Abenteuer

Der Umzug

Er scheint schon Monate entfernt, jedoch haben wir ihn vor nicht einmal zwei Wochen abgeschlossen, unseren Umzug.

Das letzte richtige Wochenende in unserem alten Haus haben wir unser neues Haus relativ bezugsfertig gemacht. Innenwaende wurden montiert und bemalt (mal abgesehen von den Waenden unter dem Loft). Eine Tuer wurde eingebaut, zu der sogar ein paar Stufen hochfuehren. Aus Dachlatten wurde ein Lattenrost zusammengeschraubt.

Am Montag haben wir die letzten Waende befestigt und gestrichen. Im Anschluss haben wir das Haus mit einigen schweren Haushaltsgeraeten beladen, die Ladung gesichert, und das Haus umgezogen.

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Letzter Blick ins Innere vor dem Umzug. Schweres Geraet haben wir so weit wie moeglich nach vorn ins Haus gelagert und mit einem Balken gesichert.

Zum Umzug des Hauses musste es jedoch noch anders auf dem Trailer positioniert werden. Damit wir auch auf die Wand unter dem Ueberhang zugreifen koennen, haben wir das Haus ein Stueck nach hinten versetzt errichtet. Zum sicheren Transport wollten wir nun das Haus buendig mit der Deichsel abschliessen lassen. Dazu mussten wir das Haus anheben und den Trailer zurueckfahren. Ein echter Balanceakt, der mich die Luft anhalten liess. Jetzt darf nichts schief gehen – ausserdem wird alles, was in der Theorie so gut klang, auf die harte Probe gestellt. Immerhin ist dieses System nichts, was nach unserem Wissen schonmal jemand in der Art versucht hat.

Alles klappt gut. Meine Durchbiegeberechnungen haben Stand gehalten und die Hohlprofile blieben der plastischen Verformung fast vollstaendig fern.

Im naechsten Schritt haben wir das Haus mit Befestigungspunkten versehen und mit Zurrketten an den Trailer gefesselt.

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Ketten halten Haus und Trailer zusammen. Der Teil, der die Ketten unter dem Trailer zusammenzurrt, ist nicht im Bild, aber genauso wichtig.

Das deutsche Wort „Zurrketten“ jetzt herauszufinden fuer das Teil, was fuer mich ein ratchet boomer ist, hat uebrigens genauso lange gedauert wie das Einschrauben dreier Befestigungspunkte (anchor points).

Um Steinschlaegen beim Transport vorzubeugen, haben wir noch ein Stueck Sperrholz vor das Fenster im Loft geschraubt. Dann galt es nur noch, an etwas Schoenes zu denken, waehrend wir mit unserem Haus ueber Schotterstrassen, Schlagloecher und Felder pfluegen.

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Umzug mal anders: Unser Haus kommt mit!

Das war der Montag vom Umzug. Anscheinend verliess mich ab Dienstag jeglicher Fotoelan. Aber kurz beschreiben werde ich unsere Taten trotzdem.

Dienstag.

Morgens: Tyrel arbeitet. Ich fahre eine Fuhre Feuerholz zum neuen Platz, wo unser Haus und unsere Freundin schon auf mich warten. Zusammen mit letzterer errichte ich eine grosse Zeltgarage, die uns in der naechsten Zeit als Werkstatt und Lagerraum dienen soll.

Abends: Beide Gefriertruhen samt Inhalt wandern in den Truck und werden zu unserem Freund James gefahren, der ein Stuendchen entfernt wohnt. Er hat Strom und schaffen wir Gruende, ihn regelmaessiger zu besuchen.

Mittwoch.

Morgens: Tyrel arbeitet. Berenike hilft mir immer wieder Auto und Truck zu be- und entladen mit Feuerholz, Reifen und Baumaterialien, sowie zwischen altem und neuem Zuhause hin- und herzufahren. Dabei schiesst sie das einzige Bild in diesen verrueckten Tagen.

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Arma hilft beim Beladen des Trucks.

Abends: Tyrel und ich koennen nicht fassen, wie viel Baumaterial wir besitzen. Dennoch packen wir es ein und fahren eine Fuhre rueber.

Donnerstag.

Morgens: Ich arbeite. Tyrel laedt mehr Baumaterial auf alle verfuegbaren Oberflaechen.

Abends: Tyrel arbeitet. Ich klappere die lange Liste der Erledigungen in der Stadt ab, die sich in den letzten Tagen drastisch verlaengert hat.

Freitag – noch ein Tag bis zum Auszug.

Morgens: Tyrel und ich vollenden den Turm aus Baumaterialien und entladen ihn Stueck fuer Stueck neben unserem neuen Haus.

Abends: Wir merken, dass uns jetzt noch 1,5 Tage fuer den Umzug bleiben und wir weder angefangen haben zu packen, noch zu putzen. Also fangen wir an.

Nachts: Ich goenne mir drei Stunden Schlaf als das Unheil der Welt ueber mir zusammenzubrechen scheint und erwache erstaunlich erfrischt. Tyrel schlaeft nicht, sondern mistet in der Zeit den Keller weiter aus.

Samstag – Tag des Auszugs.

Morgens: Tyrel arbeitet. Ich begutachte das Ergebnis der letzten Stunden: eine Ladung Kisten fuers neue Haus und eine Ladung fuer die Kippe scheint fertig zu sein. Also stopfte ich den Truck so voll es geht und fahre zunaechst zu unserem neuen Haus um Kisten auszuladen und (einer Vorahnung folgend) das Bett schlaffertig zu machen. Anschliessend lade ich den Truck voller aussortierter Sachen, die ich auf der Muellkippe je nach Zustand recycle oder in den Umsonstladen gebe. Wieder zu Hause spiele ich ein bisschen mit Arma und packe schliesslich weiter.

Abends: Wir packen.

Nachts: Ich habe alles gepackt, was entweder mein Zeug ist oder Gemeinschaftskram. Also fange ich an zu putzen. Tyrel packt. Als Tyrel mir das fuenfte Mal an diesem Tag zuruft, dass wir bald fertig sind, werde ich ungehalten. Doch nach Weinen ist mir nicht, ich putze mechanisch weiter und konzentriere besonders mich auf das, was mir bei einem Einzug wichtig ist: Badezimmer, Kuehlschrank, Herd. Der Rest des Hauses wird auch sauber. Sogar sauberer als bei unserem Einzug. Waehrend ich mich dem finalen Staubsaugen widme, puzzelt Tyrel langsam unseren ganzen Kram in unseren Zweitanhaenger.

Noch mehr nachts so gegen 2 Uhr morgens: Ich bin fertig mit dem Putzen und mit den Nerven, Tyrel mit dem Anhaenger. Seine Jugend hilft ihm durch die zweite schlaflose Nacht, wie ich vermute. Da wir drei Fahrzeuge haben, stehen uns jetzt zwei Fahrten zum neuen Heim bevor. Arma werden wir mit der zweiten Tour mitnehmen. Sie weiss eh nicht mehr, wie ihr geschieht. Auf der Fahrt merke ich, wie meine Augen nicht mehr fokussieren koennen. Ausserdem bewegen sie sich unwillkuerlich von links nach rechts wie im REM Schlaf. Trotzdem kann ich noch sehen wo ich hinfahre und ausserdem fahren wir langsam. Mit 50 km/h in der Kolonne auf dem Highway, leicht schlingernd. Ich versuche mir ein Auge zuzuhalten. Mein Lateinlehrer in der siebten Klasse hat uns damals beigebracht, dass man so betrunken sicherer Auto fahren kann. Aber leider hilft es nicht – dazu haette ich dann wohl doch erst etwas trinken muessen. Auf der gemeinsamen Rueckfahrt flehe ich Tyrel an, dass er so einem wahnsinnigen Plan von mir nicht noch einmal zustimmt. Als er einwaendet, dass er das doch zunaechst getan haette, werde ich sauer – seine Argumente gegen mein Projekt haetten gar keinen Sinn gebracht. Dann wundere ich mich, was ich denn jetzt eigentlich will.

Am nachtesten, so gegen 3:29 Uhr: Wir sind wieder zurueck am alten Haus, tueten den Hund ein und stellen sicher, dass wir die Haustuer abgeschlossen haben. Ich ueberrede Tyrel mit mir in der Einfahrt im Kreis zu sprinten. Ein bisschen Adrenalin wuerde uns gut tun. Ausserdem fahre ich jetzt vor. Die unscharfen, hin- und herwackelnden Rueckleuchten von dem Truck haben mir jedenfalls nicht geholfen auf der letzten Tour. Tatsaechlich stoeren mich meine wackelnden Augen jetzt nicht mehr so sehr. Die tranfunzeligen Scheinwerfer von meinem Subaru tauchen den Highway in schummriges Licht, welches mein Gehirn leicht umgestaltet. Ich fahre unter riesigen, gemauerten Bruecken hindurch und bekannte Landschaften aus dem Harzvorland ziehen an mir vorbei. Dabei weiss ich wo ich bin und dass mein Gehirn langsam sauer wird und mir einen kleinen Streich spielt. Ganz langsam fahre ich entlang und ermuntere mich. Wenn ich gesund ankomme, dann mache ich etwas, was ich mir sonst nie erlaube: Ich esse im Bett! Einen Erdnuss-Muesliriegel!! Etwas anderes waere im neuen Haus nicht verfuegbar, aber ich habe es geschafft, mich fuer diesen Muesliriegel zu begeistern. Den Rest der Strecke fahre ich nur noch fuer den Riegel. Wie toll das sein wird, wenn ich Im. Bett. Liege. Und. Diesen. Erdnuss. Muesli. Riegel. Essen. Werde. Ohne. Dass. Mich. Die. Potenziellen. Kruemel. Stoeren. Wuerden…

Dann sind wir da.

Alle gesund.

Der Hund sogar halbwegs munter.

Schliessen die Tuer auf und schauen in ein selbst geschaffenes Heim. Voller Kisten und nicht fertig. Aber mit einem BEREITS GEMACHTEN BETT. Fuer mich so ein schoener Anblick, dass ich wieder ein Foto mache.

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Das Haus in der ersten Nacht. Chaotischer Hafen fuer gebeutelte Umzuegler.

Wir stuermen sofort ins Bett.

Es riecht noch ein klein bisschen nach Farbe, aber nicht viel koennte uns weniger stoeren. Ich halte den Erdnuss-Muesliriegel in meinen Haenden als waere es die Verheissung. So schmeckt der Riegel auch. Als ich Tyrels gleichmaessiges Atmen hoere, stimme ich bald mit ein.

Sonntag – der Tag danach.

Nach nur sechs Stunden Schlaf bin ich wieder wach. Ich gehe eine Runde mit Arma um das Feld, auf dem wir nun wohnen. Die Sonne scheint wohlwollend auf uns.

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Ein ueberwuchertes Feld mit einem kleinen, nein – unserem kleinen Haus.

Schliesslich leine ich Arma an ihr Haus, schiesse das Bild des letzten Beitrags und fahre ins nahegelegene Caffee. Wir sind immer noch ab vom Schuss aber nicht mehr jenseits von Gut und Boese. Im Caffee fertige ich meinen letzten Eintrag an, bestelle warme Paninibrote und zwei grosse Kaffees fuer Tyrel. Heute Nachmittag muss er wieder zur Arbeit.

Doch ich werde ein bisschen lueften, ein bisschen spazieren, ein bisschen rumraeumen und tief durchatmen.

Mir faellt ein, was ich zu Grundschul- und Orientierungsstufenzeiten in 83% der mir anvertrauten Poesiealben niederschrieb:

Will man was, ganz stark und fest,

Geht’s auch ohne Wunschmaschine.

Selbst ein Schwein lernt Violine,

Wenn es nur nicht loecker laesst.

                  –     Das Sams (von Paul Maar)

Quod erat demonstrandum / Was zu beweisen war.

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Unter jedem Dach wohnt ein Ach.

Langsam verliere ich den Ueberblick ueber die Tage, wann wir was am Haus gemacht haben. Alles scheint ineinander ueberzugehen und der Fortschritt erscheint mir daher nicht allzu gross. Wenn ich mir jedoch ueberlege, wieviele Ueberlegungen und Diskussionen in jedem Arbeitsschritt stecken; und wieviele Weichen fuer zukuenftige Schritte gestellt wurden, dann ist unser woechentliches Update doch ganz ordentlich.

Zunaechst baut Tyrel einen Rahmen fuer das Dach.

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Ein paar Sparren sind in den Dachrahmen schon eingesetzt worden.

Daraufhin schraube ich mir einen Wolf um alle Sparren einzubauen.

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Das Gerippe des Dachs ist vollendet.

Hier moechte ich noch einmal bemerken, dass Kanada ein merkwuerdiges Einheitensystem verfolgt. Auf dem Papier und offiziell ist alles metrisch, also Celsius, Kilometer, Kubikmeter, … Aber in Wirklichkeit ist die Abhaengigkeit zu den USA zu hoch, als dass sich das so richtig durchsetzen koennte. Denn wie koennte man sonst fleissig mit dem grossen Nachbarn hin- und herhandeln? Vor allem bei einem wichtigen Exportgut wie Baumaterial aus Holz moechte Kanada natuerlich kein Risiko eingehen. Und so kommt es, dass ich in Fahrenheit backe und in Zoll (inch) baue.

Das Bauen in einer anderen Einheit waere ja eigentlich kein Problem. Doch dazu kommt, dass die Abmessungen der Materialien keinesfalls der Bezeichnung entsprechen. 2 x 6 inch Latten sind in Wirklichkeit 1,5 x 5 inch dimensioniert. Das ist natuerlich auch nicht einheitlich, manchmal passen die Masse sogar zum Namen. Um es noch ein bisschen lustiger zu machen ist ein inch mit 2,54 cm Laenge auch die kleinste Masseinheit, die das imperiale System zu bieten hat. Falls man jetzt ueber zwei Millimeter reden moechte, benutzt man nicht die Kommazahl 0,0787 inch, sondern immer den Bruch 5/64 inch. In meiner Laengen-Vorstellungskraft dieser Brueche bin ich noch relativ beschraenkt. Jedoch habe ich einen schlauen Helfer an meiner Seite: Mein Massband!

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Mein imperiales Massband. In schwarz wird die gemessene Laenge angezeigt, in rot jeweils die Haelfte der gemessenen Laenge.

Standard im Bau hier ist, dass alle 16 inches mittig eine Stuetze in der Wand eingebaut wird. Mein Massband markiert zum Glueck alle Zahlen, die sich durch 16 teilen lassen durch einen schwarzen Block. Falls man jedoch nach Fuss (foot) sucht, da die Laenge der Materialien im Bau meist in foot angegeben ist, muss man durch 12 teilen. Mein Massband markiert die foot Markierungen etwas weniger deutlich in einem kleinen Rahmen neben der gemeinten inch Zahl.

Als wirklich hilfreich empfinde ich jedoch die automatische Mittenberechnung, die mir das Massband in rot anzeigt. Da man oft die Mitte bestimmen muss von Materialien im Bau, muss ich hier nicht lange ueberlegen, was die Haelfte von 271 1/4 ist (135 5/8 natuerlich ^^).

Arma zeigte sich uebrigens unbeeindruckt von meinen Sparren. Sie ging lieber ihrer Lieblingsbeschaeftigung nach: Pilze aufspueren und essen. Zur Zeit macht sie das besonders gern, da die gefundenen Pilze frisch sind, und nicht vergammelt oder getrocknet wie im Winter.

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Einohrhund Arma verspeist einen nicht naeher zu bestimmenden Pilz.

Am naechsten Tag ist Tyrel schwer mit Rechnen und Planen beschaeftigt. an der Stelle, an der wir spaeter unseren Holzofen einbauen wollen, muessen wir jetzt schon den Durchbruch durchs Dach fuer den Schornstein planen. Die Materialien dafuer haben wir bereits. Doch die Einbauanleitungen und Bestimmungen muessen noch gewaelzt werden. Am Ende steht der genaue Einbauort fest, welcher von Holzstuecken eingerahmt ist.

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Nahe des Eingangs wird der Ofen eingebaut werden.

 

Donnerstags ist fuer mich Stadttag. Nach Feierabend fahre ich zunaechst zu meinen Freunden in den Kaeseladen. Mindestens einmal in der Woche gehe ich dort einkaufen – und das seit Januar 2018. Bislang habe ich diesen wichtigen Termin dreimal nicht einhalten koennen, da ich verreist war. Aber ansonsten investiere ich woechentlich in Kaese. Mein woechentliches Budget ist dabei uebrigens mein Stundenlohn. Das hilft auch bei der Motivation auf der Arbeit: Sollte ich einmal spontane Unlust verspueren, arbeite ich die naechsten 60 Minuten einfach fuer Kaese und alles geht leichter von der Hand!

Nach dem Kaeseladen geht es fuer mich im Sommer auf den Markt. Im Fruehling habe ich bei der Biofarm, auf der ich 2017 gearbeitet habe, ein Gemueseabo fuer den Sommer erworben. Ich weiss, dass man damit den Farmern am besten helfen kann. Sie haben ein Einkommen vor der Aussaat und koennen langfristig planen, ueber welche Wochen sie wieviel wovon anbauen, damit das Gemueseabo abwechslungsreich und ueppig ausfaellt.

 

Meist kehre ich nach dem Markt noch in den Supermarkt ein und besorge ein paar Lebensmittel, die nicht auf dem Markt erhaeltlich sind. Oft sind uns auch noch einige Baumaterialien ausgegangen, die ich dann noch im Baumarkt besorge.

Als ich diesen Donnerstag nach Hause komme, entscheide ich mich fuer Haushalt und Kochen statt bauen.

Freitag und Samstag bekommt das Haus ein provisorisches Dach mit einer Membran. Die kleine Aussenwand unter dem Ueberhang wird fertiggestellt mit Isolierung, Membranen und Aussenwand. Ausserdem isoliere ich kleinere Wandbereiche an den Ecken des Hauses, die von innen nicht erreicht werden koennen.

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Bauschaum quillt aus den Ritzen des kleinen, membran-bedachten Hauses.

Samstag bis Dienstag regnet es. Jeden. Tag. Ordentlich.

Der naechste Schritt waere jetzt, auf dem Dach herumzukraxeln und mit Latten die Sparren zu verbinden. Doch die Membran ist sehr rutschig bei Naesse und die Flaeche, auf die man treten darf ohne abzuschmieren, verschwindend klein. Wir nutzen die Gelegenheit also, um uns anderen Fragen zu widmen und entwerfen auf dem Sofa im Trockenen unser zukuenftiges Klohaeuschen (outhouse). Ausserdem treiben wir die Gedanken zu unserer zukuenftigen Solaranlage weiter. Und ein elektrischer Zaun muss auch noch her, um den zukuenftigen Komposthaufen und vor allem die potenziellen Huehner vor allerlei Raubtieren zu schuetzen.

Wenn es nicht ganz so schlimm regnet, gewittert, oder hagelt, tuefteln wir an unserer Haushebevorrichtung. Das Haus steht doch noch auf dem Trailer auf einem Gestell, damit wir Platz hatten, den ganzen Boden auch von unten festzuschrauben.

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Auf beiden Seiten des Hauses wird gleichzeitig gehoben

Zum Anheben benutzen wir kleine hydraulische Stempelwagenheber oder auch Flaschenwagenheber genannt (bottle jacks auf Englisch).

Nachdem das Haus eine ganze Ecke heruntergehoben ist, muessen wir Gestelle bauen, mit denen wir das Haus vom Boden aus anheben koennen. Tyrel hat eine gute Konstruktionsidee und nach und nach entstehen kleine Gestelle aus Vierkanthoelzern.

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Hund Arma vor gleichfarbigen Haus-Hebe-Gestellen.

Die Gestelle leisten uns gute Dienste und eine ganze Weile spaeter steht das Haus tatsaechlich mit allen Fuessen direkt auf unserem trailer. Davon habe ich uebrigens anscheinend kein Bild gemacht bislang ^^

Der Mittwoch ist ganz den Latten gewidmet. Tyrel klettert auf dem Dach herum und schraubt fest ohne Ende, ohne Feierabend, bis spaet in die Nacht hinein. Dabei kann ich ihm leider nicht helfen, denn ich habe Hoehenangst. Die konfrontiere und ueberwinde ich zwar haeufig gern und erfolgreich, aber ein schwankendes Dachgestell mit duennen Balken zum drauf treten auf rutschiger Folie verwandelt meine Beine in weiche Nudeln.

Da backe ich lieber kleine Broetchen. Ganz im wahrsten Sinne des Wortes. Ich verkruemel mich in die Kueche und koche und backe bis ich dringend ins Bett muss. In den Tagen der Dachkonstruktion essen wir daher wie die Koenige. Es gibt jeden Tag kleine, frischgebackene Hefebroetchen mit selbstgemachter Cranberrysauce. Dazu Bratreis, Cajun Pulled Schwarzbaer und sogar Frankfurter Kranz! Das war als Kind mein Lieblingskuchen, den meine liebe Oma zu Familienfesten zubereitet hat. Jetzt weiss ich erst, was das fuer einen Aufwand bedeutet. Schmeckt aber immer noch besonders lecker! 🙂

Gestern (Donnerstag) Abend nimmt Tyrel die naechste Nachtschicht auf sich. Ich bin ja der Meinung, dass er lieber schlafen sollte anstatt zwei Naechte hintereinander nur kurz ein Nickerchen zu halten um dann gleich wieder arbeiten zu gehen… aber mit der Meinung stehe ich auf verlorenem Posten. Daher gehe ich in die Kueche, um den vierten Tag in Folge einen Hefeteig fuer Milchbroetchen anzusetzen. So fuehle ich mich wenigstens ein bisschen hilfreich ^^

Zunaechst passt Tyrel die Box ein, die als Hitzeschild zwischen Ofenrohr und Dachkonstruktion eingesetzt wird. In diese Box kommt der isolierte Edelstahlschornstein des Ofens.

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Die schwarze Ofenrohr-Dach-Durchbruch-Hitzeschutz-Box ragt in den Innenraum hinein. Gibt es dafuer vielleicht ein einfacheres Wort im Deutschen? 🙂

Und dann… mache ich die Broetchen fertig und gehe schlafen. Immerhin klingelt der Wecker freitags schon um 3:29 h. Um 1:24 h geht neben mir der Hundealarm los. Arma muss raus und ich nehme die Gelegenheit wahr um Tyrel hoffentlich noch auf dem Dach zu finden und nicht abgeschmiert auf dem Boden. Das Haemmern des buerstenlosen Akkuschlagschraubers beruhigt mich schon, bevor ich spaerlich bekleidet in die Nacht trete.

Tyrel schraubt sich einen Wolf und freut sich, uns zu sehen. In ca. 5 Minuten wuerde er nachkommen, dann ist alles relativ fest. Meine schlaefrigen Augen klaren auf, als ich sehe, dass das Dach mehr als weit fortgeschritten ist!

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Bild von heute morgen um 4 auf dem Weg zur Arbeit aufgenommen. Alle Blechdachpaneele sind auf dem Dach und vorlaefig befestigt!

Was fuer eine Leistung von Tyrel!

Ich versuche ihm mehr Milchbroetchen aufzuschwatzen, doch wir entscheiden uns beide fuer den schnellen Schlaf. Wobei Schlaf fuer mich relativ ist, da ich nicht mehr fest einschlummern kann bis der Wecker klingelt.

Aber das macht ueberhaupt nichts denn: Wir haben ein Dach!!!

So, diese Woche habe ich entschieden genug Mittagspausen fuer diesen Blog geopfert! 😀 Und der Regen trommelt wieder gegen meine Fensterscheibe waehrend ich die letzten Zeilen verfasse…

Schoenes Wochenende euch allen und bis zum naechsten Update!

Sonne!!!

Die letzten Wochen war es ziemlich feucht hier. Hier, das heisst 40 km neben der laut Statistik trockensten Stadt Kanadas! Und ziemlich feucht bedeutet, dass es seit Ende Mai Jeden. Verdammten. Tag. Geregnet. Hat! Die drei Tage, die dann doch trocken waren, war aber alles komplett durchnaesst.

Regen und Feuchtigkeit ist eher schlecht, wenn man versucht, einen isolierten Fussboden aus Holz zu bauen. Da soll keine Feuchtigkeit drin eingeschlossen sein, sonst bekommt man die nie wieder raus und der Boden schimmelt und fault.

Was machen? Plane spannen? Die Plane muesste riesig sein und wuerde somit vom ebenfalls vorherrschenden Wind erfasst werden. Es sei denn man verwendet reichlich Baumaterialien im Wert von mehreren Hundert Dollar und baut die Konstruktion entsprechend stabil. Aber so eine Summe in den buchstaeblichen Wind schiessen nur um trotzdem mit nassgewordenen Baumaterialien zu handhaben? So viele Silikagelpaeckchen habe ich nicht, um das zu kompensieren.

Also bleibt als oekonomischere Alternative das Warten. Um die Wartezeit schneller herumzubekommen habe ich eine echte Maennergrippe ausgebruetet. Jedenfalls hat sich die Erkaeltung wie eine angefuehlt. Pfui.

Doch dann… SONNE!!! Seit Donnerstag! Und erst fuer Montag war wieder Regen angesagt! Wobei man sich nur bedingt auf die Vorhersage verlassen kann. Es war dann tatsaechlich sonnig, aber diesig draussen durch den Rauch eines Waldbrandes, der hierher geweht wurde. Die Waldbrandgefahr im Umkreis war zum Glueck eine ganze Zeit niedrig durch die ganzen Regenfaelle. Mittlerweile ist sie wieder bei extremer Waldbrandgefahr angelangt, nach nur ein paar trockenen Tagen.

Tyrel arbeitete Donnerstag spaet. Am Morgen begann er damit, Spanplatten auf Vierkanthoelzer zu befestigen. Das ist der erste Schritt zum fertigen Haus!!

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Unser lieber Trailer mit dem beginnenden Aufbau.

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Die Spanplatten sind mit einer Reihe quer liegenden Vierkanthoelzern verbunden.

Nach der Arbeit besorgte ich etwas Holzspachtel und fing an, eine Fuge zuzuspachteln. Dabei habe ich auch nur zwei Muecken eingeatmet.

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Fuge spachtel dich… Oder wie lautete doch gleich das Zauberwort?

Arma bot ihre Hilfe auch an, kam aber leider nicht die 1,5 Meter zu mich hoch.

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Arma hat nur noch eine Teilzeitstelle als Schlappohr.

Freitag nach der Arbeit ging es dann gleich weiter und das ganze Bauprojekt des Wochenendes fing richtig an. Ich besorgte mehr Spachtelmasse, damit ich alles ordnungsgemaess fertigspachteln konnte und spachtelte mir einen zurecht. Tyrel und ich ueberprueften ob alle Vierkanthoelzer in sinnvollen Abstaenden angebracht waren und versenkten jede Menge Schraubenzur Befestigung.

Der naechste Schritt war die Membrane, die wir auf die Spanplatte getackert haben. Kleine Loecher in der Membrane wurden mit Klebeband versiegelt.

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Membrane auf Spanplatten auf Vierkantholzern auf trailer.

Auf diesen Schritt folgte unendlich langes Ausrichten. Die langen Balken der Unterkonstruktion hatten wir schon im Mai zusammengeleimt und geschraut. Doch jetzt alles auf einer Laenge von knapp acht Metern wirklich gerade hinzubekommen und festzuschrauben, kostet wirklich Muehe. Aber es hilft alles nichts. Schliesslich soll unser Boden ja auch wirklich einiges aushalten koennen. Umzuege zum Beispiel und Fahrten auf unserem trailer. Und wenn der Untergestell nicht gerade und winklig ist, dann werden der Fussboden, die Waende und das Dach wirklich gruselig. Also war hebeln, ausrichten, messen und schrauben, schrauben, schrauben angesagt.

Nach dem Zusammenschrauben saemtlicher Teile nahm ich den Winkelschleifer zur Hand und schliff alles ab, was mir zu hoch vorkam. Unseren Fussboden moechte ich dann doch relativ eben haben.

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Ich knie im Schlosserfanelle auf der Konstruktion und schleife was das Geraet hergibt.

Arma ueberwachte uns freundlicherweise, sodass wir uns zu keiner Zeit Sorgen ueber irgendwas machen mussten.

 

 

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Hund im Campingstuhl.

Irgendwann ging auch trotz Mitternachtssonnenzeit die Sonne kurz unter. Sonnenauf- und untergaenge sind besonders schoen, wenn Rauch in der Luft liegt.

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Eine blutrote Sonne vor borealen Baeumchen, die einem Scherenschnitt gleichen.

Trotz Uebermuedung, Dunkelheit, Schwaermen von Muecken und einer beruhigend trockenen Wettervorhersage beschlossen Tyrel und ich, weiterzuarbeiten. Wenn der Boden jetzt nass wird, haben wir schlechte Karten, das je wieder trocknen zu koennen.

Wir schneiden Stueckchen fuer Stueckchen Isoliermaterial zurecht und passen es an die enstandenen Faecher an. Schoen fluffig soll es sein und nicht gequetscht. Aber zu klein darf es auch nicht sein.

Waehrend wir schneiden und anpassen, donnert es weit entfernt. Dadurch, dass es hier so viele Berge gibt, entladen sich Regenschauer oft an einem anderen Berghang. Kein Grund zur Sorge.

Tatsaechlich ist es schon fast 1:30 h in der Frueh, als wir das letzte Paeckchen Isolierung zurechtschneiden und in das letzte Fach anpassen. Mit einer riesigen Rolle dicker Plastikfolie und zwei Tackern sorgen wir fuer den wetterdichten Verschluss.

Entspannt atme ich durch. Der feuchtigkeitsempfindlichste Schritt des Bodens ist geschafft. Tyrel merkt an, dass wir noch nicht fertig sind. Ein gelangweilter Vogel oder ein fieses Eichhorn koennten sich am Morgen durch das Plastik fressen. Ich sehe das ein, erinnere ich mich doch an die Raben, die ich auf einem Parkplatz dabei beobachten musste, wie sie ein neues, in Plastik eingewickeltes Sofa auf einem Truck auseinandernahmen. Also hieven wir vorsichtig Sperrholzplatten auf das Plastik.

Waehrend wir die vorletzte Platte auf das Plastik heben, faengt es an ordentlich zu regnen.

Wir laufen, holen die letzte Platte, decken alles mit Planen ab – die Konstruktion, den Stapel Sperrholzplatten, die Isolierungsreste. Dann braucht alles noch mehr Holz, zum Beschweren der Planen. Werkzeuge, Stuehle und zuallerletzt wir muessen ins Trockene gebracht werden.

Diese Nacht schlafe ich gut. Der Anfang ist gemacht. Jetzt brauchen wir noch den einen oder anderen trockenen Nachmittag, aber nicht wieder trockene Tage am Stueck.

So oder so, Ende August steht uns ein Umzug bevor. Wir haben der automatischen Verlaengerung unseres jaehrlichen Mietvertrags widersprochen. Zur Zeit haben wir zwar weder ein Haus, noch wissen wir, wo wir dieses Haus hinstellen werden. Aber ich weiss, dass es toll wird. Und auf dieses Gefuehl konnte ich mich bis jetzt immer verlassen.

Naechstes Abenteuer, wir kommen! 🙂

Flusstrip 2018: Tag 6

Geweckt werde ich diese Nacht erst wie gewohnt von tanzenden Maeusen auf unserer Plane und spaeter nochmal durch Niederschlag auf die Plane ueber uns. Vielleicht war es doch keine allzu gute Idee, die Plane mit den Brandloechern ueber uns zu spannen, denke ich mich noch; gestern Abend war kein Woelkchen am Himmel. Es gelingt mir trotzdem, beide Augen nochmal zuzudruecken und zu schlummern, bis ich Joe in der Daemmerung herumwuseln hoere. Zum Glueck herrscht kein Niederschlag mehr, vereinzelt sind Graupel zu finden.

Normalerweise halte ich nachts das Feuer am Leben. Heute Nacht jedoch haben wir eine Schutzwand aus Holz auf unserer Seite errichtet, damit der Funkenflug nachts unsere teuren Daunenschlafsaecke nicht bedroht. Durch die Wand konnte ich das Feuer dann aber nicht mehr sehen und somit nicht instandhalten ohne aus dem warmen Schlafsack zu kriechen, was ich bald eingesehen habe.

Obwohl heute wohl keine zweistelligen Minusgrade herrschen, ist uns kalt. Ein frischer Wind weht und irgendwie fuehlt es sich klamm an, obwohl der Boden auf den ausgetretenen Pfaden im Lager staubt.

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Mit ein paar letzten Handgriffen wird unser Lager wieder zurueckverwandelt in eine Uferlichtung am Yukon River – nur mit einem Haufen zusaetzlichem Feuerholz.

Bald schon sitzen wir dick eingemummelt im Boot und fahren dahin. Einzelne Schneeflocken segeln auf uns herab und laden uns ein zu malerischen Winterlandschaften in nur wenigen Wochen. Noch sieht alles so nach Herbst aus, als ob der Winter noch weit weg waere und vielleicht dieses Jahr eher nass-trueb werden koennte.

Zum ersten Mal beschliessen wir, heute zum Mittag ein Feuer zu machen um uns aufzuwaermen. Joe zaubert etliche Beutel mit Tassensuppen hervor und bald schon waermen wir Finger an Schuesseln und fuellen Maegen mit suesslichen Pulver-Tomatensuppen. Ich gehe zum Boot, um zu sehen, wie sich unsere Galleonsfigur Pusheen macht bei diesem Wetter, doch ihr scheint es wirklich nichts auszumachen.

Am fruehen Nachmittag machen wir wieder Halt. Hier waere die letzte sinnvolle Moeglichkeit eines weiteren Lagers. Weiter flussabwaerts sind sie meisten Gebiete in Privatbesitz oder anderweitig geschuetzt, sodass dort nicht gejagt werden darf. Es ist noch frueh genug am Tag, dass wir unseren Endpunkt Carmacks heute erreichen koennten. Hier muessen wir uns entscheiden.

Ich freue mich einerseits auf eine Nacht ohne Maeseschuhplattler neben meinen Ohren, andererseits vermisse ich die Zivilisation nun wirklich noch nicht und wir haben noch Zeit, bis wir wieder arbeiten muessen. Allerdings sind die Chancen auf Jagdglueck durch eine weitere Nacht nicht unermesslich hoeher; wir schippern den gleichen Weg entlang, nur zu einer anderen Uhrzeit. Ausserdem haette das letzte Lager jetzt auch einen Beigeschmack nach Abschied. Die dicker werdende Wolkendecke scheint uns fast zur Abreise ueberreden zu wollen. Tyrel will nach Hause. Also fahren wir.

Schliesslich sehen wir die Bruecke von Carmacks. Wir sind vor ein paar Tagen an der ersten Bruecke gestartet und steigen nach einigen hundert Kilometern an der zweiten Bruecke wieder aus.

In der Zivilisation. Es scheint noch grob alles so zu funktionieren wie vor einer Woche. Komischerweise habe ich keinen speziellen Heisshunger und frage daher Tyrel, ob er auf etwas Spezielles Lust haette. Pizza! Es werden zwei Tiefkuehl-Pizzas gekauft, natuerlich aus Deutschland importiert wie fast alle Pizzas hier.

Joe wuerde eigentlich von James abgeholt werden, der erstmal fuer drei Stunden hierher fahren muesste. Natuerlich fahren wir ihn nach Hause, auch wenn wir dafuer gute zwei Stunden laenger unterwegs sein werden. Nach kurzer Fahrt kommen wir in ein Unwetter von Eisregen, was die naechsten hunderte Kilometer anhalten wird, bis wir Joe abliefern. Mittlerweile sind wir beide so gierig nach Pizza, dass wir auf dem Weg nach Hause online riesige Pizzas bestellen und dann in der Stadt abholen. Zu Hause angekommen koennen wir uns so motivieren, bei Eisregen schnell den ganzen Truck auszuraeumen und unsere Ausruestung ins Haus zu schaffen. Denn anschliessend goennen wir uns unsere Pizzaberge, bevor wir gegen 2 Uhr morgens ins Bett fallen.

Am naechsten Morgen sehen wir den ersten Gruss vom Winter. Er hat uns vermisst und ist froh, dass wir wieder da sind. Daher hat er angefangen, die Landschaft herauszuputzen.

Wir holen unser Auto vom Startpunkt ab und essen dort im Restaurant eine leckere Suppe mit frischem Brot. In der Stadt waschen wir drei grosse Saecke Waesche und kaufen ein.

Und am naechsten Tag veranstalten wir einen Waffelabend mit Joe und James und verspeisen Tuerme von Waffeln mit Bratapfelmarmelade, roter Gruetze, Eis, Schokosauce, Ahornsirup und Apfelmus und lachen dabei aus tiefstem Herzen.

Wie ein bisschen Reduktion so gluecklich machen kann.

Flusstrip 2018: Tag 5

Auf der Plane, auf der wir schlafen, wird heute Nacht ein besonders lauter Stepptanz von der oertlichen Maeusekolonie aufgefuehrt. Ich hampele herum, damit die Maeuse verjagt werden. Sich bewegende Menschen finden sie naemlich irgendwie gruselig. Doch jetzt bin ich auch wach. Als erste. Es daemmert leicht, also ist es gegen 7 Uhr. Ich stehe auf und entzuende ein Feuer. Das gelingt mir mittlerweile wirklich gut!

Leichter Schneeregen kommt nieder, als ich meine Blase entleere. Es wird irgendwas unter Null Grad sein, aber nicht sehr weit unter Null. Beim Fruehstuecken hoert der Niederschlag auf. Weiter geht es auf den Fluss.

Tyrel sieht mit seinen Adleraugen, wie ein Weisskoepfiger Adleraugenbesitzer einen Fisch erbeutet. Ich erkenne, wie das Wappentier seine Beute schwer fliegend in eine Waldschneise hineinwuchtet. Im Moment, in dem wir in die Schneise sehen koennen, mache ich schnell ein Foto. Es ist ein wenig unscharf, aber man kann erkennen, dass der Vogel ein gutes Fruehstueck erbeutet hat.

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Auf einem abgebrochenen, toten Baum haelt der Weisskopfseeadler seine Beute mit den Greiffuessen und schlingt einen Schnabel voll herunter.

Immer wieder deutet Joe auf geheime Camps an den Flussufern, die nicht auf der Flusskarte verzeichnet sind. Er kennt diesen Fluss wie seine Westentasche; c.a. 20 Sommer lang hat er hier Kanutouristen gefuehrt. Im Herbst hat er dann gejagt, das dann allerdings schon seit 30 Jahren. Alles, was er erzaehlt und fuer zukuenftige Exkursionen nuetzlich sein koennte, notiere ich mit Bleistift auf der Flusskarte. Danach stecke ich meine kalten Finger schnell wieder in die Handschuhe und bewege sie fuer einige Zeit, um warmes Blut in sie hineinzupumpen.

Bei einer Flusswindung greift Tyrel nach dem Fernrohr.

„Kuh.“

Gemeint ist wohl der kleine Schatten im Wasser, anscheinend handelt es sich um eine Elchkuh.

Joe schaltet den Motor aus, die Stroemung erfasst uns, traegt uns weiter und dreht uns dabei langsam im Kreis. Wir drei ergreifen unsere Gewehre. Hat diese Elchkuh einen Verehrer im Gebuesch stehen? Nur Elchbullen duerfen gejagt werden, da das Fehlen einiger maennlicher Elche kaum Auswirkungen auf die Gesamtelchpopulation hat. Das Fehlen einer Elchkuh jedoch ist ein Einschnitt durch die ausbleibenden Nachkommen.

Joe imitiert den Ruf einer willigen Elchin. Doch nichts ruehrt sich. Die Elchbrunft scheint dieses Jahr schon vorbei zu sein. Die Elchbullen hatten entweder schon ausreichend Freundinnen oder haben mittlerweile andere Dinge im Kopf. Die Temperatur spielt eine grosse Rolle bei der Brunft. Dieser Herbst ist aussergewoehnlich kalt, vielleicht vergeht manchem Elch da die Lust.

Nach ein paar Minuten lege ich mein gesichertes Gewehr beiseite und greife zur Kamera, damit ich wenigstens ein paar Fotos mit nach Hause bringen kann.

Auch dieses Jahr kommen wir wieder an den Ueberresten des Unterbaus von dem Schaufelraddampfer SS Klondike vorbei. SS steht hierbei fuer Single Screw Steamship, was bedeutet, dass es sich um ein Dampfschiff mit nur einem Schaufelrad handelt. Das Wasser hat dieses Jahr einen besonders niedrigen Stand, laut Joe den niedrigsten seit 30 Jahren. Daher ist besonders viel des Schiffes freigelegt und wir gehen auf eine Erkundungstour.

Spaeter kommen wir an einer weiteren historischen Stelle vorbei. Eine alte Goldmine. Joe ist ganz begeistert, so viel von der Baggerkonstruktion hat er noch nie gesehen.

Wieder auf dem Fluss bewundern wir noch ein paar Adler. Wir ueberholen zwei andere Jagdgruppen, die allerdings bislang scheinbar auch keinen Erfolg hatten.

Ein wenig spaeter bauen wir wieder unser Lager auf. Eine kleine Angelrute haben wir mittgebracht, die ich erfolglos auswerfe. Ist es nicht verrueckt, dass ich noch nie einen Fisch gefangen habe?

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Tyrel steht im Camp vor dem Feuer und Bergen von gesaegtem Feuerholz.

Eines Tages wird es schon so weit sein. Da wird der erste Fisch am Haken zappeln und auch der erste Elch in der Gerfriertruhe landen. Und bis dahin geniesse ich die Reise dahin.

Flusstrip 2018: Tag 4

Heute morgen zeigt das Thermometer nur -8 Grad an. Durch eine frische Brise fuehlt es sich jedoch um einiges kaelter an. Ich misstraue dem Messergebnis und stelle das Thermometer auf einen etwas abgelegenen Baumstumpf, auf den die Waerme des Feuers mit Sicherheit nicht strahlt. Das hat wohl auch geklappt. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, da ich das Thermometer nicht wiedergefunden habe. Es wird jetzt wohl den ganzen Winter fleissig messen und Ende Juni 2019 die ersten Touristen verwundern.

Dann wieder packen, fruehstuecken, los. Nicht nur ein Thermometer lassen wir zurueck, sondern auch wieder Berge an Feuerholz. Man weiss nie, wer als naechstes an diesen Platz kommen wird; ob er oder sie vielleicht durchnaesst oder kalt ist. Fest steht, dass die wenigsten Flussbesucher eine Kettensaege im Gepaeck haben.

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Mit dem Holzhaufen, den wir zuruecklassen, koennen mehrere Lagerfeuer entzuendet werden.

Auf dem Fluss gilt es nach Tieren Ausschau zu halten. Sich anhand der Karte zu orientieren und Notizen zu machen. Die Umgebung einzusaugen und versuchen so viel wie moeglich zu speichern von der Gelassenheit. Was hier passiert, passiert einfach. Und dann wird besonnen darauf reagiert. Ich merke, wie meine Bewegungen gleichfoermiger geworden sind. Die Schritte sind langsamer, aber sicherer.

Es gibt hier keine Termine, keine Hast. Denn durch Eile geschehen Fehler, die man sich hier nicht leisten kann.

Wir haben schon drei noch warme Feuerstellen in Ufernaehe schwelen gesehen. Weitere Jaeger muessen uns ein bisschen voraus sein. Ansonsten seit zwei Tagen keinen anderen Menschen gesehen. Wenn ein Krieg, eine Wirtschaftskrise oder die Pest ausgebrochen ist, wir wissen es nicht. Fuer uns zaehlen andere Dinge. Wie frisch sind die Schwarzbaerenspuren am Ufer? Sind die Wolken am Horizont so leicht wie sie aussehen oder bringen sie Schnee? Sind die Wellen vor uns aufgebracht durch grosse Felsen im Flussbett oder ist das Wasser dort einfach seichter?

Waehrend ich nach Bewegungen Ausschau halte, verfalle ich in suesse Tagtraeume. Ich betrachte mein Leben moeglichst neutral und frage mich, was ich noch verbessern kann. Eine Sache faellt mir ein, ich sollte mich mehr dehnen. Erste Erfolge konnte ich bereits erzielen durch regelmaessige Dehnuebungen, doch dann fing ich mit dem Laufen an und alles wurde wieder unbeweglicher. Voll egal, dann fang ich einfach nochmal von vorne an.

Am Ende des Tages erreichen wir Hootalinqua, wo die Fluesse Yukon und Teslin ineinanderfliessen. Das transparente Wasser des Teslin weicht dem tuerkis-flaschengruen des Yukon und ich fuehle mich durch diese besondere Farbe schon sehr heimisch. Zur Goldrauschzeit vor einem guten Jahrhundert war hier ein wichtiger Handelsstuetzpunkt und eine Polizeistation. Goldgraeber kamen von weit her, um ihre Claims zu registrieren und Trapper tauschten Felle gegen Gebrauchsgegenstaende. Da in heutiger Zeit die Stelle sehr beliebt zum Lagern ist, gibt es so gut wie kein Feuerholz mehr in der Umgebung. Wir haben bei der letzten Flussbiegung Halt gemacht und uns genuegend Holz fuer die Nacht und den Morgen mitgebracht.

Zum Abendessen gibt uns Joe jedem ein Grizzly Chilli Wuerstchen ab. Zum Nachtisch gibt es noch eine Scheibe Christstollen. Das Leben ist gut. 🙂

Flusstrip 2018: Tag 3

In der Wildnis scheine ich einen helleren Schlaf zu haben. Ich wache auf, wenn ich das Feuer nicht mehr knistern hoere und lege neues Holz nach. Dann kann ich kurz nicht schlafen, weil das Feuer zu laut knistert und es zu hell geworden ist, da der Schein des Feuers die Plane ueber uns wie eine Kinoleinwand beleuchtet. Das ganze wiederholt sich etwa drei Mal, bis gegen 7 Uhr morgens Aufstehstimmung verbreitet wird und ich mich aus dem Schlafsack schaele.

Auch heute Morgen zeigt das Thermometer -12 Grad an. Schnell schluepfe ich in meine dicke Kleidung und bewege mich, um warm zu werden. Wasser muss geholt werden, sowie das Fruehstueck, was mit den anderen Lebensmitteln nachts in einem Plastikcontainer beim Boot bleibt. Vor Baerenbesuch graut es meinen Mitstreitern dabei nicht so sehr wie vor Maeusen.

Nachdem unsere Gaumen gestern durch die Elchwuerstchen und Kaesegnocci so verwoehnt wurden, gibt es heute morgen wieder ein Fertiggericht von Knorr. Joe gebe ich eine Packung hausgemachte Nussriegel mit fuer einen Snack zwischendurch auf dem Boot. Tyrel und ich beschliessen, so wenig wie moeglich selbst von den Riegeln zu essen, damit wir Joe auch eine Freude machen koennen, wo er uns doch aus der Patsche hilft und dabei noch so gut verkoestigt.

Heute Morgen brauchen wir laenger, bis wir aufbrechen. Tyrel hat ein paar duenne Baeumchen gefaellt und zusammen mit Joe wird beraten, wie die Boote nun am besten zusammengebunden werden koennen, damit alles gut navigierbar ist und das Gummiboot keinen Schaden nimmt. Ich nutze die Zeit um mich warmzuhalten, packe unser Camp zusammen und bringe die Kisten herunter in Richtung Boot. Mit der Kamera halte ich den Sonnenaufgang fest.

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Die Sonne lugt hinter den oestlichen Bergen hervor, waehrend sich noch Nebelschwaden auf dem Wasser tummeln.

Joe und Tyrel zurren derweil fleissig an den Booten herum. Zugseile, Bungeeseile und Ratschen ist etwas, was man in Unmengen mit auf einen Trip in die Wildnis nimmt und in allen moeglichen Situationen darueber gluecklich ist.

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Die Boote sind mit zwei duennen Baeumen parallel miteinander verbunden und werden wieder mit der Ausruestung eingeraeumt.

Schliesslich treiben wir auf dem Fluss. Langsam geht es voran, bei engen Kurven paddeln wir zusaetzlich, damit wir nicht auf eine Kiesbank auflaufen. Ein paar Flusswindungen weiter begruesst uns ein maechtiges Floss!

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Bestimmt 15 Meter lang ist das Floss, das mit Annehmlichkeiten wie Autositzen und einer Feuerstelle ausgeruestet ist.

Wir gehen an Land und machen uns ein Bild von der Lage. Unglaublich ausgeruestet waren die Flossfahrer unterwegs. Eine Dusche ist an Bord, eine Betonplatte mit Feuerstelle, eine Kueche, Schlafplaetze, Kisten voller noch haltbarer Lebensmittel, Werkzeuge und eine Kiste voller Naegel. Eine Landungsbruecke fuehrt zum Ufer, dort hat jemand Unmengen von Feuerholz gesaegt und ein provisorisches Klo ausgehoben und zum Teil mit Klopapier und Faekalien gefuellt.

Gab es Probleme mit dem Floss, sodass sie nicht weiter konnten? Sind sie auf Grund gelaufen und haben das Floss dann nicht mehr zurueck ins Wasser bekommen? Haben sie aus anderen Gruenden die Expedition abbrechen muessen und das Boot zurueckgelassen um im naechsten Sommer zurueckzukommen?

Wir wissen es nicht und werden es wahrscheinlich nicht erfahren. Es bleibt nur abzuwarten, ob das Floss im naechsten Jahr noch vorhanden ist oder vom losbrechenden Eis im Fruehling zermalmt oder losgerissen wurde.

Wir lassen den Ort ruhen und ziehen weiter.

Nach einer Flussbiegung ruft Tyrel leise „es hat ein geweih…“

!!! EIn junger Elchbulle sonnt sich am Ufer und schaut uns fragend an!!! So unauffaellig, wie es nun mal geht, greife ich nach meinem Gewehr, lade Munition durch, nehme die Schutzkappen des Suchers ab und lege an. „Schiess nicht, er rennt doch schon weg!“ Und auch ich sehe nur noch den Elchgalopp… Verdammt! Joe musste den Motor bedienen, vor uns im Fluss befanden sich Kiesbaenke, Steine und Stromschnellen. Und Tyrel hat gepaddelt, um Joe zu unterstuetzen. Naja, es ist gut, dass wir wenigstens einen Elch gesehen haben. Schnell geht es zur Stelle, die der Elch zur Siesta ausgewaehlt hatte. Joe streift gegen den Uhrzeigersinn um die kleine Insel, Tyrel und ich im Uhrzeigersinn. Im Eis um die Insel entdecken wir schliesslich, wo der Elch vom Festland angereist und auch wieder abgereist ist. Schade, er ist weg.

Wir tuckern zum anderen Ufer und machen Mittag. Vielleicht kommt der Elch ja nochmal wieder. Tyrel und ich essen ein paar staubige Cracker, waehrend die Schatten der Baeume ueber uns ziehen und die Mittagpause unangenehm machen. Es ist Zeit, weiterzuziehen.

Tyrel fallen immer wieder die Augen zu. Hmm, habe nicht ich das Feuer am Leben gehalten heute Nacht und sollte jetzt muede sein? Aber wie schoen, dass seine Erkaeltung so gut ausgeheilt ist, davon ist gar nichts mehr zu spueren.

Joe reicht uns ein Stueck Christstollen herueber, wir schneiden zwei kleine Scheiben ab. In meinem Mund erklingt eine Symphonie. Wie wundervoll es schmeckt! Ist es, weil ich gerne Stollen mag, weil ich hungrig bin, weil ich mich hier von Fertiggerichten ernaehre oder liegt es an der frischen Luft? Spielt ueberhaupt keine Rolle. Mit geht es einfach prima und ich bin da, wo ich gerade sein soll.

Waehrend wir alle Ausschau halten nach einem Cousin des fluechtenden Elchbullen, mache ich ein paar Bilder von anderen Tieren.

Heute passiert nicht mehr viel. Wir halten, errichten das Lager, machen ein Feuer.

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Das Feuer waermt einen Topf mit Wasser auf einem Gitterrost. Daneben wurden schon Tyrels und meine Plastikschuessel mit Fertignudeln und heissem Wasser befuellt.

„Wollen wir naechstes Jahr Urlaub im Warmen machen?“, fragt Tyrel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Jagdtrip dafuer ausfallen wird 2019. Aber warm klingt eigentlich ganz verlockend zur Abwechslung. Tyrel moechte gern Alligatoren sehen. Die gibts doch in Louisiana, da ist das Essen so scharf und lecker, das gefaellt mir wiederum!

Wir wuenschen uns eine gute Nacht und warme Traeume.