Fotografie

Ausgelaufen

Anfang Mai.

Mein Schienbein tut weh. Erst links, dann auch rechts.

Ein scharfer Schmerz, nicht das wohlbekannte dumpfe Ziehen von beanspruchten Muskeln.

Ich hoere auf zu laufen um mich nicht ernsthaft zu verletzen.

Stattdessen mache ich einen Termin beim oertlichen Ultralauf-Physio-Spezialisten. Ich hoffe, dass er mir sagt, ich habe ein typisches Schienbeinkantensyndrom. Und dass ich fuer ein paar Wochen radfahre oder sonst was mache und dann wieder voll durchstarten kann, puenktlich zum Lauf, fuer den ich jetzt seit 10 Monaten wirklich hart trainiere.

Aber er sagt mir, dass meine Muskulatur nicht betroffen ist und meine schmerzhaften Stellen sich direkt auf meinem Knochen befinden, wo keine Sehnen oder Baender verankert sind.

Wir reden ueber meinen sonstigen Gesundheitszustand und er fragt, wie lange ich eine Schilddruesenueberfunktion hatte, bevor sie behandelt wurde.

„So ca. 4 bis 18 Jahre lang.“

„Dein Trainingsprogramm ist ausgewogen, das sollte dich eigentlich unverletzt zum Ziel bringen. Ausserdem sind deine Beschwerden in einer Entlastungswoche aufgetreten, das ist sehr untypisch fuer eine Ueberlastungsverletzung. Aber eine Schilddruesenueberfunktion fuehrt zum Abbau der Knochendichte. Vor allem, wenn sie ueber laengere Zeit unbehandelt blieb. Das kann dazu fuehren, dass Stressfrakturen auftreten.“

„…und was ist mit meinem Lauf?“

*trommelt verlegen auf den Behandlungstisch* „…sieht derzeit eher schlecht aus. Tut mir Leid, dass ich dir das sagen muss.“

Zurueck im Auto heule ich Rotz und Wasser. Ich weiss, das ist wirklich nicht das Ende der Welt. Was fuer ein Luxusproblem: Ich kann an dem wahnwitzigen Lauf nicht teilnehmen, bei dem mir schon bei der Anmeldung klar war, dass der meilenweit ausserhalb meiner Komfortzone liegt und es eine Million Gruende gibt, warum es nicht klappen koennte. Jetzt ist halt einer davon eingetreten. Und ich bin traurig und enttaeuscht. Und das ist okay.

Ich heule also meinen Weg zurueck ins Buero. Die Kollegen sollen sich nicht dran gewoehnen, dass ich immer gut drauf bin! Verquollen gehe ich ins Buero meiner Kollegin, deren Vater heute Todestag hat.

„Komm mit, wir fahren zur Dairy Queen!“

Dairy Queen (zu deutsch Molkereikoenigin) ist ein vor ein paar Wochen hier neu eroeffnetes Restaurant einer amerikanischen Fastfoodkette. Die sich ums Gebaeude wickelnde Autowarteschlange war mir seit Eroeffnung deutlich zu lang um mich einzureihen. Doch heute haben wir Glueck, heute warten wir nur ein paar Minuten. Genau lang genug um meiner Arbeitskollegin zu erklaeren, warum ich immer noch heule und mich dann fuer eine Eiscremesorte zu entscheiden. Ein Softeis mit allem moeglichen Kram eingeruehrt – in meinem Fall Reese’s Pieces (Schoko-Erdnussbutterlinsen), Erdnussbutter und Keksteig. Erhaeltlich in den Groessen mini, klein, mittel und gross. Ich hatte schon Mittag gegessen und entscheide mich fuer ein kleines Eis. Bekomme dann aber einen 500 ml Kuebel ueberreicht. Achja, ich vergass. Amerika.

Zwei Tage lang heule ich immer mal wieder, doch am dritten Tag wird mir das zu lahm und ich mache mich an die Wiederauferstehung.

Bestandsaufnahme. Was habe ich und was geht noch? Ich habe ne ganz ordentliche Grundfitness und zwei Fahrraeder, die ich straeflich vernachlaessigt habe ich den letzten 10 Monaten. Und laut meinem Physiotherapeuten kann ich radfahren, „bis die Kuehe heimkommen.“ Wieder mal eine neue Redewendung gelernt. Wann genau die Kuehe heimkommen, weiss ich nicht. Abends? Oder im Herbst? Jedenfalls sind die doch den ganzen Tag ueber draussen, wenn man sie laesst. Also kann ich radfahren.

Ich radle und melde mich zu einem lustig klingenden Gravel Race an (Radrennen auf Schotterpisten) in 1,5 Wochen.

Auf einer windigen Testfahrt bemerke ich, dass meine normale Brille keinen Schutz vor Wind bietet und kehre mit gefriergetrockneten Augaepfeln heim. Eine weitere windige Ausfahrt unternehme ich mit Kontaktlinsen und meiner Sonnenbrille, die jedoch staendig von innen beschlaegt, dank der nun vor Anstrengung schwitzenden und schlecht ventilierten Augaepfel.

Also fahre ich ins Radgeschaeft und kaufe mir eine Astronautenbrille, die mich schneller aussehen laesst, als ich bin. Ausserdem eine kleine Lenkertasche fuer Baerenabwehrspray. Nach einer groesseren Tasche fuer eine Schrotflinte frage ich lieber nicht.

So ausgeruestet kann doch gar nichts mehr schief gehen und beim Rennen wird niemand bemerken, dass ich nicht dazu gehoere, oder?

Am Tag vor dem Rennen wird eine Email an die Teilnehmer verschickt: Aufgrund der schmelzenden Schneemassen und des weichen Bodens werden Teile des Kurses auf einspurige Mountainbikestrecken verlegt. Man soll jederzeit bereit sein, abzusteigen und sein Rad zu tragen und ausserdem solle man sein Rad mit den duennsten Reifen lieber Zuhause lassen.

Ich starre auf meine zwei Raeder, eins mit duennen und eins mit ueberdimensional dicken Reifen. Ich habe wenig Lust darauf, im Schlamm festzustecken oder ueber Wurzeln und Steine zu fliegen und die angeknacksten Haxen durchzubrechen. Also sind dicke Reifen angesagt: Jegliche Gefahr wird ueberrollt.

Ich, dicke Reifen und dicke Brille.

Mit meinem ungewoehnlichen Gefaehrt, der vollgestopften Laeuferweste und der fehlenden Lycrakleidung steche ich trotz schneidiger Brille aus der Teilnehmerreihe heraus. Macht nichts, im Ueberholtwerden bin ich eh am besten. Und die 40 km Strecke, die ich gewaehlt habe, ist anspruchsvoll aber gut markiert und das Wetter spielt mit. Ich habe Spass und erhalte im Anschluss sogar ein paar anerkennende Kommentare.

Teilnehmerfeld mit einem Paar Monsterreifen.
Zielgerade nach 40 km: Immerhin so schnell, dass ich nicht umkippe.

Mittlerweile sind die Ergebnisse der Roentgenaufnahmen von meinen Schienbeinen da: Nichts zu sehen, jedoch nicht ungewoehnlich fuer Stressfrakturen. Ein MRT wuerde Gewissheit liefern, jedoch liegt die Wartezeit fuer nicht dringende Faelle bei ueber einem Jahr. Bis dahin moechte ich eigentlich schon wieder verheilt sein.

Es ist wie es ist. Das mit dem Lauf wird nichts dieses Jahr. Gestern habe ich meine Anmeldung annulliert.

Spaeter im Sommer hatte ich mich noch fuer einen Halbmarathon angemeldet. Was bis dahin ist, steht noch in den Sternen aber wenn alles ordnungsgemaess verheilt, koennte ich mit dabei sein.

Und bis dahin werde ich schon noch ein paar weitere Abenteuer aus dem Sommer herauskitzeln. Ich bin schon gespannt, in welche Richtung die Wellen des Universums mich dieses Mal tragen! 🙂

Sportwoche im April

Ist es komisch, wenn man seine eigenen Beitraege interessant findet?

Jedenfalls fand ich meinen Beitrag ueber eine Woche Sport letzten Monat sehr interessant. Ein Teil meines Hirns denkt immer noch, ich sei so sportlich wie im Mai 2018 und die 30 Jahre davor, also eher wenig. Im Juni 2018 habe ich angefangen zu laufen, ganze 60 Sekunden am Stueck und ich war fertig mit der Welt. Ich konnte mich zwar fuer einzelne Betaetigungen begeistern und mich durchquaelen, doch eine Grundfitness war nicht vorhanden.

Mittlerweile ist doch ne ganze Menge mehr drin. Auch an zeitlichem Aufwand, obwohl ich immer der Meinung war, dass ich fuer Sport keine Zeit oder Energie haette. Aber anscheinend ist das oft eine Frage der Prioritaet.

Wenn ich aber zurueck auf die Statistik einer Sportwoche blicke, dann sehe ich ein paar Zahlen, sonst nichts. Keine Wehwehchen, keine Gefuehle, nichts was wirklich zaehlt. Und erinnern kann ich mich auch schlecht, dafuer bin ich jeweils zu sehr in der jeweiligen laufenden Woche drin.

Von daher hier ein Memo an mich: So sah eine Sportwoche in deinem Leben im April 2022 aus!

Montag

Mein Plan hat sich geaendert, wie alle ca. fuenf bis sechs Wochen. Leider steht Treppensteigen nicht mehr auf dem Programm. Die liebe Treppe ist mir im letzten halben Jahr ans Herz gewachsen, fast woechentlich habe ich sie aufgesucht um sinnbefreit hoch- und runterzuwandern.

Eigentlich komisch, was einem so ans Herz wachsen kann, wenn man es oft genug macht. Ist das eine Art Stockholm Syndrom?

Jedenfalls wars das erstmal mit Treppensteigen und auch mit Skilanglauf. Bis zu meinem Lauf im Juli werde ich vor allem laufen. Macht ja auch Sinn, vom Laufdokus gucken wurde ich bislang noch nicht schneller oder ausdauernder.

Der Skitag wird im April ersetzt durch einen Lauftag und die Treppe durch eine huegelige Strasse, die es auf- und abzulaufen gilt. Laut meinem Plan kann ich das entweder Montags oder Mittwochs machen. Doch wenn ich geht, laufe ich die Huegelstrasse gerne schon Montags, dann habe ich es hinter mir.

Also Montag: Huegelstrassenlauf.

Anfang der Strasse, derzeit noch bis zum Sommeranfang gesperrt.

Die 21,1 km, die ich gestern gelaufen bin, sind meinen Beinen heute kaum anzumerken. Gestern wurde ich von Wadenkraempfen geplagt aber heute laufe ich einfach ohne groessere Sorgen erst bergauf, dann bergab. Klar, es ist anstrengend. Huegel sind fuer mich auch mental schwierig zu erlaufen. Schon am Fuss des Huegels meldet sich Genosse Schweinehund und gibt hilfreiche Ratschlaege: „Es ist jetzt schon so anstrengend und es geht noch viel hoeher bergauf. Guck – du kannst den Gipfel noch nicht mal sehen! Du solltest wirklich gehen, das waere die einzig vernuenftige Massnahme.“

Aber ganz langsam, Laufschritt fuer Laufschritt, kurbele ich mich jeden einzigen der fuenf Huegel hoch und wieder runter. Wenn es wieder bergab geht, freue ich mich ueber meine nicht-krampfenden Beine.

Bergab (Vordergrund), Berg (Hintergrund)

Das einzige, was heute nicht gut laeuft ist mein Schuhwerk. Letzte Woche befanden sich auf einigen schattigen Strassenabschnitten noch grosse Eisflaechen, daher griff ich auch diese Woche zu meinen Laufschuhen mit Spikes. Doch die Eisflaechen sind wie weggeschmolzen (harhar) – trotz der frischen -13 °C heute morgen scheint der Fruehling langfristig nur schwer aufzuhalten sein.

Bergauf, -auf, -auf.

Die Metallstifte unter meinen Sohlen geben den musikalischen Lauftakt vor mit lautem KRACK-KRACK-KRACK auf der mehr oder weniger versiegelten Schotterflaeche. Die naechsten Laeufe ueber werde ich also meine neuen, minimalistischen Laufschuhe einlaufen. Hoffentlich wird die Umstellung gut klappen – ich reihe doch eine ganze Menge Schritte aneinander und moechte nichts ueberlasten.

Bergauf mit Bremsstreifen auf der Strasse.

Ich beende diesen Lauf nach 5,8 km und ca. 200 Hoehenmetern mit einer ausgedehnten Bergabstrecke und fuehle mich wirklich gut und irgendwie erfuellt. Ist das ein Laeuferhoch?

Ich, noch ein wenig eingefroren aber irgendwie gluecklich.

Dienstag

Manche Dinge bleiben doch beim alten: Dienstag und Donnerstag sind weiterhin Doppelsporttage, die mit Krafttraining eingelaeutet werden. Die neue Routine durchlaeuft vier unterschiedliche Krafttrainingseinheiten, die sich alle 14 Tage wiederholen. Ein bisschen gemein ist das schon, so ist der Koerper immer frisch ueberrascht von der ungewohnten Bewegung. Aber wahrscheinlich ist das der Sinn der Sache.

Hanteln mit Bueropflanzen – Das Basilikum ist gut angewachsen.

Heute schwitze ich so stark auf meine Matte, dass ich sie anschliessend ein paar Stunden trocknen muss, bevor ich sie zusammenrollen und in meiner Bueroecke verstauen kann. Aber trotz der harten Anstrengung haben mir die Uebungen eigentlich ganz gut gefallen. Nur der Teeloeffel, mit dem ich mein Fruehstueck esse, scheint heute extrem schwer zu sein.


Spaeter am Tag steht noch ein saftiger Intervalllauf an. 15 Minuten langsam laufen zum Aufwaermen, dann 10 Wiederholungen a la zwei Minuten hart und schnell rennen und zwei Minuten langsam laufen. Abschliessend 10 Minuten langsam laufen zum Runterkuehlen. In Summe 65 Minuten.

Intervalllaeufe sind und bleiben sehr herausfordernd fuer mich. Wenn man mit einer gewissen Lauferfahrung eine bestimmte Distanz oder Zeit laeuft, dann kann man die Intensitaet so herunterschrauben, dass der Lauf nicht zu anstrengend wird. Aber zwei Minuten hart und schnell laufen bleibt zwei Minuten hart und schnell. Das faellt mir jetzt genauso schwer wie zu der Zeit, als ich maximal 2 Minuten am Stueck laufen konnte. Aber es steht auf dem Plan und moechte daher auch gelaufen werden. Eine Verletzung oder ein Notfall waeren natuerlich solide Gruende um die eine oder andere Uebungseinheit ausfallen zu lassen. Jedoch ist der einzige Grund, der mir heute einfaellt: „Ich mag nicht, das ist so anstrengend.“

Gut, dass es anstrengend wird, wusste ich auch bevor ich mich fuer einen 80 km Berglauf eingeschrieben habe. Letztendlich zahlt sich die Anstrengung aus, das steht fest. Und daher schnuere ich auch heute meine Laufschuhe und gehe raus. Es sind -5 Grad, aber wenigstens scheint die Sonne.

Die 15 Minuten Aufwaermlauf fallen mir erstaunlich leicht. Die 10 Intervalle sind wie zu erwarten hammerhart. Zwei Minuten lang hart hart hart, so hart es geht. Am Ende der zwei Minuten pfeife ich aus dem letzten Loch, nichts ist mehr rauszuholen. Doch die Beine sind an die Laufbewegung gewohnt und die zwei leichten Minuten jogge ich ganz gemaechlich dahin. Jedes Intervall aufs Neue bin ich erstaunt, dass ich nach den zwei leichten Minuten wieder zwei Minuten lang hart rennen kann. Vielleicht nicht ganz so schnell wie in den ersten Intervallen, doch die Beinbatterien scheinen sich wie durch Zauberhand in den zwei leichten Minuten ganz gut aufladen zu koennen.

Die beeindruckende Wetterfahne am Flughafen Whitehorse und neben bei die groesste Wetterfahne der Welt: Ein ganzes Flugzeug, eine restaurierte Douglas DC-3. Heute Suedwind.

Schon waehrend des Laufs merke ich, dass meine Oberschenkel ein wenig brennen. Zurueck im Buero auf meinem Hocker merke ich, wie die Muskeln zucken. Als wenn sie sich erst wieder in die richtige Form bringen wollen. Heute Abend gibt es viel Fisch und Gemuese und vor allem viel Schlaf. Morgen sehen wir weiter.

Mittwoch

Mein Koerper hat ueber Nacht ganze Arbeit geleistet: Meine Beine scheinen wieder einsatzfaehig. Nur die armen Aermchen haengen schlaff aus dem Tshirt und wollen nicht angehoben werden. Damit kann ich arbeiten. Zum Glueck habe ich einen Schreibtisch und eine Tastatur – ein Grossteil der Schwerkraft lastet nicht auf meinen Schultern.

Trotzdem, auch heute ist die Laufspeisekarte gut gefuellt mit einem 10 km Lauf. Zum Glueck nur 10 km – und ich haette nie gedacht, dass ich diesen Gedanken mal so formulieren wuerde. Jemand der 5 km laufen konnte erschien mir vor drei Jahren noch uebermenschlich fit. Uebrigens finde ich immer noch, dass 5 km laufen eine stattliche Leistung ist, daran hat sich nicht viel geaendert!

Fuer die heutigen 10 km brauche ich ein Ziel um meine Motivation zu foerdern. Ich waehle die Kaeseladenroute. Mit einem Extraschlenker komme ich auf 5 km pro Weg, passt perfekt. Ausserdem kann ich so meine liebe Treppe begehen. Das Wetter spielt mit, -2 °C und bewoelkt. Da kann ich getrost ohne Jacke loslaufen.

Treppe, dramatisch.

Der Weg runter in die Stadt zum Kaeseladen laeuft erstaunlich gut. Mein Oberkoerper und meine Arme sind ziemlich verspannt und verkatert, doch der Rest laeuft (ha!). Im Kaeseladen selbst kaufe ich ordentlich ein und verquatsche mich ein wenig. Der beladene Rueckweg faellt mir schwerer – liegt es an der Beladung oder daran dass ich etwas haette essen oder trinken sollen? Nach dem Treppenaufgang melden sich die Waden leicht, doch sie beruhigen sich wieder und fangen nicht an zu krampfen. Ich bin zufrieden, aber merke mir fuer die Zukunft, eine Trinkflasche mitzubringen wenn der Lauf 10 km oder laenger andauert. Vor allem, wenn sich die Gesamtlaufdauer durch Pausen noch verlaengert.

Donnerstag

Doppeldonnerstag steht an, dabei habe ich mich vom Doppeldienstag noch nicht ganz erholt.

Aber wie trainiert dafuer, 80 km lang bergauf und -ab zu laufen? Wahrscheinlich muss der Koerper lernen, trotz Ermuedung weiterzuarbeiten. Der naechste Ruhetag ist schon uebermorgen und der Geist ist willig und ist immer noch schrecklich neugierig, was alles moeglich ist, wenn man sich ausreichend herausfordert. Wenn der Geist willig ist, wird das Fleisch schon folgen.

Hanteln im Buero. Der Grossteil der Basilikumpflanzen ist in Jogurtbecher umgetopft worden.

Die ersten Wiederholungen der heutigen Kraftuebungen sind wirklich herausfordernd durch den Muskelkater, der sich noch in meinem System befindet. Doch interessanterweise wird es im zweiten Set schon weniger unangenehm. Ein gutes Zeichen dafuer, dass alles nur muede ist und keine Verletzungen drohen. Sogar der Schweiss fliesst nicht so uebertrieben wie am Dienstag! Aber sind ja auch andere Uebungen – vielleicht arbeite ich schon aktiv auf den Ruhetag hin?


Fuer den Laufteil des Tages steht eine Stunde Laufen auf dem Plan. Ich bin wirklich sehr muede und mag nicht. Trotzdem ziehe ich mich um und schnuere die Laufschuhe. „Ich mag nicht“ lasse ich nicht gelten. Ich laufe und gehe einen steilen Berg hinauf bis ich nach einiger Zeit am Haus meiner Freundin ankomme. Sie schliesst sich mir an und wir fuehren ein tolles, angeregtes Gespraech ueber Gott und die Welt. So wird der Fokus von meinen Wehwehchen gelenkt und wir haben einen wirklich tollen Lauf zusammen. Ausserdem laeuft sie mich noch zurueck zum Buero, so muss ich den Rueckweg nicht alleine angehen. Nach dem Lauf fuehle ich mich viel besser, sowohl mental als auch koerperlich. Zudem freue ich mich schon sehr auf meine Sportmassage spaeter am Nachmittag, die ich schon vor gut zwei Monaten gebucht habe. Der Masseur ist ein echter Fachmann und die Nachfrage ist gross.

Freitag

Fleischerfreitag steht auf dem Programm, aber vorher heisst es noch 45 Minuten laufen gehen. Letzten Freitag hat das nicht gut geklappt, die Waden haben schlimm gekrampft. Aber diese Woche hatte ich eigentlich wenig Beschwerden, da wird es bestimmt besser klappen. Um sicher zu gehen, waerme ich mich ein wenig auf mit dynamischen Dehnungsuebungen.

Das Wetter ist auch gut mit Morgensonne und -12 Grad. Kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, oder?

Die ersten richtigen Fruehlingsboten sind schon da: Die Autos werfen sich in ihr Fruehlingsfell: Eine dicke Schlammkruste.

Anscheinend doch, denn es ist genau die gleiche Misere wie schon letzte Woche: Ein einizger Krampf. Lange Strecken muss ich gehen, ansonsten lauf-humpele ich vor mich hin.

Aber es ist gut, das jetzt herauszufinden, dass mein Koerper morgens so reagiert. Der Lauf wird auch um 6 Uhr morgens beginnen, bis dahin bleiben mir noch einige Wochen Zeit zu experimentieren. Sollte ich mich mehr aufwaermen? Oder Elektrolyte zu mir nehmen? Frueher aufstehen, damit mein Koerper nicht so geschockt ist von der ploetzlichen Belastung?

Auf Nebenwegen ist und bleibt es zunaechst Winter.

In 45 Minuten komme ich auf schlappe 5,1 km. Ist voll okay und sind immerhin 100 Meter mehr als letzte Woche.

Eine halbe Stunde nach dem Lauf fuehlen sich meine Beine uebrigens leicht und ausgeruht an wie schon seit langem nicht mehr. Ein bisschen veraeppelt komme ich mir schon vor. Aber ich werde schon noch herausfinden, wie ich meinem Koerper besser helfen kann, am Morgen in die Gaenge zu kommen.

Samstag

FREI! 🙂

Sonntag

Heute steht der bislang laengste Lauf des Jahres an mit 28 km. Nach wie vor sind uebliche und schoen gelegene Wege zum Laufen durch Schnee/Matsch/Eis oder einen beliebigen Mix daraus zum Laufen ungeeignet. Bleiben Landstrassen oder das Wildtiergehe zur Auswahl. Ich waehle das Wildtiergehe, wobei ich mir nicht sicher bin, ob dort Matsch oder Eis das groessere Problem ist. Dann muss ich wohl zwei verschiedene Paar Schuhe mitbringen und vor Ort entscheiden, was die sinnvollere Wahl ist.

Auf dem Parkplatz des Wildtiergeheges steht schnell fest, dass es noch die Schuhe mit den Spikes sein muessen. Die Wege sind teilweise noch mit Eis und Schnee ueberzogen. Ich ziehe sie also an und trotte los. Doch leider stellen sich relativ bald zwei Probleme heraus: Zum einen ist laufen auf den Wegen derzeit fast unmoeglich durch tiefen, aufgeweichten Schneematsch oder weichen Schotter-Schlamm-Mix. Zum anderen krampfen die Waden und es treten auch leichte Taubheitsgefuehle in den Fuessen auf. Nach einer Runde von knapp 6 km entscheide ich mich, dass es keinen Sinn macht, hier weiterzulaufen. Meine derzeitige Mission ist nicht, mich ueber instabile Untergruende fortzubewegen, sondern lange Zeit in einer Laufbewegung zu bleiben. Und das ist hier kaum bis gar nicht moeglich.

Wapitihirsche, von hinten.

Ich steige also wieder in mein Auto ein und fahre zur naechstgelegenen Tankstelle und gleichzeitig zur Muendung der hiesigen Landstrasse zum Highway. Die Landstrasse ist auch gut huegelig und frei von Schnee und Eis. Laufen kann ich hier, auch wenn ich eher ungern auf Strassen laufe. Aber die Alternative waere, den Lauf abzubrechen und das moechte ich noch weniger.

Bisons, leise und tief grunzend.

Auf der trockenen Strasse laeuft es sich viel besser als im Wildtiergehege, soviel steht schnell fest. Aber auch hier verfolgen mich die Wadenkraempfe und Taubheitsgefuehle nach kurzer Zeit wieder. Ich versuche Strecken zu gehen, Halt zu machen um mich zu dehnen und die Schuhe lockerer zu schnueren. Natuerlich nehme ich auch Elektrolyte und Kalorien zu mir. Aber es ist der Stand der Dinge. Ich ergebe mich und mache einfach, so gut ich kann.

Strasse. Wo kein Gehweg ist, da lauf ich links!

Nach knapp 13 km entscheidet sich mein Koerper ploetzlich, dass das Krampfen nichts bringt und ploetzlich fuehlen sich meine Beine ganz wunderbar an. Die restlichen 15 km verfliegen im Nu, sodass ich fuer die insgesamt 28 km 3:38 Stunden brauche. Die ersten 14 km kosteten mich 2 Stunden, die zweiten 14 km dann ploetzlich 22 Minuten weniger.

Strasse, kurz vor dem ersten Hagelschauer.

Aber vor allem ist wichtig, dass ich ohne grosse Erschoepfung und flott ins Ziel gelaufen bin. Ganz ohne Blasen, wunde Stellen oder Schmerzen.

Strasse. Niederschlag zieht auf, aber macht die Szenerie wenigstens interessanter.

Das unterstreicht nochmal die Erkenntnis von Freitag, dass ich mich der Wadenkrampferei dringend annehmen muss. Magnesium und Kalzium nehme ich schon zusaetzlich. Und wenn ich in meiner Mittagspause laufe, ist Krampfen kein Thema. Also vermute ich, dass ich mich besser aufwaermen muss vor einem Lauf, der relativ frueh am Morgen stattfindet.

Ich habe in den letzten Wochen auch ein paar Kilos zugenommen, wahrscheinlich machen sich die Schilddruesenhemmer bemerkbar. Koennte es sein, dass das zusaetzliche Gewicht meine Waden sehr stresst?

Wieder Zuhause schreibe ich meiner Trainerin und bitte um Rat. Sie antwortet zeitnah, dass sie mir Videos mit Aufwaermuebungen zuschicken wird. Fuer das Training ab kommenden Freitag ist also schon vorgesorgt. Und falls die Problematik dann wieder auftritt, probiere ich etwas anderes. Bis zum Juli werde ich das passende Puzzleteil gefunden haben!

Wochenstatistik

Was von der Woche uebrig bleibt:

  • Gelaufene Distanz: 66.4 km
  • Gelaufene Zeit: 8:35 h
  • Hoehenmeter auf und ab: 702 m
  • Krafttraining: 2 Einheiten, 54 Sets, 1:33 h

Jetzt bin ich wirklich froh, dass ich meine Gedanken dazu zusaetzlich festgehalten habe!

Habt eine gute Woche 🙂

Entknotet

Heute morgen hatte ich meinen Termin zur Schilddruesenknotenbiopsie.

Waehrend Knoten in der Schilddruese erstmal nicht besonders selten oder besorgniserregend sind, sahen meine Knoten gross und verdaechtig genug aus um zum Wiederholungsultraschall berufen zu werden (zwei Knoten im rechten Lappen) und einer sah gemein genug aus um eine Biopsie anzuordnen (Mitte links). Das war Anfang Januar und gesellte sich froehlich zu meiner eben erst festgestellten Autoimmun-Ueberfunktion.

Ein bis drei Wochen sollte die Wartezeit bis zur Biopsie betragen, ich sei ein halb-dringlicher Fall.

Drei Monate spaeter fand der Termin dann auch tatsaechlich statt, was fuer kanadische Verhaeltnisse schon ziemlich flott ist.

Einchecken, aufgerufen werden, ueber Risiken aufgeklaert werden, nochmal alles durchlesen, unterschreiben, mit ueberstecktem Nacken auf die Liege begeben. Handtuch, ordentlich Ultraschallgleitmittel, Ultraschallkopf.

Schweigen.

Zwei Chirurginnen betreten den Raum, gewappnet mit einer Hand voll steril verpacktem medizinischem Geraet. Mit ueberstrecktem Nacken kopfueber ueber die Brillenglaeser nicht genau zu erkennen.

Alles ist bereit zur Zellentnahme. Es gibt nur ein Problem:

Meine Schilddruese hat keine Knoten mehr.

Die Bilder vom Januar werden auf einem anderen Bildschirm aufgerufen und diskutiert – jetzt sehe ich sie zum ersten Mal. Ja, es sieht ziemlich boesartig aus, wenn ich mein Suchmaschinenwissen als Massstab anlegen koennte. Klar abgegrenzt, kalkig, unregelmaessig geformt, schartig. Direkt am Isthmus angrenzend, dem mittleren Schilddruesenteil.

Es geht wieder an den Ultraschallkopf und mir an den Kragen. Die ganze Schilddruese wird langsam von oben bis unten und von links nach rechts im Querschnitt durchleuchtet, waehrend drei fachkundige Augenpaare und meine neugierigen aber kopfueber befindlichen Augaepfel auf den Monitor in Grautoenen starren.

Ultraschalltechnikerin: „Also hier waere eine Art Schatten, koennte das vielleicht ein Ueberbleibsel des grossen Knotens sein?“

Chirurgin 1: „Sind wir denn sicher, dass es genau die Stelle ist, an der der grosse Knoten war?“

Ultraschalltechnikerin: „…Nein. Es ist nur in der Naehe.“

Chirurgin 1: „Also wir werden nichts anstechen, was nicht klar abgegrenzt ist, das macht keinen Sinn.“

(Chirurgin 2 hatte keine Sprechrolle, sah aber interessiert und bemueht aus.)

Nachdem die Nadeln vom Tisch sind, wird beschlossen die geschossenen Bilder und Videos an einen Radiologen zu schicken, der einen Bericht an meine Aerzte schicken soll. Ich wische mir den verbleibenden Ultraschallglibber vom Hals und folge den blauen Pfeilen zum Ausgang des Krankenhauses.

Ich empfinde Dankbarkeit. Dafuer, dass ich mein Leben fuer mich stimmiger eingerichtet habe seit der Diagnose im Januar. Dafuer, dass mein Koerper was immer da wuchs, anscheinend absorbiert hat. Dafuer, dass ich so lange auf diesen Termin warten musste! Falls der Termin schon eine Woche nach dem Ultraschallbefund stattgefunden haette, wer weiss wie die Diagnose ausgefallen waere. Vielleicht haette ich dann jetzt schon keine Schilddruese mehr?

Ein bisschen schaeme ich mich dafuer, dass ich so sauer auf das kanadische Gesundheitssystem war. Na klar, wenn ein Verdacht besteht moechte man natuerlich alles sofort bestmoeglichst abgeklaert haben. Aber in diesem Fall brauchte mein Koerper wohl ein Anpassen der Lebensumstaende und ein wenig Zeit.

Wie sagt man so schoen: „Wer weiss, wozu es gut ist?“ Das werde ich in Zukunft versuchen, noch mehr zu beherzigen, wenn etwas in meinem Leben scheinbar schief laeuft. Mir gefaellt die Vorstellung, von den Wellen des Universums langsam in die fuer mich richtige Richtung gespuelt zu werden. Ich kann mit meinem Schlauchboot zwar hart gegen die Stroemung anpaddeln, aber letztendlich aendert es nicht viel. Ein paar kleinere Paddelschlaege, die den besten Kanal mit der Stroemung waehlen, darauf moechte ich mich konzentrieren. Meine Arbeitsstunden reduziert halten, damit ich nicht mehr als Vollzeit arbeite. Sport- und Putzroutinen befolgen, wenn es geht. Ausreichend Gemuese essen und selbst kochen. Kleine Abenteuer planen und sie selbst durchfuehren, unabhaengig davon ob sich eine Begleitung dazugesellt.

Die heutigen 40 Minuten Treppenauf- und abstieg lassen meine Gedanken fliegen. Zarte Ideen treffen auf nahrhaften Boden. Jetzt liegt es an mir, dranzubleiben.

Oftmals kommt es auf den Blickwinkel an, fluestert mir die Treppe zu.

Treppe, von unten.
Treppe, von oben.

Eine Woche Sport

Seit dem letzten Beitrag ist erneut Zeit vergangen. Waere auch merkwuerdig, wenn sie in der Zwischenzeit stehengeblieben waere. Die Schilddrüsenwerte sind mit den Medikamenten fürs Erste im ausgewiesenen Normalbereich. Wieder abwarten.

Da habe ich mich gefragt: Was mache ich eigentlich so, neben den zwei Jobs und dem Haushalt und den Hühnern und allem, was sonst so zu tun ist? Da sollte doch noch massig viel Zeit über sein fürs Bloggen! Ist es aber irgendwie nicht. Kann daran liegen, dass ich relativ viel Sport treibe.

Da würde es sich eigentlich anbieten, davon zu berichten, oder?

Eigentlich ja. Aber ich habe keine Lust auf einen „OooOoh, guckt mal alle her wie spochtlich ich bin!“-Beitrag. Deswegen hab ich es lange nicht gemacht.

Jedoch ist das derzeit einfach mein Alltag. Egal wie das rüberkommt. Also raus damit.

Montag

Laut Trainingsplan habe ich heute die Wahl: 5 km gehen, 5 – 8 km laufen oder eine Stunde Skilanglauf.

Wann immer es mir moeglich ist, waehle ich die Option Skilanglauf. Immerhin habe ich diese Saison neue Skis und einen Saisonpass fuer das Loipensystem in der Stadt. Heute stelle ich mich auf eine langsame Tour ein, denn es schneit mal wieder und laut Webseite wurden die Loipen Samstagabend das letzte Mal gespurt.

Aber was solls. Gegen 10 h ziehe ich mich auf dem Arbeitsklo um, befreie mein Auto vom Schnee und fahre ca. 5 Minuten zu einer Einstiegsstelle. Motor aus, Ski an, los.

Meine Erwartungen bestaetigen sich: Ich komme nur langsam voran. Das liegt zum einen daran, dass meine Fortbewegungsenergie zum Schneeplattdruecken statt Vorwaertsgleiten verwendet wird. Zum anderen sind meine Beine noch etwas steif von den Laeufen am Wochenende. Immerhin sind es nur -6 Grad, da reicht meine duenne Regenjacke ueber dem langaermligen Kunstfaserpulli aus. Und eine Stunde vergeht so oder so, egal ob ich wie vor zwei Wochen 7 km oder wie heute nur 5.6 km in der Zeit skilaufe.

Meine Ski bahnen sich einen Weg durch den Schnee.

Dienstag

Um 5:59 h in der Frueh rolle ich im Buero meine Yogamatte aus, denn heute steht zuerst Krafttraining auf dem Plan. Mein Gehirn ist unheimlich kreativ darin, Ausreden zu erfinden warum ich heute kein Krafttraining machen kann. Zuhause ist wenig Platz, eigentlich haette ich nur den Flur zur Verfuegung. Aber Tyrel muss auch von A nach B gehen um sich morgens fertig zu machen. Im Buero ist mehr Platz. Also mache ich meine Uebungen hier. Und zwar bevor mein Hirn vollstaendig wach ist und mir erklaert, warum ich heute leider nicht trainieren kann.

Mein Krafttraining besteht aus acht verschiedenen Uebungen, die jeweils in Paerchen unterteilt sind. Ich mache also alle Wiederholungen von Uebung A, dann alle von Uebung B, dann gibt es 30 bis 40 Sekunden Pause. Das wiederholt sich noch zweimal, dann fahre ich mit Uebungen C und D fort, und so weiter. Ich arbeite mit Eigengewicht und mit Fitnessbaendern, ab und an brauche ich auch eine Hantel oder einen Stuhl. Aber keine Mitgliedschaft im Fitnesscenter, da wuerde ich eh nicht hingehen.

Schwitzen im Buero vor meinen Chilipflanzen und dem gerade erst ausgesaeten Basilikum.

Das heutige Programm beschaeftigt mich 32 Minuten lang, danach ist wieder Umziehen angesagt. Wie schoen es immer wieder ist, in eine trockene Unterhose zu schluepfen!

Ich sitze laengst am Arbeitsplatz bevor mein erster Kollege das Gebaeude betritt.


Gegen 11 h geht es weiter im Programm: Ein 5 km Lauf ist angesagt, bei dem ich die benoetigte Zeit notieren soll. Wahrscheinlich als Fitnessvergleich ueber die Dauer meines Trainingsplans gedacht, aber ich versuche bei diesen Laeufen, mich wirklich anzustrengen und vielleicht ein bisschen schneller als beim letzten Mal zu laufen.

Den Morgen ueber hat es wieder geschneit, heute ca. 4 cm. Die kleinen Wege fallen also flach, ich laufe stattdessen hin und her auf Nebenstrassen. Auf Strassen laufen, mehrmals die Richtung wechseln, sich verausgaben: Drei Dinge die ich am Laufen nicht mag. Zudem sind die Beine immer noch ziemlich schwer, wenn auch nicht so schwer wie gestern. Aber die Sonne scheint und wenn man besser werden will, dann muss man auch Sachen machen, die einem nicht so leicht fallen. Wenn man immer nur das Gleiche macht, dann wird man automatisch langsamer. Ich moechte jedoch etwas schneller werden!

Der Plan geht auf und ich erlaufe meinen Schnefaz (schnellsten Fuenfer aller Zeiten) mit 32 Minuten und 23 Sekunden. Ich kenne eigentlich keinen Laeufer, den diese Zeit beeindrucken wuerde. Ausser mich, ich bin ganz stolz! Die Haut und die Muskeln gluehen nach, als ich auf dem Arbeitsklo eine weitere trockene Unterhose anziehe.

Mittwoch

Heute ist der kuerzeste Sporttag der Woche: Nur 40 Minuten stehen auf dem Plan!

Dafuer sind es 40 Minuten lang Treppe hoch- und runtergehen. Und nicht nur irgendeine Treppe, es sind die in Whitehorse beruechtigten Black Street Stairs, also die Treppe an der Black Street (Schwarze Strasse).

Sie ist der einzige Fussgaengerweg, der ueber einen schroffen Abhang von der Stadt hoch zum Flughafen fuehrt. Die Stadt liegt im ehemaligen Ueberflutungsgebiet des Yukon Rivers unterhalb der sogannten Clay Cliffs (Lehmklippen), der Flughafen auf der Hochebene darueber.

Treppe, von unten nach oben.

„Ist das nicht unguenstig, eine Stadt im Ueberflutungsgebiet zu bauen?“, fragt sich der geneigte Leser eventuell. Gar kein Problem – man baut einfach einen grossen Damm flussaufwaerts der Stadt um die Spannung ein wenig zu erhoehen in wasserreichen Zeiten. Da lobe ich mir die alten Aegypter, die die Ueberflutungszonen im fruchtbaren Nildelta zum Ackerbau nutzten… Fragt sich eigentlich noch jemand, warum wir im Geschichtsunterricht gefuehlt vier Halbjahre lang das antike Aegypten, acht Halbjahre lang die deutsche NS-Zeit und den Rest ein bisschen franzoesische Revolution und Prager Fenstersturz durchgenommen haben? Es gibt so viele interessante Dynastien, von denen ich noch nie gehoert habe!

Aber ich schweife ab. Eigentlich wuerde ich lieber „echte“ Haenge hoch- und runtergehen. Aber das existiert derzeit nur im tiefen Schnee oder auf einer Strasse. Dann lieber die Treppe, ganz ohne Autos.

Vor der ersten Treppeneinheit dachte ich, dass es mir bestimmt mental sehr schwer fallen wird. Stumpf ohne Sinn und Verstand hinauf, hinab und wieder hinauf. Doch es macht mir nichts aus, die Zeit vergeht schnell. Mal schiebt jemand sein Fahrrad mit ueberdimensionierten Reifen die Treppe hinauf. Mal startet ein Duesenjet hinter dem Zaun am oberen Ende der Treppe. Und manchmal habe ich sogar ein wenig Gesellschaft und jemand anders begibt sich ins Treppensteig-Fegefeuer.

Boeing 737-500 hinter einem Zaun, kurz vor dem Abheben.

Wenn nichts Interessantes geschieht und mein Gehirn eine Zeit lang auf Autopilot geschaltet ist, ploppen interessante Themen auf. Ca. 15 Minuten lang versuche ich mich zu erinnern, wie Kamelohren aussehen. Sind sie etwas groesser und umklappbar, damit sie verschlossen werden koennen? Oder sind sie winzig klein und haarig? Ich glaube sie waren eher klein. Kann man sie ueberhaupt sehen? Wie sind sie konstruiert, dass Sand auch wieder herausgeschuettelt werden kann? Es waere doch gut, wenn so eine Art Sandstopp eingebaut waere. Aber Moment, so ist unsere Uhrmuschel doch auch aufgebaut, sonst waere sie doch nur trichterfoermig, oder? Warum hat es die Natur nicht eingerichtet, dass man sich mit ein wenig Luft die Ohren selbst freipusten kann? Oder waere das zu laut?

Treppe, von oben nach unten.

Es tut mir wirklich gut, solche Freiraeume von Berieselung zu schaffen. Ansonsten bin ich immer mit irgendetwas beschaeftigt oder schlage die Antwort schnell im Internet nach. Meine Gedanken koennen am besten fliegen und kehren geordnet wieder zurueck, wenn ich mich monoton koerperlich unter freiem Himmel betaetige. Fuer diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar.

Schliesslich sind die 40 Minuten um. Ich bin in der Zeit zehnmal die Treppe hoch- und wieder runtergegangen plus ein Drittel wieder hoch. Mit gummiartigen Beinen wackel ich zum Auto und freue mich auf eine heisse Dusche.

Donnerstag

Donnerstag startet wieder mit einer Einheit Krafttraining um kurz vor 6 Uhr morgens im Buero. Gleicher Ablauf wie Dienstag, nur die Uebungen sind anders. Heute werden vor allem die Schultern trainiert, was mich ganz schoen zum Schnaufen bringt.

Fuer spaeter stehen noch 45 bis 60 Minuten Laufen auf dem Plan.

Leider kann „später“ nicht wie gewohnt am späten Vormittag passieren, ein paar Termine kommen dazwischen und schließlich das Mittagessen, das zum Laufen zu schwer im Magen liegen würde. Der frühe Nachmittag vergeht und das Arbeitsende rückt näher. Jetzt macht es auch keinen Sinn mehr, von der Arbeit aus zu laufen. Außerdem muss ich gleich ein paar Erledigungen in der Stadt machen. Und später habe ich noch einen Kurs von Zuhause aus. Vorher muss ich unbedingt Abendessen zubereiten und essen, damit ich danach zügig und Bett gehen kann.

Und ganz ehrlich, hat sich dein Zeh nach dem flotten Fünfer am Dienstag nicht etwas gereizt angefühlt? Nicht dass du dich eine Blase läufst! Vielleicht solltest du das Laufen heute ausfallen lassen? Es scheint alles dafür zu sprechen…

Nein.

Ich keine meine Schweinehunde und alle ihre Tricks. Sie meinen es bestimmt gut mit mir, aber ich meine es mindestens genauso gut. Also fahre ich nach den wichtigsten Erledigungen in der Stadt beim Wildtiergehege vorbei und laufe dort. Als Kompromiss laufe ich zwar flott, dafür aber nur 45 Minuten statt einer Stunde. Und stimmt, am linken Fuß zwischen Ballen und großem Zeh fühlt es sich wirklich ein bisschen danach an, als könnte sich eine Blase bilden. Mal sehen. Jedenfalls fühle ich mich gut, dass ich die 6,6 km gelaufen bin im schönsten Sonnenschein, der durch die Schneelandschaft noch strahlender wirkt. Mein restliches Abendprogramm läuft ab wie geplant.

Bisons, luemmeln als schwarzbraune Punkte im Schnee.
Sonne, strahlt am tiefblauen Himmel.
Schnee und Berge, soweit das Auge reicht.

Freitag

Heute ist laut Plan mein Ruhetag. Allerdings ist Freitag auch Fleischertag. Er ist also nicht geprägt durch Abwesenheit von Bewegung, sondern eher ein Rehatag. Umgeben von lieben Menschen und köstlichen Fleischwaren stelle ich heute drei verschiedene Wurstarten her: eine frische Blaubeerbratwurst, eine frische Bison-Cranberry-Bratwurst und eine ungarische Salami. Außerdem räuchere ich die eindrucksvollen summer sausages, die gestern hergestellt wurden. Summer sausages, auf Deutsch Sommerwuerste heissen so, weil sie gepoekelt und heissgeraeuchert sind und so auch an warmen Tagen gerne auf Campingtrips und Picnics mitgenommen werden. Sie verzeiht die fehlende Kuehlung, schmeckt gut und unbedenklich. Eben nach Sommer.

Ich mit roher summer sausage in den Haenden, vor Schweinehaelfte, Hand- und Bandsaege.

Samstag

Einen Tag am Wochenende absolviere ich einen langen Lauf, den anderen Tag einen kürzeren. Je nachdem wie es am besten passt. Und eine Kraft- und Dehnungseinheit steht auch noch auf dem Programm.

Wenn es mir möglich ist, laufe ich den langen Lauf am Samstag, dann ist der abgehakt und kann nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Dieses Wochenende bedeutet lang: Drei Stunden laufen. Die letzten drei Wochenenden bin ich jeweils zwei Stunden gelaufen, dann sollte ein Stündchen mehr doch auch zu schaffen sein.

Die Wege in den Bergen sind zu dieser Jahreszeit zu instabil zum Laufen oder von Schneemassen begraben. Auf der Straße mag ich nicht laufen. Also fahre ich wieder zum Wildtiergehe. Kein Verkehr, aber dafür ein saftiger Hügel auf einer achtförmigen fünf-Kilometer-Runde.

Dallschafsbock. Die Vorderbeine sehen aus, als haetten sie Knie. So haette ich sie gemalt!

Die erste Runde starte ich langsam. Ich bin der erste Besucher und kann die frisch ausgeruhten Tiere anfangen optisch abzunutzen, während ich Laufschritt für Laufschritt meinen Tagessoll abspule. Dabei finde ich immer wieder spannend, wie mein Körper reagiert. Zuerst ist alles locker, dann schmerzen die Waden ein bisschen, dann fühle ich mich blendend, dann bekomme ich ein bisschen Seitenstechen, dann habe ich keine Lust mehr, dann geht’s mir wieder prima, dann fühlt sich das eine Knie komisch an, dann meldet sich die latent vielleicht vorhandene Blase unter dem linken Fußballen von Donnerstag, dann hab ich keine Lust mehr, dann bin ich super motiviert, dann ist eine Hüfte beleidigt und dann ergibt sich alles und sagt „Ok, sieht so aus, als ob wir jetzt erstmal laufen. Ist okay.“.

Bewoelkte Landschaft, aber heitere Stimmung!

Nach drei Stunden fühle ich mich gut und bin froh, zum ersten Mal nach meinem Berglauf letztes Jahr eine längere Strecke als 16 km gelaufen zu sein. Genauer gesagt kamen ganze 23.7 km zusammen – mehr als ein Halbmarathon!

Meine Lieblingsstation im Wildtiergehege: Schneeziegen. In diesem Bild verstecken sich mindestens neun Ziegen.

Später am Tag sind die Beine wieder schwer, aber nichts tut weh. Ich futtere für zwei, putze ein bisschen und schiebe ansonsten eine ruhige Kugel.

Elchbulle, er stdiert mich genauso wie ich ihn.
Ich, erleichtert um drei Stunden Laufen.

Sonntag

Der Sonntagmorgen startet wie gehabt mit Kraftübungen für die Körpermitte und -spannung, abgeschlossen mit Dehnübungen für Vorderbein, Hinterbein und Wirbelsäule.

Anstrengend ist das für mich, ich habe immer noch Schwierigkeiten mit allem, was auf -stütz endet. Aber deswegen mache ich es ja. Auch die Dehnübungen zeigen mir auf, wie wenig beweglich ich bin. Macht nichts. Danke, lieber Körper!

Später am Tag geht es auf zum letzten Programmpunkt der Woche: 45 Minuten laufen.

So richtig Muskelkater habe ich nicht, es tut nichts weh. Aber alle Muskeln, die sonst beim Laufen ganz unbewusst angesteuert werden, kann ich heute spueren. Es ist kein „Ich will nicht bewegt werden“, sondern eher ein „Ich bin da. Vergiss das nicht.“. Ich vergesse nicht und laufe gemuetlich. Trotzdem alle Muskeln und ich als harmonische Einheit 6,1 km.

Und warum das alles?

Aus Neugier.

Ich bin neugierig auf das Leben und darauf, was möglich ist, wenn man Zeit und Energie für ein Ziel aufbringt.

Bei meinem Lauf im letzten Jahr habe ich mit Leuten gesprochen, die die ganzen gut 80 km des Kurses gelaufen sind. Die wirkten ganz normal, sahen weder krass trainiert aus noch hatten sie ausgekluegelte technische Ausruestung dabei. Was unterschied sie also von mir?

Als ich nach 17 km keinen Schritt mehr vor den anderen setzen konnte und noch 27 km vor mir lagen, da ist etwas in mir passiert. Was ich war, ist ein Stueck weit auseinandergefallen und hat sich bis zum Ende des Kurses neu zusammengesetzt. Basierend auf dem Wissen, dass so viel mehr im Leben moeglich ist.

Ist es auch moeglich, dass ich diese 80 km laufe, ganz allein?

Ich habe keine Ahnung und nichts zu beweisen. Aber ich bin so neugierig darauf, die Antwort herauszufinden. Ob ich letztlich ins Ziel komme oder auch nur zur Startlinie, spielt keine grosse Rolle. Sich etwas voll zu widmen, das man fuer fast unmoeglich haelt und auf dem Weg dahin soviel Neues zu entdecken. Darin liegt fuer mich der Reiz und die Schoenheit.

Schneefrei

Samstagmorgen.

Ueber Nacht beglueckten uns unerwarteterweise ca. 20 cm Neuschnee. Es schneit noch immer.

Eigentlich mag ich Schnee. Doch im Februar bin habe ich das Schaufeln langsam satt und hoffe, dass die Schneebaenke nicht mehr allzu hoch wachsen. Im April steht uns die grosse Schneematschsaison bevor, was besonders haarig ist, wenn man auf einem Feld lebt und sich auch der Untergrund in Matsch verwandelt. Ausserdem schneit es schon den siebten Monat in Folge.

Ein guter Tag, um ihn groesstenteils mit einem Tee auf dem Sofa zu verbringen und dann und wann rauszugehen um zu schaufeln, raet mit der gemuetliche Teil meines Hirns.

Doch auf dem Plan stehen an diesem Wochenende noch 15 km Laufen oder Skilanglaufen und ausserdem muss ich noch meinen Wocheneinkauf im Kaeseladen taetigen! Es hilft alles nichts, ich schaufel das Groebste. Eingang zum Haus, Huehnerstall, Plumpsklo, Auto. Arma springt von Schneebank zu Schneebank, also alles nochmal nachschaufeln.

Sachen packen, Huehner versorgen, das Auto selbst vom Schnee befreien und unter dem Schnee das Eis wegkratzen und hoffen, nicht in der Einfahrt steckenzubleiben. Die Hoffnung wird wahr und nach nur ca. 7 km gelange ich vorfallsfrei auf den Highway, der schon geraeumt ist. Spaeter fahre ich sogar hinter einem Schneepflug her.

Ein Schneepflug, zu erkennen an der Schneewolke und blinkenden Warnlichtern.

Laut der Internetseite der Loipen wurde vor ein paar Stunden alles neu gespurt. Da es immernoch ordentlich schneit, halte ich mich trotzdem an beliebte Strecken. Die Chancen sind hier hoeher, dass vor mir in der letzten Stunde ein Langlaeufer den Schnee geplaettet hat und ich mich nur vom neusten Neuschnee ausbremsen lasse.

Ein langsamer Skier bin ich eh. Heute stelle ich jedoch wirklich keine Rekorde auf. Zum einen kann ich den fallenden Flocken eine Teilschuld zuschieben, zum anderen muss ich immer wieder anhalten um die Umgebung zu bewundern.

Nach ein paar Kilometern ist mein Gesicht schon ein wenig eingefroren. Im Gegensatz zur Natur bin ich nicht in gedeckten Farben unterwegs.

An einem Schneetag wie diesem ist die Stimmung so besonders. Das gedaempfte Licht und die Schneedecke sorgen dafuer, dass alles schwarzweiss erscheint. Auch Geraeusche sind gedaempft und der Weg, der sich vor mir ausbreitet ist makellos. Nicht mal eine Kiefernnadel liegt auf dem Weg.

Aber seht selbst.

Loipe im Wald.
Landschaft mit groesstenteils jungen Baeumen ein paar Jahrzehnte nach einem Waldbrand.
Heute wirken die Baeume farblos, morgen vielleicht schon wieder strahlend.
Die Berge im Hintergrund sind gut versteckt durch dichte Bewoelkung.
Die Spur fuehrt wieder in den aelteren Baumbestand.
Abwaerts in ein offenes Tal, das sich bald wieder in eine elchfreundliche Sumpflandschaft verwandeln wird.
Gaebe es keinen Baumhorizont, koennte man leicht die Orientierung verlieren.
Landschaft in weiss, grau und grau.
Trotz dem diffusen Licht kann man noch eine Art Schatten der groesseren Baeume erkennen.
Ueberquerung der naechsten Sumpflandschaft – ein echter Vorteil des Winters!
Der Schnee faellt weiterhin in dicken Flocken.
Schiefe, boreale Baeumchen. In diesem Fall Fichten.
Ich ueberquere den letzten Sumpf bevor ich einen Huegel erklimmen moechte.
Das Sofa lockt nicht mehr, wenn man die offene Landschaft bewundert.
Aufwaerts zu neuen Skihoehen!
Ich meine, am Himmer einen Blaustich zu erkennen. Auch der Fichtenstamm leuchtet wieder braeunlich.

Am Ende stehen mehrere Etappen mit leichtem Gefaelle an. Der kalte Wind treibt mir Traenen in die Augen, die ich spaeter gefriergetrocknet als Kristalle in meinem Gesicht wiederfinde.

Zurueck am Auto waerme ich meine Finger am verbleibenden Pfefferminztee. Nach einer sportlichen Aktivitaet ist mir haeufig kalt, auch bei Plusgraden. Aber bin ich froh, mich aufgemacht zu haben.

Die Schilddruesenblocker vertrage ich im zweiten Anlauf besser, trotz erneuter Startschwierigkeiten. Jetzt heisst es wieder warten, bis zum naechsten Bluttest. Das ist okay. Ich warte auch auf den Fruehling. Und solange ich warte, mache ich einfach das Beste aus dem, was ich habe.

Huehner und Landschaft 2

Seit dem letzten Beitrag ist nichts Aufregendes passiert. Also folgen mehr Bilder von Huehnern und Landschaft, denn daraus besteht das Fotoalbum meines Smartphones.

Fangen wir an mit Huehnern.

Habe ich eigentlich schon einmal alle Huehner vorgestellt hier auf diesem Blog? Ich befuerchte strukturiert ist das noch nicht geschehen bislang.

Ameraucana Henne Icicle blickt zweifelnd.

Icicle ist das Huhn, welches am meisten menschenbezogen ist. Sie kommt gern kuscheln, fliegt auf Schultern und ist im Allgemeinen ein spezieller Charakter. Oft ist ihr Bart verklebt, weil sie sich tollpatschig beim Fressen und Trinken anstellt. In der Hackordnung ist sie eins der letzten Glieder. Einfach, weil sie sich oft nicht an Huehnerregeln haelt und dann von anderen zurechtgewiesen wird um aus deren Sicht die Sicherheit der Gruppe nicht zu gefaehrden. Icicle hat zwei Namen von ihrer Aufzuchtfamilie bekommen, der zweite lautet Ciel.

Orpington Henne Brave schaut psychotisch.

Brave ist wahrscheinlich meine Lieblingshenne, obwohl ich sie alle gern mag. Aber ihr unglaublich irrer Blick, gepaart mit der fuer mich perfekten Huehnerform mit kurzen Beinen und buschigem Hintern. Auch Brave ist menschenfreundlich. Vor allem aber liebt sie Futter. Konflikten geht sie meist aus dem Weg. Dadurch, dass sie so massig ist, wird sie aber auch selten zurechtgewiesen von anderen Huehnern. Im Sommer hat sie sich lieber streicheln lassen als im Winter. Es bleibt abzuwarten, ob sie im naechsten Sommer wieder zutraulicher wird, oder sich mittlerweile einfach zu erwachsen dafuer fuehlt.

Orpington Henne Moonlight schaut wachsam.

Moonlight hat durch ihr tolles Federkleid gute Showqualitaeten und koennte vielleicht einen Huehnerpokal gewinnen. Doch Huehnerausstellungen finden hier erstens nicht statt und zweitens wuesste ich auch nicht, ob sie daran Freude haben wuerde. Moonlight sieht es als ihre Aufgabe an, andere Huehner zurechtzuweisen und auch mal zu hacken, wenn sie die ungeschriebenen und fuer mich nicht immer ersichtlichen Regeln in Gefahr sieht.

Eine Zeit lang, vor ein paar Monaten, hackte sie auch mich, wenn ich ihr zu nah kam. Das fand ich nicht okay. Wenn das passiert ist, habe ich sie weggeschubst um ihr zu zeigen, dass ich die Autoritaet habe und mich ihrer Ordnung nicht unterwerfe. Das wiederum fand Hahn Daisy nicht lustig, der angerannt kam um mir zu zeigen, dass das hier seine Huehner sind und ich nichts zu melden habe. Allerdings hat mich Daisy nie gehackt oder sonst irgendwie attackiert. Er stolzierte nur neben mir her und rempelte mich ein wenig von der Seite an. Nach ein paar Hack- und Schubswechseln zwischen Moonlight und mir sind die Fronten anscheinend geklaert und es gab schon lange keine Auseinandersetzung mehr.

Ist das eigentlich gaengige Praxis, Huehner zu schubsen, um ihnen Benehmen beizubringen?

Lange Zeit dachte ich, dass Moonlight an der Spitze der Hennenhackordnung steht, da sie die Henne ist, die mit Abstand am meisten massregelt. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher. Oft schlaeft sie alleine in der rechten Seite des Huehnerstalls, waehrend alle anderen Huehner auf der linken Seite schlafen. Und morgens, wenn die anderen schon laengst im Auslauf sind, bleibt sie haeufig noch fuer einige Zeit alleine im Stall zurueck. Vielleicht geniesst sie aber auch nur ihre Zeit fuer sich.

Australorp Henne Coco schaut abwaegend.

Coco, die Ei-Pionierin, die das erste Ei legte! Coco ist fasziniert von Menschen und kommt gern nah. Allerdings ist sie nicht an Streicheleinheiten interessiert, sondern untersucht gern alles mit ihrem Schnabel. Ringe, Haare, Faeden, Ohrlaeppchen, eigentlich alles, was anders ist, wird pickend von ihr untersucht. Oft pickt sie auch das Eis und die Verfilzungen aus Icicles Federbart. Ihr Buerzel, also dort wo man einen Sattel auflegen wuerde, ist oft wenig befedert. Vielleicht, weil sie von Hahn Daisy haeufig beglueckt wird? Sie scheint immer guter Dinge zu sein.

Orpington Henne Flurry schaut etwas melancholisch.

Henne Flurry hat herzige braune Augen, ist jedoch eher menschenscheu. Sie ist eine lavender Orpington Henne und hat leider den Fehler geerbt, der haeufig bei lavender Orpington vorkommt: Ihre Federn, vor allem am Buerzel und Schwanz, sehen immer zerzaust aus. Flurry ist die einzige Henne, die ihren Kamm modisch nach links haengend traegt. Ausserdem ist Flurry eine von zwei Freundinnen von Moonlight.

Flurrys ausgefranzter Poppes im Detail.
Australorp Henne Warrior schaut muerrisch.

Warrior ist die zweite Freundin von Moonlight und schlaeft auch nachts manchmal neben ihr auf der Stange. Sie hat den einbeinigen Flamingostand perfektioniert und ist im Winter oft in dieser Pose vorzufinden. Genau wie Flurry und Moonlight ist auch Warrior eher zurueckhaltend Menschen gegenueber. Warrior war nach Coco die zweite Henne, die ein Ei gelegt hat. Dementsprechend waren ihr Kamm und ihre Kehllappen schon relativ frueh gross und rot. So konnte ich Warrior immer gut von Maple unterscheiden, deren Kamm und Kehllappen lange klein und farblos waren. Mittlerweile sind die optischen Unterschiede gering. Meist kann ich vom Charakter beurteilen, welches Huhn ich vor mir habe. Nur wenn sie still halten, wie in der Flamingo Pose, kann ich sehen, dass Warriors Kamm etwas kleiner ist und die mittleren Spitzen enger zusammen stehen als bei Maple.

Australorp Henne Maple schaut pikiert.

Maple ist sehr mutig und oft die Erste, die Neues ausprobiert. Sie ist als erstes nach dem Umzug aus dem Stall ins Freie gehuepft. Morgens ist sie meist die Erste, die schon vor Sonnenaufgang in den Auslauf geht und dort fleissig die von mir verstreuten Koerner aufpickt. Sie laesst sich zwar nicht gern streicheln, ist aber neugierig und menschenbezogen. Maple ist das einzige Huhn der grossen Rassen (Australorp und Orpington), das auf Menschenschultern und -ruecken fliegt. Die anderen Huehner machen das nicht mehr, seit sie gross, schwer und erwachsen sind. Maple ist staendig in Bewegung, daher sind alle aktuellen Bilder, die ich von ihr habe, unscharf oder verwackelt. Doch das ist eh der Standard bei meinen Huehnerbildern. Circa 90% der Bilder, die ich von ihnen schiesse, sind unscharf. Wahrscheinlich ist auch nicht zutraeglich, dass ich die Bilder mit meinem Handy mache, aber meist klappt es ja doch.

Ameraucana Henne Shadow schaut, als ob sie etwas plant.

Genau wie Icicle ist auch Shadow ein Ameraucana Huhn und wird eines Tages gruen-blaue Eier legen. Bislang ist das nocht nicht geschehen. Aber Shadow hat im Gegensatz zu Icicle schon einen tiefroten, ausgepraegten Kamm, was auf Reife hinweist. Shadow liebt es, genau wie Icicle und Maple, auf Personen oder hoehergelegte Objekte zu fliegen. Verkuschelt ist sie allerdings weniger. Wenn ein Huhn Futter am Schnabel oder am Kopf kleben hat, hilft Shadow sehr gern bei der Hygiene. Allerdings ist sie dabei nicht besonders zaertlich und das zu reinigende Huhn, oder auch Daisy, suchen schnell das Weite.

Australorp Hahn Daisy schaut stoisch.

Daisy ist ein toller Hahn. Er war und ist nie aggressiv gegenueber Huhn oder Mensch, er beschuetzt seine Hennen, ruft sie zu guten Futterstellen und laesst ihnen den Vortritt. Vor seiner Pubertaet war er auch kuschlig und liebte es, unter den Fluegeln gestreichelt zu werden. Das ist nicht mehr der Fall, dazu nimmt er seinen Hahnenjob wohl zu ernst. Wie auch Warrior ist Daisy in der Lage, auf einem Bein zu balancieren und nach Koernern zu picken. Ich bin wirklich froh mit meiner Hahnenwahl, Daisy ist ein echter Gentleman.

Jetzt wuerde ich euch gerne noch meine 36 anderen Huehner vorstellen. Dabei gibt es nur ein Problem: Ich habe sie noch nicht! 🙂 In 2021 wuerde ich wirklich gern meine Huehnerschar vergroessern. Allerdings braeuchte ich dazu einen groesseren Stall fuer den Winter. Und ob der dann noch transportabel ist, ist die Frage. Denn irgendwann werden wir wieder umziehen muessen. Ich ueberlege noch und kratze meinen Kopf ganz fleissig, wie sich dieses Problem elegant loesen laesst.

Fuer alle, die sich bis hierher tapfer durchgelesen haben, gibt es zur Belohnung Winterbilder.

Huehnerstall vor Morgenrot.
Fliegender Hund auf geraeumter Strasse.
Zaun, Feld, Berg.
Fast unberuehrter Schnee und ein Flugzeug am Himmel!
Schneehund bittet um Stockwurf.
Letztes Tageslicht.

Wenn die Temperaturen deutlich unter -15 °C sinken, finde ich manche Eier durchgefroren mit gerissener Schale vor, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Das finde ich schade. Aber Arma freut sich. Ueber Nacht taue ich die Fehleier auf und morgens freut sich Arma ueber etwas extra Eiweiss. Ich freue mich auch, immerhin wird so nichts vergeudet.

Arma wartet auf die Fresserlaubnis, waehrend Schnee auf ihrer Schnauze schmilzt.
Das Ei ist innerhalb von ein paar Sekunden aufgeschlabbert.

Aber auch die Huehner gehen nicht leer aus. Auf der Arbeit brachte mir ein Mechaniker eine Box voller abgelaufener Flugzeug-Notfallrationen in mein Buero mit den Worten „Als ich Huehner hatte, haben die das Zeug geliebt!“. Dankend habe ich also angenommen. Dass jemand an meine Huehner denkt, macht mich gluecklich.

Ein Block Notfallration enthaelt 2400 Kilokalorien. Jede ueberlebende Person darf einen Riegel a 200 Kilokalorien alle sechs Stunden essen.
Was mich ueberrascht hat, waren die Trinkanweisungen. Die ersten 24 Stunden soll man gar nichts trinken und danach einen halben Liter Wasser pro Tag. Wie soll man denn dann die vier trockenen Riegel runterwuergen?

Dass deutsche Flugzeuge solche Notfallrationen an Bord haben, bezweifle ich. In Kanada ist es vorgeschrieben, wenn man weite Strecken ueber unbewohnte Gebiete fliegt, aber ob die Definition auf Europa zutreffen kann?

Henne Icicle begutachtet eine noch eingeschweisste Ration.

Die Huehner durften testen. Ausnahmsweise wollte ich mal aus meiner Hand fuettern um zu sehen, ob die Notfallrationen wirklich so gut ankommen.

Icicle, Coco und Brave stuerzten sich gleich auf die Leckerei.
Kurz darauf gesellen sich Maple und Flurry dazu.

Fazit: Huehner gluecklich und satt, abgelaufene Nahrung wird verwertet, alle sind gluecklich.

Das Laecheln ist etwas eingefroren nach meiner Skitour zur Arbeit, aber es ist da!

Lasst es euch gut gehen!

Huehner und Landschaft

Meine Oma hat mir gesagt, dass sie jetzt auch meine Blog-Bilder im Internet sehen kann. Das nehme ich doch gleich zum Anlass, neue Bilder hochzuladen.

Viel Neues zu erzaehlen gibt’s nicht. Ich fahre Ski und verbringe gern Zeit mit den Huehnern.

Fangen wir also mit den Huehnerbildern an.

Vier Hennen auf der Stange. Von links nach rechts: Icicle, Flurry, Moonlight, Coco.
Morgensport muss sein: Icicle streckt das rechte Beinchen samt Fluegel.
Hahn Daisy beaeugt Apfelspalten.
Der Kopf von Henne Icicle geht nahtlos in den Koerper ueber – ein Hals scheint nicht vorhanden.
Henne Brave hat in meinen Augen den perfekte Huehnerkoerper. Buschiger Hintern, kurze Beinchen, irrer Blick!
Apropos irrer Blick: Icicle streckt den nicht vorhandenen Hals und starrt.
In Grautoenen und schwarz-gruen schimmern die Federn.
Huehnerfarbenpalette und Bernsteinaugen.

Soweit zu den Huehnern. Bislang scheinen sie die Kaelte gut zu ueberstehen und legen sogar noch Eier. Alle Nachbarshuehner, die unter natuerlichen Winterbedingungen hausen (keine kuenstliche Beleuchtung und keine Beheizung), legen seit Wochen keine Eier mehr. Das sei ihnen gegoennt, im Fruehling geht es dafuer wieder voll los. Im Gegensatz zu den Industriehuehnern legen die natuerlich gehaltenen Huehner der alten Rassen dann auch ca. acht Jahre lang Eier statt nur zwei Jahre der Hoechstproduktion.

Ski fahren macht weiterhin viel Spass. Ich falle noch regelmaessig, vor allem wenn es bergab geht. Aber solange ich einmal mehr aufstehe, als ich hinfalle, passt es schon. Ganz ohne Motorenlaerm, abseits der festgetrampelten Pfade, erlebe ich diesen Winter bislang ganz intensiv.

Nebensonnenuntergang.
Ausblick ueber frostige Nadelbaeume.
Die Abendsonne leuchtet mir heim.
Abendstimmung in den Bergen.
Der letzte Gruss der Sonne.
Scherenschnitt-Baeume vor farbigen Wolken.
Meine Lieblingswinterabendfarbe: Terracotta.
Strahlender Sonnenschein ueber Glitzerschnee.

So, jetzt muss ich wieder Bilder sammeln gehen. 🙂

Wobei sich das als schwierig gestalten duerfte, denn im Dezember arbeite ich auch samstags. Der Fleischer braucht gute Wuerste und Pasteten fuer kauflustige Weihnachtsfeinschmecker. Aber vielleicht ziehe ich dafuer einfach mal in der Mittagspause los – das wenige Sonnenlicht, das mir im Dezember zur Verfuegung steht, moechte schliesslich genutzt werden!

Habt einen schoenen Dezember. Egal wie nervig manche Umstaende sein moegen: Jeder Tag ist einzigartig. Die Sonne wird nie wieder auf die gleiche Art auf- und untergehen. Wir werden nie wieder die gleiche Gesellschaft um uns haben auf die gleiche Weise. Alles veraendert sich. Daher lohnt es sich, dankbar zu sein. Jeden Tag. Denn irgendwas findet man immer, wenn man sucht.

Mit hat dieser Gedankengang in den letzten Wochen sehr geholfen, daher wollte ich ihn gern teilen. 🙂

Ganz viel Schnee

Jetzt hab ich Skis und langsam hab ich auch den Dreh raus, wie man sich darauf fortbewegt. Nebenwirkung: Muskelkater an exotischen Stellen meines Körpers.

Ich, balanciere auf Skis.
Vorwärtslehnen ist beim Langlauf angeblich Pflicht.

Ansonsten lag schon viel Schnee, es kam aber noch ein Blizzard oben drauf. Sehr ungewöhnlich für diese Gegend, die doch eher für ihre TROCKENE KÄLTE berühmt ist.

Viele Sachen sind eher doof mit so viel Schnee. Zur Arbeit fahren, den Hühnern Wasser geben oder auf den Donnerbalken laufen in etwa. Aber es gibt auch einen Vorteil, auf den ich mich hier konzentrieren möchte: Es herrscht Postkartenwetter.

Weißer Himmel, weißer Boden.
Schneestapel auf Holzstapel.
Schneebaumsilhouetten im Gegenlicht.
Kalte Schnauze, ohne Keks und Schoko, mit Eis und Hund.
Sun Dog, zu deutsch Nebensonnen. Eine schöne Himmelserscheinung, durch Eiskristalle hervorgerufen.

Habt eine gute Woche!

Jahreszeitenwechsel

Im deutschsprachigen Internet kursieren derzeit die schönsten Herbstbilder. Da möchte ich natürlich mithalten.

Es folgen einige Bilder von meiner Jahreszeit im Yukon.

Mitte Oktober, ich habe die Eingebung,dass der Winter jeden Moment über mir und vor allem den Hühnern zusammenbricht. Also baue ich einen Hühnerauslauf, der im nächsten Sommer als Gewächshaus dienen kann.

Tyrel kann meine Panik nicht verstehen, hilft mir aber nach Fertigstellung, den Hühner-Wintergarten an den rechtmäßigen Platz zu hieven.

Die ersten Schneeflocken fielen auf den Hühner-Wintergarten gleich in der ersten Nacht.

Seitdem ist es kalt. Und das durchgehend, abgesehen von zwei Tagen mit starkem Sturm aus Süden.

Die Winterboten sind nicht zu übersehen. Pinke Berge am Morgen, dramatische Sonnenuntergänge. Eisschollen, die den Fluss hinuntertreiben. Vereiste Wimpern nach einer Radtour.

Die Hühner lieben ihren Auslauf. Von Schnee halten sie eher wenig. Daher streue ich ihnen jeden Morgen ein paar Leckereien auf den strohbedeckten Boden. Körner und Samen, Mais und Rosinen müssen eifrig erscharrt werden. Oft gibt es dazu noch frisches Obst und Gemüse. Für kalte Tage habe ich selbst Kraftfutter hergestellt aus dem Scharrfutter und Fett aus ausgekochten Rinderknochen aus der Fleischerei.

Bislang scheinen meine fedrigen Freunde auch mit Temperaturen bis zu -23 °C ohne Heizung gut auszukommen. Alle haben ihre dicken Daunenjacken an und kuscheln nachts – das scheint ihr Geheimnis zu sein.

Seitdem das erste Ei gelegt wurde, gab es insgesamt nur drei eierlose Tage. An alles anderen Tagen fand ich ein bis drei Eier im Hühnerhaus. Noch legen nicht alle Hennen. Ich bin schon gespannt, wann ich das erste grün-blaue Ameraucana-Ei finden werde.

Arma scheint der Wintereinbruch genauso wenig auszumachen wie letztes Jahr. Und ich spezialisiere mich immer noch auf lustige Bilder von ihr.

Arma-Derp vor malerischer Winterlandschaft.

In den letzten Tagen ist viel Schnee gefallen, ca. 20 cm. Zum Fleischer bin ich trotzdem zur Arbeit geradelt. Es ist der einzige Weg, der mit 6,4 km genau richtig zum radeln ist. Im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Wegen im Yukon, für die man meist erst das Auto anwerfen muss. Daher weigere ich mich bisher standhaft, die Strecke das erste Mal mit dem Auto zu fahren.

Doch ich muss einsehen, dass es bei den Straßenbedingungen hier im Winter außerhalb der Stadt zu gefährlich ist, sich mit Autos und LKW die Straße zu teilen.

Also was tun?

Ich habe mir heute mein erstes Paar Langlauf Ski gekauft. Morgen werde ich die ersten Schritte darauf laufen. Und hoffentlich kann ich kommenden Freitag zum ersten Mal zur Arbeit Ski laufen.

Ski Heil!

Schneebehangene, boreale Nadelbäume.

Ausrichtung

Den Sommer habe ich dafuer genutzt, zu ueberlegen. Was mich aus der Bahn geworfen hat. Ja, vielleicht Corona. Aber genau was an Corona? Und was kann ich machen um mich in dem Leben, das ich gestalten kann, wieder in Balance zu bringen?

Ich glaube es war mein Thema mit der Freiheit. Ich liebe das Gefuehl von Freiheit, von Moeglichkeiten und Selbstbestimmtheit. Das ist uns in den letzten Monaten allen ein wenig abhanden gekommen. Auch wenn es vorher vielleicht nur eine Illusion war, denn wie viele der scheinbar unbegrenzten Moeglichkeiten hat man denn tatsaechlich ausgekostet? Und vieles ist doch noch machbar, wenn auch vielleicht anders als gewohnt.

Also was kann ich tun um mich wieder frei zu fuehlen?

Fuer mich lautet der Weg: Eigenverantwortung uebernehmen und so viel wie moeglich selbst machen. Auch wenn ich es gut finde, dass Tyrel und ich uns gut ergaenzen in der Partnerschaft, verleitete es mich dazu, manche Dinge nicht mehr selbst zu machen. Weil er schneller/geschickter/besser ist in einigen Dingen. Doch das fuehrte unbemerkt zu einer gewissen Abhaengigkeit, da ich ihn ja oefter darum bitten musste, gewisse Dinge zu tun. Dass er fuer zwei Monate auch am Wochenende gearbeitet hat, hat die Situation natuerlich nicht entspannt. Also Aermel hochkrempeln und selbst ist die Frau.

Einige kleinere Bauprojekte wurden von mir geplant und durchgefuehrt, ganz alleine. Normalerweise halte ich wenigstens Ruecksprache mit Tyrel, weil er mehr Erfahrung in den Dingen hat. Aber alles hat auch so geklappt.

Mit Freunden habe ich eine Zeltgarage aufgebaut, in der ich meine Sachen lagere, sowie alles was zu Huehnern und Landwirtschaft gehoert. Ausserdem habe ich dort eine kleine Werkbank, mit der ich wetterunabhaengig werkeln kann.

Fuer vier Tage habe ich eine viertaegige Kanutour mit Freunden gemacht und ganz ohne Tyrel geplant, gepackt, gepaddelt und gelagert. Er musste arbeiten und hat sich um die Huehner gekuemmert.

Und was mir mit Abstand am schwersten fiel:

Ich habe Hahn Jumanji gekoepft und zu Suppe verarbeitet.

Fuenf Haehne hatte ich insgesamt. Einen habe ich behalten, drei habe ich zu neuen Huehnerharems vermitteln koennen. Doch Jumanji… er hat Klumpfuesse bekommen, was immer ausgepraegter wurde je schwerer er wurde. Am Ende konnte er weder scharren noch in den Stall huepfen ohne regelmaessig umzufallen. Auf eine Sitzstange fuer die Nacht fliegen klappte auch nicht. Ich wusste nicht, ob ihm die Fussfehlstellung Schmerzen bereitet hat. Aber in der letzten Woche seines Lebens wurde er richtig fies zu seinen Mithuehnern und auch zu mir und griff gerne an, wenn man in seine Naehe kam. Ich koennte jetzt einen Vergleich ziehen zu einem Propagandaminister mit Klumpfuss, aber lasse es lieber.

Ihn zu schlachten, was in der Theorie logisch klang, war nicht mehr so einfach als er vor mir lag und mich ansah, waehrend ich das Beil ansetzte. Doch eine Alternative sah ich nicht.

Jemand anders fragen, die Handlung fuer mich zu erledigen?

Nicht selbstverantwortlich.

Ihn leben lassen?

Nicht verantwortungsvoll ihm gegenueber (wobei ich mir bewusst bin, dass es dazu andere Meinungen gibt).

Ihn beerdigen?

Nicht fair gegenueber all den anonymen Lebewesen, die ich bisher in meinem Leben gegessen habe. Die waren genauso am Leben wie Jumanji, nur dass sie keinen Namen hatten, nicht mit ihnen gekuschelt wurde, sie weder gekannt noch geliebt wurden.

Waere es besser, wenn er nach dem Schluepfen direkt geschreddert worden waere, wie es zu Millionen geschieht?

Waere es besser, sich mit Fleischkomsum nicht naeher zu befassen und einfach im Supermarkt zu kaufen, was sauber abgepackt im grell beleuchteten Regal steht?

Waere es besser, vegan zu leben?

Viele Fragen auf die nur jeder selbst eine Antwort finden kann.

Fuer mich ist es okay Tiere zu essen, wenn ich mich aktiv damit auseinandersetze und daran teilhabe. Daher jage ich, arbeite ich in der Fleischerei und esse meine Huehner, wenn ich keine andere Moeglichkeit sehe, sie ein glueckliches Leben fuehren zu lassen.

Trotzdem:

Tut mir leid, Jumanji.

Danke Jumanji.

Ich hab dich gern Jumanji!

Nun ist Hahn Daisy der Chef in der Gruppe. Seine Zehen sind zwar auch nicht perfekt gerade, aber das ist nur ein Schoenheitsfehler – er kann scharren, springen und laufen ohne Probleme.

Aber die letzten Wochen waren nicht nur schwer und wegweisend. Sie waren auch voller schoener Momente, Lachen und Bewunderung fuer die Natur.

Zum Beispiel habe ich endlich das perfekte Dankeschoen Geschenk fuer meine Freunde gefunden, die die Kueken in den ersten Wochen grossgezogen haben: Kissen, die mit einem Bild ihres Lieblingshuhns bedruckt wurden.

Ich freue mich ueber die zwei Kissen mit Huhn Icicle. Der rechte Hintergrund ist das Weltall, und der linke Hintergrund eine Strasse in Tokyo.

Natuerlich gab es auch viele schoene Momente mit den Huehnern.

Alles in allem ein schoener, wenn auch verregneter Sommer. Morgen hole ich die letzte Gemuesekiste der Saison ab. Und dann geht es in grossen Schritten auf den Winter zu.

Danke an die treuen Seelen, die trotz der Inaktivitaet hier trotzdem regelmaessig reinschauen. Das motiviert mich immer wieder, mich trotz Unlust doch zum Schreiben aufzuraffen!

Das Gleiche gilt natuerlich fuer die Wachruettelversuche per Email. ^^

Habt ihr die Krise auch als Anlass genommen, mehr selbst taetig zu werden und was zu machen, was ihr sonst nicht getan haettet? Und hilft euch das so wie mir? Wuerde mich ja interessieren. 🙂