Winter

Elchfreitag

Freitag. Karfreitag.

Elchfreitag.

Es ist morgens, ich putze meine Zaehne im Badezimmer. Tyrel ruft mich in die Kueche, ich soll unbedingt kommen!

Schliesslich stehe ich in der Kueche und gucke ihn fragend mit Zahnbuerste im Hals an. „Wow, du wachsamer Jager! Guck aus dem Fenster!!“ Vor dem Fenster, so wie letzte Woche: Elchi! Durch Fenster und Fliegengitter schiesse ich ein paar Bilder.

Eine ganze Weile sitze ich im Sessel am Kuechenfenster. Wie schoen es ist, dass wir so viele Buesche haben, dass Elchi immer noch genug Futter findet. Mittlerweile wissen wir dank Nicoles Kommentar auf dem letzten Beitrag, dass Elche Heu nicht gut verdauen koennen. Seit dem liegt ein halber Heuballen elchsicher im Vorraum zu unserer Haustuer und duftet vor sich hin.

Schliesslich bleibt Elchi stehen… und legt sich einfach in den Schnee! Natuerlich muss ich das wieder festhalten.

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Elchi hat uns den Ruecken zugekehrt und sonnt sich im Schnee.

Ich freue mich, dass Elchi uns so sehr vertraut, dass sie sich so nah am Haus sonnt und uns sogar dabei den Ruecken zukehrt!

Ein wenig beobachte ich sie noch, sie liegt einfach da und kaut. Nicht mal der Kopf bewegt sich, nur die Ohren ein wenig.

Schliesslich muss Tyrel zur Arbeit fahren. Hmmm, Elchi liegt nur ca. 35 Meter entfernt vom Auto, das wir nun starten muessen. Wahrscheinlich muss ich sie aufschrecken, wenn ich das Auto starte. Es sind -15 Grad, da sollte das Auto etwas warmlaufen, bevor man faehrt.

Ich schleiche mich mit Kamera und Autoschluessel raus. Knarze ueber den Schnee zum Auto. Elchi weiss, dass ich da bin, laesst sich aber nicht stoeren.

Dann ist es wirklich Zeit, das Auto zu starten. Ich oeffne die Tuer, Elchi macht sich nichts draus. Ich starte das Auto, Elchi steht auf.

Einerseits finde ich es schade, dass ich Elchi aufschrecken musste aus der Siesta aber andererseits ist es gut, dass sie nicht zu sehr an den Menschen gewoehnt ist. Der Schrecken haelt sich jedoch in Grenzen. Sie galloppiert fuer zwei Schritte, dann geht sie im Elchtempo fuer weitere fuenf Schritte.

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Elchi hat keine Lust auf Autolaerm. Ihr Fell glaenzt wunderschoen im Sonnenlicht.

Nach ihrer aeusserst kurzen Flucht steht sie am naechsten Gebuesch und faengst schliesslich wieder an zu fressen.

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Elchi verschwindet im Gebuesch.

Nach ein paar Minuten, als wir mit dem Auto wegfahren, steht Elchi immernoch da und frisst. Jetzt haben wir sie schon ein paar Tage nicht mehr gesehen. Ich wuensche ihr alles Gute auf ihrem mit langen Beinen beschrittenen Weg. 🙂 Vielleicht sieht man sich ja mal wieder!

Euch allen wuensche ich eine schoene, kurze Woche!

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Gartenbesuch

Am vorletzten Samstag ging ich wie jeden Tag, den ich nicht arbeite, spazieren. Der schmelzende Schnee ist nicht mehr puderig und knischt so schoen unter den warmen Stiefeln. Ich versuche, verschiedene Toene zu erzeugen auf den ersten 30 Metern vor unserer Haustuer.

Ploetzlich kracht es im Gebuesch von links. Es scheint ein sehr grosses, verschrecktes Tier zu sein, was da einen Rabatz veranstaltet. Die Eisdecke vom Fluss zerbricht sogar.

Ganz ruhig stehe ich in unserer Einfahrt. Was immer da den Laerm veranstaltet, es ist eh schneller als ich. Ganz untaetig will ich trotzdem nicht sein, ich rufe ein lautes „EY!!“ hinterher. Was besseres faellt mir nicht ein.

Schliesslich setze ich meinen Spaziergang fort. Vor zwei Wochen habe ich Elchspuren am anderen Ende unseres Grundstuecks gesichtet. Ist der Elch vielleicht immer noch in der Gegend?

Nach meinem Spaziergang gehe ich in die Richtung, aus der die Geraeusche stammten. Tatsaechlich finde ich eine Menge Elchspuren. Sie fuehren in dichtes Gestruepp, was den Laerm erklaert. So dicht, dass ich nicht nachfolge. Die Spuren sind relativ klein, es muss sich um einen jungen Elch handeln.

Zwei Tage spaeter geht Tyrel aus dem Haus, um unser Grundstueck mit dem Morgenurin abzustecken. Begeistert kommt er zurueck: „Der Elch ist in der Einfahrt, komm schnell!“ Schnell wie ein Blitz, der nicht ganz so schnell ist, greife ich Jacke und Kamera und gehe auf die Pirsch. Am Platz, wo Tyrel den Elch gesehen hat, ist er nicht mehr. Aber kurz darauf erspaeht Tyrel ihn im Gebuesch!

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Die Umrisse eines Elchs sind im Gestruepp zu erkennen.

Nach einem Foto schreitet der Elch von dannen. Wenigstens flieht er nicht mehr kopflos! 🙂

Die Pferdebesitzer, die im Sommer ihre Pferde auf der Weide vor unserem Haus grasen lassen, haben etwas Heu zurueckgelassen, welches langsam von Rehen aufgezehrt wird. Um diesen Heuballen finden sich in den folgenden Tagen immer mehr Elchspuren und der Ballen schrumpft merklich. Eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit steht der Elch in ploetzlich in der Einfahrt und springt ueber den Zaun, um mir aus dem Weg zu gehen. Ein Schauspiel, das ich wohl nicht vergessen werde.

Jetzt sind reichlich Elchspuren auf unserem Grundstueck verteilt, so dass wir gar nicht mehr wissen, ob der Elch noch in der Gegend oder schon weitergezogen ist. Heute haben wir darueber diskutiert und schliesslich eine Dokumentation im Internet angesehen. Dann kam die Antwort auf unsere Spekulationen direkt ins Wohnzimmer geliefert.

Ganz langsam und gemaechlich schlendert der Elch, von dem wir nun wissen, dass es eine Elchin ist, durch die Einfahrt. Nach 10 Minuten schleichen wir hinaus um sie nun auf frischer Tat bei den letzten Heuresten zu ertappen… und wir haben Glueck!

Es ist ganz aufregend, sich an ein so grosses Tier heranzuschleichen, wohlwissend, dass es einen laengst bemerkt hat. Ich moechte es nicht stoeren und auch nicht zu sehr auf die Pelle ruecken. Aber die Elchkuh beobachtet mich aufmerksam wenn ich mich bewege und beruhigt sich kurz darauf und frisst weiter.

Beim Beobachten der Bilder faellt mir auf, dass das rechte Hinterbein der Elchkuh auffaellig ist. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass sie ein Loch hat zwischen Fersengelenk und Achillessehne. Die Wunde scheint schon aelter zu sein, sie ist nicht blutig oder geschwollen. Und auch scheint es ihr keine Probleme zu bereiten. Das Gangbild ist klar, Frau Elch humpelt nicht und belastet beide Seiten gleich stark.

Tyrel ist der Meinung, dass die Wunde so gut verheilen konnte, weil Elche sich mit Schmerzmitteln vollpumpen. Immerhin essen sie gern Weiden, deren Rinde zur Herstellung von Aspirin verwendet wird. Ich weiss noch nicht, ob ich der Logik ganz folge, finde den Grundgedanken aber gut! 🙂

Jetzt noch ein paar Antworten auf Fragen, die mir juengst von einer Mitbloggerin gestellt wurden:

Tally von Tallyshome stellt gerne Fragen, wenn sie nicht von den Irrungen und Wirrungen ihres verrueckt-schoenen Alltags berichtet. Und ich antworte gerne. 🙂

1. Es gibt Leute, die der Meinung sind, in eine solche Welt sollte man keine Kinder mehr setzen. Siehst du das genauso? Und wenn nicht, was würdest du diesen Menschen sagen wollen?

Das ist durchaus eine Meinung, die man akzeptieren kann und wo ich nicht mit einem Gespraechspartner an seiner Meinung ruetteln muss. Wer sich nicht fortpflanzen moechte, soll das bitte auch nicht tun! Vielleicht brauchen wir aber noch ein paar Weltverbesserer auf dieser Welt, die erst noch geboren werden muessen, wer weiss das schon so genau.

2. Die Medizin entwickelt sich stetig weiter. Künstliche Organe, Klonen etc. Eine gute Sache? Oder gefährlich?

Ich habe mich einige Zeit mit Leih- ung Eimutterschaften und deren psychologischen Folgen auseinandergesetzt, weil ich das Thema spannend finde. Es scheint so zu sein, dass es fuer Eizellspenderinnen und Leihmuetter aus Laendern wie den USA (nicht aus Armutsverhaeltnissen) keine negativen psychologischen Folgen gibt. Das ist anders, wenn eine Frau gleichzeitig Ei- und Leihmutter ist, da das geborene Kind sie eventuell an Verwandte erinnert und sie es behalten moechte. Von daher denke ich, dass das eine gute Sache ist, um kinderlosen Paaren zu helfen. Bei anderen Verfahren wie kuenstlichen Organen, Klonen und weiterem wuerde ich mich jedes Mal neu informieren und vor allem die Fragen stellen „Zu welchem Zweck?“ und „Zu welchem Preis?“.

3 . In CERN forschen sie seit einigen Jahren schon mit Antimaterie. Das, woraus die schwarzen Löcher sind. Kritiker und auch diverse Verschwörungstheoretiker fürchten, dass es irgendwann einmal zu einem riesigen Fehler kommen könnte, so dass die Antimaterie sich selbstständig macht und somit ein riesiges schwarzes Loch auf der Erde entsteht. Macht dir so ein Gedanke Angst? Wie stehst du zu solchen Forschungen?

Ich kann mich noch an die Zeit des ersten Versuchs erinnern, zu der einige Physiker Eilklagen vor Gericht gebracht haben, um alles abzublasen. Auch mit meinem vielleicht dazu nicht ausreichendem physikalischen Basiswissen erschien mir die gefuehlte Gefahr eher gering. Und falls ein tatsaechlich ein schwarzes Loch die Erde verschlingen sollte, haette einem der Bunker im Vorgarten oder der Extravorrat Teelichter von IKEA auch nicht weiter geholfen. Von daher hab ich keine Angst und lebe einfach. 🙂

4. Thema Übernatürlich: Ist dir schon mal etwas passiert, was du trotz jeder Wissenschaft nicht erklären konntest und das du deshalb als „übernatürlich“ bezeichnen würdest?

Ja, das passiert mir recht regelmaessig. Dass man zum Beispiel aus dem Nichts heraus sehr intensiv an bestimmte Leute denken muss, von denen man Monate nichts gehoert hat und am naechsten Tag haben sie Kontakt zu dir gesucht. Ich glaube aber auch, dass da schon etwas Erklaerbares dahinter steckt, wir wissen nur noch nicht was. Wenn man sich nur vorstellt, was die Leute noch im Mittelalter geglaubt haben, wo Krankheiten herkommen usw. und wie nah das Mittelalter an unserem Zeitalter ist, gemessen am Alter der Welt… dann ist es vermessen zu glauben, dass wir ploetzlich so weit sind, alles zu wissen und alles erklaeren zu koennen. Ich glaube, es ist wichtig mit offenen Augen durch die Welt zu sehen und sich keine Eindruecke zu verbieten, nur weil sie keinen Sinn machen mit den bisher erlernten Erklaerungsmodellen.

5. Ist das Schicksal vorherbestimmt oder selbstbestimmt?

Beides. Ich glaube es gibt verschiedene Szenarios, die moeglich sind. Letzendlich muessen wir uns dafuer entscheiden, jeden Tag. Ich entscheide mich gerne immer wieder fuer das, was mein Leben jetzt ausmacht. 🙂

6. Ich persönlich glaube nicht an einen personifizierten Gott. Und du?

Wenn ich ganz allein in der Natur umherwandere und meine Gedanken streifen lasse, dann habe ich das starke Gefuehl, das alles eins ist und alles zusammen haelt mit etwas Gutem, Liebenden. Nein, ich habe nicht das Gefuehl, dass das ein Mann mit langem, weissen Bart ist, obwohl ich ja pro Bart bin. Aber ich glaube, da ist etwas.

7. Wenn du die Welt in der du Leben könntest, selbst gestalten könntest, wie sähe sie dann aus? Mit Drachen und Einhörner? Sience fiction pur? Eher das was wir jetzt haben aber besser? Entschärftes Mittelalter? Schadowrun?! Erzähl mir davon!

In Deutschland habe ich mir mehr Abenteuer, Winter, Nordlichter, Berge, Wildnis und Bisons gewuenscht. Das habe ich alles im Yukon gefunden. Jetzt wuensche ich mir, dass wir bald reisen koennen, wie wir wollen. Ich moechte eine Revolution wie das Internet fuer Information und Kommunikation, nur fuer Transport. Und nein, das Elektroauto ist keine richtige Innovation fuer mich. Ich moechte auf Energiebahnen reisen koennen ganz ohne Motor. Beamen waere auch okay. Ansonsten bin ich ganz zufrieden. 🙂

Habt eine gute Woche!

Mein lieber Winter

Mein lieber Winter,

immer wieder lockst du mich mit warmen Farben aus dem Haus.

Laesst mich wandern, laesst mich wundern. Spielst mit Farben, Bergen, Wolken.

Morgens laesst du dir einen dramatischen Auftritt einfallen fuer die helle Tageszeit. Erst kuendigst du mit Wolken an.

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Ueber einer noch dunklen, schneebedeckten Landschaft sind einzelne Wolken hell erleuchtet.

Wo sonst Bergketten den Horizont markieren, hast du heute einen Vorhang zugezogen.

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Hinter schwarzen Tannen kann man nur erahnen, dass Berge hinter den Wolken versteckt sind.

Du laesst mich weiter wandern um den richtigen Ausblick zu haben.

Selbst ein Spaziergang auf einer oeffentlichen Strasse scheint mit dir wie eine Wanderung im Gemaelde.

Auf dem Rueckweg laedst du mit den ersten Strahlen zum Staunen ein.

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Die goldene Sonne geht auf und wirft ein paar Strahlen auf die Strasse vor mir.

Vom Huegel auf unserem Grundstueck bewundere ich noch ein wenig deine Schoenheit, bevor ich mich wieder auf uns warme Haus mache.

Ich liebe die Morgenstimmung am meisten. Doch auch am Nachmittag bestichst du mit deinen Reizen.

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Die Sonne kurz vor dem Versinken im Westen ueber der Schneelandschaft.

Die Fussspuren im Schnee sind tief, der Himmel ist blau und alles so weiss.

Doch dein Schnee ist nicht nur weiss. Er hat viele verschiedene Schattierungen und Strukturen.

Mein lieber Winter, musst du auch bald gehen, ich freu mich schon auf deine Rueckkehr. Und auch du freust dich schon auf mich. Sonst wuerdest du mich nicht so fest in die Wangen kneifen, bis sie ganz rot werden!

Morgens halb 4 in Kanada

Schon 3:30h und hoechste Zeit aufzustehen!

Der Blick ist noch ganz verschwommen durch die Augenpopel, die um diese Uhrzeit noch nicht den Ausgang bei der Traenendruese gefunden haben. Trotzdem finde ich den Weg ins Badezimmer und stecke mir die Zahnbuerste in den Hals. Da sehe ich eine Nachricht, die mich stutzig werden laesst: Tyrel bittet mich darum, ihn aufzuwecken! Um diese Uhrzeit!

Seiner Bitte nachkommend hole ich ihn aus dem Lummerland und frage nochmals nach, ob er denn wirklich aufstehen moechte. Immerhin muss er erst in sieben Stunden zur Arbeit. Er entgegnet eine Frage: „Kannst du nachgucken, wie viel Schnee auf den Auto liegt?“ Ich stapfe zum Fenster an der anderen Seite des Hauses und schiele aufs Auto. „Nur ein bisschen Puderschnee, alles gut.“ „…ich habe die Einfahrt geraeumt!“ Erneutes Stapfen zum Fenster. „Oh wow, vielen Dank!!“ „Erst habe ich begonnen zu Schaufeln aber dann habe ich einen Redneck Plow gebaut. Ich fahre mit dir die Einfahrt hoch um dir zu zeigen, wie super das geht!“

  1. Unsere Einfahrt ist ca. 700 Meter lang mit beachtlichem Gefaelle (zum Haus geht es bergab) sowie Unebenheiten.
  2. Es hat diesen Winter ziemlich viel geschneit fuer Yukon Verhaeltnisse (Waden- bis kniehoch).
  3. Als Redneck Plow bezeichnet man einen Schneepflug, der notduerftig aus vorhandenen Materialien zusammengezimmert wurde und der hinter einem Truck gezogen wird.
  4. Tyrels Redneck Plow besteht aus zu einem Balken zusammengefuegten Holzlatten.

Moment… wenn er sich sicher ist, dass das super funktioniert, warum steht er dann um diese Uhrzeit auf?

Ich mache mich schnell fertig. Schliesslich mag ich es ueberhaupt nicht, zu spaet zur Arbeit zu kommen. Und gestern bin ich mit dem Auto eher die Ausfahrt hochgeschwommen statt gefahren.

Vor Ort stelle ich fest, dass der Schnee irgendwie verdichtet ist und ich darauf gehen kann. Scheint also geklappt zu haben das mit dem Schneeraeumen.

Nach ca. 7 Minuten hat Tyrel noch vor dem Huegel das Auto so festgefahren, dass es weder vor- noch zurueck geht.

Wir stapfen zum Truck, Tyrel faehrt mich bis zur Strasse und laeuft zum Haus zurueck. Es werden fuer ihn zwei harte Schaufelstunden werden, bis er das Auto zur Arbeit fahren kann. Ich schreibe meiner Arbeitskollegin, dass ich mich eventuell ein paar Minuten verspaeten werde. Zum Glueck habe ich jeden Morgen einen 15minuetigen Zeitpuffer fuer Unvorhergesehenes und schlechte Strassenverhaeltnisse eingeplant, sodass ich drei Minuten zu frueh ankomme. Im Buero schnell die aktuelle Flugplanung studieren, Schreibzeug und Taschenrechner greifen und ab in den Hangar.

Dort gehe ich zur Tuer rein und da stehen sie. Meine Arbeitskollegin und vor ihr zwei Duesenjets der kanadischen Luftwaffe!

Die beiden Schmuckstücke waren ein Unterhaltungspunkt bei den Sourdough Rendezvous letztes Wochenende. Sie sind geflogen und durften auch am Flughafen bewundert werden. Nun wärmen sie auch kurz in unserer beheizten Flugzeuggarage auf, bis sie sich wieder auf den Heimweg machen.

Nach gut 1,5 Jahren Whitehorse bin könnte ich auch mal wieder auf fliegen… Ob ich dieses Mal erfolgreicher bin im Kapern?

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Irgendwie fehlt mir der Steigbügel, um in dieses Flugzeug einsteigen zu können.

Ganz besonders interessant finde ich die Sitze der Piloten. Je Flugzeug sitzen zwei Piloten hintereinander und so sieht ihre Rückenlehne aus:

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Man könnte fast denken, es handelt sich um einen großen klobigen Plastikkasten, den man sich als Rucksack aufsetzt. Aber irgendwo muss ja die ganze Sicherheitsausrüstung hinpassen, samt Fallschirm und Schleudersitz.

Kurz vor 6 Uhr morgens sitze ich im Büro und wundere mich darüber, was heute schon alles passiert ist.

Dem Fruehling auf der Spur

Der Winter dauert hier im Norden relativ lange. So ungefaehr die Haelfte des Jahres macht er aus. Und bekanntlich geht man im Winter auch nicht ganz so haeufig vor die Tuer, der Kamin ist manchmal doch einladender als -30 Grad, Schnee und Dunkelheit.

Die Folge: Cabin fever, oder zu deutsch Huettenfieber.

Die Decke faellt einem auf den Kopf, die Waende kommen naeher und man ueberlegt, ob man jetzt nicht doch lieber die Sonne von Barbados zusammen mit den Flippers geniessen moechte.

Doch in Whitehorse gibt es jedes Jahr im Februar die Sourdough Rendezvous (deutsch: Sauerteig Verabredungen), die dieses cabin fever lindern sollen. „Los, wir gehen unter Menschen!“ fordere ich Tyrel auf. „Was willst du denn da?“ „Naja, es gibt lustige Wettbewerbe und Ahornsirup Toffees…“ „Aber die koennen wir doch auch selbst hier herstellen!“ „Keine Widerrede, wir gehen morgen da hin. Wenn du nicht mitkommst, gehe ich mit wem anders.“ „Na gut…“

Schliesslich sind wir in die Weltstadt Whitehorse gefahren und kommen in der Zeit zwischen zwei Wettkaempfen an. Kettensaegenweitwurf war gerade beendet. Die beste Zeit, um alle Fressbuden zu inspizieren und sich nach der letzten Bude beim vielversprechendsten Stand einzureihen. Es gibt einen Cheeseburger in einem Bannock (Indianerbrot, das die Ureinwohner von den ersten schottischen Einwanderern erlernt und abgewandelt haben). Gut ausgeruestet schauen wir ein paar Kandidaten dabei zu, wie sie mit einer Bogensaege ein Stueck Holz absaegen und anschliessend gesaegtes Holz mit einer Axt zerhacken. Meine Finger werden schnell kalt durch den Wind bei -15 Grad. Ich beeile mich mit dem Burger und lasse die Haende in meinen grossen Aermeln verschwinden, waehrend wir weiterschlendern.

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Ich beisse beherzt in den Bannockburger waehrend hinter mir handgesaegt wird.

Als Nachtisch gibt es natuerlich den Ahornsirup-Toffee, der mich hierher gelockt hat. Um ihn herzustellen, wird Ahornsirup aufgekocht und in einer Linie auf verdichteten Schnee gegossen. Nun legt man an ein Ende der Linie einen Eisstiel, wartet etwas und rollt die Ahornsirupmasse am Stiel auf. Fertig ist die kanadische Leckerei. Leider gibt es hier im Norden keine Hartholz-Baeume und somit auch keinen Ahorn. Aber die suedlichen Provinzen produzieren genug fuer uns alle.

Ein Toffee ziert meine Hand, waehrend wir uns die Schneeskulpturen ansehen, die Kuenstler aus verschiedenen Laendern hier ausstellen.

Meine Haende werden wieder etwas kuehl. Zum Glueck finde ich schnell ein Feuer, an dem ich sie wieder aufwaermen kann.

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Ich sitze auf einem Schneeblock vor einem Schneeholzstapel und waerme mir die Finger an einem Lagerfeuer, ganz aus Schnee an das sich auch ein Schneebaum lehnt.

Fuenf Minuten spaeter sehen wir wieder Leuten beim Holzsaegen zu, die dies augenscheinlich zum ersten Mal machen. Ich sehe mich um und bemerke, dass beim Seifenkistenrennen in Salzgitter Steterburg mehr los ist. „Komm Tyrel, lass uns spazieren gehen!“

Der grosse, baertige Mann hat keine Wahl und laeuft neben mir her am Yukon River, der fast komplett zugefroren ist dieses Jahr. „Wie schoen die Sonne scheint…“ Wir gehen eine ganze Weile nebeneinenander her. Die Sonne ist schon so kraeftig und trotzdem dauert es noch eine ganze Weile, bis der Fruehling wieder regiert. Wie komisch, es fuehlt sich schon so nach Fruehling an, trotz der -15 Grad! Da weist mich Tyrel auf etwas hin: „Schau, die Weiden!“

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Die ersten Weidenkaetzchen lugen unter Pulverschnee am Weidenzweig hervor.

„Wie geht das denn? Wachsen Pflanzen nicht nur, wenn es 5 Grad oder mehr sind? Wie koennen Weidenkaetzchen bei diesen Temperaturen einfach so herumplueschen?“ „Es sind Weiden, denen ist das Wetter egal.“ Ich nehme die Logik einfach so hin und freue mich, dass nicht nur ich den Fruehling gespuert habe.

Frostiger Alltag

Von Klimaerwaermung ist diesen Winter nichts zu spueren: Es ist kalt. Sehr kalt.

Wenn es in Deutschland -16 Grad waren (das kaelteste, was ich dort erlebt habe), liefen die Telefone beim ADAC heiss, viele Autos sprangen nicht mehr an und wer nicht vor die Tuer musste, tat es nicht.

Nun ist es hier kaelter. An unserem Blockhaus ist es gerne mal bis zu 16 Grad kaelter als in Whitehorse, und selbst da ist es verdammt kalt.

Wie geht man um mit der Kaelte? Nun, es gibt verschiedene Stufen von kalt.

  1. Alles bis -20 Grad wird so behandelt wie +2 Grad in Deutschland. Man zieht sich morgens eine Jacke an und faehrt zur Arbeit. Wer nett zu seinem Auto ist, laesst es ein paar Minuten laufen, bevor er losfaehrt.
  2. So um -20 bis -25 Grad sollte man den Stecker am Auto in eine Steckdose gesteckt haben (Batteriewaermer und Motorblockwaermer), ca. 30 Minuten sind okay, etwas laenger ist gut. Das Auto vorzuwaermen bei laufendem Motor ist nun spuerbar dem Komfort zutraeglich.
  3. Bei -30 bis -35 Grad sollte man wirklich, wirklich das Auto fuer einige Zeit eingestoepstelt haben. Zwangsweise habe ich das Auto auch versucht, so zu starten, was nach ein paar Ueberredungsversuchen auch geklappt hat. Aber ich hatte viel Mitleid mit dem gequaelten Auto.
  4. Unter -40 Grad gehen Dinge kaputt.

Eines Morgens Mitte Januar wache ich puenktlich um 3:30 h auf, ziehe mich an, putze die Zaehne, heize den Kamin an und schaue auf das Thermometer. Mein Blick bleibt fuer ein paar Sekunden am Zeiger haengen. -46 Grad. Oha.

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Gegen Mittag hat Tyrel netterweise ein Bild vom Thermometer gemacht. Bei Sonnenschein zeigt es immerhin -45 Grad an und nicht mehr -46 wie noch um 3:45 am Morgen.

Letzten Winter habe ich -40 Grad erlebt, bin dann aber einfach nicht rausgegangen. Heute muss ich. Und zwar bald.

Naja, denke ich mir, -6 Grad sind kein Problem, genauso wie -16 Grad. Bei -26 und -36 Grad ist es gut, wenn das Auto eingestoepselt ist und man es vorwaermt und dann ist auch alles okay. Warum sollte es bei -46 Grad anders sein? Auf jeden Fall sollte ich es gut vorwaermen lassen, am besten 15 Minuten.

Schnell ziehe ich mir Jacke, Muetze und Handschuhe ueber und schleiche mit dem Autoschluessel bewaffnet zum Auto. Auf dem Weg dahin atme ich zu tief durch die Nase, die Luft beisst in meine Luftroehre und laesst mich husten. „Bloss flach atmen!“, denke ich mir und oeffne schliesslich die Autotuer und setze mich auf den Fahrersitz.

Die Tuer faellt hinter mir nicht ins Schloss. Nach 8 Versuchen gebe ich auf und stecke den Schluessel ins Zuendschloss bei offener Tuer und drehe ihn um.

Mein Auto starrt mich mit wortlosem Entsetzen an. Es macht kein Geraeusch, jedoch sind die Displays, die normalerweise Uhrzeit und gefahrene Strecke anzeigen, beleuchtet und blank. Nochmals drehe ich den Schluessel in die Ausgangsposition und wieder auf Start, doch nichts geschieht.

„Verdammt!“, denke ich mir. „Wie soll ich denn jetzt zur Arbeit kommen?! Der Truck ist noch nicht eingestoepselt, das wollte ich ja jetzt machen bevor ich fahre. So springt der mit Sicherheit nicht an! AAaah, Auto!!!“ und ich versuche es wieder und wieder. Schliesslich ertoent ein gequaeltes Leiern und das Auto springt tatsaechlich an! Auch wenn die Motorengeraeusche sich noch nicht allzu gesund anhoeren. Aber dafuer waermt es sich ja lang genug auf, bevor ich fahre. Die Gangschaltung befoerdere ich in den Leerlauf. Sowohl Kupplung, als auch Schalthebel lassen sich nur mit erheblicher Kraftaufwendung betaetigen.

Bevor ich wieder ins Haus gehe, muss ich aber noch die Lueftung anschalten, sonst fahre ich in einem Eisblock. Ich stelle die Lueftung von 0 auf 3 und statt Luft kommt mir ein ohrenbetaeubendes „UELUELUELUELUELUELUELUELUELUELUELUELUELUELUE“ entgegen. Nach ca. 10 Sekunden verstummt das Geraeusch und ich habe getan, was zu tun ist. Nach dem Aussteigen laesst sich die Tuer auch nach 15 Versuchen nicht schliessen. Ich lehne sie an, so gut es geht, ziehe den Autostecker aus dem Verlangerungskabel, stoepsel den Truck fuer Tyrel spaeter ein und warte im Haus 17 Minuten ab.

Schliesslich muss ich los. Das Auto ist einigermassen warm von innen. Jedenfall mit Stiefeln, Jacke, Handschuhen und Muetze. Die Autotuer benoetigt weitere 18 Versuche, bis sie schliesst und das Auto aufhoert, vor Protest zu piepen. Und dann fahre ich auch schon los. Die Lenkung, Pedale und Schaltung sind sehr muehsam zu betaetigen aber das Autochen faehrt den Huegel hoch.

Einige Stellen unserer Zufahrtsstrasse sind voller Riffel. Das Auto macht komische Klappergeraeusche und fuehlt sich so fremd an, als wuerde es gleich in der Mitte auseinanderbrechen. In der Mitte der Riffelstrecke schwingt die Fahrertuer auf, laesst sich aber schon beim dritten Versuch schliessen.

Dann fahre ich schon auf der Strasse und anschliessend auf dem Highway. Puh, geschafft, ich bin auf dem Weg, denke ich mir und schalte das Radio ein um eine CD zu hoeren. Das Album Nifelwind von Finntroll ist eingelegt und es laeuft das Lied „I trädens sång“.

Die Lautstaerke ist mir jedoch etwas zu hoch, weswegen ich versuche, den Regler ein bisschen herunterzudrehen.

DAS KLAPPT ABER NICHT, DENN ES WIRD IMMER LAUTER, JE MEHR ICH HERUNTERDREHE!!! (Wer mag, kann die Situation gerne nachstellen ^^)

DANN SCHALTE ICH DAS RADIO EINFACH AUS und hoffe, dass ich keinen Herzinfarkt bekomme, wenn ich es wieder einschalte. Beim naeheren Betrachten sehen die LCD Displays auch nicht besonders gluecklich aus. Sie zeigen zwar Uhrzeit und Distanz an, haben ausserdem noch schwarze Aderchen in ungenutzten Feldern entwickelt.

Etwas weiter auf dem Highway sehe ich merkwuerdige Nebelschwaden, die sich in Bodenhoehe tummeln. Als ich hindurchfahre, bestaetigt sich mein Verdacht: Es ist Kaminrauch von den umliegenden Huetten, der bei diesen Temperaturen nicht emporsteigt, sondern augenscheinlich auf den Boden faellt.

Nach 20 Minuten Fahrt scheinen sich die Displays erholt zu haben und mir ist es moeglich, Fintroll in einer angenehmeren Lautstaerke zu hoeren.

Als ich letztendlich mein Ziel in Whitehorse erreiche, steht mein Auto wie jeden Morgen vor einem verschlossenen Tor. Ich muss das Fenster runterkurbeln und den Sicherheitscode eingeben, bevor es sich oeffnet. Die Zahlen liegen nur so dicht beieinander, dass ich dafuer meinen dicken Handschuh ausziehen muss. Obwohl es in Whitehorse „nur noch“ -36 Grad sind, tut mir meine Hand nach dem kurzen Tippen auf der Tastatur fuer ein paar Minuten weh.

Auf der Arbeit angekommen, stoepsel ich das Auto wieder in eine Steckdose. Ein Verlaengerungskabel habe ich immer dabei.

Ich gehe in mein warmes Buero, freue mich, dass alles so gut geklappt hat und meine Hochachtung vor den Ureinwohnern, die die Behausung teils mit Tranfunzeln gewaermt haben, steigt um ein Vielfaches.

Uebrigens gehe ich durchaus spazieren, wenn es bis zu -35 Grad sind. Man muss das Haus ja auch mal verlassen, sonst gibt es cabin fever, das Huettenfieber, was schon einige Verrueckte hervorgebracht hat.

Zwei Beweisbilder kann ich spontan liefern:

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Ein eisiger Spaziergang im letzten Winter bei -34 Grad. Trotz Gesichtsmaske sind alle feinen Haare von einer Eisschicht ueberzogen.

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Aufnahme von vor ein paar Tagen bei -36 Grad. Die flauschige Kunstfellmuetze ist mehr weiss als braun und auch am Nasenloch der Gesichtsmaske bilden sich Zapfen.

Habt eine gute Woche! 🙂

Job 4: Die Fluggesellschaft

Ja, ich habe einen neuen Job. Diesmal sogar nicht gleichzeitig mit den anderen drei, von denen ich schon berichtet habe.

Das Restaurant von Job 1 schließt im Herbst seine Türen für den Winter, also blieben mir nach unserer Elchjagd nur noch Job 2 im Hostel und Job 3 die Selbstständigkeit mit dem Feuerholz. Beides war unregelmäßig, da ich im Hostel arbeitete, wenn die Hauptangestellte frei brauchte und ich mich zum Holz machen mit Tyrel und dem Wetter einig sein musste. Deshalb hielt ich Ausschau nach einem neuen Job und schaute täglich in die Stellenanzeigen.

Doch ich sah nichts, was mir irgendwie zusagte. Ganz so nötig hatte ich es ja auch nicht, sonst hätte ich irgendeinen Job genommen. Irgendwann bewarb ich mich dann halbherzig für eine Stellenanzeige, die Bauingenieursstudenten im Masterstudiengang suchte. Rückblickend sehe ich, dass meine Berufsbezeichnung einfach zu lang war mit Maschinenbauingenieur und ich auch nicht mehr wirklich studiert hatte.

Ende November fragte mich Fräulein Hostel dann, ob ich nicht vom 19. bis 30. Dezember durcharbeiten möchte inklusive im Hostel schlafen. Ich entgegnete, dass ich es mir überlege und ihr in fünf Tagen Bescheid sage, wenn ich wieder arbeite.

Einerseits hatte ich echt wenig Lust, über die ganze Weihnachtszeit das Hostel kaum verlassen zu können und 15 Stunden pro Tag zu arbeiten. Ich wollte lieber wieder Würste über einem Lagerfeuer grillen und James besuchen. Andererseits ist das ne Stange Geld, mit der ich meine längere Jobsuche mir gegenüber besser rechtfertigen könnte. Ich beschloss also, zuzusagen, wenn ich in der Zwischenzeit keine total verlockende Stellenausschreibung entdecke. Was ja eher unwahrscheinlich war, denn in 1,5 Monaten ist mir nichts interessantes untergekommen.

Zwei Tage vor meiner Galgenfrist sehe ich tatsächlich zwei Anzeigen, die ich interessant finde. Die zweite verwerfe ich wieder, weil ich jetzt wirklich diese eine spezielle Stelle haben möchte.

Eine Fluggesellschaft sucht einen Technical Records Controller für die Flugzeuginstandhaltung. Die Aufgaben sind Ueberprüfen, korrigieren und Verwalten von technischen Dokumenten, Berichte erstellen und so. Die zu erfüllenden Voraussetzungen habe ich auch in der Tasche. Vor allem die letzte Voraussetzung. Da steht „Und am Wichtigsten: Sinn für Humor und jemand, der gerne Spaß hat.“

Herausforderung angenommen! 🙂

Den Rest des Tages aktualisiere ich meinen Lebenslauf und versuche ihn möglichst an die Stelle anzupassen mit den Schlüsselwörtern und Qualifikationen, die sie sehen möchten. Die hab ich zwar alle, aber je nach Job hebt man unterschiedliche Sachen hervor.

Dann noch das Anschreiben formulieren. Nach der Einleitung zähle ich stichpunktmäßig auf, warum ich gut für die Stelle geeignet bin. Und dann kann ich es mir nicht verkneifen. Unter die Stichpunkte schreibe ich:

„Desweiteren kann ich Flugzeuge malen.“

So interessant der Job auch klingt, wenn sie erst nach jemandem mit Humor suchen und mich deswegen nicht einstellen, möchte ich gar nicht da arbeiten. Ich krame meine Stifte hervor und liefere gleich den Beweis für meine Malkünste.

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Ein etwas krummer Düsenjet bringt Farbe in mein Bewerbungsschreiben.

Okay, das hätte wahrscheinlich auch ein Fünftklässler so hinbekommen, wenn er sich Mühe gibt. Aber ich finde es schön. Und wenn ich in der Personalabteilung arbeiten würde, hätte ich mich mit Sicherheit auch gefreut.

Nach dem Wochenende gebe ich meine Bewerbung persönlich ab. Ende der Woche klingelt mein Telefon. Ich bin zum Bewerbungsgespräch eingeladen am Montag! Schnell fahre ich in die Stadt und kaufe mir eine vernünftige Hose plus Oberteil. Meinen langen Wollmantel und schicke Schuhe habe ich aus Deutschland mitgebracht.

An meinem Bewerbungsgesprächsmontag bin ich wider Willen schon ziemlich aufgeregt. Wenn ich nicht überzeugen kann, muss ich in den Hostelknast über Weihnachten als Bestrafung, denke ich mir zum Spaß obwohl das ja selbst auferlegt wäre.

Beim Vorstellungsgespräch sitzen mir zwei junge Leute gegenueber, ich schätze sie auf Ende dreißig. Chelsea ist von der Personalerabteilung und Mark ist der Instandhaltungsdirektor. „Moment mal, warum duze ich die Leute? Ist das hier ein Halligalliladen?“, schießt mir durch den Kopf. „Achtung, andere Kultur“, wiegele ich den inneren deutschen Aufstand ab. Meinen letzten deutschen Chef habe ich in 4,5 Jahren Zusammenarbeit nicht geduzt. Vom Instandhaltungschef natürlich ganz zu schweigen.

Im Bewerbungsgespräch haben Mark und Chelsea einen Fragebogen vor sich liegen, aus dem sie mir abwechselnd eine Frage stellen und meine Antwort notieren. Daneben liegt jeweils eine Kopie meiner Bewerbung. Mit schwarzweiß kopiertem Flugzeuggemälde. Doch dazu stellen sie mir keine Frage, auch nicht zu Stärken und Schwächen, warum ich im Yukon lebe oder was ich in der Lücke meines Lebenslaufes so getrieben habe. Stattdessen geht es um Audits, Selbstorganisation und -motivation, sowie was einen guten Teamplayer ausmacht. Bei manchen Antworten haue ich wohl mächtig auf die Kacke trotz Aufregung. „Das ist mal ne gute Antwort auf die Frage!“ oder „Gute Idee!!!“ höre ich öfters und es scheint keine Höflichkeitsfloskel gewesen zu sein.

Schließlich sind alle Fragen abgearbeitet und es wird sich verabschiedet. „Wann kann ich denn mit einer Antwort rechnen?“ „Wenn es gut läuft schon Donnerstag aber es wird wohl eher Freitag werden.“ Na gut, das ist dann doch absehbar. Und jetzt kann ich eh nichts mehr machen.

Nach dem Bewerbungsmontag folgt ein Hosteldienstag und dann wahrscheinlich ein Holzmittwoch und -donnerstag. „Wenigstens vergeht die Zeit schnell“ denke ich mir, während ich im Hostel Gästen E-Mails beantworte. Da klingelt mein Handy.

Es ist Chelsea. Sie fragt mich, ob mein Angebot noch besteht, dass ich den Job haben möchte, denn sie wollen mich UHUNBEDIHINGT im Team haben. Na klar, da freue ich mich!!! 🙂 „Wann kannst du denn anfangen zu arbeiten?“ „Wie wär’s mit morgen?“ „Sagen wir Montag? Da haben wir schon eine Orientierung mit jemand anderem.“ „Okay, Montag!“

Bevor wir auflegen, kann ich mir eine Frage nicht verkneifen. „Ihr wollt mich jetzt aber nicht nur haben, weil ich so schöne Flugzeuge malen kann?!?“, frage ich mit ernster Stimme. „Das ist ein Teil des ganzen Pakets!!!“ freut sich Chelsea. Ich freue mich auch. 🙂

Auch das Hostelfräulein freut sich für mich. Die Besitzerin des Hostels hat ihr versprochen, dass sie sich um eine Vertretung kümmern wird, wenn ich einen anderen Job habe.

Von der Abgabe meiner Bewerbung bis zum ersten Arbeitstag sind gerade mal 14 Tage vergangen! Ich freue mich auf das Arbeiten in einem Unternehmen, in dem schnelle Entscheidungen getroffen werden können.

Moment mal, ich arbeite wieder in einem Unternehmen? Ist es dann nicht das gleiche wie in Deutschland, nur in grün? Nicht ganz. Hier muss ich nicht extra in den Yukon fliegen, um am Wochenende in der Wildnis zu wandern. Der Job ist gut, um ein wenig mehr Geld in die Kasse zu spülen und macht mir Spaß. Falls sich das dauerhaft ändern sollte, hab ich kein Problem damit, mich umzuorientieren oder einfach so zu kündigen. Ich weiß ja jetzt, dass das ganz einfach ist. 🙂

Mehr Einblicke wird es im nächsten Beitrag geben. Zu Heiligabend wurde jedenfalls bei -30 Grad eine Wurst über dem Lagerfeuer gegrillt!

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Dick eingemummelt roeste ich eine Wurst ueber dem Feuer und trinke Cider.