Bier

Der Mythos der trockenen Kaelte

Es ist dunkel. Und kalt. Und das ist auch gut so.

Als ich Anfang 2014 das erste Mal einen richtigen Winter erleben wollte in finnisch Lappland, konnte ich einen Kommentar nicht mehr hoeren. Er wurde ausschliesslich von Leuten geaeussert, die noch nie arktische Kaelte erlebt haben. Aber alle waren sich einig:

„Aber das ist ja eine trockene Kaelte, die laesst sich viel besser ertragen.“

Minus 30 Grad sind fuer mich 30 Kelvin unter der Temperatur, bei der Wasser gefriert… Wie bitte soll das denn nasskalt oder feucht sein? Klar ist hier nichts mehr fluessig, selbst die Nase hoert irgendwann auf zu laufen. Okay, das stimmt nicht. Die Nase laeuft staendig und man kann die Handschuhe oder noch besser Faeustlinge nicht dauernd zum Trockenputzen ausziehen, sonst werden die Haende super kalt. Die Devise lautet also je nach Laune Handruecken oder laufen lassen.

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Warum die Nase ueberhaupt laufen muss, das habe ich heute erst in Erfahrung gebracht. Gestern Abend habe ich bei frischen – 28 Grad Celsius das Beduerfnis verspuert, mich koerperlich zu ertuechtigen. Also raus an die frische Luft! Leider habe ich mich so sehr ertuechtigt, dass ich so lange gehechelt habe, bis die Luftroehre richtig gebrannt hat. Also schnell in den warmen Trailer zurueck. Kann man sich die Lunge erfrieren? Ohauaha. Uncool! Nach einiger Internetrecherche war ich aber beruhigt. Es ist fast unmoeglich, sich die Lunge zu erfrieren. Dafuer sorgt das ganze Geruempel, was zwischen Nase, Mund und Lunge installiert ist sehr gut. Was hat dann so weh getan?

Das Geheimnis ist, dass die Luft fuer die Lunge nicht nur warm sein muss, sondern auch sehr feucht. Sonst koennte man im Winter keine so schoene Atemwolken machen. Und diese Feuchtigkeit kommt aus den ganzen Schleimhaeuten aus Nase, Mund und Rachen – unter allen Umstaenden. Wenn nicht genug Feuchtigkeit vorhanden ist, wird den Zellen einfach Wasser entzogen. Und das brennt dann tierisch. Ich war also nicht angefroren sondern nur dehydriert. Also: Nicht nur im Sommer viel Trinken beim Sport, im Winter ist das fast noch wichtiger! Aber nur, wenn die Kaelte so richtig schoen trocken ist. 🙂

 

Amtlichen Bekanntmachungen zufolge geht die Sonne zur Zeit gegen 10 Uhr morgens auf und gegen 16 Uhr wieder unter. Dieser theoretische Ansatz stimmt aber nicht ganz, da der Horizont hier stark von Bergen bestimmt ist. Einige Taeler bekommen gar kein direktes Sonnenlicht zu dieser Jahreszeit. Bei uns dauert es ca. 45 Minuten laenger, bis die Sonne auftaucht und dementsprechend eher ist sie wieder verschwunden. Meine Frage dazu waere vor einem Jahr noch gewesen „Macht einen das nicht depressiv?“

Meine heutige Antwort: „Noe.“ In Deutschland bin ich zu dieser Jahreszeit auch im Dunklen zur Arbeit gefahren. Genauso dunkel war es auch, als ich wieder nach Hause kam. Die Blicke aus dem Fenster in der Zwischenzeit konnten daran auch nichts aendern. Jetzt habe ich zwar weniger Tageslicht zur Verfuegung aber ich kann es besser nutzen! Dick einmummeln, spazieren gehen, Sonnenlicht einfangen, Holz hacken, Pferde besuchen. Das Licht, wenn es da ist, ist ganz golden um den Wert zu unterstreichen. Die Berge sehen schon wieder ganz anders aus! Und die Kaelte laesst die Feuchtigkeit der warmen Luft an der Innenseite der Plane, die den Trailer umgibt, gefrieren. Ganz nach Schneegloeckchen, Weissroeckchen „malst Blumen und Blaetter, wie haben Dich gern!“ Endlich verstehe ich, was damit gemeint war! Eisblumen!

Gestern habe ich mich mit Jon zum Salsa einkochen getroffen. Er bekommt manchmal Kartons voller Gemuese von einem hiesigen Supermarkt geschenkt. Weil die es nicht mehr verkaufen koennen und Jon Huehner hat. Manches Gemuese ist aber ganz ehrlich zu schade um es an die Huehner zu verfuettern. Sei es, weil ein Netz Knoblauch gerissen ist oder eine Paprika vom Dreierpack angematscht, verkaufen laesst sich das nicht mehr. Also haben wir  die guten Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Paprika und Chilis aus Kartons gesammelt und scharfe Salsa-sosse eingekocht. Die guten ins Toepfchen, die schlechten ins Kroepfchen.

Bei der Aktion wurde mir ein Clamato-Bier angeboten. Bitte was? Muss eine mir unbekannte Marke sein. Fehlanzeige! Es ist eine kulinarische Entgleisung, die so skurril ist, dass ich sie super finde und sogar lecker! Es gibt hier Clamatosaft zu kaufen, was eine Mischung aus Clam und Tomato ist. Mmmh, Muschel-Tomatensaft! Gut schuetteln, zu gleichen Teilen mit Bier vermischen und bei Bedarf Tabasco hinzufuegen. Hoert sich wirklich ekliger an, als es ist!

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Von links nach rechts: Salsa, Clamato-Gebraeu in Tasse, Miller Bier, Muschel-Tomaten-Saft und Tabasco. Schoen, dass ich immer noch was lernen kann!

Zum Schluss ein kleines Suchbild: Finde die 5 Grad Celsius Unterschied! Ein Bild ist bei – 25 Grad Celsius und eins bei – 30 Grad aufgenommen worden. Endlich kann ich mir hier auch einen echten trockenen SchwEISsbart wachsen lassen! 🙂

 

Ok, kleiner Tipp: Die Mimik ist mir bei einem Bild gleich mit eingefroren 😀