Flugzeug

Berufsstände

Meine Augen haben sich wieder etwas mehr auf unscharf gestellt und verdreht. Die Sehschwäche kratzt mittlerweile an der -7 und auch die Hornhautverkrümmung hat zugenommen.

Unschöner Nebeneffekt: Die torischen Kontaktlinsen drehen auch fleißig im Auge umher und ich sehe nur noch mit einem Auge scharf. Maximal einem Auge.

Dann stellen wir halt vorerst auf das gute alte Nasenfahrrad um.

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Ich, bebrillt, vor elektronischen Zeichnungen im Büro.

Tyrel findet, dass ich jetzt wirklich aussehe wie ein Ingenieur. Und irgendwie bin ich das ja auch.

An manchen Tagen auf der Arbeit klappt es erstaunlich gut. Ich ändere Zeichnungen von Flugzeugelektronik anhand von Ingenieursaufträgen. Ich verfasse meinen ersten kleinen Ingenieursauftrag zum Austausch von Navigationscontrollern.

Dann gibt es wieder Tage, an denen ich mich frage, was ich hier eigentlich mache und wie irgendwer auf die Idee kommt, dass ich dafür qualifiziert bin.

Doch dann beruhige ich mich schnell wieder. Natürlich bin ich qualifiziert. Immerhin habe ich 1998 alle Folgen der Sendung mit der Maus gesehen, die den Flugzeugbau erklärt haben!

Nachmittags gehe ich spazieren und treffe auf Biberdämme. Vor Ort stand ich in einer Mückenwolke. Doch das Bild, das ich geschossen habe, schaue ich mir später noch sehr gerne an.

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Ein Biberdamm staut einen kleinen Bach auf, umgeben von frischem Grün.

Was für schöne Farben. Und eine ganz raffinierte Baukunst, die diese Nagetiere einfach so vollbringen.

Oh Kanada, du bringst mich immer wieder zum Staunen. 🙂

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Job 5: Nochmal die Fluggesellschaft

Jawohl, ein neuer Job.

War ja auch mal wieder Zeit, oder? Immerhin habe ich den letzten ganze 4 (in Worten: vier) Monate durchgezogen!

Um ehrlich zu sein, bin ich in Job 5 reingerutscht. Oder er in mich? Hmm… Wie auch immer. 🙂

Vor einigen Wochen kam der Ingenieur der Airline auf mich zu und fragte mich, ob ich gut in Logik bin. „Ich liebe Logik!“ antwortete ich, woraufhin er nur noch von elektrischen Schaltkreisen sprach. Ich nickte und laechelte abwechselnd, bis er verabredete, mir seine Entwuerfe zu geben, damit ich sie nachvollziehen kann.

Nachdem er hinter der Stellwand meines Buerowuerfels verschwunden war, begann ich die Internetrecherche zu diesem Kommunikationsproblem und wurde schnell fuendig.

Die schlechte Nachricht: Ich habe soeben verkuendet, dass ich Elektronik liebe und damit impliziert, dass ich mich gut auskenne, obwohl ich als Maschinenbauer der natuerliche Feind des Elektrotechnikers bin und ebensowenig Ahnung davon habe.

Die gute Nachricht: Es scheint ja irgendwie logisch zu sein, wenn es Logic heisst. Und ich liebe Logik wirklich. Ausserdem kann Elektronik auch nicht schwerer sein als zum Beispiel die Festlegung der Profilverschiebung eines zu konstruierendes Zahnrades, dessen komplettes Getriebe in einer zufaellig besetzten Gruppenarbeit bearbeitet wird. Oder so.

Und immer, wenn ein Elektriker mich als Mechaniker ueberheblich behandelt, spielt sofort folgendes Lied von Torfrock in meinem Kopf:

Im schlimmsten Fall sage ich dem Ingenieur einfach, dass er eine richtig gute Arbeit abgeliefert hat und ich nicht einen einzigen Fehler finden konnte. 🙂

Ein paar Tage spaeter habe ich dann tatsaechlich die Arbeit in der Hand. Das Internet stellt mir freundlicherweise genug Ressourcen zur Verfuegung, um mir das Thema selbst naeherzubringen und dann nachzuvollziehen, was er da eigentlich gemacht hat. Und Matheregeln spielen auch eine Rolle: Allerdings sind die Boolschen Regeln anders als die ueblichen.

Ich wurstel mich durch, nach ein paar Stunden habe ich alles in einem Elektronikprogramm nachgebildet und mache mich an die mathematischen Vereinfachungen, suche Gemeinsamkeiten, klammere aus und stelle um. Auch die bilde ich nach und vergleiche die Logiktabellen.

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Ein Ausschnitt aus meiner ersten elektronischen Schaltung.

Als ich beim Herunterscrollen der Tabellen erkenne, dass meine Loesung die gleichen Ergebnisse liefert, wie die des Ingenieurs, rauschen ein paar Glueckshormone durch meine Blutbahn. Ich habs!!!

Schliesslich suche ich noch die passenden Hardware-Module mit Bestellnummern heraus, die in einem Flugzeug verbaut werden koennen. Ich grinse vor mich hin, weil der alte Rechenschieber auf meinem Hals doch noch nicht allzu verrostet ist.

Dem Ingenieur faellt die Kinnlade herunter, als er meine Loesung sieht. „Pro Flugzeug sparen wir damit $2000!“ merkt er an. Wieder laechel und nicke ich, wie am Anfang des Projekts.

Kurze Zeit spaeter taucht eine ominoese Stellenausschreibung auf, die wie fuer mich gemacht scheint. Engineering Support Specialist, zu deutsch heutzutage wahrscheinlich der gleiche Begriff. Ein Spezialist, der die Ingenieursarbeit unterstuetzt. Kann ich, mach ich.

Bekam ich.

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Dunkle Moebel, weisse Waende. In diesem Buero kommt der Bregen in Wallung.

Freitag bin ich umgezogen in mein eigenes Buero. Es steht in einem Container, zusammen mit dem Buero des Ingenieurs. Ich freue mich schon drauf, was als naechstes verruecktes passiert. 🙂

Job 4: Die Fluggesellschaft, Teil 2

Heute moechte ich ein wenig von meinem Arbeitsalltag als Technical Records Controller bei der Fluggesellschaft erzaehlen.

An meinen Arbeitstagen beginnt mein Morgen frueh. Sehr frueh. Um 3:30 h in der Frueh klingelt der Wecker, gegen 4:10 h sitze ich im Auto und fahre gen Stadt, damit ich aller spaetestens um 5 h da bin. Meist komme ich schon gegen 4:45 h an und gehe nachmittags etwas eher nach Hause. Aber ich weiss nie, wie die Strassenbedingungen morgens sind; daher ist ein Puffer eine gute Sache.

Ich laufe also morgens in mein Buerogebaeude, finde meinen Schreibtisch und einen Zettel, den ich mir am letzten Arbeitstag selbst geschrieben habe. Ein Blick in mein Email-Postfach zeigt mir, ob sich waehrend meines Feierabends noch etwas am Stand von gestern getan hat. Die grosse Frage ist: Welches Flugzeug fliegt zuerst, welche fliegen danach und welche sind vielleicht gar nicht in Whitehorse ueber Nacht?

Mit diesen Informationen gehe ich in den Hangar, was eine riesige Flugzeuggarage ist. Es ist wirklich ein schoener Anblick, morgens ganz allein zwischen den grossen Flugzeugen. Die Mechaniker der Tagschicht sind noch nicht da, das Licht ist gedimmt.

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Bei diesem Flugzeug wurde die Nase aufgeklappt, in der sich der Radar versteckt.

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Manchmal muss ich aus Platzmangel unter einem Flugzeug entlanggehen, was eine ungewoehnliche Sicht bietet.

Im Buero des Hangar angekommen, schaue ich auf meinen schlauen Zettel und schnappe mir das Logbuch des Flugzeugs, das als erstes fliegt. Falls das Flugzeug gestern geflogen ist, werde ich eine neue Logbuchseite ueberpruefen und in das Computersystem eingeben.

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Mein Taschenrechner liegt auf einer Logbuchseite.

Auf der Logbuchseite traegt der Pilot alle Flugdaten ein, so wie Zeiten, Anzahl der Landungen, Gewicht, Flughafen und technische Auffaelligkeiten. Meine erste Aufgabe ist es, die Berechnungen des Piloten zu ueberpruefen und gegebenenfalls zu korrigieren, bevor ich die Daten in die Instandhaltungssoftware uebertrage. Dabei kommt es auf die Richtigkeit von Flugzeit an („Flugzeugraeder verlassen den Boden“ bis „Flugzeugraeder haben wieder Bodenkontakt“) sowie die Anzahl der Landungen. Die einzelnen Instandhaltungsarbeiten von Flugzeugen sind naemlich gesteuert entweder nach Datum, Flugzeit oder Landungen. Alle sieben Tage muss zum Beispiel eine umfangreiche Inspektion erfolgen (keine Angst, jeden Tag natuerlich auch). Nach x Flugstunden muessen die Motoren endoskopisch untersucht werden. Und wenn das Fahrwerk eine gewisse Anzahl Landungen auf dem Buckel hat, muss es verschrottet und ersetzt werden.

In der Software ist jedes poplige Flugzeugteil in einer Instandhaltungskontrollnummer virtuell verbaut und weiss genau, wenn es bald inspiziert oder ausgetauscht werden muss. Dabei ist es egal, ob es sich um Bolzen, Verbandskasten oder Zuendpille im selbstausloesenden Feuerloescher im Motorraum handelt. Wenn die Lebenszeit begrenzt ist, wird genau verfolgt, wieviel Tage, Flugzeit und Landungen das Teil auf dem Buckel hat, seit es eingebaut wurde. Daher ist es wichtig, dass wir alles genau nachrechnen und eingeben, ansonsten kommt das ganze System ausser Takt und es wuerden entweder Arbeiten ueberfaellig oder zu frueh erledigt.

Warum muss man so penibel sein bei der ganzen Angelegenheit? Der ein oder andere wird es schon ahnen: Es ist gesetzlich vorgeschrieben. Wir werden vom kanadischen Transportministerium regelmaessig auditiert. Sollte es zu einem Vorfall oder sogar Unfall kommen, sind die Dokumente das Erste, was die Behoerden ueberpruefen. Falls man irgendwelchen Schindluder mit den Daten treibt oder sie zu seinen Gunsten anpasst, macht man sich persoenlich straf- und haftbar.

Nun aber zurueck zu mir gegen 5:05 h in dem kleinen Buero im grossen Hangar ueber dem Logbuch. Ich kontrolliere alle Berechnungen des Piloten. Falls mir eine Flugzeit unplausibel erscheint oder ich sie nicht lesen kann, schaue ich in unserer Flugverfolgungsdatei nach. Schliesslich gebe ich fuer dieses Flugzeug alle Daten ins System ein. Als naechstes pruefe ich, ob die taegliche Inspektion korrekt durchgefuehrt wurde und alle Stempel an den richtigen Stellen sitzen und lesbar sind. Stimmt etwas nicht, muss ein Mechaniker korrigieren, bevor das Flugzeug starten darf. Dann sichte ich alle Instandhaltungsarbeiten, die fuer dieses Flugzeug gestern ausgefuehrt wurden. Sind geplante Arbeiten dabei, aktualisiere ich die zugehoerige Instandhaltungskontrollnummer im System. Ungeplante Arbeiten werde ich spaeter im Buero erledigen.

Jetzt sind Flugzeit, Landungen und geplante Arbeiten im System aktualisiert und ich kann Berichte generieren und ausdrucken. Die Berichte kommen ins Logbuch und an die Wand im Instandhalterbuero. Aus ihnen ist ersichtlich, wann die naechsten Instandhaltungsarbeiten und Inspektionen geplant sind (wieder entweder bezogen auf Datum, Flugzeit oder Anzahl Landungen) und ob Instandhaltungsarbeiten ueberfaellig sind. Falls etwas ueberfaellig und nicht notwendig zum Fliegen ist, kann die Reparatur unter bestimmten Umstaenden fuer einige Tage zurueckgestellt werden. Ein gutes Beispiel hierfuer ist eine Kaffeemaschine von mehreren. Es geht auch ohne. Falls nicht genuegend Sauerstoffflaschen an Bord sind, weil eine angelaufen ist, darf das Flugzeug wiederum nicht starten.

Waehrend ich mit dem zweiten oder dritten Flugzeug beschaeftigt bin, kommt meist ein Mechaniker ins Buero und holt das Logbuch vom ersten Flugzeug ab. Ohne das Logbuch darf das Flugzeug nicht fliegen. Das Logbuch kommt ins Cockpit und das Flugzeug wird von einem Schlepperfahrzeug aus der Halle gezogen und zum Flughafen gebracht. Das ist auch der Grund, warum ich so frueh anfangen muss zu arbeiten. Die ganze Arbeit muss fertig sein, bevor das erste Flugzeug aus der Halle geholt wird.

Nachdem die Morgenroutine erledigt ist, gehe ich wieder in mein Buero. Je nach Tag bin ich nach 45 Minuten oder 3,5 Stunden auf dem Weg aus der Halle. Im Vorbeigehen bewundere ich nochmal die Flugzeuge. Alle drei Jahre muessen alle Flugzeuge uebrigens komplett auseinandergenommen werden in einem sogenannten Heavy Maintenance Visit, einem schweren Instandhaltungsbesuch. Dazu kommen eine ganze Menge speziell zertifizierte Mechaniker zu uns, damit sich unsere Mechaniker weiter um alle anderen Flugzeuge kuemmern koennen. Derzeit ist ein Flugzeug ziemlich nackig in der Halle. Hoffentlich werden keine gravierenden Maengel gefunden, sodass es nach ca. 8 Wochen wieder fliegen darf.

In den ersten Tagen in meinem neuen Buero habe ich mich gefragt, warum ich mich so heimisch fuehle. Die Antwort war einfach: Das Gebaeude, in dem ich sitze, ist in den gleichen Unternehmensfarben gestaltet wie das Stahlwerk, in dem 9 Jahre gearbeitet habe. Knallorange und stahlgrau. Was fuer eine Kombination.

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Eine orangene Wand erscheint hinter meinem grauen Buerowuerfel. Den Computerhintergrund ziert natuerlich ein Flugzeug!

Dann ist es auch schon Zeit fuer mein erstes Fruehstueck. Manchmal habe ich Glueck und im Instandhalterbuero sind ein paar Leckereien zu finden von nicht ganz leergefressenen Flugzeugen. Die lasse ich mir dann natuerlich schmecken.

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Heute gibt es einen Wurst- und Kaeseteller mit zwei Keksen und Mandarinen!

Den Rest des Tages bin ich damit beschaeftigt, alles was ich am Morgen fabriziert habe, nochmal zu rechnen und nachzupruefen. Schliesslich war es frueh und es ist wichtig, dass alles richtig ist. Dann kuemmere ich mich um alles ausserplanmaessige. Und falls ich immer noch Arbeitszeit uebrig habe, greife ich mir alte Logbuchseiten und ueberpruefe die nochmals genauestens, bevor die Dokumente schliesslich gescannt und archiviert werden koennen.

Das alles hoert sich uebrigens viel trockener an, als es ist. Es ist ja eigentlich nur Papierkram, aber man lernt so viel ueber Flugzeuge und jede Instandhaltungstaetigkeit ist verschieden. Wenn ich Fehler finde, muss ich haeufig nachforschen, was denn nun die Realitaet am Flugzeug ist, bevor ich es ins System eingeben kann. Dann muss ein Mechaniker nachgucken gehen. Und komischerweise verschafft mir das Auffinden und Korrigieren eine innere Befriedigung, die nur mit meinem genetischen Erbe zu tun haben kann. „AHAAA“ denke ich mir dann ganz laut und fuehle mich mega schlau. Ist mir ein bisschen peinlich vor mir selbst, ich bin doch eher der lockere Typ. Aber es bekommt ja keiner mit, es ist schliesslich ein innerer Ablauf, der erfreulicherweise dazu fuehrt, dass mir die ganze Arbeit Spass macht.

Neben mir arbeiten noch zwei weitere Technical Records Controller in meiner Abteilung. Die sind beide nett und helfen mir, wenn ich Fragen habe. Zudem essen wir alle sehr gern, was das Gemeinschaftsgefuehl noch verstaerkt. 🙂

Eine Kollegin hab ich mir geschnappt und wir haben zusammen ein Flugzeug gekapert… Naja fast, ich wusste dann doch nicht die ganzen Knoepfe zu bedienen. 😉

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Ich sitze am Steuer eine Boeing 737.

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Was macht man, wenn man vor einem Triebwerk steht? Natuerlich salutieren! 😀

Ich arbeite uebrigens 10 Stunden pro Tag und dafuer nur 4 Tage die Woche. Das finde ich sehr angenehm, so spare ich mir einmal die lange Fahrt und habe jede Woche ein langes Wochenende. 🙂

P.S. Meine Handykamera scheint langsam den Geist aufzugeben. Ich hoffe, ich kann die Qualitaet bald verbessern, sonst muss ich mir was anderes einfallen lassen.

Habt eine gute Woche!

Job 4: Die Fluggesellschaft

Ja, ich habe einen neuen Job. Diesmal sogar nicht gleichzeitig mit den anderen drei, von denen ich schon berichtet habe.

Das Restaurant von Job 1 schließt im Herbst seine Türen für den Winter, also blieben mir nach unserer Elchjagd nur noch Job 2 im Hostel und Job 3 die Selbstständigkeit mit dem Feuerholz. Beides war unregelmäßig, da ich im Hostel arbeitete, wenn die Hauptangestellte frei brauchte und ich mich zum Holz machen mit Tyrel und dem Wetter einig sein musste. Deshalb hielt ich Ausschau nach einem neuen Job und schaute täglich in die Stellenanzeigen.

Doch ich sah nichts, was mir irgendwie zusagte. Ganz so nötig hatte ich es ja auch nicht, sonst hätte ich irgendeinen Job genommen. Irgendwann bewarb ich mich dann halbherzig für eine Stellenanzeige, die Bauingenieursstudenten im Masterstudiengang suchte. Rückblickend sehe ich, dass meine Berufsbezeichnung einfach zu lang war mit Maschinenbauingenieur und ich auch nicht mehr wirklich studiert hatte.

Ende November fragte mich Fräulein Hostel dann, ob ich nicht vom 19. bis 30. Dezember durcharbeiten möchte inklusive im Hostel schlafen. Ich entgegnete, dass ich es mir überlege und ihr in fünf Tagen Bescheid sage, wenn ich wieder arbeite.

Einerseits hatte ich echt wenig Lust, über die ganze Weihnachtszeit das Hostel kaum verlassen zu können und 15 Stunden pro Tag zu arbeiten. Ich wollte lieber wieder Würste über einem Lagerfeuer grillen und James besuchen. Andererseits ist das ne Stange Geld, mit der ich meine längere Jobsuche mir gegenüber besser rechtfertigen könnte. Ich beschloss also, zuzusagen, wenn ich in der Zwischenzeit keine total verlockende Stellenausschreibung entdecke. Was ja eher unwahrscheinlich war, denn in 1,5 Monaten ist mir nichts interessantes untergekommen.

Zwei Tage vor meiner Galgenfrist sehe ich tatsächlich zwei Anzeigen, die ich interessant finde. Die zweite verwerfe ich wieder, weil ich jetzt wirklich diese eine spezielle Stelle haben möchte.

Eine Fluggesellschaft sucht einen Technical Records Controller für die Flugzeuginstandhaltung. Die Aufgaben sind Ueberprüfen, korrigieren und Verwalten von technischen Dokumenten, Berichte erstellen und so. Die zu erfüllenden Voraussetzungen habe ich auch in der Tasche. Vor allem die letzte Voraussetzung. Da steht „Und am Wichtigsten: Sinn für Humor und jemand, der gerne Spaß hat.“

Herausforderung angenommen! 🙂

Den Rest des Tages aktualisiere ich meinen Lebenslauf und versuche ihn möglichst an die Stelle anzupassen mit den Schlüsselwörtern und Qualifikationen, die sie sehen möchten. Die hab ich zwar alle, aber je nach Job hebt man unterschiedliche Sachen hervor.

Dann noch das Anschreiben formulieren. Nach der Einleitung zähle ich stichpunktmäßig auf, warum ich gut für die Stelle geeignet bin. Und dann kann ich es mir nicht verkneifen. Unter die Stichpunkte schreibe ich:

„Desweiteren kann ich Flugzeuge malen.“

So interessant der Job auch klingt, wenn sie erst nach jemandem mit Humor suchen und mich deswegen nicht einstellen, möchte ich gar nicht da arbeiten. Ich krame meine Stifte hervor und liefere gleich den Beweis für meine Malkünste.

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Ein etwas krummer Düsenjet bringt Farbe in mein Bewerbungsschreiben.

Okay, das hätte wahrscheinlich auch ein Fünftklässler so hinbekommen, wenn er sich Mühe gibt. Aber ich finde es schön. Und wenn ich in der Personalabteilung arbeiten würde, hätte ich mich mit Sicherheit auch gefreut.

Nach dem Wochenende gebe ich meine Bewerbung persönlich ab. Ende der Woche klingelt mein Telefon. Ich bin zum Bewerbungsgespräch eingeladen am Montag! Schnell fahre ich in die Stadt und kaufe mir eine vernünftige Hose plus Oberteil. Meinen langen Wollmantel und schicke Schuhe habe ich aus Deutschland mitgebracht.

An meinem Bewerbungsgesprächsmontag bin ich wider Willen schon ziemlich aufgeregt. Wenn ich nicht überzeugen kann, muss ich in den Hostelknast über Weihnachten als Bestrafung, denke ich mir zum Spaß obwohl das ja selbst auferlegt wäre.

Beim Vorstellungsgespräch sitzen mir zwei junge Leute gegenueber, ich schätze sie auf Ende dreißig. Chelsea ist von der Personalerabteilung und Mark ist der Instandhaltungsdirektor. „Moment mal, warum duze ich die Leute? Ist das hier ein Halligalliladen?“, schießt mir durch den Kopf. „Achtung, andere Kultur“, wiegele ich den inneren deutschen Aufstand ab. Meinen letzten deutschen Chef habe ich in 4,5 Jahren Zusammenarbeit nicht geduzt. Vom Instandhaltungschef natürlich ganz zu schweigen.

Im Bewerbungsgespräch haben Mark und Chelsea einen Fragebogen vor sich liegen, aus dem sie mir abwechselnd eine Frage stellen und meine Antwort notieren. Daneben liegt jeweils eine Kopie meiner Bewerbung. Mit schwarzweiß kopiertem Flugzeuggemälde. Doch dazu stellen sie mir keine Frage, auch nicht zu Stärken und Schwächen, warum ich im Yukon lebe oder was ich in der Lücke meines Lebenslaufes so getrieben habe. Stattdessen geht es um Audits, Selbstorganisation und -motivation, sowie was einen guten Teamplayer ausmacht. Bei manchen Antworten haue ich wohl mächtig auf die Kacke trotz Aufregung. „Das ist mal ne gute Antwort auf die Frage!“ oder „Gute Idee!!!“ höre ich öfters und es scheint keine Höflichkeitsfloskel gewesen zu sein.

Schließlich sind alle Fragen abgearbeitet und es wird sich verabschiedet. „Wann kann ich denn mit einer Antwort rechnen?“ „Wenn es gut läuft schon Donnerstag aber es wird wohl eher Freitag werden.“ Na gut, das ist dann doch absehbar. Und jetzt kann ich eh nichts mehr machen.

Nach dem Bewerbungsmontag folgt ein Hosteldienstag und dann wahrscheinlich ein Holzmittwoch und -donnerstag. „Wenigstens vergeht die Zeit schnell“ denke ich mir, während ich im Hostel Gästen E-Mails beantworte. Da klingelt mein Handy.

Es ist Chelsea. Sie fragt mich, ob mein Angebot noch besteht, dass ich den Job haben möchte, denn sie wollen mich UHUNBEDIHINGT im Team haben. Na klar, da freue ich mich!!! 🙂 „Wann kannst du denn anfangen zu arbeiten?“ „Wie wär’s mit morgen?“ „Sagen wir Montag? Da haben wir schon eine Orientierung mit jemand anderem.“ „Okay, Montag!“

Bevor wir auflegen, kann ich mir eine Frage nicht verkneifen. „Ihr wollt mich jetzt aber nicht nur haben, weil ich so schöne Flugzeuge malen kann?!?“, frage ich mit ernster Stimme. „Das ist ein Teil des ganzen Pakets!!!“ freut sich Chelsea. Ich freue mich auch. 🙂

Auch das Hostelfräulein freut sich für mich. Die Besitzerin des Hostels hat ihr versprochen, dass sie sich um eine Vertretung kümmern wird, wenn ich einen anderen Job habe.

Von der Abgabe meiner Bewerbung bis zum ersten Arbeitstag sind gerade mal 14 Tage vergangen! Ich freue mich auf das Arbeiten in einem Unternehmen, in dem schnelle Entscheidungen getroffen werden können.

Moment mal, ich arbeite wieder in einem Unternehmen? Ist es dann nicht das gleiche wie in Deutschland, nur in grün? Nicht ganz. Hier muss ich nicht extra in den Yukon fliegen, um am Wochenende in der Wildnis zu wandern. Der Job ist gut, um ein wenig mehr Geld in die Kasse zu spülen und macht mir Spaß. Falls sich das dauerhaft ändern sollte, hab ich kein Problem damit, mich umzuorientieren oder einfach so zu kündigen. Ich weiß ja jetzt, dass das ganz einfach ist. 🙂

Mehr Einblicke wird es im nächsten Beitrag geben. Zu Heiligabend wurde jedenfalls bei -30 Grad eine Wurst über dem Lagerfeuer gegrillt!

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Dick eingemummelt roeste ich eine Wurst ueber dem Feuer und trinke Cider.