen und versuchen so viel wie moeglich zu speichern von der Gelassenheit. Was hier passiert, passiert einfach. Und dann wird besonnen darauf reagiert. Ich merke, wie meine Bewegungen gleichfoermiger geworden sind. Die Schritte sind langsamer, aber sicherer.

Es gibt hier keine Termine, keine Hast. Denn durch Eile geschehen Fehler, die man sich hier nicht leisten kann.

Wir haben schon drei noch warme Feuerstellen in Ufernaehe schwelen gesehen. Weitere Jaeger muessen uns ein bisschen voraus sein. Ansonsten seit zwei Tagen keinen anderen Menschen gesehen. Wenn ein Krieg, eine Wirtschaftskrise oder die Pest ausgebrochen ist, wir wissen es nicht. Fuer uns zaehlen andere Dinge. Wie frisch sind die Schwarzbaerenspuren am Ufer? Sind die Wolken am Horizont so leicht wie sie aussehen oder bringen sie Schnee? Sind die Wellen vor uns aufgebracht durch grosse Felsen im Flussbett oder ist das Wasser dort einfach seichter?

Waehrend ich nach Bewegungen Ausschau halte, verfalle ich in suesse Tagtraeume. Ich betrachte mein Leben moeglichst neutral und frage mich, was ich noch verbessern kann. Eine Sache faellt mir ein, ich sollte mich mehr dehnen. Erste Erfolge konnte ich bereits erzielen durch regelmaessige Dehnuebungen, doch dann fing ich mit dem Laufen an und alles wurde wieder unbeweglicher. Voll egal, dann fang ich einfach nochmal von vorne an.

Am Ende des Tages erreichen wir Hootalinqua, wo die Fluesse Yukon und Teslin ineinanderfliessen. Das transparente Wasser des Teslin weicht dem tuerkis-flaschengruen des Yukon und ich fuehle mich durch diese besondere Farbe schon sehr heimisch. Zur Goldrauschzeit vor einem guten Jahrhundert war hier ein wichtiger Handelsstuetzpunkt und eine Polizeistation. Goldgraeber kamen von weit her, um ihre Claims zu registrieren und Trapper tauschten Felle gegen Gebrauchsgegenstaende. Da in heutiger Zeit die Stelle sehr beliebt zum Lagern ist, gibt es so gut wie kein Feuerholz mehr in der Umgebung. Wir haben bei der letzten Flussbiegung Halt gemacht und uns genuegend Holz fuer die Nacht und den Morgen mitgebracht.

Zum Abendessen gibt uns Joe jedem ein Grizzly Chilli Wuerstchen ab. Zum Nachtisch gibt es noch eine Scheibe Christstollen. Das Leben ist gut. 🙂

Flusstrip 2018: Tag 3

In der Wildnis scheine ich einen helleren Schlaf zu haben. Ich wache auf, wenn ich das Feuer nicht mehr knistern hoere und lege neues Holz nach. Dann kann ich kurz nicht schlafen, weil das Feuer zu laut knistert und es zu hell geworden ist, da der Schein des Feuers die Plane ueber uns wie eine Kinoleinwand beleuchtet. Das ganze wiederholt sich etwa drei Mal, bis gegen 7 Uhr morgens Aufstehstimmung verbreitet wird und ich mich aus dem Schlafsack schaele.

Auch heute Morgen zeigt das Thermometer -12 Grad an. Schnell schluepfe ich in meine dicke Kleidung und bewege mich, um warm zu werden. Wasser muss geholt werden, sowie das Fruehstueck, was mit den anderen Lebensmitteln nachts in einem Plastikcontainer beim Boot bleibt. Vor Baerenbesuch graut es meinen Mitstreitern dabei nicht so sehr wie vor Maeusen.

Nachdem unsere Gaumen gestern durch die Elchwuerstchen und Kaesegnocci so verwoehnt wurden, gibt es heute morgen wieder ein Fertiggericht von Knorr. Joe gebe ich eine Packung hausgemachte Nussriegel mit fuer einen Snack zwischendurch auf dem Boot. Tyrel und ich beschliessen, so wenig wie moeglich selbst von den Riegeln zu essen, damit wir Joe auch eine Freude machen koennen, wo er uns doch aus der Patsche hilft und dabei noch so gut verkoestigt.

Heute Morgen brauchen wir laenger, bis wir aufbrechen. Tyrel hat ein paar duenne Baeumchen gefaellt und zusammen mit Joe wird beraten, wie die Boote nun am besten zusammengebunden werden koennen, damit alles gut navigierbar ist und das Gummiboot keinen Schaden nimmt. Ich nutze die Zeit um mich warmzuhalten, packe unser Camp zusammen und bringe die Kisten herunter in Richtung Boot. Mit der Kamera halte ich den Sonnenaufgang fest.

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Die Sonne lugt hinter den oestlichen Bergen hervor, waehrend sich noch Nebelschwaden auf dem Wasser tummeln.

Joe und Tyrel zurren derweil fleissig an den Booten herum. Zugseile, Bungeeseile und Ratschen ist etwas, was man in Unmengen mit auf einen Trip in die Wildnis nimmt und in allen moeglichen Situationen darueber gluecklich ist.

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Die Boote sind mit zwei duennen Baeumen parallel miteinander verbunden und werden wieder mit der Ausruestung eingeraeumt.

Schliesslich treiben wir auf dem Fluss. Langsam geht es voran, bei engen Kurven paddeln wir zusaetzlich, damit wir nicht auf eine Kiesbank auflaufen. Ein paar Flusswindungen weiter begruesst uns ein maechtiges Floss!

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Bestimmt 15 Meter lang ist das Floss, das mit Annehmlichkeiten wie Autositzen und einer Feuerstelle ausgeruestet ist.

Wir gehen an Land und machen uns ein Bild von der Lage. Unglaublich ausgeruestet waren die Flossfahrer unterwegs. Eine Dusche ist an Bord, eine Betonplatte mit Feuerstelle, eine Kueche, Schlafplaetze, Kisten voller noch haltbarer Lebensmittel, Werkzeuge und eine Kiste voller Naegel. Eine Landungsbruecke fuehrt zum Ufer, dort hat jemand Unmengen von Feuerholz gesaegt und ein provisorisches Klo ausgehoben und zum Teil mit Klopapier und Faekalien gefuellt.

Gab es Probleme mit dem Floss, sodass sie nicht weiter konnten? Sind sie auf Grund gelaufen und haben das Floss dann nicht mehr zurueck ins Wasser bekommen? Haben sie aus anderen Gruenden die Expedition abbrechen muessen und das Boot zurueckgelassen um im naechsten Sommer zurueckzukommen?

Wir wissen es nicht und werden es wahrscheinlich nicht erfahren. Es bleibt nur abzuwarten, ob das Floss im naechsten Jahr noch vorhanden ist oder vom losbrechenden Eis im Fruehling zermalmt oder losgerissen wurde.

Wir lassen den Ort ruhen und ziehen weiter.

Nach einer Flussbiegung ruft Tyrel leise „es hat ein geweih…“

!!! EIn junger Elchbulle sonnt sich am Ufer und schaut uns fragend an!!! So unauffaellig, wie es nun mal geht, greife ich nach meinem Gewehr, lade Munition durch, nehme die Schutzkappen des Suchers ab und lege an. „Schiess nicht, er rennt doch schon weg!“ Und auch ich sehe nur noch den Elchgalopp… Verdammt! Joe musste den Motor bedienen, vor uns im Fluss befanden sich Kiesbaenke, Steine und Stromschnellen. Und Tyrel hat gepaddelt, um Joe zu unterstuetzen. Naja, es ist gut, dass wir wenigstens einen Elch gesehen haben. Schnell geht es zur Stelle, die der Elch zur Siesta ausgewaehlt hatte. Joe streift gegen den Uhrzeigersinn um die kleine Insel, Tyrel und ich im Uhrzeigersinn. Im Eis um die Insel entdecken wir schliesslich, wo der Elch vom Festland angereist und auch wieder abgereist ist. Schade, er ist weg.

Wir tuckern zum anderen Ufer und machen Mittag. Vielleicht kommt der Elch ja nochmal wieder. Tyrel und ich essen ein paar staubige Cracker, waehrend die Schatten der Baeume ueber uns ziehen und die Mittagpause unangenehm machen. Es ist Zeit, weiterzuziehen.

Tyrel fallen immer wieder die Augen zu. Hmm, habe nicht ich das Feuer am Leben gehalten heute Nacht und sollte jetzt muede sein? Aber wie schoen, dass seine Erkaeltung so gut ausgeheilt ist, davon ist gar nichts mehr zu spueren.

Joe reicht uns ein Stueck Christstollen herueber, wir schneiden zwei kleine Scheiben ab. In meinem Mund erklingt eine Symphonie. Wie wundervoll es schmeckt! Ist es, weil ich gerne Stollen mag, weil ich hungrig bin, weil ich mich hier von Fertiggerichten ernaehre oder liegt es an der frischen Luft? Spielt ueberhaupt keine Rolle. Mit geht es einfach prima und ich bin da, wo ich gerade sein soll.

Waehrend wir alle Ausschau halten nach einem Cousin des fluechtenden Elchbullen, mache ich ein paar Bilder von anderen Tieren.

Heute passiert nicht mehr viel. Wir halten, errichten das Lager, machen ein Feuer.

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Das Feuer waermt einen Topf mit Wasser auf einem Gitterrost. Daneben wurden schon Tyrels und meine Plastikschuessel mit Fertignudeln und heissem Wasser befuellt.

„Wollen wir naechstes Jahr Urlaub im Warmen machen?“, fragt Tyrel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Jagdtrip dafuer ausfallen wird 2019. Aber warm klingt eigentlich ganz verlockend zur Abwechslung. Tyrel moechte gern Alligatoren sehen. Die gibts doch in Louisiana, da ist das Essen so scharf und lecker, das gefaellt mir wiederum!

Wir wuenschen uns eine gute Nacht und warme Traeume.