Essen

Job 1: Das Restaurant

Okay, okay, ich muss es jetzt mal wirklich machen: Ueber meinen Job schreiben. Besser gesagt meine Jobs. Denn es gibt gleich zwei davon. Wenn man es genau nimmt, vielleicht sogar drei. Was dann auch der Grund dafür ist, dass m ich zur Zeit nicht zum bloggen komme… -.-

Fangen wir an! 🙂

Job Nummer 1: Einkaeufer und Assistent im Restaurant

Mit meinem kleinen Ford Ranger Pickup Truck Dienstwagen duese ich morgens durch die Gegend. Bewaffnet mit einer langen Shoppingliste klappere ich alle Laeden ab und fahre alles zurueck zum Restaurant.

Einen „typischen“ Tag gibt es hierbei nicht. Und gerade das gefaellt mir gut. Es ist alles gewuerzt mit einer Prise Wahnsinn.

Vor ein paar Tagen lief es ungefaehr so ab:

Kurz vor 8 bekomme ich eine Liste per MMS geschickt, was ich alles aus dem ausgelagerten riesigen Gefrierschrank bringen soll, der am anderen Ende der Stadt steht. Ich schreibe die Liste mit einem roten Filzstift auf ein Stueck Pappe, das gerade herumfliegt, ziehe mir die Kapuze ueber den Kopp und trete in die eisige Halle. Nach und nach stelle ich alle gewuenschten Artikel zusammen. 2 Beutel Haehnchenschenkel, 30 Burgerpatties, 2 Beutel Shrimps, 1 Seite geraeucherter Lachs, 3 Kisten Lachsspiesse, 2 Beutel Erbsen, 2 Beutel Mais, 15 Beutel Falafel, …. und noch viel mehr!

Jetzt fuehle ich mich wie der Bofrost-Mann und lade alle gefrorenen Koestlichkeiten auf die Ladeflaeche des Trucks. Ab zum Restaurant, bevor das Gelumpe auftaut!!

Schnell wird durch den Hintereingang des Restaurants alles entladen und ich erhalte die Liste in Papierform. Okay, es scheint ein ruhiger Tag zu sein. Keine Propanflaschen aufzufuellen, keine Waesche waschen, keine Bestellung vom Getraenkehaendler abholen. Cool! Attacke!

Als erstes rufe ich beim UPS Store an, sie moegen bitte 50 Mittagsmenues drucken. So brauche ich sie spaeter nur noch abholen. Wunderbar, hat alles geklappt. Los gehts mit einem Einkauf im guten alten Walmart. Einige Getraenke muessen her, ausserdem Wachsmaler fuer die jungen Gaeste (bin etwas neidisch auf die!)… und wenn ich das Geschirrspuelmittel hier kaufe, kann ich mir den Gang in den anderen Laden sparen. Ab zur Kasse und auf zum naechsten Laden.

Im Independent Grocer kaufe ich alle Lebensmittel, die nicht mit der grossen Bestellung im Laster taeglich angeliefert werden. Und alles, was kurzfristig noch fehlt. Jeden Tag aber mindestens einen 20 kg Sack Mehl. Alles in den Wagen, dann an der Kasse sagen, dass ich hier mit einem Kundenkonto einkaufe. Das dauert dann nochmal laenger. Mist, die haben keine Diaet-7 UP hier, Pepsis Antwort auf Sprite. Dann muss ich wohl gleich nochmal zum Superstore flitzen. Gesagt, getan. Liege aber immer noch echt gut in der Zeit. Und bislang gingen noch keine Notrufe aus dem Restaurant ein, dass sie ganz dringend noch etwas benoetigen. Schnell zum UPS Store fuer die Mittagsmenues, dann noch beim Buerobedarf Thermopapier fuer die Kasse kaufen und zurueck, um alles einzuraeumen. Gegen 11 Uhr muss ich noch zu der oertlichen Fischfarm fahren um Filets anzuholen. Ok, kein Problem. Alle ungekuehlten Waren sind eingerauemt, jetzt nur noch mit dem Rest in den riesigen Kuehlschrank. …Warum haben die den Farbton der Schlagsahneverpackungen geaendert? Und es sind nur noch 2% Fett statt 38% ?!?! Verdammt, ich habe 12 rosa Milchkartons statt Sahnekartons gekauft!!! Schnell wieder in den Karton und ruck zuck umtauschen fahren! Zum Glueck liege ich ja heute so gut in der Zeit.

Nachdem die Sahne im Kuehlschrank ist, frage ich schon mal in der Kueche nach, ob ich ihnen aushelfen kann, bis ich die Fischfilets abholen kann. Ja, es gibt genug zu tun aber ich soll doch erstmal die Service Managerin fragen, was es bei ihr noch gibt. Gut, sie muss ich doch eh noch nach Wechelgeld fragen fuer den Waschsalon morgen frueh!

Uns geht das Bier aus! Nach dem langen Wochenende ist unsere grosse Getraenkebestellung noch nicht abholbereit. Aber schnell wird der Hoerer geschwungen und ich darf wenigstens ein Fass des Bieres Yukon Gold vom staatlichen Alkoholgrosshandel abholen. Schnell wieder den Truck gestartet und durch die Stadt geflitzt.

Das Fass schleppe ich zusammen mit dem Chefkoch durch das Restaurant. Jetzt ist der Fisch auch schon abholbereit! Und ich musste gar nicht die Zeit vertroedeln. Da kommen auch schon beide Manager auf mich zu: Ich muss unbedingt auf meinem Weg noch beim Imbisswagen anhalten… Die brauchen Fisch und Suppe… und Wechselgeld!! Mit Allem bewappnet fahre ich los. Das Wechselgeld, was mir in die Hand gedrueckt wird, ist knapp, aber es reicht. Ich tausche es gegen ein paar Scheine ein, liefere Fisch und Suppe und erhalte leere Plastikwannnen und dreckige Putzlappen als Gegenleistung.

Dann duese ich zu der Fischfarm, die noerdlich der Stadt liegt. Dort wissen sie schon, dass ich komme und holen die Pakete voller Fischfilets aus dem Kuehlschrank, als ich den Namen des Restaurants verrate. Schnell muss der Fisch zum Restaurant transporiert werden. Dort angekommen lade ich den Fisch, die Plastikwannen und Putzlappen aus und erinnere den Manager daran, heute abend dem Imbisswagen 10 saubere Putzlappen mitzubringen!

Als ich die Tasche mit dem Wechselgeld zurueckgebe, merke ich an, dass wir nur noch sehr wenig Wechselgeld vorraetig haben. „Tatsaechlich! Warte mal bitte einen Moment…“ Emsig werden Scheine gezaehlt. „Lauf doch bitte mal eben zur Bank und bring mir $100 in $5 Scheinen, $100 in $2 Muenzen und $50 in 25ct Muenzen wieder!“ Schnell losgelaufen, am Schalter angestellt und mit dicken Taschen wiedergekommen.

„Super, vielen Dank! Doch eine Sache ist eben noch hochgekommen: Wir haben fast gar keinen Kaffee mehr! Bitte fahr doch zur Kaffeeroesterei und hol Kaffee ab. Ich habe eben angerufen, du musst es nur abholen und nichts bezahlen! Weisst du, wo die Roesterei liegt?“ Ja, ich weiss, wo die Roesterei liegt. Auf der Rueckfahrt duftet die Fahrerkabine nach frisch geroestetem Kaffee. Es ist aber auch ein riesiges Paket, das ich da mitbekommen habe!!

Jetzt ist es schon fast mittags. Mal sehen, ob im Restaurant noch etwas Neues benoetigt wird oder ich langsam Feierabend habe.

Der Servicebereich ist ruhig, alles ist gut. Also frage ich in der Kueche nach, ob noch Hilfe gebraucht wird. „Du wuerdest uns wirklich aushelfen, wenn du einen 20 Liter Eimer voller Karotten schaelen koenntest!“ Kein Thema! Der Sparschaeler ist bereits heissgelaufen, als die letzte Moehre ihren Weg in den Eimer gefunden hat.

„Noch was, was ich tun kann?“ „Klar, die Rippchen!“

Vier riesige Bleche vollgestapelt mit geräucherten Rippchen… Der Geifer rinnt mir fast übers Kinn. Heute gegen fünf Uhr morgens wurden die Rippchen mit einer Gewürzmischung eingerieben und dann für 4,5 Stunden im Smoker durchgeräuchert. Nach und nach nehme ich mir die Unterseite aller Rippenplatten vor. Mit einem Löffel kratze ich die Fettschicht und Haut ab. Keine Angst, es ist immer noch genug Fett auf der Oberseite der Rippchen vorhanden, so dass sie sehr saftig sind! 🙂

Das erste Mal, als mir diese wichtige Aufgabe übertragen wurde, habe ich die Fleischstücke genascht, die zusammen mit dem Fett heruntergekratzt wurden. Dies stellte sich als fataler Fehler hinaus. Nicht nur wurde mir unsagbar schlecht von dem ganzen Fett, das noch am Fleisch hing, meine Gedärme wurden auch mit Hochdruck mal wieder richtig durchgespült.

Heute bin ich schlauer und lasse mich nicht vom Fettberg verführen! Rippe um Rippe wird bearbeitet, bis nach ca 1.5 Stunden alles Unerwünschte abgekratzt ist. Anschließend schneide ich die einzelnen Rippenbogen in Portionen und stapel sie in beschriftete Plastikbehälter, die in den Kühlschrank wandern.

Nach meinem Kücheneinsatz gibt es wirklich nichts mehr zu tun für mich. Aus unerfindlichen Gründen verspüre ich einen wahnsinnigen Hunger auf Rippchen, die ich mir kurzerhand zum Mitnehmen bestelle. Immerhin bekomme ich an Arbeitstagen 50% Rabatt auf ein Gericht und sogar ein kostenfreies Gericht, wenn ich in der Küche ausgeholfen habe… Wenn das mal nicht mein Untergang ist 😀

Weiter geht es hoffentlich bald mit Job Nummer 2 🙂

 

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Ein Jahr Kanadahr Teil 2

Nun ist es schon einige Tage her, seit dem der 1. Juli mein kanadisches Jubilaeum bezeugte. Jedoch habe ich die Geschichte noch nicht zu Ende erzaehlt!

Wie es anscheinend auch als Randbemerkung in den deutschen Nachrichten verkuendet wurde, ist der 1. Juli auch Canada Day. Also der Tag, an dem das Kanada, wie es heute existiert, ins Leben gerufen wurde. 2017 jaehrt sich dieser kanadische Geburtstag zum 150ten Male! Ergo verantstaltete man Feierlichkeiten, bei denen Bella und ich gerne beiwohnten.

Begonnen wurde landesgerecht mit einen zuenftigen Pfannkuchenfruehstueck. Fuer zwei Pfannkuchen musste man reichlich Schlange stehen und dann noch $6 abdruecken, jedoch war es trotzdem nett. Ich stellte mir derweil vor, dass alle Leute freudig zusammenkommen, um mein Jubilaeum zu zelebrieren und biss beherzt in die Pfannkuchen.

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Zwei Pfannkuechlein mit Sirup, eine hungrige Luisa und reichlich in den Landesfarben gekleidete Kanadier.

Dann gab es eine kurze Verdauungspause, in denen sich nette Unterhaltungen mit ein paar angereisten Touristen aus Ontario ergaben. Und schon war es Zeit fuer den Hoehepunkt der Feierlichkeiten: DIE PARADE!!!

Da Whitehorse trotz internationalem Flughafen mit Direktflug nach Frankfurt eher einer sehr laendlichen Kleinstadt in Deutschland gleicht, ging ich von einer ca. 200 Meter langen Parade aus. Weit gefehlt! Die Parade bestand aus jedem Verein, der faehig war, in einer Parade mitzugehen. Und davon gibt es anscheinend ziemlich viele! Gut 30 Minuten dauerte es, bis die Parade komplett an uns vorbeigezogen ist.

Positioniert haben wir uns an der Hauptstrasse (Main Street), an dem der oertliche Schwulen- Lesben- und Transgenderverein juengst am Chrostopher Street Day einen Fussgaengerueberweg in einen Regenbogenueberweg verwandelt haben. Und nun einige Impressionen der Parade:

Nach den Dudelsackspielern in Schottenroecken (Warum, Yukon?) marschierten Polizei, Rangers und Berufssoldaten auf. Ein paar erklaerende Worte zu den Rangers moechte ich noch anfuegen.

Es handelt sich bei den Rangers nicht um Berufssoldaten, obwohl sie der Armee unterstellt sind. Die Rangers bestehen aus Feiwilligen, die in ihrer Freizeit ehrenamtlich auf Streifzuege gehen. Sie nennen sich auch die Augen und Ohren der Armee. Dadurch bedingt, dass der Norden Kanadas flaechenmaessig so gross und duenn besiedelt ist, kann eine Ueberwachung der Flaeche durch Berufssoldaten nicht sichergestellt werden. Um dennoch zu ueberpruefen, ob denn nicht der Russe oder wer auch immer vor der Tuer steht, gehen die Rangers vornehmlich im Winter auf Streifzuege durch unbesiedeltes Gebiet. Warum im Winter, mag sich der geneigte Leser fragen. Is doch ziemlich arg kalt. Stimmt. Allerdings kann man im Winter viel besser durch die Wildnis reisen. Im Sommer verwandelt sich die hiesige Wildnis in undurchdringlichen Busch, steile Berge oder Suempfe und Seen, waehrend man im Winter wenigstens auf den gefrorenen Suempfen und Seen mit einem Schneemobil vorankommt.

Vergleichen koennte man die Rangers vielleicht mit der Freiwilligen Feuerwehr in Deutschland. Da Deutschland so dicht besiedelt ist, kann der sofortige Einsatz bei Feuer und sonstigen Ungluecken nicht durch 100% Berufsfeuerwehr sichergestellt werden und wird dadurch zivil unterstuetzt. Und da Nordkanada so duenn besiedelt ist, unterstuetzen Zivilisten hier die Ueberwachung der unbewohnten Gebiete. Allerdings wuerden die Rangers nicht angreifen oder in den Krieg ziehen. Die Rangers melden ungewoehnliche Aktivitaeten an die Armee, die dann noch mal genauer nachsehen. Ein Dienstgewehr erhalten die Rangers dennoch von der Armee. Das ist aber eher dafuer gedacht, sich in Konfliktsituationen mit Wildtieren behaupten zu koennen.

Weiter gehts mit der Parade!

Waehrend der gesamten Parade machte sich der Eindruck breit, dass es „typisch Kanada“ so gar nicht gibt. Viele einzelne bunte und lustige Gruppen tun sich zu einem Gesamtkunstwerk zusammen.

Alle Pferde und Kutscher habe ich im Anschluss uebrigens noch im Drive In von Tim Hortons gesehen, was wiederum der typisch kanadische Kaffeeladen ist als Gegenpol zu Starbucks.

Schliesslich gab es noch etwas fuer Autoliebhaber:

Einer der falschen Freunde in Englisch und Deutsch ist das Wort Oldtimer. Waehrend ich das ganz unbedarft fuer alte Autos benutze, meint man hier damit Personen, die noch in den „old times“, also alten Zeiten gelebt haben. Also ziemlich dolle alte Leute. Alte Autos werden hier „classic cars“ genannt.

Waehrend die Parade an mir vorbeizog, stellte ich mir vor, alle feiern mein einjaehriges Jubilaeum in Kanada. Ich glaube, ich hatte doppelt so viel Spass wie alle anderen. 🙂

Einen Tag nach dem Canada Day fing direkt ein neues Kapitel in meiner Geschichte hier an. Mein Studienfreund Richard landete in Whitehorse um mich zu besuchen. Das ist auch der Grund dafuer, dass ich bisher nicht zum Internetten gekommen bin und meine Mail-Freundschaften straeflich vernachlaessigte! Aber ich versuche, diesen Umstand nun schnellstmoeglich aufzuholen. Wenn ich nicht arbeite oder Sachen mit Richard unternehme, bin ich damit beschaeftigt, die 4,5 kg Kaese wegzufressen, die meine Eltern ueber Richard an mich sendeten. Da mein Kuehlschrank sich haeufig durch Nicht-Funktionieren auszeichnet, eine nicht zu unterschaetzende Aufgabe!

Aber nun ist Richard erstmal mit dem Mopped zu einem mehrtaegigen Trip aufgebrochen und ich kann mich ganz der Tipp- und Futterlust widmen. Hihi! 🙂

Saugute Bilder

Die vier kleinen Ferkel haben sich zum Glueck inzwischen genug Speck angefuttert, sodass sie nicht mehr durch den Elektrozaun schluepfen koennen. Daraus folgt, dass sie gluecklich durch ihr zugeteiltes Waldstueck herumtollen und alles umgraben, was ihnen vor die Schnauze kommt.

Ein wenig schreckhaft sind sie immer noch. Keine Ahnung, ob das noch von der naechtlichen Hetzjagd kommt oder ob sie einfach nicht so sehr an Menschen gewoehnt sind. Aber ich habe mich mit viel Zeit, Ruhe und etlichen Radieschenblaettern an den Zaun gesetzt und gewartet, bis die Neugier und der Appetit die Schweine-Scheu besiegten.

Was dabei fuer lustige Szenen entstanden, kann und moechte ich euch nicht vorenthalten!

So, jetzt da mein derzeitiges Lieblingsthema (Schweine) abgearbeitet ist, moechte ich mich dem zweiten Lieblingsthema zuwenden: Essen!

Ich fuhr zum Eishaendler meines Vertrauens, um ein schoen kuenstliches Eis zu kreieren. Herausgekommen ist dieses Kunstwerk:

Man mixe pinkes Eis (Kaugummigeschmack) und blaues Eis (Zuckerwattegeschmack) mit bunten Zuckerstreuseln und Nerds, was wiederum bunte runde Zuckerstreusel mit saurem Geschmack sind.

Eben auf der Toilette bekam ich die Rechnung: Meine Faekalien waren zur Haelfte grasgruen eingefaerbt. Da starrte ich erstmal unglaeubig in die Schuessel, bis ich dieses Raetsel loesen konnte. Keine Angst, hiervon stelle ich kein Foto hoch! 😀

Ueberland in die Wildnis

Seitdem ich auf der Farm arbeite und auch lebe, sind kaum zwei Tropfen Wasser vom Himmel gefallen. Noch ist aber die Quelle nicht versiegt, sodass fleissig von Hand und mit Sprinklern gewaessert wird. Heute habe ich den Bok Choi, den ich vor ein paar Wochen ins Gruenhaus gepflanzt habe, zum grossen Teil geerntet. Das war ein schoenes Gefuehl. 🙂 Auch der Gruenkohl waechst und gedeiht unter der Vliesabdeckung. Und die kleinen Huehner und Truthaehne werden immer mutiger und frecher… Bald werden sie aus der isolierten Huette nach draussen in Gehege umziehen.

Tyrel und ich hatten einen gemeinsamen freien Tag und nutzten den auch gleich fuer eine Radtour. Es ging fuer einige Stunden in die tiefste Pampa auf dem Dawson Overland Trail. Bevor Mitte des letzten Jahrhunderts eine Strasse nach Dawson gebaut wurde, war dieser Weg die einzige Moeglichkeit, im Winter nach Dawson zu gelangen oder aus Dawson zu fliehen (es sei denn man hatte einen Hundeschlitten und war ziemlich ein verdammter Haudegen). Winter ist die Zeit des Jahres, in der der Yukon River zugefroren ist und somit nicht fuer die damaligen Schaufelraddampfer passierbar. In etwa sind damit die Monate November bis Mai gemeint, also 7/12 des Jahres.

Auf dem Dawson Overland Trail wurde man dick eingepackt auf einem Pferdeschlitten transportiert. Die Pferde wurden an jeder Station gewechselt und eine bewirtete Huette stand zum Aufwaermen bereit. So dauerte die gut 500 km lange Reise zwischen Whitehorse und Dawson City ganze fuenf Tage.

Eine alte, eingestuerzte Huette haben wir entdeckt und auch ein paar verottete Pferdegatter erspaeht. Aber vor allem beeindruckte die malerische, unberuehrt wirkende Landschaft. Dies hat sich wohl auch Mary gedacht, die hier seit 1955 begraben liegt und mit ihrem eingezaeunten Grab eine schoene letzte Ruhestaette fand.

Als wir beschlossen, dass wir lange genug unterwegs waren, machten wir eine Pause. Natuerlich mit guter Verpflegung! Von der Farm habe ich leckere Erbsensprossen bekommen, die wir uns auf einen Frischkaesebagel gelegt haben. Schmeckt wie Spinat, nur erbsiger!

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Vor Berg, Tal und Laubbaeumen, die erste Blaetter bilden: Ein erbstastischer Bagel!

Nach dem Imbiss fuehlten wir uns gestaerkt genug fuer die Rueckfahrt und ignorierten fast erfolgreich das schmerzende Sitzfleisch. Die Ruhe fernab jeder Strasse wird mir eine liebe Erinnerung bleiben.

An unserem naechsten Stadttag sah ich auf einem Parkplatz ein Auto eintrudeln, dass jedem deutschen TUEV-Pruefer die Fussnaegel hochklappen lassen wuerde. Es fehlte einfach die Fahrertuer!

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Ein durchgerosteter Amischlitten mit fehlender Fahrertuer. Wenigstens war der Fahrer angeschnallt, als er auf den Parkplatz rollte.

Hier in Kanada und vor allem im Yukon gelten irgendwie andere Regeln. Selbst, wenn die Polizei den Herren in seinem Sommerauto anhalten wuerde, wahrscheinlich gaebe es nur eine Verwarnung. Andererseits ist der Verkehr hier auch viel entspannter und Autobahnen sind nur ein suesser Traum einiger Jugendlichen.

Aber auch nach fast einem Jahr finde ich noch etwas zum Staunen und Schmunzeln. Mir gefaellts! 🙂

Ach du dicker Marshmallow

Wieder bin ich etwas schlauer geworden: Man kann auch umziehen, ohne Nervenzusammenbrüche dabei zu erleiden. Mein Geheimnis? Zieht in einen Wohnwagen! Kein Kisten Einräumen, nichts streichen, keine neuen Mieter reinlassen, kein Stress!!!

Wir leben jetzt also auf der Farm, auf der ich arbeite. Etwas abgeschieden, damit man seine Privatsphäre genießen kann. Ich bin echt froh, keine 30 Minuten Autofahrt mehr sondern nur 3 Minuten Fußweg.

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Hinter dem Truck steht unser Trailer mit schon ausgefahrener Markise. Links im Bild ist unsere Feuerstelle aus Steinen aufgeschichtet.

Tyrels Arbeitskollegin Bella hatte per Mail um ein Lagerfeuer am Samstag gebeten. Diesen Wunsch erfüllten wir ihr nur zu gerne. Lecker Gemüse, Fleisch und Bier wurde eingekauft und ein Feuerchen gestartet. Da bittet mich Bella, ihr etwas aus ihrem Rucksack zu reichen. Der Reißverschluss enthüllt allerdings rätselhafte Objekte. Partyhüte? Tröten? Sexy Spiegeleiformen? Was hab ich verpasst?

Tyrel entpuppte sich als Schelm. Bella hatte zwei Tage vorher Geburtstag, wovon ich nichts wusste. Tyrel fragte Bella, ob er ihren Geburtstag benutzen kann, um mir eine Geburtstagsfeier zu schenken. Immerhin war ich in Deutschland alle paar Wochen auf einer Feier eingeladen und Tyrel möchte nicht, dass mir hier etwas fehlt.

Also stand ich da etwas ratlos, aber sehr gerührt. Ist das jetzt meine Feier? Eigentlich gehört sie doch dem Geburtstagskind! Die Freude über die Überraschung besiegte allerdings die Verwirrung und wir hatten einen tollen Abend am Lagerfeuer.

Vor allem der Nachtisch war für mich noch exotisch. Es gab nämlich Smores, ein kanadisches Lagerfeuer-Pflichtessen. Man röste sich einen Marshmallow und drücke ihn dann mit etwas Schoki zusammen zwischen zwei Kekse. Natürlich kann man sich das auch selbst zusammenstellen, wir haben aber zwei Packungen Smores Kit gekauft. Einmal den Klassiker mit Milchschokolade und eher salzigen Cracker Keksen und dann Reverse (umgekehrte) Smores mit weißer Schoki und dunklen Oreo-Keksen. Meine Logik dazu: Wenn man einen Smores ist und anschließend einen Reverse Smores, kann das ganze ja gar keine Kalorien haben! Die Waage habe ich am nächsten Tag lieber doch nicht dazu befragt.

Wenn die Muelltonne dreimal raschelt… (Achtung, blutige Bilder)

Samstagmorgen, die Welt dreht sich wie ueblich um ihre Achse, waehrend in einem Trailer in der kanadischen Wildnis sich entspannt wird.

Doch die uebliche Stille haelt nicht wie ueblich an. Erst ein Geraeusch. Vielleicht ist ein Eichhoernchen auf etwas gesprungen und es ist umgefallen? Die nachfolgenden Geraeusche machen klar: Das ist kein Eichhoernchen. Noch nicht mal ein sehr dickes Eichhorn. Da ist etwas Grosses. Und es ist maechtig mit unserer Muelltonne beziehungsweise deren Inhalt beschaeftigt.

Was ist also zu tun? Tief durchatmen, Munition in das 30-06 Gewehr und leise, leise die Lage ueberpruefen. Vielleicht ist es ja auch nur ein Nachbar? … eher unwahrscheinlich.

Ungefaehr 10 Meter entfernt bestaetigt sich der Verdacht. Ein Baer, genauer gesagt ein Amerikanischer Schwarzbaer durchwuehlt die mittlerweile geoeffnete und umgestossene Muelltonne. Mit lauten Geraeuschen wird er hoffentlich von seinem derzeitigen Projekt vertrieben werden. Tueren knallen, es wird laut gerufen und sonstiger Laerm veranstaltet um dem Kumpanen klar zu machen, dass das hier nicht in Ordnung ist.

Keine Chance, Meister Petz zeigt sich aeusserst unbeeindruckt und faehrt einfach fort.

Waere er einfach davongerannt, haetten wir den Muell aufgeraeumt und waeren wieder zur Tagesordnung uebergegangen. Aber durch sein Verhalten ist er zum Problembaeren geworden. Ein Baer, der keine Angst vor Menschen zeigt und lernt, dass es okay ist, Muell zu verspeisen, kann gefaehrlich werden.

Nach langem Warten fuer den richtigen Moment (schliesslich bewegt sich das Ziel und es sind reichlich Aeste im Weg) faellt ein Schuss. Der Baer springt und laeuft noch wenige Meter, bis er unter einem Baum zur Ruhe kommt. Dann ist Stille. Und wir warten. Schliesslich moechte man sicher sein, dass der Baer ziemlich dolle tot ist, bevor man sich naehert um sich restlos davon zu ueberzeugen.

Schliesslich naeherten wir uns dem Kollegen. Mit Waffe. Am besten ueberprueft man den Tod, indem man ins Auge piekt. Ist zwar fies, aber wer da nicht blinzelt, ist reichlich tot oder sonst wie nicht mehr zu einer Reaktion faehig. Anschliessend stellten wir das Geschlecht fest. Es handelte sich um einen maennlichen Baer im Teenageralter. Der geneigte Kanadier sagt uebrigens boar und sow zu geschlechtsspezifischen Baeren, also Eber und Sau, so wie bei Schweinen.

Der Baer war noch ziemlich jung, wahrscheinlich zwei oder drei Jahre alt und gerade von Mama Baer vertrieben worden, damit die in die naechste Nachwuchsrunde einsteigen kann. Diese Baeren machen den meisten Aerger. Sie wissen noch nicht genau, wie alles funktioniert in der Welt, in der sie jetzt ganz alleine sind. Und sie sind gerade von einem ca. 6 oder 7-monatigen Nickerchen aufgewacht und verdammt hungrig. Viele Leute halten Schwarzbaeren fuer harmlos, da sie relativ klein sind und vorwiegend Pflanzen- oder Fischfresser. Der Mensch steht also nicht auf dem Speiseplan. Aber ich weiss, wie ich reagiere, wenn ich hungrig aufwache und mir jemand mein Essen wegnehmen will. Und mehr Schaden anrichten als ein missmuetiger Rottweiler koennen sie allemal.

Nach dem Feststellen des Todes und des Geschlechts ist das Naechste, was man macht, die Abschusserlaubnis, der sogenannte tag, zu entwerten und am Baer vorschriftsgemaess anzubringen. Sowohl der Tag, Monat, das Geschlecht und die Jagszone muessen auf dem tag durch Herausschneiden des entsprechenden Feldes gekennzeichnet werden. Bei dem Baer muss der tag am Schaedel befestigt werden. Wir schnitten ein Loch durch die Unterseite des Unterkiefers und befestigten den tag mit einem Kabelbinder.

Es ist uebrigens auch legal, einen Baeren zu erschiessen, wenn er auf dem Grundstueck herumwuetet und sich nicht vertreiben laesst. Dann muss man allerdings sofort die Jagdbehoerde informieren, die dann vor Ort kommt, Fragen stellt und den Baeren einkassiert. Da Tyrel aber noch zwei Schwarzbaer tags fuer diese Saison hat, mussten wir diesen Weg nicht gehen.

Dann stellte sich die Frage nach dem weiteren Vorgehen. Unser Freund James erklaerte sich nach einem kurzen Telefonat bereit, dass wir den Baeren bei ihm verarbeiten koennen. Zum einen besitzt James Tische aus Sperrholzplatten, die schnell mit Planen bestueckt werden koennen und so einfach zu reinigen sind. Und zum anderen hat er Elektrizitaet und ausserdem eine fast leere Tiefkuehltruhe, die spaeter noch wichtig wird.

Also entschieden wir uns, den ganzen Baeren zu James zu verfrachten und dann bei ihm nach kurzer Autofahrt mit dem Haeuten und Ausweiden zu beginnen. Wie transportiert man aber einen Baeren? Zwar haben wir einen Truck aber so einfach auf der Ladeflaeche ist leicht pietaetlos. Also ab mit Meister Petz in eine grosse Plastikbox, in der sonst mein Daunenschlafsack entspannt.

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Der Baer passt wirklich gut in die ca. 120 cm lange Plastikbox!

Gut zu erkennen ist die Einschussstelle am Baeren, direkt hinter dem Schulterblatt und ein wenig tiefer. Beim Ausweiden stellte sich heraus, dass das Herz komplett zerfetzt wurde. Das erklaert auch, warum der Baer keinen Ton mehr von sich gegeben hat und so schnell zusammenbrach. Waere er eines natuerlichen Todes gestorben, haette er wahrscheinlich laenger leiden muessen.

Bei James angekommen machten wir uns dann auch gleich ans Haeuten und Ausweiden. Es ist wichtig, dass das schnell geschieht, damit das Fleisch kuehlen kann und nicht verdirbt. Ausserdem weiss man nicht genau, ob man vielleicht Darm/ Magen/ Galle getroffen hat. In dem Fall moechte man die Kontaminationszeit auch so kurz wie moeglich halten und das Fleisch gut spuelen.

In unserem Fall war bis auf Herz und Lungen aber noch alles intakt. Nach dem Haeuten oeffnet man also die Bauchdecke und entfernt alle Organe. Anschliessend geht es ans quartern, also das Entfernen der Vorder- und Hinterbeine vom Rumpf. Wenn man damit fertig ist, ist der erste Teil der Arbeit geschafft und man kann erstmal durchatmen. Viele Leute haengen die Fleischstuecke fuer einige Zeit, um sie angeblich zarter zu machen. Wir haben eine kurze Pause eingelegt (immerhin hat Haeuten, Ausweiden und quartern 2,5 Stunden mit zwei Personen gedauert) und sind dann zum naechsten Teil gestartet.

Zum Fleisch schneiden und verpacken sind wir in die Kueche umgezogen. Es gab dort naemlich besseres Licht sowie einen warmen Ofen. 🙂

Ich schnappte mir also einen hind quarter (Hinterbein), legte ihn vor mir auf das Schneidebrett, nahm ein Messer und…. blickte fragend auf. Wie schneidet man das denn jetzt, damit was Vernuenftiges bei herauskommt?! Die Antwort von Tyrel und James war: „Egal. Es gibt kein richtig oder falsch, das ist alles Fleisch. Wenn du ein Steak essen willst, schneide ein Steak. Sonst schneide ein paar Muskeln zusammen raus und mach einen Braten draus. Wenn du Sehnen und sonstiges Gewebe herausschneidest, ist es gut. Wenn das nicht geht, weil es sonst zu klein wird, kein Problem. Dann koch es einfach sehr langsam und lange.“

Nach dieser Devise ging es dann zugange und Paeckchen fuer Paeckchen wurde verpackt und landete in der Gefriertruhe.

Als alles verstaut war, waren wir beschaeftigt mit Aufraeumen und Abwaschen. Knochen, Gedaerme und gebrauchte Planen und Tuecher wanderten in den Muell und wurden entsorgt. Lediglich die Gallenblase haben wir bewahrt und zum Trocknen aufgehaengt. James ist mit einer Medizinfrau befreundet, die aus Baerengallenpulver Medizin herstellt. Der Baerenkopf musste noch aus dem Fell geloest werden und wieder mit dem tag versehen, damit alles seine Richtigkeit hat. Das Zerlegen und Aufraeumen dauerte nochmals 3,5 Stunden, sodass wir nach 6 Stunden mit allem fertig waren und jetzt ca. 25 Kilo Baerenfleisch in der Tiefkuehltruhe liegen haben.

Waehrend wir mit den letzten Aufraeumarbeiten beschaeftigt waren, briet James Teile vom backstrap (heisst anscheinend Lachs auf deutsch) zusammen mit Zwiebeln und Paprika an. Erschopeft aber gluecklich liessen wir uns das erste Baerengericht zusammen mit Kaesemacaroni schmecken.

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Das Baerenfleisch ist optisch nicht von Rindfleisch zu unterscheiden. Wenn man es nicht weiss, wahrscheinlich auch geschmacklich nicht.

Der geneigte Leser fragt sich jetzt wahrscheinlich „Wie schmeckt Baerenfleisch?“ Also dieser Schwarzbaer schmeckt, wie ich finde, aehnlich wie Rindfleisch. Ein bisschen wilder, ein bisschen suesser aber nicht total anders. Bei Schwarzbaeren gibt es aber anscheinend sehr grosse Unterschiede im Geschmack des Fleisches. Im Fruehjahr schmecken sie wohl alle ganz gut. Aber im Herbst kommt es sehr darauf an, womit sie sich denn ihren Winterspeck angefuttert haben. War der Baer in den Bergen unterwegs und bestand seine Diaet groesstenteils aus Beeren, ist das Fleisch geschmacklich ausgezeichnet. Stammt der Baer aber von der Kueste oder hat er sich viel an Fluessen aufgehalten, kann das Fett und somit auch das Fleisch einen sehr tranigen, fischigen Geschmack annehmen. Auf jeden Fall sollte man Baerenfleisch aber vor dem Verzehr komplett durchgaren, da Baeren genau wie Schweine von Trichinen (Fadenwuermer) befallen sein koennen.

Es ist uebrigens bei Baeren nicht vorgeschrieben, das Fleisch zu verwerten, so wie es bei Hirsch, Elch, Reh, Bison und Karibou beispielsweise zwingend notwendig ist. Man darf nur das Fell samt Klauen und den Schaedel nicht verkommen lassen.

Bis zum 15ten Tag des Folgemonats muss man mit dem Baerenschaedel und dem daran befestigten tag zur Jagdbehoerde gehen und da den Abschuss vermelden. Wer moechte, kann fuer weitere Studien noch ein Stueckchen Fell zur Verfuegung stellen, sowie den genauen Abschussort auf einer Karte zeigen.

Das Fell kann man entweder selbst schaben um es vom Fett zu befreien und dann salzen und aufspannen oder es aber zum Gerber geben. Durch den Prozess beim Gerber bleibt die Haut geschmeidig und flexibel wie ein gekauftes Leder, beim Salzen wird es hart.

Bislang ruhen Schaedel und Fell in Muellsacken in der Gefriertruhe und warten auf unseren naechsten freien Tag unter der Woche, damit wir die Sachen erledigen koennen. Wenn alles gefroren ist, wird ja bekanntlich nichts schlecht. 🙂

Wenn ich zurueckblicke, finde ich bemerkenswert, dass ich keine Angst hatte. Klar, ich war aufgeregt und hatte Herzklopfen, es war doch alles so spannend. Aber es ist nicht so, dass ich mich jetzt fuerchte, vor die Tuer zu gehen. Ich wohne halt im Baerenland und es kann ein Baer vorbeikommen. Solange man sich dessen bewusst ist und nicht zum Beispiel Lebensmittel mit ins Zelt nimmt, ist die Gefahr aber deutlich geringer als in Deutschland in ein Kraftfahrzeug zu steigen.

Nach der ganzen Aufregung habe ich mir uebrigens mal wieder ein Eis aus meinem Lieblings Eisladen gegoennt.

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Herzhaft beisse ich in ein riesiges Sandwich aus blauer Eiscreme und zwei Keksen mit Schokostueckchen. Das Blau des Eises unterstreicht dabei meinen Sonnenbrand der Farmarbeit.

Blaues Eis schmeckt in Kanada uebrigens weder nach Vanille, Kaugummi, Himmel oder Schlumpf. Hier ist allen klar, dass Vanille cremefarben und Kaugummi rosa ist… und blau? Ganz klar Zuckerwattegeschmack! „Wie schmeckt denn bitte Zuckerwatte? Doch nur total suess, oder?“ fragte ich mich gleich. Aber nein, das blaue Eis zwischen den Keksen verwandelte sich in meinem Mund an eine Erinnerung an Rummel und Jahrmarkt… Stimmt, so schmeckt also Zuckerwatte. 🙂

Ich wollt ich waer ein Puthahn

Mittlerweile sind die Masthuehner und Truthaehne wohl aus dem groebsten Umzugsstress raus. Kurz nach dem Schluepfen werden die kleinen Kueken naemlich in einen Karton gesteckt, in ein Flugzeug verfrachtet und in ganz Kanada verteilt (Man erinnere sich, dass Kanada ganz doll viel groesser als wie Deutschland ist und die Post einige Wochen unterwegs waere).

Die Kueken der Farm stammen aus einem biologischen Schluepfbetrieb in Quebec. Wenn man sich ganz doll beeilt, wuerde die Autofahrt sechs Tage dauern. Aber die Kueken haben nicht so viel Zeit und werden daher ausgeflogen.

Sind sie erstmal im Yukon gelandet, werden sie abgeholt und finden in einem gut isolierten Zelt mit Propanheizung ihr neues Zuhause. Die ersten zwei Tage sind wohl besonders kritisch. Durch den ganzen Schluepf- und Umzugsstress sind die Voegel aeusserst verwirrt. Jede Stunde wird also nach ihnen geschaut. Dabei ist zu beachten, dass jedes Kueken lernen muss zu essen und zu trinken.

Bei der Auswahl der Rassen ist es Farmbesitzer Bart wichtig, dass es sich um sogenannte heritage breeds handelt, also alte Nutztierrassen. Die sind zwar nicht so schnell wachsend wie die neuen Zuechtungen und setzen auch nicht so viel Fleisch an, aber dafuer sind sie auch voll ausgewachsen noch ueberlebensfaehig. Viele „moderne“ Gefluegelrassen sind so sehr hochgezuechtet, dass sie voll ausgewachsen nicht mehr stehen koennen, da ihnen zu schnell zu viel Muskeln gewachsen sind. Von der vorsorglichen Antibioktikagabe und der ganzen Gesundheitsprobleme wegen des schnellen Wachstums moechte ich gar nicht erst anfangen.

Ich habe uebrigens erst vor ca. 1,5 Jahren begriffen, dass es sich bei Truthahn und Pute und das selbe Tier handelt!!! Irgendwie dachte ich immer, eine Pute ist etwas groesser und haesslicher als ein Huhn und der Truthahn hat die Hautlappen vom Kopp haengen und wird in Nordamerika zu Thanksgiving gegessen. Denkste. Truthahn = Puter, Truthenne = Pute. Was fuer ein Aha-Erlebnis!

Auch die Pflanzen wachsen und gedeihen. Das mit einem Holzofen geheizte Gewaechshaus wird jeden Dienstag mit neu ausgesaehter Anzuchterde gefuellt. Auf den Plastikschalen wird vermerkt, was ausgesaeht wurde und in welcher Woche.

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Die Plastikschale ist gefuellt mit jungen, gruenen Pflanzen und beschriftet mit P 18. P steht fuer pea, also Erbse und ausgesaeht wurden sie anscheinend letzte Woche in KW 18.

Zum Schluss moechte ich noch einen Skandal aufdecken:

Bart hat bislang immer behautptet, dass es auf der Farm weder Strom noch fliessend Wasser gibt. Doch ich habe in bester Detektivarbeit tatsaechlich eine Steckdose in der Wand ausfindig machen koennen!!!

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Durch eine Luecke im Palettenzaunes lugt ein neugieriger Schweineruessel. Ich habe dann doch nicht versucht, mein Handy hier aufzuladen.

Mal sehen, wie Bart gedenkt, sich da herauszureden. 😉