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Flusstour 2019 – Tag 2 (Achtung, Bilder von Innereien)

Die letzte Nacht war nicht so erholsam wie erhofft. Jede Bewegung liess mich vor Schmerzen aufschrecken. Nein, diese Nacht in der Wildnis war nicht die Wunderheilung, die ich mir fuer meinen Nacken gewuenscht habe.

Dafuer war Arma ueberraschend ruhig und hat in ihrem Koerbchen geschlafen. Ich hatte befuerchtet, dass sie sehr unruhig ist und weint. Immerhin war dies ihre erste Nacht, die sie draussen in unbekannter Umgebung verbracht hat. Und kalt war es auch.

Der erste Gang fuehrt mich zu der Stelle, an der wir den Baeren gestern verarbeitet haben. Ist das Fleisch unberuehrt? Welche Tiere waren am gut pile und haben sich an Innereien genaehrt? Meine Bedenken sind unbegruendet. Bis auf ein grosses Stueck Baerenleber, welches sich zur Zeit anscheinend in Arma befindet, ist alles so, wie ich es gestern abend verlassen habe.

Anschliessend inspiziere ich das Fell. Tyrel hat es gestern abend zum Auswaschen auf unser Boot drapiert.

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Das Grizzlyfell samt Kopf und Tatzen haengt ueber einer Holzlatte unseres Bootes.

Leichte Panik steigt auf – ich kann den Hodensack am Fell nicht finden. Aber die Jagdvorschriften sehen vor, dass ein Geschlechtsmerkmal am Grizzlyfell verbleiben und vorgezeigt werden muss. Ich bin mir nicht sicher warum, denn auch Baerinnen duerfen gejagt werden. Aber nur, wenn sie keine Jungen haben. Bewaffnet mit einem Messer und einer Plastiktuete gehe ich zurueck zum gut pile und schneide Penis und Hoden heraus. Baeren sind eine der wenigen Tiere, die Penisknochen haben. Daher wird es der Behoerde hoffentlich ausreichen, wenn ich die maennlichen Organe separat einreiche.

Wir packen, waehrend Arma ihr Fruehstueck verweigert. Joe ist routinierter als wir und faehrt schon los. Wir lassen uns noch etwas mehr Zeit. Zum einen vergroessern wir damit unsere Jagdchancen, zum anderen nutze ich die Zeit, um mein Gewehr zu trocknen, zu saeubern und zu oelen. Nach dem regnerischen Tag gestern ist das wirklich noetig.

Flussaufwaerts sehe ich sieben Karibus, die scheinbar im Fluss spielen. Was fuer ein schoener Anblick! Leider habe ich meine gute Kamera nicht dabei, da die Akkus leer sind und ihre Bilder ausserdem einen Schatten haben.

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Die kleinen Punkte im oberen Fluss sind tatsaechlich Karibus!

 

Als alles sicher verstaut ist, fahren wir.

Arma ist immer noch ungewohnt ruhig. Sie schlaeft. Sie stinkt bestialisch. Dann wuergt sie Grizzlyleber hervor. Jetzt stinken Arma, das dampfende Stueck Leber und anschliessend meine Hand, die die Leber in den Fluss wirft. Pfui!

Wir legen ein paar kurze Stopps ein. Arma und Tyrel scheinen die gleichen Pinkelpausen zu benoetigen. Und es kann ja immer sein, dass man einen Elchbullen entdeckt, den man vom Fluss aus nicht gesehen haette.

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Pinkelpause fuer Arma vor malerischer Kulisse.

Schliesslich kommen wir am Lagerplatz an, den Joe zu unserem heutigen Ziel erklaert hat. Nur Joe ist nicht da. Ich kann verstehen warum, mir ist es hier entschieden zu windig! Das kann dazu fuehren, dass hinter der Plane ein Luftwirbel entsteht, der mir die ganze Nacht ueber Rauch vom Feuer ins Gesicht blaest. Darauf kann ich gut verzichten – ich hoffe heute Nacht kann ich besser schlafen als gestern.

Doch Tyrel ist anderer Meinung. „Der Wind hoert bestimmt auf zu blasen. Ausserdem muessen wir nicht jede Nacht mit Joe lagern. Ich geniesse durchaus Zeit in der Wildnis mit dir zusammen, sonst haette ich dich nicht geheiratet.“

Ob der Wind abflaut, da bin ich mir nicht sicher. Aber dem zweiten Argument kann ich mich nicht entziehen und verstehe den Wink mit dem Zaunpfahl. Heute abend werde ich meinen Ehemann ein bisschen bauchpinseln und mit ihm rumalbern. Das macht er naemlich nur, wenn er mit mir alleine ist.

Doch zunaechst muessen wir das Lager auch aufschlagen. Wir spannen Splanen, tragen alle benoetigten Sachen vom Boot zum auserkorenen Platz. Feuerholz ist hier genug vorhanden, nur ist es ziemlich nass durch den Regen der letzten Tage. Nach einigen Versuchen und mit wachsendem Aerger gelingt es mir trotzdem, ein loderndes Feuer zu entfachen.

Da erspaeht Tyrel ein Boot, das flussaufwaerts gefahren kommt. Es ist Joe! Er legt an und plauscht mit Tyrel, als ich dazustosse. Joe wollte nur sehen, ob es uns gut geht (ja) und ob wir wieder Jagdglueck hatten (nein). Ihm war es hier zu windig, als er vorbeikam (yup…). Aber mittlerweile ist der Wind schon deutlich abgeflacht (Tyrel hatte also recht).

Es faengt wieder an zu regnen; schon den ganzen Tag ueber gehen vereinzelte Schauer auf uns nieder. Joe zieht wieder flussabwaerts, sein Lager ist schon komplett aufgeschlagen. Morgen sehen wir uns bestimmt wieder!

Wir machen es uns gemütlich. Ich koche. Und ich habe tierisches Verlangen nach einem Abendessen, das vor Fett nur so trieft! Also zerteile ich ein wenig Speck auf Holzfaellerart.

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Warum Speck kleinschneiden, wenn man ihn auch mit einer Axt zerhacken kann?

Zum Abendessen gibt es Speck, Gnocci, Zwiebeln, Kaese. Soooo lecker!!

Arma verweigert immer noch ihre Mahlzeiten. Ein bisschen mache ich mir Sorgen. Maekelig beim Essen war sie wirklich noch nie. Aber sie trinkt und sie will weiterhin Stoeckchen spielen. Also wird es so schlimm doch nicht sein, oder? Tyrel kann sie ueberzeugen, ein paar Brocken von seiner Hand zu essen. Aber dann will sie nicht mehr.

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Lagerplatz am Abend

Wir verbringen eine ganze Weile mit Reden. Komisch, wir verbringen doch eigentlich jeden Tag zusammen. Und trotzdem haben wir uns noch soviel zu erzaehlen, hier draussen im Nirgendwo.

Mein von gestern noch nasser Innenstiefel trocknet ueber dem Feuer, als ich etwas steif in den Schlafsack krieche. Zum Glueck tut Nacken nicht mehr so hoellisch weh wie gestern, dagegen sind normale Schmerzen ganz gut auszuhalten. Kurz darauf schlummere ich schon selig.

Flusstour 2019 – Tag 1 (Achtung, Bilder von toten Tieren!)

Der Wecker klingelt frueh.

Gestern noch mussten wir eine Einladung zum Lagerfeuer absagen weil wir bis Mitternacht mit Packen beschaeftigt waren. Den kleinen verbleibenden Rest wollten wir am Morgen packen; doch das dauert laenger als gedacht. Ein Blick auf die Uhr bringt Tyrel in Wallung – wir kommen zu spaet! Zum Glueck haben wir beide die gleiche Einstellung, es ist uns sehr unangenehm, wenn Leute auf uns warten muessen. Doch bevor mich Tyrel um ein kleines Fruehstueck bringt und saemtliche Verkehrsregeln bricht, sende ich einfach eine Nachricht, dass wir uns eine halbe Stunde verspaeten werden. Wir packen Huendin Arma ein und fahren los.

An der Tankstelle versorge ich mich mit Trockenfleisch und einem Keks. Mampfend betrachte ich waehrend der Fahrt die niedrig haengende Wolkendecke. Jedenfalls soweit es mir moeglich ist; mein Nacken tut immer noch reichlich weg und zwingt meinen Kopf in eine demuetige, zum Boden geneigte Haltung. Arma schmatzt laut und sabbert auf mich. Autofahren ist nicht ihrs.

Am Treffpunkt laden wir unser mitgebrachtes Gepaeck in den Truck eines Freundes, der uns zum Startpunkt bringen wird. Die Boote hat unser Freund zum Glueck schon gestern abgeholt – so konnten wir mit unserem Kombi die restliche Ausruestung fuer die Exkursion zum Treffpunkt transportieren.

Zur Einstiegsstelle in den Teslin River fahren wir im Auto mit unserem Freund Joe. Er beginnt zeitgleich mit uns eine Flusstour. Auf der Fahrt stelle ich alle wichtigen Fragen („Werden wir zusammen lagern?“ „Vielleicht.“ „Fahren wir zusammen zurueck?“ „Wird sich zeigen.“). Am Ziel angekommen, verbrate ich mein mitgebrachtes Geld im Motel. Ich fuelle Tyrels Thermoskanne mit Kaffee und meine mit Tee. Die dichter werdende Wolkendecke droht damit, dass wir uns spaeter nach ein wenig Waerme sehnen koennten. Als Mittagssnack wollte ich eigentlich Haehnchenfluegel mitbringen, aber die sind aus. Also gibt es sausage rolls, Bratwurstbraet im Blaetterteig. Von meinen letzten Dollars kaufe ich mir einen riesigen, bestimmt 20 cm Durchmesser Keks. Ich moechte weniger Zucker essen. Nicht aus Gewichtsgruenden, aber ich habe das Gefuehl mein Koerper rastet aus wenn ich Zucker zu mir nehme und manchmal fuehle ich mich direkt abhaengig. Und ich mag nicht gern abhaengig sein. Mit dem Weniger Zucker Essen fange ich aus Ermangelung an Versuchungen dann wahrscheinlich auf dem Fluss an. Nachdem ich den Moerderkeks gefuttert habe.

Unten am Fluss beginnt mittlerweile schon das Ausladen, Sortieren und Boote zusammenbauen. Zusammenbauen? Genau – wir muessen uns ja jedes Jahr steigern. 2017 ging es mit dem Kanu raus, 2018 mit unserem Aluboot… und 2019 einfach mit beiden Booten zusammengezurrt!

Eifrig helfe ich mit und fummle herum, bis ich die beste Befestigung zwischen Boot, Kantholz und Zurrgurt gefunden habe. Dabei beuge ich mich vorwaerts und Wasser laeuft in meinen rechten Gummistiefel.

Wow. Und das, bevor wir ueberhaupt losgefahren sind.

Ich sehe keinen Sinn darin, mein Missgeschick zu verkuenden. Die anderen wuerden nur wollen, dass ich meinen Innenstiefel und meine Socken wechsle. Und ich will einfach nur losfahren. Wortlos gehe ich ums Eck und wringe Innenstiefel und Socken aus. Als ich zurueckkomme, sind wir schon fast ablegebereit.

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Unser diesjaehriges Gefaehrt: Zwei Boote voller Ausruestung, verbunden mit Holz und Gurten.

Joe ist bereits vorgefahren und ausser Sicht, als wir ablegen. Unsere Freunde, die uns abgesetzt haben, warten am Ufer und winken. Warten daher um zu sehen, ob der Motor auch anspringt. Nach dem Disaster des letzten Jahres als wir Joes Abschleppdienst in Anspruch nehmen mussten, haben wir uns einen neuen Aussenbordmotor gekauft.

Der Motor ist sich der Verantwortung bewusst, die sein stolzer Preis mit sich brachte und springt sofort an. Waehrend er vor sich hinblubbert und warm wird, driften wir langsam flussabwaerts. Arma reckt den Hals zum Ufer und ueberlegt, ob sich ein Sprung noch lohnen wuerde. Dann legt Tyrel den Vorwaertsgang ein und wir beginnen die Reise.

Von Weitem sehe ich, wie die Trucks unserer Freunde abziehen. Dann befinden wir uns in der ersten Flussbiegung und sind ploetzlich einige Tagesreisen von der naechsten Ortschaft entfernt.

Der ganze Wahnsinn des Sommers rollt von meinen Schultern und gleitet lautlos ins kalte Wasser, das mich umgibt. Ich fuehle mich erleichtert und muede. Erleichtert, dass es diese Wildnis noch gibt. Diese alte Wasserstrasse, die uns erlaubt uns der Wildnis anzunaehern. Die vielen Seen und Baeche, die noch genuegend kristallklares Wasser ins Flussbett speisen. Die Abgeschiedenheit, die uns zwingt, im Hier und Jetzt zu sein, denken und handeln.

Solange ich spuere, dass es dies alles noch gibt, kann eigentlich gar nichts Schlimmes geschehen, denke ich mir und versuche eine angenehmere Position fuer meinen schmerzenden Nacken zu finden. Ich bin dieses Jahr wieder fuer die Navigation zustaendig und blaettere in der Flusskarte herum um mich zu orientieren. Ab und an verlaesst Arma ihren zugewiesenen Platz hinter mir und leistet mir Gesellschaft.

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Schaeferhundmixdame Arma und ich halten Ausschau im Boot.

Langsam geht es voran. Mit nur einem Boot waren wir auf unseren Probefahrten bedeutend schneller. Joe faehrt mit seinem schnittigen Frachtkanu uns flussaufwaerts entgegen. Wir verabreden uns zum gemeinsamen Lagern heute Abend und Joe zischt wieder flussabwaerts.

Regen setzt ein.

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Arma mach Platz auf dem Sperrholz zwischen den Booten.

Nach einiger Zeit sind wir reichlich durchnaesst, auch durch unsere Regenkleidung. Am verabredeten Lagerplatz sehen wir Joes Boot schon von Weitem. Zwischen den Bueschen steigt Rauch auf. Eine Plane ist fuer uns gespannt, die den Boden trocken haelt. Paradiesische Zustaende!

Jetzt bin ich vor allem hungrig und müde. Tyrel schlaegt unser erstes Lager unter der bereits gespannten Plane auf, ich mache mich daran, das Abendessen vorzubereiten. Die Butter fehlt. Ich grabe im Boot nach Butter.

Tyrel folgt mir zum Boot, leise aber bestimmt.

Im Fluesterton ruft er mir zu:
„luisa! luisa!!
da kommt ein grizzly auf uns zu – 200 meter!
hol dein gewehr!“

Tyrels Armbewegungen folgend schaue ich nach links und kneife die Augen zusammen. Tatsaechlich, ein Baer trottet auf uns zu.

„HOL DEIN GEWEHR!!!“

Ich lasse die Butter Butter sein, gehe schnellen Schrittes zu unserem Lager und greife mein Gewehr. Auch dieses Jahr vertraue ich auf meine Savage Axis II bolt action 30-06, die uns schon einige Male Jagdglueck beschert hat.

Waehrend ich das Magazin hineinfummele, sehe ich dass Joe schon sein Elefantengewehr gezueckt hat. Wir schleichen herunter zum Fluss, denn der Baer trottet auf der grasbewachsenen Boeschung entlang. Doch durch unsere Anwesenheit laesst er sich nicht stoeren und kommt langsam naeher. Ich muss dreimal laden, bis ich tatsaechlich Munition in die Patronenkammer geladen habe. Komisch.

„Komm, wir gehen in Deckung und lassen ihn naeher rankommen.“, raet Joe.
Und:
„Ich lasse dir den ersten Schuss.“

Joe kniet zwischen zwei Bueschen und zielt. Ich suche mir mein eigenes Gebuesch und lege mich auf den Bauch, in die prone position. Die gelb eingefaerbten Schutzkappen von meinem Sucher werfe ich einfach neben mich und ziele.

Und ziele.

Der Grizzly kommt langsam naeher. Jeder Schritt erschuettert die hellen Spitzen seines Fells, was seine Erscheinung noch dramatischer macht.
Er wird langsamer.
Noch ca. 100 Meter.

Er schlendert in Richtung Dickicht.
Wird er uns vom Busch aus einen Besuch abstatten wollen?

Er hat den Busch fast erreicht.

Ich schiesse.

 

Alle Geraeusche sind dumpf und treten nur langsam hinter meinem Tinnitus hervor.

Schnell lade ich nach und eile zusammen mit Joe zum Ufer, in Richtung Baer.

„Ich hab ihn….. ich hab ihn.“, sagt Joe und zielt im Knien auf den Baeren, der querschnittsgelaehmt versucht, auf seinen Vorderpfoten zu entkommen.

Emotionen verspuere ich gerade keine; nur die Verantwortung, das Baerenleid so schnell wie moeglich zu beenden.

Nach zwei weiteren Schuessen steigt Dampf aus einem Loch im Brustkorb des Baeren. Er liegt reglos im Gras.

Wir geben ihm ein paar Minuten und naehern uns – Waffen geladen und gezueckt. Joe piekst ihm mit einem Stock ins Auge. Der Lidschlussreflex ist einer der letzten Lebenszeichen.

Der Baer ist tot.

Statt Trauer und dem grossen Warum, was ich sonst haeufig nach der Jagd empfinde, bin ich erfuellt mit einer tiefen Dankbarkeit. Ein so umfassendes Gefuehl, dass es durch meine Fussohlen in den Boden auszustrahlen scheint und mich mit dem Leben verankert, erdet, traegt.

Ich weiss nicht, wie ich diese Dankbarkeit genuegend ausdruecken kann. Zum Glueck bin ich vorbereitet und hole einen Beutel Tabak aus dem Lager. Ich streue eine grosse Hand voller Tabak um den Baeren und sage aus vollem Herzen: „Danke!“
Danke, du starker, maechtiger Baer, dass du dich uns gegeben hast!

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Toter Baer und ich.

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Die Abschussstelle: Auf einer Uferwiese vor wolkenverhangenen Bergen.

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Ich hebe den Kopf des Baeren an.

Als ich das Geschlecht des Baeren bestimmen moechte, kratze ich erst meinen Kopf. Weder Vulva noch Hodensack sind zu erkennen. Aber die buschige Penisspitze sehe ich. Passt aber zusammen mit der geringen Koerpergroesse; dieser Baer ist ein junger, maennlicher Baer. Oft gehen Konflikte oft von dieser Gruppe aus. Sie sind sehr selbstbewusst, aber noch nicht erfahren genug um Situationen richtig einschaetzen zu koennen.

Ich frage Joe, wer von uns beiden seine Abschussgenehmigung (tag) an den Baeren heftet. Immerhin haben wir ihn zusammen erlegt.
„Es ist dein Baer.“, bestimmt Joe.
„Ok…“, ich entwerte mein tag und befestige klemme es dem Baeren zwischen die Zaehne.

Langsam merke ich meinen Hunger wieder. Wir haben einige Stunden Arbeit vor uns, da brauchen wir eine Staerkung. Zurueck am Boot finde ich schnell die Butter und bereite eine Pfanne zu aus gefrorenen Bratkartoffeln, Wuerstchen und Gemuese. Joe, Tyrel und Arma bauen einen Wetterschutz fuer den Baeren, es regnet immer noch. Arma zeigt keine Angst vor dem toten Baeren, wie es fuer Hunde ueblich ist. Eifrig leckt sie Baerenblut und wird ausgeschimpft, wenn sie ins Baerenfell beisst. Tyrel hat uebrigens auf die Schnelle keine Leine gefunden, als der Grizzly auftauchte und sich daher zusammen mit Arma im Hintergrund gehalten.

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Zwei abgespannte Planen sorgen fuer Regenschutz beim Zerteilen des Baers.

Als wir ein paar Happen essen, fragt mich Tyrel, ob und wieviel Hilfe ich haben moechte, den Baeren zu verarbeiten. Auf jeden Fall moechte ich alleine anfangen und wuerde Tyrel und Joe Bescheid sagen, wenn ich Hilfe haben moechte.

Also steige ich nach kurzem Essen alleine mit Gewehr und Messer zum Baerenzelt hinunter. Zuerst muss der Baer auf den Ruecken gedreht werden, damit ich mit dem Haeuten beginnen kann. Jede Bewegung des Oberkoerper laesst Luft und Blut in der Baerenlunge rasseln und ich spuere die Vibrationen, wenn der tote Baer unter mir knurrt und stoehnt.

Meine Haende sind blutverschmiert, ich bin klitschnass und muede und sehe daher davon ab, Bilder zu machen.

Den ersten Schnitt setze ich direkt unterhalb des Brustbeines und ziehe eine moeglichst gerade Linie bis zum Anus. Auf dem Weg finde ich auch den Penis und den Hodensack. Die Hoden selbst waren noch nicht hineingewandert. Ich schneide um den Anus herum und versuche eine geeignete Linie an der Innenseite der Hinterlaeufe entlang zu finden. Bis zum Knie und zum Knoechelgelenk. Dann gehe ich wieder zum Brustbein und schneide gerade nach oben, bis zu den oberen Halswirbeln. Wieder suche ich eine geeignete Stelle, um die Innenseiten der Vorderlaeufe einzuschneiden.

Da meldet sich mein Nacken heftigst.

Stimmt, der tat mir ja weh!
Wie hab ich es eigentlich geschafft, mich vorhin rambomaessig auf den Boden zu werfen ohne einen Hauch von Unwohlsein?!

Joe, Arma und Tyrel kommen und begutachten meinen Fortschritt. Die Nacht rueckt immer naeher und dankbar nehme ich Hilfe an. Zu dritt haeuten wir den Baeren und trennen Vorder- und Hinterlaeufe vom Rumpf ab. Dann erst weiden wir aus. Erstens kann das waermste Fleisch (um die Hueftpfannen herum) so schon auskuehlen. Und zweitens ist das meiste Fleisch schon aus dem Weg, falls beim Ausweiden z.B. Darminhalt oder Galle auslaeuft.

Mittlerweile bin ich wirklich muede, habe verdammt starke Nackenschmerzen und bemerke, dass mein rechter Fuss immernoch nass ist und bei jedem Schritt im Stiefel schmatzt und schwappt. Joe und Tyrel erklaeren und halten den Baeren geduldig, sodass ich trotzdem noch meine Arbeit beenden kann. Nur als wir zu dem Schritt kommen, das Schambein mit der Axt zu durchtrennen, bitte ich Tyrel, mir auszuhelfen. Einen Axtunfall muss ich durch meinen Zustand nicht hinaufbeschwoeren.

Schliesslich haben wir fuenf Beutel Fleisch und einen Pelz mit Schaedel und Pfoten. Schoene Krallen hat der Baer. Joe beaeugt die Krallen und bemerkt: „Vielleicht schuldest du mir eine der Krallen…“ „Klar!“, stimme ich zu. Die Haelfte des Fleisches bekommt er auch. Was immer wir auf diesem Trip zusammen erjagen, wollen wir teilen.

In den Eingeweiden greift Joe nach der Leber und der Blase, die an der Leber haengt. „Das ist die Gallenblase. In der chinesischen Medizin werden ihr sehr heilende Kraefte zugeschrieben. Die Chinesen in Vancouver wuerden sie dir fuer viel Geld aus den Haenden reissen. Getrocknet zermahlen sie die Galle zu Pulver und nehmen das in Kapselform ein. Aber verkaufen darfst du sie nicht. Du kannst dir ueberlegen, was du damit machst.“

Nachdem ich mich und meine Regenkleidung notduerftig im kalten Flusswasser gewaschen habe, bringe ich mein mittlerweile versandetes Gewehr und die Messer zum Lagerplatz. Waehrend ich die ersten Schnitte gemacht habe, hat Tyrel schon unsere Feldbetten und Schlafsaecke bettfertig bereitet. Was fuer ein himmlischer Anblick!

Doch zunaechst muss ich noch einmal zum Boot gehen. Endlich muss mein rechter Fuss trockengelegt werden, bevor ich noch trench foot (Schuetzengrabenfuss / Fussbrand) bekomme. Am Boot treffe ich einen fassungslosen Tyrel. Er war damit beschaeftigt, den Baerenpelz auszuwaschen und so auf das Boot zu drapieren, dass der Regen die Hautseite weiter auswaescht. Dann hat er sich gefragt wo Arma ist, die vor ca. zwei Minuten noch um ihn herum gelaufen ist. Arma, bzw. ein leuchtendes Augenpaar in schwarzer Nacht kam von der Abschussstelle auf ihn zugelaufen. Und mysterioeserweise hatte Arma einen vollen Bauch, obwohl es noch kein Abendbrot fuer sie gab…

Tyrel ging also mit ihr zurueck um zu schauen, was sie gefressen hat. Zum Glueck hat sie nicht versucht, sich durch die Fleischsaecke zu nagen! Aber ein riesiges Stueck Grizzlyleber fehlt. Oh, Arma…

Auf das gewoehnliche Abendessen verzichtet Arma. Ich wuerde ja den Kopf schuetteln, aber ich kann meinen Nacken nicht bewegen und bin nicht sicher, wie ich in den Schlafsack kriechen kann. Irgendwie geht es dann doch. Nachdem der Fuss getrocknet ist. Und ich noch einen grossen Teller Bratkartoffelpfanne hatte.

Das Schlusswort an diesem Abend geht an Joe, als ich stoehnend auf dem Feldbett liege.

„Wer kam eigentlich auf die Idee, in die Wildnis zu gurken und wilde Tiere zu toeten?!“
„Du stellst die richtigen Fragen…“
„Heute gebe ich dir die Schuld!“

„Ich nehme alles auf mich.“, entgegne ich, waehrend ich versuche meinen Nacken fuer die Nacht zu stabilisieren.

Ein bisschen zweifle ich schon an meinem Verstand. Koennte ich doch jetzt auch wie meine Arbeitskollegen meinen Urlaub verbringen und in Mexico oder in Hawaii am Strand liegen. Aber ich weiss, dass dieser Gedanke vorueberziehen wird und etwas Positives bleibt. Das Ergebnis von uebernommener Verantwortung, harter Arbeit, starkem Willen und Abenteuerlust:

Viele zukuenftige Mahlzeiten mit Fleisch, das mich ohne Reue oder Zweifel ueber dessen Herkunft naehren wird.
Geteilte Abenteuergeschichten, vor dem Lagerfeuer unter dem praechtigen Sternenhimmel des Yukon.
Erinnerungen, an das ueberwaeltigende Gefuehl der Dankbarkeit.
An den Grizzlybaeren, der sein Leben fuer uns gab.

Und Tschüß!

Die letzten Wochen war es hier leise. Wir waren/sind am rotieren. So viele Sachen müssen noch fertiggestellt werden vor dem Winter.

Und… unseen Jagdurlaub wollen wir uns auch nicht nehmen lassen! Wer sich jetzt fragt, warum wir unverschämterweise mehr als zwei Wochen Urlaub haben: Tyrel kann als Lohnempfänger leicht unbezahlten Urlaub bekommen wenn seine Schichten anders abgedeckt werden können. Und ich kann 40 Überstunden tatsächlich gegen eine Woche Urlaub eintauschen!

Aber nun, ich muss noch den letzten Rest packen und in einer Stunde müssen wir schon los!

Es folgen ein paar Bilder der letzten Zeit.

 

Auf bald! 🙂

 

Der Umzug

Er scheint schon Monate entfernt, jedoch haben wir ihn vor nicht einmal zwei Wochen abgeschlossen, unseren Umzug.

Das letzte richtige Wochenende in unserem alten Haus haben wir unser neues Haus relativ bezugsfertig gemacht. Innenwaende wurden montiert und bemalt (mal abgesehen von den Waenden unter dem Loft). Eine Tuer wurde eingebaut, zu der sogar ein paar Stufen hochfuehren. Aus Dachlatten wurde ein Lattenrost zusammengeschraubt.

Am Montag haben wir die letzten Waende befestigt und gestrichen. Im Anschluss haben wir das Haus mit einigen schweren Haushaltsgeraeten beladen, die Ladung gesichert, und das Haus umgezogen.

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Letzter Blick ins Innere vor dem Umzug. Schweres Geraet haben wir so weit wie moeglich nach vorn ins Haus gelagert und mit einem Balken gesichert.

Zum Umzug des Hauses musste es jedoch noch anders auf dem Trailer positioniert werden. Damit wir auch auf die Wand unter dem Ueberhang zugreifen koennen, haben wir das Haus ein Stueck nach hinten versetzt errichtet. Zum sicheren Transport wollten wir nun das Haus buendig mit der Deichsel abschliessen lassen. Dazu mussten wir das Haus anheben und den Trailer zurueckfahren. Ein echter Balanceakt, der mich die Luft anhalten liess. Jetzt darf nichts schief gehen – ausserdem wird alles, was in der Theorie so gut klang, auf die harte Probe gestellt. Immerhin ist dieses System nichts, was nach unserem Wissen schonmal jemand in der Art versucht hat.

Alles klappt gut. Meine Durchbiegeberechnungen haben Stand gehalten und die Hohlprofile blieben der plastischen Verformung fast vollstaendig fern.

Im naechsten Schritt haben wir das Haus mit Befestigungspunkten versehen und mit Zurrketten an den Trailer gefesselt.

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Ketten halten Haus und Trailer zusammen. Der Teil, der die Ketten unter dem Trailer zusammenzurrt, ist nicht im Bild, aber genauso wichtig.

Das deutsche Wort „Zurrketten“ jetzt herauszufinden fuer das Teil, was fuer mich ein ratchet boomer ist, hat uebrigens genauso lange gedauert wie das Einschrauben dreier Befestigungspunkte (anchor points).

Um Steinschlaegen beim Transport vorzubeugen, haben wir noch ein Stueck Sperrholz vor das Fenster im Loft geschraubt. Dann galt es nur noch, an etwas Schoenes zu denken, waehrend wir mit unserem Haus ueber Schotterstrassen, Schlagloecher und Felder pfluegen.

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Umzug mal anders: Unser Haus kommt mit!

Das war der Montag vom Umzug. Anscheinend verliess mich ab Dienstag jeglicher Fotoelan. Aber kurz beschreiben werde ich unsere Taten trotzdem.

Dienstag.

Morgens: Tyrel arbeitet. Ich fahre eine Fuhre Feuerholz zum neuen Platz, wo unser Haus und unsere Freundin schon auf mich warten. Zusammen mit letzterer errichte ich eine grosse Zeltgarage, die uns in der naechsten Zeit als Werkstatt und Lagerraum dienen soll.

Abends: Beide Gefriertruhen samt Inhalt wandern in den Truck und werden zu unserem Freund James gefahren, der ein Stuendchen entfernt wohnt. Er hat Strom und schaffen wir Gruende, ihn regelmaessiger zu besuchen.

Mittwoch.

Morgens: Tyrel arbeitet. Berenike hilft mir immer wieder Auto und Truck zu be- und entladen mit Feuerholz, Reifen und Baumaterialien, sowie zwischen altem und neuem Zuhause hin- und herzufahren. Dabei schiesst sie das einzige Bild in diesen verrueckten Tagen.

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Arma hilft beim Beladen des Trucks.

Abends: Tyrel und ich koennen nicht fassen, wie viel Baumaterial wir besitzen. Dennoch packen wir es ein und fahren eine Fuhre rueber.

Donnerstag.

Morgens: Ich arbeite. Tyrel laedt mehr Baumaterial auf alle verfuegbaren Oberflaechen.

Abends: Tyrel arbeitet. Ich klappere die lange Liste der Erledigungen in der Stadt ab, die sich in den letzten Tagen drastisch verlaengert hat.

Freitag – noch ein Tag bis zum Auszug.

Morgens: Tyrel und ich vollenden den Turm aus Baumaterialien und entladen ihn Stueck fuer Stueck neben unserem neuen Haus.

Abends: Wir merken, dass uns jetzt noch 1,5 Tage fuer den Umzug bleiben und wir weder angefangen haben zu packen, noch zu putzen. Also fangen wir an.

Nachts: Ich goenne mir drei Stunden Schlaf als das Unheil der Welt ueber mir zusammenzubrechen scheint und erwache erstaunlich erfrischt. Tyrel schlaeft nicht, sondern mistet in der Zeit den Keller weiter aus.

Samstag – Tag des Auszugs.

Morgens: Tyrel arbeitet. Ich begutachte das Ergebnis der letzten Stunden: eine Ladung Kisten fuers neue Haus und eine Ladung fuer die Kippe scheint fertig zu sein. Also stopfte ich den Truck so voll es geht und fahre zunaechst zu unserem neuen Haus um Kisten auszuladen und (einer Vorahnung folgend) das Bett schlaffertig zu machen. Anschliessend lade ich den Truck voller aussortierter Sachen, die ich auf der Muellkippe je nach Zustand recycle oder in den Umsonstladen gebe. Wieder zu Hause spiele ich ein bisschen mit Arma und packe schliesslich weiter.

Abends: Wir packen.

Nachts: Ich habe alles gepackt, was entweder mein Zeug ist oder Gemeinschaftskram. Also fange ich an zu putzen. Tyrel packt. Als Tyrel mir das fuenfte Mal an diesem Tag zuruft, dass wir bald fertig sind, werde ich ungehalten. Doch nach Weinen ist mir nicht, ich putze mechanisch weiter und konzentriere besonders mich auf das, was mir bei einem Einzug wichtig ist: Badezimmer, Kuehlschrank, Herd. Der Rest des Hauses wird auch sauber. Sogar sauberer als bei unserem Einzug. Waehrend ich mich dem finalen Staubsaugen widme, puzzelt Tyrel langsam unseren ganzen Kram in unseren Zweitanhaenger.

Noch mehr nachts so gegen 2 Uhr morgens: Ich bin fertig mit dem Putzen und mit den Nerven, Tyrel mit dem Anhaenger. Seine Jugend hilft ihm durch die zweite schlaflose Nacht, wie ich vermute. Da wir drei Fahrzeuge haben, stehen uns jetzt zwei Fahrten zum neuen Heim bevor. Arma werden wir mit der zweiten Tour mitnehmen. Sie weiss eh nicht mehr, wie ihr geschieht. Auf der Fahrt merke ich, wie meine Augen nicht mehr fokussieren koennen. Ausserdem bewegen sie sich unwillkuerlich von links nach rechts wie im REM Schlaf. Trotzdem kann ich noch sehen wo ich hinfahre und ausserdem fahren wir langsam. Mit 50 km/h in der Kolonne auf dem Highway, leicht schlingernd. Ich versuche mir ein Auge zuzuhalten. Mein Lateinlehrer in der siebten Klasse hat uns damals beigebracht, dass man so betrunken sicherer Auto fahren kann. Aber leider hilft es nicht – dazu haette ich dann wohl doch erst etwas trinken muessen. Auf der gemeinsamen Rueckfahrt flehe ich Tyrel an, dass er so einem wahnsinnigen Plan von mir nicht noch einmal zustimmt. Als er einwaendet, dass er das doch zunaechst getan haette, werde ich sauer – seine Argumente gegen mein Projekt haetten gar keinen Sinn gebracht. Dann wundere ich mich, was ich denn jetzt eigentlich will.

Am nachtesten, so gegen 3:29 Uhr: Wir sind wieder zurueck am alten Haus, tueten den Hund ein und stellen sicher, dass wir die Haustuer abgeschlossen haben. Ich ueberrede Tyrel mit mir in der Einfahrt im Kreis zu sprinten. Ein bisschen Adrenalin wuerde uns gut tun. Ausserdem fahre ich jetzt vor. Die unscharfen, hin- und herwackelnden Rueckleuchten von dem Truck haben mir jedenfalls nicht geholfen auf der letzten Tour. Tatsaechlich stoeren mich meine wackelnden Augen jetzt nicht mehr so sehr. Die tranfunzeligen Scheinwerfer von meinem Subaru tauchen den Highway in schummriges Licht, welches mein Gehirn leicht umgestaltet. Ich fahre unter riesigen, gemauerten Bruecken hindurch und bekannte Landschaften aus dem Harzvorland ziehen an mir vorbei. Dabei weiss ich wo ich bin und dass mein Gehirn langsam sauer wird und mir einen kleinen Streich spielt. Ganz langsam fahre ich entlang und ermuntere mich. Wenn ich gesund ankomme, dann mache ich etwas, was ich mir sonst nie erlaube: Ich esse im Bett! Einen Erdnuss-Muesliriegel!! Etwas anderes waere im neuen Haus nicht verfuegbar, aber ich habe es geschafft, mich fuer diesen Muesliriegel zu begeistern. Den Rest der Strecke fahre ich nur noch fuer den Riegel. Wie toll das sein wird, wenn ich Im. Bett. Liege. Und. Diesen. Erdnuss. Muesli. Riegel. Essen. Werde. Ohne. Dass. Mich. Die. Potenziellen. Kruemel. Stoeren. Wuerden…

Dann sind wir da.

Alle gesund.

Der Hund sogar halbwegs munter.

Schliessen die Tuer auf und schauen in ein selbst geschaffenes Heim. Voller Kisten und nicht fertig. Aber mit einem BEREITS GEMACHTEN BETT. Fuer mich so ein schoener Anblick, dass ich wieder ein Foto mache.

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Das Haus in der ersten Nacht. Chaotischer Hafen fuer gebeutelte Umzuegler.

Wir stuermen sofort ins Bett.

Es riecht noch ein klein bisschen nach Farbe, aber nicht viel koennte uns weniger stoeren. Ich halte den Erdnuss-Muesliriegel in meinen Haenden als waere es die Verheissung. So schmeckt der Riegel auch. Als ich Tyrels gleichmaessiges Atmen hoere, stimme ich bald mit ein.

Sonntag – der Tag danach.

Nach nur sechs Stunden Schlaf bin ich wieder wach. Ich gehe eine Runde mit Arma um das Feld, auf dem wir nun wohnen. Die Sonne scheint wohlwollend auf uns.

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Ein ueberwuchertes Feld mit einem kleinen, nein – unserem kleinen Haus.

Schliesslich leine ich Arma an ihr Haus, schiesse das Bild des letzten Beitrags und fahre ins nahegelegene Caffee. Wir sind immer noch ab vom Schuss aber nicht mehr jenseits von Gut und Boese. Im Caffee fertige ich meinen letzten Eintrag an, bestelle warme Paninibrote und zwei grosse Kaffees fuer Tyrel. Heute Nachmittag muss er wieder zur Arbeit.

Doch ich werde ein bisschen lueften, ein bisschen spazieren, ein bisschen rumraeumen und tief durchatmen.

Mir faellt ein, was ich zu Grundschul- und Orientierungsstufenzeiten in 83% der mir anvertrauten Poesiealben niederschrieb:

Will man was, ganz stark und fest,

Geht’s auch ohne Wunschmaschine.

Selbst ein Schwein lernt Violine,

Wenn es nur nicht loecker laesst.

                  –     Das Sams (von Paul Maar)

Quod erat demonstrandum / Was zu beweisen war.

Endspurt

In einer Woche muss unser Umzug bereits geschafft sein. Bis dahin komme ich bestimmt nicht mehr dazu, hier ein Update reinzustellen. Daher nutze ich einfach die Gunst der Stunde jetzt: Heute steht uns Arbeit ohne Ende bevor und Tyrel schlummert noch selig neben mir. Hier kurz zu ein paar Bereichen unseres Lebens:

Gesundheit

Die Hühnersuppe hat ihre Dienste verrichtet und wir beide konnten mit 1,5 Tagen Ruhe eine Erkältung abwenden.

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Ein Trog voller würziger Hühnersuppe.

Seit zwei Tagen habe ich Nacken und kann meinen Kopf weder nach oben noch groß zu den Seiten bewegen, was auch nicht sonderlich hilfreich ist. Aber immerhin hängt er noch am Rest des Körpers, also will ich mich nicht zu sehr beschweren.

Hausfortschritt

Die Fassade ist fertig und bemalt, der Boden ist einzugswürdig, die Decke vorhanden und gestrichen. Außerdem haben wir eine Treppe.

Einen Rückschlag hatten wir auch, an einer Stelle war die Wand undicht und Wasser lief herein. Zum Glück stellte sich heraus, dass nur die Fenster noch nicht richtig mit Silikon abgedichtet waren. Das Wasser kam durch den Bauschaum hinein. Jetzt ist alles dicht und kein Problem mehr.

Strategie

Zum Glück habe ich Tyrel vor ein paar Tagen überzeugen können, dass a)tens es Irrsinn ist, jetzt noch nebenbei einen Schuppen bauen zu wollen anstatt die Kräfte auf unser Haus zu konzentrieren und b)tens wir auch wirklich keinen Kies selbst schaufeln und durch die Gegend fahren sollten. Eine Ladung haben wir wir nämlich selbst geholt. Es dauert ewig und gerade viel kommt nicht bei rum.

Also griff ich zum Portemonnaie und bestellte zwei Kieslaster sowie kaufte ein Garagenzelt. Also ein Zelt, das eigentlich dafür gedacht ist, sein Auto darin zu parken. Wir brauchen es als Werkstatt.

Ausblick

Das Haus komplett fertigstellen werden wir irgendwann, wenn wir bereits darin wohnen. Das macht aber gar nichts; für zwei Monate und zwei Arbeiter, die nebenbei noch ihren Vollzeitstellen nachgehen, sind wir schon wir gekommen. Komfortabler als zelten ist es auf alle Fälle.

Unser Plan:

  • Innenwände anbringen
  • Lattenrost basteln und mit Matratze rein in die Bude
  • Arbeitsplatte mit Waschbecken bauen
  • Haus umziehen und Garagenzelt aufbauen
  • Unseren Kram umziehen
  • Das alte Haus putzen
  • Fertig

Mal sehen, wie alles klappt. So oder so sind wir in einer Woche draußen. Mit wenig Schlaf werden wir das schon schaffen. Bis jetzt hat alles irgendwie geklappt.

Arma

Derzeit sind alle Pfoten und Schultern heil. Sie hinkt nicht, hat mittlerweile aber gelernt zu bellen. Zum Glück macht sie das ausschließlich, wenn sie uns vor etwas warnen möchte, was ihr nicht geheuer ist. Bären, unbekannte Menschen im Feld, ein Rabe auf der Einfahrt.

Unser neues Land gefällt ihr gut. Dort gibt es noch nicht enden wollende Quellen von knusprigen Pilzen und Hagebutten, die sie direkt vom Rosenbusch frisst.

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Ein lecker getrockneter Pilz wurde von Hündin Arma aufgespürt.

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Durch eine hagebuttenreiche Diät wood Arma wahrscheinlich gut mit Vitamin C versorgt.

So meine Lieben.

Seht es mir bitte nach, wenn ich in den nächsten zwei Wochen keine E-Mails beantworte. Ich lese alles und freue mich, aber schaffe es beim besten Willen zeitlich nicht zu antworten. Daher dieser Beitrag, damit alle wissen, dass wir noch guter Dinge sind. Nur schwer beschäftigt.

Habt eine gute Zeit!

Kurz und knapp

Heute folgt ein Mini-Update, da nicht viel geschehen ist, ich die woechentliche Serie aber nicht einreissen lassen will.

Nachdem fertig isoliert wurde, haben wir die Dampfsperre an die Waende, sowie die Membran an die Decke von innen angebracht.

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Dampfsperre (durchsichtiges Plastik) an den Waenden und Membran fuer Wasserdampf-Abgabe nach draussen an der Decke. 

Nachdem ich alles getackert, geschnitten, und geklebt habe, war die Ansicht folgende:

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Alle Uebergaenge und Ueberlappungen von Membran und/oder Folie zu Holz sind mit rotem Kontruktionsklebeband abgedichtet.

Und das wars auch schon fast mit dem Fortschritt. Auch Tyrel musste einsehen, dass man Sperrholz schlecht alleine anbringen kann und brach nach 1,5 befestigten Platten ab.

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Zwei Platten zieren die Aussenwand unseres zukuenftigen Hauses.

Den Rest der Woche sahen wir uns kaum, da Tyrel abends und ich morgens gearbeitet haben. Eher unguenstig fuer Arbeiten, die man nicht alleine verrichten kann. Ausserdem ist Tyrel leicht erkaeltet und ich haette gerne, dass es bei der leichten Erkaeltung bleibt und nicht in eine Grippe ausartet.

Daher koche ich heute eine goldgelbe Huehnersuppe, die wir morgen verzehren werden. Und ich stelle mir vor, dass wir von der Suppe so gut gestaerkt sein werden, dass wir dann wieder voll durchstarten koennen! Wahrscheinlich hilft auch, dass wir wieder gemeinsame Freizeit haben. 😉

Hier, habt zum Ausgleich des kurzen Beitrags ein Tierbild:

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Arma vor ihren beiden Pferdekumpels.

Habt ein gutes Wochenende!

Nensterchen

Es war einmal ein Dach. Das sass friedlich auf einer Wand. Doch dann erkannten sie, dass sie nackt waren. Sie hefteten Membranlagen zusammen und machten sich einen Schurz.

So oder so aehnlich lautet die Schoepfungsgeschichte der letzten Woche. Oder sollte ich sagen Erschoepfungsgeschichte? Nein nein, es ist immer noch viel zu tun – keine Muedigkeit vorschuetzen!

Wir waren stehengeblieben beim fertigen Dach. Freitag sollte es weiter gehen. Leider endete der Abend jedoch in einem Besuch beim tieraertzlichen Notdienst. Ein ungluecklicher Sprung von Arma hat ihre Vorderpfote verletzt. Zum Glueck ist nichts gebrochen und in ein paar Wochen sollte alles wieder einwandfrei verheilt sein.

So viel Aufregung liess mich am Samstag bis 13:48 h im Bett verweilen. Danach war ich zum Baeren… aaeh Beerenpfluecken verabredet. Was fuer ein Spass! Der oertlichen Beerenfarm stehen im Gegenteil zu Deutschland keine Arbeitskraefte zur Verfuegung, die aufgrund des Wohlstandgefaelles guenstig von morgens bis abends fleissig unter Mindestlohn alles abpfluecken. Selbst die Grenze zu Mexico ist hier knapp 5000 km entfernt. Wie pflueckt man also moeglichst viele Beeren ohne Personal zu bezahlen? 

Ganz einfach: Man ruft Tage zum Selbstpfluecken aus (U Pick). Statt fuer die Beeren zu zahlen, die die fleissigen Pfluecker erbeutet haben, muessen sie die Haelfte an den Besitzer des Feldes abgeben. Der friert die Beeren zunaechst ein und moechte spaeter Getraenke daraus brauen und die dann in Japan vermarkten. In Japan sind die haskap berries naemlich der letzte Schrei (zu deutsch blaue Heckenkirsche). Sie sollen voller Antioxidanzien sein. Ausserdem schmecken sie lecker.

Da ich mit zwei Freunden pfluecken war, blieb mir am Ende ein Sechstel der Gesamternte (klingt irgendwie nach ner Matheaufgabe aus der fuenften Klasse, oder?). Von dem Sechstel wurde am selben Abend die Haelfte von Tyrel und mir inhaliert. Und am Sonntag teilte ich die uebriggebliebene Haelfte wiederum in zwei Teile, wovon ich einen Teil fuer spaetere Naschereien aufhob und den anderen in Konfituere verwandelte.

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Intakte haskap berries neben aufgekochten haskap berries auf dreckigem Herd.

Die Naschbeeren wurden am Montag dezimiert und auch die Konfituere ist schon 1/8 weniger geworden.

Rechnet ihr noch mit?! Ich versuche nur zu helfen fuer den Fall, dass ihr auch mal ein Haus in inch bauen wollt! 😀

Wer mitgerechnet hat wird erkennen, dass ich, gemessen an der eingefahrenen Beerenernte deutlich zu wenig Beeren zu Hause habe!!! Ich verzweifle nicht und hoffe jetzt darauf, dass dieses Wochenende wieder Beeren gepflueckt werden duerfen.

Neben den Beeren gab es auch noch mein Nebenprojekt, das Haus. Hihi.

Freitag: Nottierarzt in der Stadt.

Samstag: Beeren und Starkregen.

Kommen wir zum Sonntag. Es regnet munter und mit nur wenigen Nieselpausen, aber wir haben dennoch eine Beschaeftigung gefunden: Den trailer umstellen. Fuer die Arbeiten an den Aussenwaenden steht uns am aktuellen Standort eindeutig zu wenig Platz zur Verfuegung. Also heisst es Reifendruck ueberpruefen, trailer abbocken, Truck samt neu eingebauter Kupplung und staerkerem Federpaket positionieren, trailer mit Truck kuppeln, und lotsen.

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Unser Ford F-250 mit Haus im Schlepptau.

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Haus am neuen Standort auf offenerer Flaeche.

Irgendwas war noch los am Sonntag aber ich kann mich nicht mehr erinnern *kratzkratz*.

Am Montag taetigen wir unsere Stadterledigungen. Am Abend teilt sich die Wolkendecke, was wir gleich ausnutzen. Zum Feierabend habe ich lange Arme, aber das Haus sieht verdammt anders aus!

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Unser Haus ist mit Membran umwickelt.

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Auch im Innenraum stellt sich langsam ein Raumgefuehl ein.

Dienstag nach der Arbeit schaffen wir es auf wundersame Weise, alle Fenster einzubauen. Ausserdem fange ich an, die Waende von innen zu isolieren.

Nach diesem langen Dienstag habe ich einiges an Schlaf nachzuholen, was ich Mittowoch und Donnerstag versuche zu tun (mir aber nicht gelingt, ich bin immer noch muede!).

Zwischen Arbeit, Erledigungen in der Stadt, Kochen, Haushalt und Schlaf schneiden wir fleissig die Glasswolle-Isolierung zurecht und stecken sie in jede Ritze der Waende.

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Ein Foto waherend des Isolierungsprozesses.

Die naechsten Arbeitsschritte sind, die Dampfsperre auf die Innenwaende zu tackern, den Holzboden von der schuetzenden Plastikfolie zu befreien und zu behandeln, und ausserdem Sperrholzverkleidungen ohne Ende zuzusaegen und anzuschrauben. Innen und Aussen.

Ein weiterer Plan, fast genauso wichtig: Haskap berries pfluecken!!! Der Winter naht. Heute musste ich zum ersten Mal seit Mai morgens um 4 Uhr mein Fernlicht einschalten um besser zu sehen. Die dunkle Jahreszeit ist auf dem Vormarsch.

Auf jeden Fall bin ich echt froh, dass das Haus langsam aber sicher Formen annimmt. Ende diesen Monats ziehen wir aus – so oder so.

Habt ein gutes Wochenende! 🙂