Philosophie

Mein lieber Winter

Mein lieber Winter,

immer wieder lockst du mich mit warmen Farben aus dem Haus.

Laesst mich wandern, laesst mich wundern. Spielst mit Farben, Bergen, Wolken.

Morgens laesst du dir einen dramatischen Auftritt einfallen fuer die helle Tageszeit. Erst kuendigst du mit Wolken an.

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Ueber einer noch dunklen, schneebedeckten Landschaft sind einzelne Wolken hell erleuchtet.

Wo sonst Bergketten den Horizont markieren, hast du heute einen Vorhang zugezogen.

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Hinter schwarzen Tannen kann man nur erahnen, dass Berge hinter den Wolken versteckt sind.

Du laesst mich weiter wandern um den richtigen Ausblick zu haben.

Selbst ein Spaziergang auf einer oeffentlichen Strasse scheint mit dir wie eine Wanderung im Gemaelde.

Auf dem Rueckweg laedst du mit den ersten Strahlen zum Staunen ein.

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Die goldene Sonne geht auf und wirft ein paar Strahlen auf die Strasse vor mir.

Vom Huegel auf unserem Grundstueck bewundere ich noch ein wenig deine Schoenheit, bevor ich mich wieder auf uns warme Haus mache.

Ich liebe die Morgenstimmung am meisten. Doch auch am Nachmittag bestichst du mit deinen Reizen.

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Die Sonne kurz vor dem Versinken im Westen ueber der Schneelandschaft.

Die Fussspuren im Schnee sind tief, der Himmel ist blau und alles so weiss.

Doch dein Schnee ist nicht nur weiss. Er hat viele verschiedene Schattierungen und Strukturen.

Mein lieber Winter, musst du auch bald gehen, ich freu mich schon auf deine Rueckkehr. Und auch du freust dich schon auf mich. Sonst wuerdest du mich nicht so fest in die Wangen kneifen, bis sie ganz rot werden!

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Bison Jagd – der dritte Versuch (Achtung, blutige Bilder, langer Beitrag!)

Es ist Mitte November 2017. Tyrel und ich haben ganze fuenf Tage zusammen frei! Schnell beschliessen wir, wieder auf Bisonjagd zu gehen. Die letzten beiden Male hat es zwar nicht geklappt (und auch der Elchversuch wurde nichts) aber auf dem Sofa vor dem Kamin sind die Jagdchancen gleich Null! Ausserdem ist das Campen im Winter immer wieder besonders schoen, wenn auch nicht sehr komfortabel. Die Wettervorhersage schwankt zwischen -25 und -30 Grad. Brrr.

Eigentlich wollten wir uns ja ein Schneemobil anschaffen. Die letzten zwei Jagdversuche haben gezeigt, dass man ohne solches keine reellen Chancen hat, da die Bisons gleich am Anfang der Saison von den ersten Jaegern ins Hinterland gescheucht werden. Und zu den Orten, an denen sich die Herde dann aufhaelt, genuegt auch ein strammer Dreitagesmarsch nicht. Die Strapazen, das ganze Tier dann mit dem Schlitten nebst Ausruestung zurueckzuziehen, will ich mir gar nicht vorstellen.

In unser Budget passte nur ein ziemlich gebrauchtes Schneemobil und der Kleinanzeigenmarkt gab nichts her, was Tyrels Anspruechen genuegte. Ich kenne mich nicht aus mit Schneemobilen, daher vertraue ich einfach seiner Expertise.

An einem freien gemeinsamen Vormittag vor unserer freien Zeit fahren wir also gemeinsam raus zu unserer letzten Bisonjagdstelle und wandern zu dem Ort, wo wir im Januar 2017 unsere Schlitten mit Ausruestung ueber einen zugefrorenen Fluss gezogen haben. Einfach um zu gucken, wie viele Schneemobilspuren schon zu sehen sind. Vielleicht sind die Bisons ja noch gar nicht vertrieben!

Vor Ort erwartet uns eine gute und eine schlechte Nachricht. Gut: Noch keine Spuren von Schneemobilen! Schlecht: Der Fluss ist noch nicht zugefroren!!!

Nach langem Ueberlegen, waten im Fluss und Gummistiefeln voller eisigem Wasser dann die Ueberlegung: „Wir koennten an dieser Stelle vielleicht mit dem Truck durch den Fluss fahren!“ Wenns klappt, super! Wenns nicht klappt, ganz grosser Mist. Dann muessen wir versuchen, den Truck mit Seilwinde irgendwie wieder rauszuziehen. Bei -25 Grad, im Wasser. Aber Tyrel zeigt sich zuversichtlich, wenn wir nur Schneeketten und genug Last im Truck haben. Wir beschliessen, unseren Freund James nach Rat und ggf. seinen Segen zu fragen, immerhin wohnt er schon etliche Jahrzehnte im Yukon.

James haelt das Vorhaben fuer moeglich. Allerdings fuegt er hinzu, dass er zu alt fuer den Scheiss ist und keine Lust haette, den Truck selbst aus dem Fluss zu ziehen im Fall der Faelle. Aber in unserem Alter, klar.

Wir packen also reichlich Proviant und Wechselklamotten zu den ganzen Jagdutensilien. Einen Tag vor Abreise kommt mir dann aber noch eine Idee!

Eine Nachricht ging vor kurzem durch ganz Kanada und vor allen den Yukon. Bei der Bisonjagd hat ein pensionierter Forstbeamter ein Bison angeschossen, welches daraufhin zurueck in den Wald gewandert ist, als waere nichts passiert. Nach 20 Minuten Warten ist er dem Bison nachgegangen, um es zu erlegen. Fataler Fehler: Das Gewehr hatte er dabei auf den Ruecken geschnallt! Im Wald ueberrascht das Bison ihn dann und fuegt ihm etliche Verletzungen zu, bis es keine Lust mehr hat, ihm um einen Baum herum nachzujagen. Dann wird es schliesslich erlegt. Wer die originale Geschichte lesen, will, klicke hier.

Meiner Meinung nach waren es zwei Fehler, die der Jaeger begangen hat:

  1. Wenn man in den Wald geht, um ein verwundetes Tier zu suchen, sollte man das Gewehr bereits in der Hand halten.
  2. Wenn ich nicht sicher bin, ob ich das Tier gut treffen kann, schiesse ich nicht. 250 Meter ist ne Menge, wenn man nicht sehr erfahrener Schuetze ist und je nach Kaliber laesst dann auch die Schusskraft schon entscheidend nach.

Jetzt aber zurueck zu meiner Idee: Der besagte Jaeger war nicht alleine auf Jagd, sondern begleitet von seinem 72jaehrigen Freund Fred, der sich zur Zeit der Bisonattacke im Truck ausgeruht hat. Wir kennen Fred, da wir einen gemeinsamen Freund haben! Meine Idee also: Wir koennen doch einfach mal nett fragen, wo sich dieses Drama abgespielt hat. Wenn da ein Bison war, haengt da vielleicht noch ein zweites rum.

Nach einem Telefonat steht der Plan. Wir werden alles packen wie geplant, fahren zuerst zur Stelle aus den Nachrichten, wandern ein wenig herum und dann, wenn wir nichts sehen, geht es mit dem Truck hoffentlich sicher durch den eisigen Fluss.

Schliesslich ist es soweit. Wir fahren los und finden auch die beschriebene Abfahrt vom Highway und die weiteren Gabelungen, die uns zum Tatort des Bisonangriffs bringen. Nachdem wir etwas gefahren sind, parken wir den Truck und steigen aus, um uns etwas umzusehen.

Nach einer Minute finde ich Bisonspuren im Schnee!! Es schneit jedoch ein bisschen und es herrscht auch leichter Wind, sodass man nicht genau sagen kann, wie alt die Spuren sind. „Vielleicht von letzter Nacht.“ schaetzt Tyrel. Natuerlich folgen wir den Spuren um zu sehen, wohin das Bison letzte Nacht gewandert ist.

Die Spuren den Bison fuehren zu einem kleinen See und dann am linken Ufer entlang. Sie verlaufen nicht geradeaus, sondern immer mal wieder zu Buschwerk und Baeumen, dann und wann ist etwas Schnee aufgekratzt. Wahrscheinlich hat es nach Futter gesucht auf seinem Weg.

Schliesslich fuehren die Spuren einen Hang hinauf auf ein Plateau. Tyrel und ich kraxeln hinauf.

„BISON!!!“ schreifluesstert Tyrel.

Ca. 20 bis 30 Meter vor uns steht tatsaechlich ein Bison.

Mein Herz faengt an zu rasen, ich kann es nicht fassen.

Tyrel laedt das Gewehr und zielt.

Doch das Bison hat uns auch entdeckt und schaut uns direkt an. Ganz ruhig steht es da und guckt. Bewegt sich nicht.

So kann natuerlich nicht geschossen werden. Man muss das Tier von der Seite erwischen. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Schuss Lunge und/ oder Herz trifft und das Tier moeglichst schnell stirbt. Ein Kopfschuss kann schnell abprallen durch die dicke Schaedeldecke oder nicht-lebenswichtige Bereiche des Hirns treffen. Wuerde man das Tier frontal in den Brustbereich schiessen, ist das Brustbein im Weg und die Gefahr ist gross, dass der Schaden nicht an Herz und Lunge, sondern den Eingeweiden auftritt und das Tier unnoetig leidet sowie das Fleisch verunreinigt wird.

Das Bison muss sich also langsam zur Seite drehen! Wenn es so verharrt, kann Tyrel nicht schiessen. Wenn es wegrennt, ist das Ziel wahrscheinlich zu unsicher und wenn es auf uns zurennt dann muessen wir uns wahrscheinlich auch einen Baum suchen, um den wir herumrennen koennen.

Das Bison starrt. Und starrt. Tyrel zielt. Und ich? Ich halte mir die Ohren zu, mein Herz rast wie verrueckt und ich kann nicht aufhoeren, schnell durch den Mund zu atmen. Wahrscheinlich wirke ich gerade mehr als idiotisch! Meinen Blick kann ich nicht vom Bison wenden.

Da fuehle ich Tyrels Arm an meinem und ich hebe die Haende von meinen Ohren. „Sei leise! Du atmest total laut!!!“ Ja, recht hat er aber ich bin aus der Puste wie nach einem Langlauf! Ich versuche also halbwegs leise zu atmen und das dann auch noch durch die Nase.

Das Bison bewegt sich. Ganz langsam. Erst den Kopf. Dann geht es einen Schritt zur Seite und der Koerper steht schliesslich seitwaerts zu uns.

Ein Knall.

Ist das Bison getroffen?? Es bewegt sich langsam und… dreht die andere Koerperseite zu uns!!

Tyrel laedt nach und ein weiterer Knall ertoent.

Das Bison dreht uns den Hintern zu und geht gemaechlich ein paar Schritte zum naechsten Baum. Dort legt es sich auf die Seite.

Tyrel geht auf das Bison zu, ich halte ihn am Arm fest. „Lass es in Ruhe sterben!! Wenn du es erschreckst, steht es nochmal auf und rennt weg!!“ „Ich moechte doch nur eine bessere Sicht haben, damit ich nochmal schiessen kann, falls es aufsteht.“ „Okay, aber lass es in Ruhe! Ich hole den Truck.“

Atemlos laufe ich durch den Schnee bei -25 Grad den Hang hinunter. Dann beschliesse ich, dass es jetzt auch nicht mehr auf eine Minute ankommt und gehe einfach schnell. Ich kann es nicht fassen. Ein Bison!!

Nach 10 Minuten Fussmarsch erreiche ich den Truck und fahre ihn rueckwarts an den Hang hinan. Tyrel kommt mir entgegen. „Es ist tot, ich hab es ihs Auge gepiekt.“ Ins Auge pieken ist uebrigens ein ueblicher Test zu ueberpruefen, ob ein Tier tot ist. Der Reflex, das Auge zu schliessen, wenn etwas hineinpiekt, ist einer der letzten, der versagt.

„Als erstes muessen wir ein Feuer starten. Unten am See habe ich ein paar tote Baeume gesehen. Ich werde die gleich in Stuecke saegen und du kannst mir helfen, alles zum Bison zu tragen.“

Tyrel schnappt sich die Kettensaege, gestiftet von Oma und Opa, und ich greife mir den gelben Kinderschlitten, um schon Messer, Fleischbeutel, Aexte und sonstige Utensilien zum Bison zu bringen. Achja, die Kamera nicht vergessen.

Waehrend die Kettensaege vom Seeufer ertoent, stehe ich vor dem toten Bison und versuche irgendwie Danke zu sagen. Aber wie? Keine Worte die ich kenne, koennen Mitleid, Dankbarkeit, Trauer und Freude so ausdruecken, wie ich das alles jetzt empfinde. Ich streichel den Bisonkopf und sage einfach „Danke“.

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Der Bisonkopf ruht im Schnee.

 

Ein wenig merkwuerdig sieht der Kopf vom Bison schon aus, denke ich mir. Irgendwie verbeult. Andererseits hab ich ja auch wenig Vergleichsmoeglichkeiten mit auf der Seite liegenden Bisons von Nahem bislang.

Kurz haenge ich meinen Gedanken nach, dann steige ich hinab zum Geraeusch der Kettensaege. Schliesslich liegt eine Menge Arbeit vor uns.

Das ganze gesaegte Holz wird den Hang hochgeschleppt, dann hacken wir Holz mit der Axt und starten ein Feuer. Das Feuer brauchen wir unbedingt, um die Messer und Haende aufzuwaermen wahrend des Haeutens. Wenn Blut oder Fett am Messer festfriert (bei -25 Grad sehr wahrscheinlich) ist die Klinge stumpf und schneidet nicht mehr. Und auch die Finger werden durch die nassen Handschuhe kalt und unbeweglich. Im Herbst und Sommer muss man sich darum keine Gedanken machen.

Es handelt sich uebrigens um ein maennliches, sehr junges Bison. Ein Blick in das Maul verraet, dass es gerade die Milchzaehne verliert und die Hoerner zeigen nach oben, das heisst es ist etwa drei bis vier Jahre alt. Zum Groessenvergleich ein Bild zusammen mit mir.

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Ich knie hinter dem Bison im Schnee. Bis auf den aufgeblaehten Bauch ist das Bison nicht sehr maechtig.

Sobald das Bison stirbt, kann das natuerlich entstehende Gas in den vielen Maegen nicht mehr hinaustransportiert werden. Deshalb schwillt der Bauch an.

Als erstes muss das Bison auf den Ruecken gedreht werden, damit mit dem Haeuten begonnen werden kann. Unser Bison ist klein und kann problemlos mit zwei Personen bewegt werden. Allerdings ist es schwierig, es auf dem hohen Nackenkamm zu balancieren. Daher nehmen wir zwei Holzscheite zur Hilfe, die wir links und rechts an die Seiten klemmen.

 

Das Ende vom Brustbein wird erfuehlt und die Haut vorsichtig eingeschnitten. Man moechte schliesslich nicht die Eingeweide verletzen, die ziemlich unter Druck stehen.

Das Haeuten dauert ein paar Stunden. Man moechte vorsichtig vorgehen, damit keine Loecher im Fell entstehen und auch das Fleisch nicht unnoetig angeschnitten und beschaedigt wird.

Schliesslich ist das Bison entkleidet und liegt auf seinem Fell wie auf einer Decke.

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Die ersten Hufglieder werden abgetrennt und schliesslich auch der Kopf, den Tyrel mit der Axt vom Koerper trennt.

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Der Bisonkopf liegt abgetrennt im Schnee.

Leicht ist jetzt am Kopf zu erkennen, dass eine Seite stark geschwollen ist. Das Bison konnte wahrscheinlich nicht mehr gut sehen auf der Seite und muss Schmerzen gehabt haben. Vielleicht hatte es Zahnschmerzen, weil es Probleme mit dem Wechsel von Milchzaehnen zu normalen Zaehnen gab? Auch die Hoerner sehen etwas asymmetrisch aus.

Um den Ruecken vom Fell zu trennen, muessen wir die Holzkeile entfernen und das Bison erst auf die eine, dann auf die andere Seite drehen. Das Fell bleibt dabei die ganze Zeit als saubere Unterlage fuer das Fleisch liegen.

 

Der naechste Schritt ist normalerweise das Ausweiden. Da die Innereien aber so unter Druck stehen, kann es sein, dass sie beim Ausweiden explodieren und saemtliches Fleisch verunreinigen. Daher entscheiden wir uns dafuer, zunaechst die Keulen zu entfernen, damit diese bei einer moeglichen Explosion nicht verunreinigt werden koennen.

Jetzt, wo nur noch der aufgeblaehte Rumpf des Bisons vor uns liegt, fasst sich Tyrel ein Herz und oeffnet ganz vorsichtig die Bauchdecke. Ein grosser Ballon kommt uns entgegen. Tyrel schafft es tatsaechlich nichts zu beschaedigen, sodass die Innereien zum Glueck nicht explodieren. Alles bleibt frei von Magen- und Darminhalten.

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Ein riesiger Ballon voller Maegen und Eingeweide entspringt dem nun klein aussehenden Bisonrumpf. Daneben liegen Fell und Kopf.

Nach dem Ausweiden steht der Transport zum Truck an. Hierbei ist wichtig, dass man das ganze Fleisch zuerst transportiert und erst zum Schluss das Fell und den Kopf. Wenn man naemlich zuerst den Kopf zum Truck bringt und dann ein Mitarbeiter der Jagdbehoerde vorbeikommt, ist es so, als wolle man das Fleisch da vergammeln lassen. Und das ist strafbar. Von einem Bison muss alles Fleisch verwendet werden. Kopf und Fell ist optional. Das ist anders beim Baeren, bei dem man das Fell verwenden muss, das Fleisch aber zuruecklassen kann. Das finde ich ungerecht. Wenn man ein Tier toetet, dann soll man es meiner Meinung auch essen und das Fleisch nicht verkommen lassen. Dabei ist es egal, ob es sich um Bison oder Baer handelt, bei richtiger Zubereitung ist beides gesund und lecker.

Als alles Fleisch und schliesslich auch Kopf und Fell im Truck verstaut sind, muessen wir natuerlich noch aufraeumen. Unsere ganzen Sachen nehmen wir mit. Dann sind nur noch die Eingeweide da und das Feuer.

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Der riesige Haufen Eingeweide ist groesser als das Feuer aus aufgetuermten Holzscheiten.

Tyrel erklaert mir, dass wir noch die Eingeweide auf das Feuer rollen muessen. „Warum denn?“ wundere ich mich, schliesslich ist das Feuer nun wirklich nicht in der Lage, die Eingeweide zu verbrennen. „Der Geruch, der entsteht, ist kilometerweit wahrnehmbar fuer alle Fuechse, Kojoten, Woelfe und Raben. Und meinst du nicht, die freuen sich bei diesen Temperaturen ueber eine warme Mahlzeit?“ Na gut, das leuchtet ein!

Als ich das abschliessende Bild von den Eingeweiden auf der Feuerstelle und dem zerlegten Bison im Truck schiessen moechte, gibt der Akku meiner Kamera entgueltig den Geist auf. -25 Grad sind nicht sehr batteriefreundlich.

Waehrend wir nach Hause fahren, wird es Nacht. Ich kann immer noch nicht glauben, was passiert ist. Zweimal fahren wir hinaus in die Wildnis und ziehen tagelang Schlitten durch den Schnee hinter uns her und sehen nichts. Und dann koennen wir den Truck fast 100 Meter an das Bison heranfahren? Verrueckt.

Zuhause stellt sich erstmal die Frage, wo wir das Bison lagern. Wir wollen es die naechsten Tage ueber zerlegen und unsere Wohntemperatur zu warm, die Aussentemperatur zu kalt, der Kuehlschrank zu klein. Schliesslich kleiden wir unser Naehzimmer komplett mit neuen Planen aus, oeffnen das Fenster ein bisschen und schliessen die Tuer. Das Thermometer bestaetigt die perfekte Kuehlschranktemperatur.

Jetzt, wo wir fuer heute Feierabend machen koennen und sich die Aufregung legt, merken wir, wie hungrig wir sind. Schnell rolle ich einen Fertig-Pizzateig aus, backe ihn vor und bereite den Pizzabelag vor. Tomatensauce, Gewuerze, Mais, Spinat, KAESE und… haben wir noch etwas Fleisch? Aeehm… einen ganzen Raum voll?

So entsteht das erste Gericht mit Bisonfleisch: Bisonpizza.

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Ein Blech voller Bisonpizza stillt den grossen Hunger.

Als wir dann auf dem Sofa sitzen und verdauen, werde ich ganz traurig.

Ich fuehle mich so hilflos und kann es einfach nicht verstehen. Vor einigen Stunden hat mich ein Bison angeschaut. Jetzt liegt ein Fleischberg in unserem Naehzimmer. Wo in aller Welt ist das Bison hin?!? Wo ist das, was sich bewegt hat? Was ist der Unterschied zwischen lebendig und tot und wohin kann er so ploetzlich verschwinden??

Warum hat das Bison Schmerzen gehabt? Mit welchem Recht koennen wir es essen? Warum muessen wir Tiere oder Pflanzen essen zum leben? Und in was fuer einer Gesellschaft leben wir eigentlich, dass mich die Realitaet dieser Fragen erst im Alter von 29 Jahren erwischt?!?

Ganz in Ruhe konnte ich mit Tyrel ueber alles reden. Er glaubt, dass es einfach eine Art Elektrizitaet ist, die das Bison vom Fleischberg unterscheidet. Die Elektrizitaet war in dem Bison, sie ist in uns und auch in einer Zuendkerze, wenn wir ein Auto starten.

Vielleicht muss Leben vergehen, damit Leben entsteht und Leben erhalten wird. Und spielt es dabei eine Rolle, ob es eine Pflanze ist, die ihr Leben gibt oder ein Tier, solange es respektvoll geschieht? Ich glaube, beide koennen fuehlen.

Warum bietet unsere Gesellschaft oder Kultur keine Hinweise, wie man seine Dankbarkeit und seinen Respekt ausdruecken kann, fuer ein Lebewesen, dass einen naehrt? Warum klammern wir alles aus, was mit diesen komplexen, widerspruecklichen Gefuehlen zu tun hat? Nimmt es uns nicht ein Stueck Realitaet?

In den naechsten Tagen zerlegen Tyrel und ich das Bison Stueck fuer Stueck und frieren die Stuecke ein.

Als wir die beiden Hinterkeulen zerlegen, bemerken wir grosse Verletzungen an beiden Keulen, die wir grosszuegig hinausschneiden muessen. Es sieht so aus, als waere das Bison von einem anderen Bison in den Hintern gespiesst worden. Vielleicht haben sie gemerkt, dass es Zahnschmerzen hat und nicht ganz gesund ist, und es daher aus der Herde vertrieben. Das kleine Bison tut mir noch ein Stueck mehr leid.

Doch da muss ich an eine Weissheit der Ureinwohner denken. Sie sagen, dass in dem Moment, in dem du ein Tier erlegst, gibt es freiwillig seinen Leib, um dich zu naehren. Es ist ein grosses Geschenk, was dir widerfaehrt. Sei dankbar und handle mit Respekt.

Der Gedanke hilft mir. Und war es nicht tatsaechlich ein bisschen so, dass sich das Bison nach langem Starren einfach in die perfekte Position zum Abschuss gestellt hat, gleich zwei Mal?

Spaeter, beim Zerlegen der Vorderkeulen, mache ich noch eine Entdeckung.

Das Projektil vom ersten abgegebenen Schuss hat die Vorderkeule getroffen und ist nach ca. 2 cm Eindringtiefe von einer dicken Sehne gestoppt worden. Das erstaunt Tyrel und mich sehr. Immerhin war das Bison nur ca. 20 Meter von uns entfernt, Wir haben das empfohlene Kaliber und Geschoss verwendet, sowie superteure Premium-Munition. Wir beschliessen, ein staerkeres Gewehr zu kaufen, wenn wir das naechste Mal auf Bisonjagd gehen. Am besten eins fuer Elefanten.

Und wieder bin ich dankbar, dass das Bison sich nocheinmal auf die andere Seite gewandt hat, sodass schliesslich Herz und Lunge getroffen wurden. Es haette ja auch verwundet weglaufen koennen.

Auch wenn diese Erfahrung zum Teil traurig war, habe ich sehr viel gelernt, was ich nicht missen moechte. Ein bisschen verwundert bin ich, dass mich der Tod des Baeren nicht so traurig gemacht hat. Allerdings kam der ja auch zu uns und hat sich nicht ganz korrekt verhalten.

Danke an alle, die diesen langen Beitrag ganz bis zum Ende gelesen und diese lehrreiche Zeit nochmals mit mir durchlebt haben! 🙂

Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen!

Meine Tage auf der Farm neigen sich dem Ende zu. Daher moechte ich meine Erfahrungen hierzu zusammentragen.

Vorteile/ Pro Farming:

  • Arbeiten draussen macht gute Laune und nen roten Kopp.
  • Man lernt viel ueber Pflanzen, Tiere und wie man beides in der jeweiligen Klimazone grosszieht.
  • Bewegung an der frischen Luft – schon die aelteren Generationen schworen drauf!
  • Schweine kraulen.
  • Man kann ganz dolle viel essen und es schmeckt alles wunderbar.
  • Koerperliche Arbeit macht den Kopf frei, die Gedanken ordnen sich wunderbar.
  • Am Ende der Arbeit kann man das angebaute Gemuese essen!!!

Nachteile/ Kontra Farming:

  • Das Wetter ist immer schlecht, egal wie es ist.
  • Unkraut. Viel Unkraut. Noch mehr Unkraut.
  • Haende und Fuesse werden trotz Waschens nicht mehr sauber.
  • Da unsere Supermarkt-Lebensmittel groesstenteils grossindustriell und/ oder in Billiglohnlaendern produziert werden: Keine Kohle!

 

Der letzte Punkt war dann der entscheidende, dass ich meine Farmerkarriere an den Nagel haengen werde. Es ist nie Geld da. Und jetzt noch weniger. Ich kann nicht mehr bezahlt werden fuer meine Arbeit, die ich verrichte. Und der Lohn enspricht sowieso eher einer geringen Aufwandsentschaedigung.

Bart und Kate tun mir leid und ich moechte ihnen gerne aushelfen. Aber ich habe fuer mich entschlossen, dass ich da eine Grenze ziehen muss. Ich kann ihnen aushelfen, indem ich auf einen besseren Lohn verzichte. Aber ganz ohne Geld geht es leider auch in Kanada nicht. Mein ganz persoenliches Ziel ist es ja, dass ich den kommenden Winter in etwas Isoliertem verbringen kann. Und dafuer muss man einfach ein paar Scheine auf den Tisch legen, die erstmal verdient werden wollen.

Gestern morgen wurde mir die kommende Zahlungsunfaehigkeit eroeffnet. Gestern nachmittag fuhr ich in die Stadt und bekam waehrend eines Restarantbesuchs ein Jobangebot von einer Freundin, die ein paar Unternehmen in der Stadt hat. Ich habe noch nicht einmal ueber eine drohende Arbeitslosigkeit nachdenken koennen, da war ich schon wieder verplant. Irgendwie laeuft es also. 🙂

Ueber meine neue Taetigkeit werde ich berichten, wenn es soweit ist. Ein paar Dollar mehr pro Stunde sind drin und wahrscheinlich auch ein Dienstwagen… Ich bin schon selbst gespannt und freue mich schon auf neue Erfahrungen!

Ein Schmankerl noch zum Schluss: Ich habe mein Passfoto aus dem internationalem Fuehrerschein aus Deutschland mit meinem juengst erworbenen kanadischen Lappen verglichen.

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Links ist die Gesichtsfarbe weiss wie das Papier, rechts hingegen brauner als die Recycling-Serviertte!

Mal sehen, was ich von der Gesichtsfarbe in den Winter retten kann!

Ein Jahr Kanadahr!

Wie der Titel frecherweise schon verrät: Ein Jahr ist um, seitdem ich mit einem Koffer in ein Flugzeug stieg und auf in ein neues Leben flog. Zeit für ein Zwischenresümee? 

Rückblickend muss ich sagen, dass die ersten Monate nicht immer ganz einfach waren. Man kommt als Erwachsener in eine​ Situation, in der man wieder ein bisschen Kleinkind ist. Man versteht nicht so Recht, wie dieses System um einen herum funktioniert. Kombiniert mit der Tatsache, dass ich in Deutschland ganz genau wusste, wie der Hase läuft, fühlt man sich ein bisschen hilflos.

Dann fällt auch noch das Einkommen weg, die Bestätigung durch den Job und die guten Freunde. Also steht man da und… Steht einfach da. Man weiß ja gar nicht so recht, was man sonst machen soll.

Zum Glück hatte ich drei Sachen, die mir geholfen haben:

A)tens habe ich einen lieben Partner an meiner Seite, der mich mit reichlich Abenteuern in Stimmung gebracht hat und mit dem ich seit einem Jahr auf 10 qm Wohnfläche bestens zurechtkomme.

B)tens habe ich mit meinen Freunden ja auch weiterhin Kontakt. Das ist immer wieder schön, sich auszutauschen und​ zu hören, wie sich alles entwickelt.

C)tens sah ich kurz vor Abreise noch eine Dokumentation über Auswandern, in der auch eine Expertin befragt wurde, die Auswanderern hilft, sich im neuen Land zurecht zu finden. Als sie nach Tipps für Auswanderer befragt wurde, sagte sie, sie habe eigentlich nur zwei Tipps. Lernt die Sprache so gut es nur irgendwie geht und bleibt mindestens ein halbes Jahr da, besser noch ein Jahr. Egal, wie schrecklich alles ist.

Und obwohl bei mir ja gar nicht alles schrecklich war… Nach einem halben Jahr waren die anfänglichen Startschwierigkeiten plötzlich weg! Irre!

Das passt komischerweise genau mit einem Tipp eines ehemaligen Arbeitskollegen zusammen, den ich nach den ersten Wochen in der neuen Abteilung nach dem Studium fragte, wann denn nicht mehr jeden Tag alles neu auf einen einprasseln würde. Er sagte mir, ich solle einfach sechs Monate jeden Tag morgens zur Arbeit gehen und auf einmal fühlt es sich so an, als hätte ich tatsächlich Ahnung von den meisten Sachen. Genauso war es auch damals! Diese sechs Monate scheinen irgendeine magische Eingewöhnungsdauer zu sein, die entweder noch in keinen Studien entdeckt worden oder die noch nicht an mein Ohr gedrungen sind.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich hier in Kanada bedeutend glücklicher bin als in Deutschland. Woran das liegt, weiß ich nicht genau. Aber ist mir auch ziemlich egal; ich lächel lieber dümmlich, als mir weise die Stirn in Falten zu legen. 🙂

Vielleicht liegt mir die Kultur einfach persönlich etwas mehr. Dieses „Muss ja…“ aus Deutschland kenne ich hier nicht. Wenn jemand hier nicht zufrieden ist mit seinen Lebensumständen, seinem Job oder was auch immer, dann ändert er das. Hier habe ich dieses Meckern auf hohem Niveau einfach noch nicht erlebt. Das Arbeiten müssen um der Familie den Lebensstandard zu sichern, aber sich gleichzeitig weit weg zu sehnen, das ist hier gesellschaftlich nicht so sehr anerkannt. Dafür gibt es auch wenig Stigma, wenn jemand eher ungewöhnlich lebt. Wenn ich hier jemandem erzähle, dass ich als Maschinenbauingenieur meinen sicheren Job aufgegeben habe, damit ich in einem kleinen Trailer zusammen mit meinem Mann lebe und auf einer Biofarm arbeite… Ok, cool! 🙂

Ich kann total dreckig in ein Restaurant, zur Bank oder sonstwohin gehen und werde freundlich bedient, ohne mich komisch fühlen zu müssen. Das gefällt mir sehr gut.

Wenn ich mehr als ein Jahr zurückblicke, auf meinen Entscheidungsprozess nach Kanada zu gehen: Wäre ich nochmals in der Situation, würde mir die Entscheidung noch leichter​ gefallen, zu gehen.

Ich habe in einem Jahr hier schon so viele Abenteuer und Erfahrungen gesammelt, wie in vielen, vielen Jahren in meinem alten Leben zusammen. Was in einem weiteren Jahr in Deutschland passiert wäre, kann ich natürlich nicht genau wissen. Aber sobald der Job sicher, die Weiterbildungen beendet und die Wohnung edel genug eingerichtet ist… Okay, vielleicht noch ne Beförderung, ein Hausbau, eine Familie gründen. Aber das alles hätte nicht die Sehnsucht und das Fernweh in mir stillen können. Es hätte sich für mich eher nach Ablenkung angefühlt. 

In einem Jahr hier habe ich gelernt zu backen, zu kochen und einzumachen, die sichere Handhabung von Feuerwaffen, zu schießen, zu jagen und zu verwerten, Bio-Gemüse anzubauen und Tiere zu mästen, Feuerholz zu sägen und spalten, schnell ein warmes Feuer im Ofen zu entfachen, im Winter nicht zu (er)frieren und vor allem, wie wenig mir materielle Dinge wichtig sind.

Ich persönlich glaube ja, dass alle Antworten auf die großen Fragen in unserem Leben schon in uns drin sind. Wir müssen nur lernen, genau zuzuhören. Meine Antwort sind die Berge und Wälder, die harten Winter und großen Wildtiere. Ich freue mich für jeden, der seine Antwort in sich selbst gefunden hat, wie immer sie auch lauten mag. Egal, ob das ein schickes Eigenheim mit Whirlpool beinhaltet, weniger Stress zu haben oder sich nur noch von Blumen zu ernähren. 🙂
… Hast du deine Antwort schon gefunden? Ich bin neugierig!

Wenn die Muelltonne dreimal raschelt… (Achtung, blutige Bilder)

Samstagmorgen, die Welt dreht sich wie ueblich um ihre Achse, waehrend in einem Trailer in der kanadischen Wildnis sich entspannt wird.

Doch die uebliche Stille haelt nicht wie ueblich an. Erst ein Geraeusch. Vielleicht ist ein Eichhoernchen auf etwas gesprungen und es ist umgefallen? Die nachfolgenden Geraeusche machen klar: Das ist kein Eichhoernchen. Noch nicht mal ein sehr dickes Eichhorn. Da ist etwas Grosses. Und es ist maechtig mit unserer Muelltonne beziehungsweise deren Inhalt beschaeftigt.

Was ist also zu tun? Tief durchatmen, Munition in das 30-06 Gewehr und leise, leise die Lage ueberpruefen. Vielleicht ist es ja auch nur ein Nachbar? … eher unwahrscheinlich.

Ungefaehr 10 Meter entfernt bestaetigt sich der Verdacht. Ein Baer, genauer gesagt ein Amerikanischer Schwarzbaer durchwuehlt die mittlerweile geoeffnete und umgestossene Muelltonne. Mit lauten Geraeuschen wird er hoffentlich von seinem derzeitigen Projekt vertrieben werden. Tueren knallen, es wird laut gerufen und sonstiger Laerm veranstaltet um dem Kumpanen klar zu machen, dass das hier nicht in Ordnung ist.

Keine Chance, Meister Petz zeigt sich aeusserst unbeeindruckt und faehrt einfach fort.

Waere er einfach davongerannt, haetten wir den Muell aufgeraeumt und waeren wieder zur Tagesordnung uebergegangen. Aber durch sein Verhalten ist er zum Problembaeren geworden. Ein Baer, der keine Angst vor Menschen zeigt und lernt, dass es okay ist, Muell zu verspeisen, kann gefaehrlich werden.

Nach langem Warten fuer den richtigen Moment (schliesslich bewegt sich das Ziel und es sind reichlich Aeste im Weg) faellt ein Schuss. Der Baer springt und laeuft noch wenige Meter, bis er unter einem Baum zur Ruhe kommt. Dann ist Stille. Und wir warten. Schliesslich moechte man sicher sein, dass der Baer ziemlich dolle tot ist, bevor man sich naehert um sich restlos davon zu ueberzeugen.

Schliesslich naeherten wir uns dem Kollegen. Mit Waffe. Am besten ueberprueft man den Tod, indem man ins Auge piekt. Ist zwar fies, aber wer da nicht blinzelt, ist reichlich tot oder sonst wie nicht mehr zu einer Reaktion faehig. Anschliessend stellten wir das Geschlecht fest. Es handelte sich um einen maennlichen Baer im Teenageralter. Der geneigte Kanadier sagt uebrigens boar und sow zu geschlechtsspezifischen Baeren, also Eber und Sau, so wie bei Schweinen.

Der Baer war noch ziemlich jung, wahrscheinlich zwei oder drei Jahre alt und gerade von Mama Baer vertrieben worden, damit die in die naechste Nachwuchsrunde einsteigen kann. Diese Baeren machen den meisten Aerger. Sie wissen noch nicht genau, wie alles funktioniert in der Welt, in der sie jetzt ganz alleine sind. Und sie sind gerade von einem ca. 6 oder 7-monatigen Nickerchen aufgewacht und verdammt hungrig. Viele Leute halten Schwarzbaeren fuer harmlos, da sie relativ klein sind und vorwiegend Pflanzen- oder Fischfresser. Der Mensch steht also nicht auf dem Speiseplan. Aber ich weiss, wie ich reagiere, wenn ich hungrig aufwache und mir jemand mein Essen wegnehmen will. Und mehr Schaden anrichten als ein missmuetiger Rottweiler koennen sie allemal.

Nach dem Feststellen des Todes und des Geschlechts ist das Naechste, was man macht, die Abschusserlaubnis, der sogenannte tag, zu entwerten und am Baer vorschriftsgemaess anzubringen. Sowohl der Tag, Monat, das Geschlecht und die Jagszone muessen auf dem tag durch Herausschneiden des entsprechenden Feldes gekennzeichnet werden. Bei dem Baer muss der tag am Schaedel befestigt werden. Wir schnitten ein Loch durch die Unterseite des Unterkiefers und befestigten den tag mit einem Kabelbinder.

Es ist uebrigens auch legal, einen Baeren zu erschiessen, wenn er auf dem Grundstueck herumwuetet und sich nicht vertreiben laesst. Dann muss man allerdings sofort die Jagdbehoerde informieren, die dann vor Ort kommt, Fragen stellt und den Baeren einkassiert. Da Tyrel aber noch zwei Schwarzbaer tags fuer diese Saison hat, mussten wir diesen Weg nicht gehen.

Dann stellte sich die Frage nach dem weiteren Vorgehen. Unser Freund James erklaerte sich nach einem kurzen Telefonat bereit, dass wir den Baeren bei ihm verarbeiten koennen. Zum einen besitzt James Tische aus Sperrholzplatten, die schnell mit Planen bestueckt werden koennen und so einfach zu reinigen sind. Und zum anderen hat er Elektrizitaet und ausserdem eine fast leere Tiefkuehltruhe, die spaeter noch wichtig wird.

Also entschieden wir uns, den ganzen Baeren zu James zu verfrachten und dann bei ihm nach kurzer Autofahrt mit dem Haeuten und Ausweiden zu beginnen. Wie transportiert man aber einen Baeren? Zwar haben wir einen Truck aber so einfach auf der Ladeflaeche ist leicht pietaetlos. Also ab mit Meister Petz in eine grosse Plastikbox, in der sonst mein Daunenschlafsack entspannt.

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Der Baer passt wirklich gut in die ca. 120 cm lange Plastikbox!

Gut zu erkennen ist die Einschussstelle am Baeren, direkt hinter dem Schulterblatt und ein wenig tiefer. Beim Ausweiden stellte sich heraus, dass das Herz komplett zerfetzt wurde. Das erklaert auch, warum der Baer keinen Ton mehr von sich gegeben hat und so schnell zusammenbrach. Waere er eines natuerlichen Todes gestorben, haette er wahrscheinlich laenger leiden muessen.

Bei James angekommen machten wir uns dann auch gleich ans Haeuten und Ausweiden. Es ist wichtig, dass das schnell geschieht, damit das Fleisch kuehlen kann und nicht verdirbt. Ausserdem weiss man nicht genau, ob man vielleicht Darm/ Magen/ Galle getroffen hat. In dem Fall moechte man die Kontaminationszeit auch so kurz wie moeglich halten und das Fleisch gut spuelen.

In unserem Fall war bis auf Herz und Lungen aber noch alles intakt. Nach dem Haeuten oeffnet man also die Bauchdecke und entfernt alle Organe. Anschliessend geht es ans quartern, also das Entfernen der Vorder- und Hinterbeine vom Rumpf. Wenn man damit fertig ist, ist der erste Teil der Arbeit geschafft und man kann erstmal durchatmen. Viele Leute haengen die Fleischstuecke fuer einige Zeit, um sie angeblich zarter zu machen. Wir haben eine kurze Pause eingelegt (immerhin hat Haeuten, Ausweiden und quartern 2,5 Stunden mit zwei Personen gedauert) und sind dann zum naechsten Teil gestartet.

Zum Fleisch schneiden und verpacken sind wir in die Kueche umgezogen. Es gab dort naemlich besseres Licht sowie einen warmen Ofen. 🙂

Ich schnappte mir also einen hind quarter (Hinterbein), legte ihn vor mir auf das Schneidebrett, nahm ein Messer und…. blickte fragend auf. Wie schneidet man das denn jetzt, damit was Vernuenftiges bei herauskommt?! Die Antwort von Tyrel und James war: „Egal. Es gibt kein richtig oder falsch, das ist alles Fleisch. Wenn du ein Steak essen willst, schneide ein Steak. Sonst schneide ein paar Muskeln zusammen raus und mach einen Braten draus. Wenn du Sehnen und sonstiges Gewebe herausschneidest, ist es gut. Wenn das nicht geht, weil es sonst zu klein wird, kein Problem. Dann koch es einfach sehr langsam und lange.“

Nach dieser Devise ging es dann zugange und Paeckchen fuer Paeckchen wurde verpackt und landete in der Gefriertruhe.

Als alles verstaut war, waren wir beschaeftigt mit Aufraeumen und Abwaschen. Knochen, Gedaerme und gebrauchte Planen und Tuecher wanderten in den Muell und wurden entsorgt. Lediglich die Gallenblase haben wir bewahrt und zum Trocknen aufgehaengt. James ist mit einer Medizinfrau befreundet, die aus Baerengallenpulver Medizin herstellt. Der Baerenkopf musste noch aus dem Fell geloest werden und wieder mit dem tag versehen, damit alles seine Richtigkeit hat. Das Zerlegen und Aufraeumen dauerte nochmals 3,5 Stunden, sodass wir nach 6 Stunden mit allem fertig waren und jetzt ca. 25 Kilo Baerenfleisch in der Tiefkuehltruhe liegen haben.

Waehrend wir mit den letzten Aufraeumarbeiten beschaeftigt waren, briet James Teile vom backstrap (heisst anscheinend Lachs auf deutsch) zusammen mit Zwiebeln und Paprika an. Erschopeft aber gluecklich liessen wir uns das erste Baerengericht zusammen mit Kaesemacaroni schmecken.

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Das Baerenfleisch ist optisch nicht von Rindfleisch zu unterscheiden. Wenn man es nicht weiss, wahrscheinlich auch geschmacklich nicht.

Der geneigte Leser fragt sich jetzt wahrscheinlich „Wie schmeckt Baerenfleisch?“ Also dieser Schwarzbaer schmeckt, wie ich finde, aehnlich wie Rindfleisch. Ein bisschen wilder, ein bisschen suesser aber nicht total anders. Bei Schwarzbaeren gibt es aber anscheinend sehr grosse Unterschiede im Geschmack des Fleisches. Im Fruehjahr schmecken sie wohl alle ganz gut. Aber im Herbst kommt es sehr darauf an, womit sie sich denn ihren Winterspeck angefuttert haben. War der Baer in den Bergen unterwegs und bestand seine Diaet groesstenteils aus Beeren, ist das Fleisch geschmacklich ausgezeichnet. Stammt der Baer aber von der Kueste oder hat er sich viel an Fluessen aufgehalten, kann das Fett und somit auch das Fleisch einen sehr tranigen, fischigen Geschmack annehmen. Auf jeden Fall sollte man Baerenfleisch aber vor dem Verzehr komplett durchgaren, da Baeren genau wie Schweine von Trichinen (Fadenwuermer) befallen sein koennen.

Es ist uebrigens bei Baeren nicht vorgeschrieben, das Fleisch zu verwerten, so wie es bei Hirsch, Elch, Reh, Bison und Karibou beispielsweise zwingend notwendig ist. Man darf nur das Fell samt Klauen und den Schaedel nicht verkommen lassen.

Bis zum 15ten Tag des Folgemonats muss man mit dem Baerenschaedel und dem daran befestigten tag zur Jagdbehoerde gehen und da den Abschuss vermelden. Wer moechte, kann fuer weitere Studien noch ein Stueckchen Fell zur Verfuegung stellen, sowie den genauen Abschussort auf einer Karte zeigen.

Das Fell kann man entweder selbst schaben um es vom Fett zu befreien und dann salzen und aufspannen oder es aber zum Gerber geben. Durch den Prozess beim Gerber bleibt die Haut geschmeidig und flexibel wie ein gekauftes Leder, beim Salzen wird es hart.

Bislang ruhen Schaedel und Fell in Muellsacken in der Gefriertruhe und warten auf unseren naechsten freien Tag unter der Woche, damit wir die Sachen erledigen koennen. Wenn alles gefroren ist, wird ja bekanntlich nichts schlecht. 🙂

Wenn ich zurueckblicke, finde ich bemerkenswert, dass ich keine Angst hatte. Klar, ich war aufgeregt und hatte Herzklopfen, es war doch alles so spannend. Aber es ist nicht so, dass ich mich jetzt fuerchte, vor die Tuer zu gehen. Ich wohne halt im Baerenland und es kann ein Baer vorbeikommen. Solange man sich dessen bewusst ist und nicht zum Beispiel Lebensmittel mit ins Zelt nimmt, ist die Gefahr aber deutlich geringer als in Deutschland in ein Kraftfahrzeug zu steigen.

Nach der ganzen Aufregung habe ich mir uebrigens mal wieder ein Eis aus meinem Lieblings Eisladen gegoennt.

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Herzhaft beisse ich in ein riesiges Sandwich aus blauer Eiscreme und zwei Keksen mit Schokostueckchen. Das Blau des Eises unterstreicht dabei meinen Sonnenbrand der Farmarbeit.

Blaues Eis schmeckt in Kanada uebrigens weder nach Vanille, Kaugummi, Himmel oder Schlumpf. Hier ist allen klar, dass Vanille cremefarben und Kaugummi rosa ist… und blau? Ganz klar Zuckerwattegeschmack! „Wie schmeckt denn bitte Zuckerwatte? Doch nur total suess, oder?“ fragte ich mich gleich. Aber nein, das blaue Eis zwischen den Keksen verwandelte sich in meinem Mund an eine Erinnerung an Rummel und Jahrmarkt… Stimmt, so schmeckt also Zuckerwatte. 🙂

Ich wollt ich waer ein Puthahn

Mittlerweile sind die Masthuehner und Truthaehne wohl aus dem groebsten Umzugsstress raus. Kurz nach dem Schluepfen werden die kleinen Kueken naemlich in einen Karton gesteckt, in ein Flugzeug verfrachtet und in ganz Kanada verteilt (Man erinnere sich, dass Kanada ganz doll viel groesser als wie Deutschland ist und die Post einige Wochen unterwegs waere).

Die Kueken der Farm stammen aus einem biologischen Schluepfbetrieb in Quebec. Wenn man sich ganz doll beeilt, wuerde die Autofahrt sechs Tage dauern. Aber die Kueken haben nicht so viel Zeit und werden daher ausgeflogen.

Sind sie erstmal im Yukon gelandet, werden sie abgeholt und finden in einem gut isolierten Zelt mit Propanheizung ihr neues Zuhause. Die ersten zwei Tage sind wohl besonders kritisch. Durch den ganzen Schluepf- und Umzugsstress sind die Voegel aeusserst verwirrt. Jede Stunde wird also nach ihnen geschaut. Dabei ist zu beachten, dass jedes Kueken lernen muss zu essen und zu trinken.

Bei der Auswahl der Rassen ist es Farmbesitzer Bart wichtig, dass es sich um sogenannte heritage breeds handelt, also alte Nutztierrassen. Die sind zwar nicht so schnell wachsend wie die neuen Zuechtungen und setzen auch nicht so viel Fleisch an, aber dafuer sind sie auch voll ausgewachsen noch ueberlebensfaehig. Viele „moderne“ Gefluegelrassen sind so sehr hochgezuechtet, dass sie voll ausgewachsen nicht mehr stehen koennen, da ihnen zu schnell zu viel Muskeln gewachsen sind. Von der vorsorglichen Antibioktikagabe und der ganzen Gesundheitsprobleme wegen des schnellen Wachstums moechte ich gar nicht erst anfangen.

Ich habe uebrigens erst vor ca. 1,5 Jahren begriffen, dass es sich bei Truthahn und Pute und das selbe Tier handelt!!! Irgendwie dachte ich immer, eine Pute ist etwas groesser und haesslicher als ein Huhn und der Truthahn hat die Hautlappen vom Kopp haengen und wird in Nordamerika zu Thanksgiving gegessen. Denkste. Truthahn = Puter, Truthenne = Pute. Was fuer ein Aha-Erlebnis!

Auch die Pflanzen wachsen und gedeihen. Das mit einem Holzofen geheizte Gewaechshaus wird jeden Dienstag mit neu ausgesaehter Anzuchterde gefuellt. Auf den Plastikschalen wird vermerkt, was ausgesaeht wurde und in welcher Woche.

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Die Plastikschale ist gefuellt mit jungen, gruenen Pflanzen und beschriftet mit P 18. P steht fuer pea, also Erbse und ausgesaeht wurden sie anscheinend letzte Woche in KW 18.

Zum Schluss moechte ich noch einen Skandal aufdecken:

Bart hat bislang immer behautptet, dass es auf der Farm weder Strom noch fliessend Wasser gibt. Doch ich habe in bester Detektivarbeit tatsaechlich eine Steckdose in der Wand ausfindig machen koennen!!!

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Durch eine Luecke im Palettenzaunes lugt ein neugieriger Schweineruessel. Ich habe dann doch nicht versucht, mein Handy hier aufzuladen.

Mal sehen, wie Bart gedenkt, sich da herauszureden. 😉

Demuetig belichtet

Durch das fast katzenhafte Anschleichen meinerseits sind mir tatsaechlich letztens ein paar brauchbare Bilder von einem weiblichen Spruce Grouse entstanden! Ok, wahrscheinlich schleiche ich mich eher an wie ein Bison. Im Porzellanladen. Aber zum Glueck glaubt so ein Grouse meist, er oder sie ist am besten getarnt, wenn es sich so wenig wie moeglich bewegt. Sie sind noch nicht ausgestorben oder auch nur bedroht, daher muss was dran sein an der Strategie.

Auch die Weisskopfseeadler scheinen wieder mehr geworden zu sein. Einige haben Whitehorse auch im Winter die Treue gehalten und sich an der Muellkippe gelabt. Aber viele sind zur nahen Kueste von Alaska geflattert, da das Meer ja bekanntlch nie so ganz zufriert. 🙂

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Die drei Adler von der Tankstelle sitzen auf ihrem liebsten abgestorbenen Baum. Oder ist es tatsaechlich ein Moebelstueck von ihnen, das nur aussieht wie ein toter Baum? Niemand weiss es.

Die Helligkeit ist echt Wahnsinn! Laut Sonnenscheinrechner im Internet haben wir heute 15:21 h Sonnenschein und 1:44 h Daemmerung. Good old Wolfenbuettel und somit auch ganz Deutschland wird solche Werte erst am 8. Mai erreichen. Und dann ist es hier schon wieder heller. Hihi.

Aber zum Glueck wird es zu dieser Jahreszeit auch noch richtig dunkel hier im Yukon. Der grosse Vorteil davon? Genau, Nordlichter!

Nordlichter wecken bei mir das religioese Gefuehl. Das Gefuehl, dass alles irgendwie zusammen gehoert und man selbst nur ein kleines Zahnrad im grossen Getriebe ist. Und das ist voll okay! Denn es relativiert auch vieles. All die kleinen Alltagssorgen sind so nichtig. Wieder ein dicker Pickel im Gesicht oder war die Suppe versalzen? Voll egal. Der Himmel ist gruen!

Das Wort, womit sich dieses Gefuehl wohl am besten beschreiben laesst ist Demut.

Als kleines Maedchen lass ich in der Dorfkirche auf der gepolsterten Kniebank „Dem Demuetigen gibt Gott Gnade“. Daraufhin meine Frage an meinen Vater „Bin ich demuetig?!“ Die Frage wurde kurz darauf verneint. Pech gehabt. Lag vielleicht daran, dass ich die Frage „Schaemst du dich nicht?!?!“ stets beantwortete mit „Ich schaeme mich NIE!!!“. Das ist auch groesstenteils so geblieben. Ich finde, dass das Leben zu kurz ist fuer Scham oder Peinlichkeiten. Das ist doch nur dafuer da, dass man Angst hat, was andere Leute von einem halten koennen.

Also entweder ich mache etwas oder ich lasse es sein. Und wenn es doof war, mache ich es beim naechsten Mal halt anders. Und wer was Schlechtes ueber mich denkt, der haette so oder so einen Grund dafuer gefunden. Also kein Grund fuer Stress! Da bleibt nur ruhig bleiben und Nordlichter anschauen. 🙂