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Projekt Elchkanu – Nach der Jagd

Auf dem Weg nach Hause im Truck lassen wir die Tage auf dem Fluss noch einmal an uns vorbei ziehen. Die Stille, die Einfachheit, die Natur… dazu beisse ich in einen frisch gekauften Brownie aus dem Einkaufsladen in Carmacks und kann die Geschmacksexplosion in meinem Mund kaum fassen. So schokoladig, saftig und irre suess! Neben mir liegt eine Flasche Haarspuelung, mit der ich die Filzplatte auf meinem Kopf hoffentlich entwirren kann.

Wieder denke ich an unsere leeren Kuehltruhen und versuche Tyrel aufzumuntern: „Die Bisonjagd faengt doch bald an. Vielleicht halten wir Ausschau nach einem Schneemobil und gehen dann vielleicht erfolgreicher nach Hause als die letzten beiden Male.“ Tyrel stimmt zu, stellt aber gleichzeitig so viele Ansprueche an den Typen des Schneemobils, dass ich ihm diese Aufgabe gedanklich sofort ueberlasse. Die Nacht fliegt am Truck vorbei, die Heizung haelt meine Fuesse warm und ich kann die Aussicht auf ein warmes Zuhause vor Glueck kaum fassen.

Da wir jetzt noch ein paar Tage gemeinsam frei haben, fahren wir am naechsten Morgen gleich zum Startpunkt unserer Reise, um den zweiten Truck abzuholen. Auf dem Rueckweg halten wir in der Stadt und kaufen Lebensmittel ein. Frisch geduscht und wohlig warm arbeite ich zu Hause an der Befriedigung meiner Flussehnsuechte.

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Mit einem Stueck ofenwarmen Kaesekuchen und einer Schale Soljanka lege ich ein Puzzle.

Meine Tagtraeume auf dem Fluss haben mir nicht zuviel versprochen. Soljanka, Kaesekuchen und Puzzlen ist fuerwahr eine super Kombination!!!

Trotz der Spuelung verbessert sich mein Verhaeltnis zu meinen Haaren nicht nennenswert. Sie bestehen zwar nicht mehr ausschliesslich aus Filz, haben in meinen Augen aber bewiesen, wie wenig praktisch sie sind in der aktuellen Laenge. Zum Glueck kann man da was gegen tun.

Hat auch gar nicht wehgetan! 🙂

Dann fahren wir zu unserem Woodlot, um zu sehen, an welcher Stelle es am kluegsten ist, die naechste Strasse mit der Kettensaege hineinzuschneiden. Wir werden von einem neuen Bodenbelag ueberrascht.

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Der erste Schnee der Saison verfuehrt mich noch zum Hineingreifen und Hochwerfen.

Wir sind wieder da und der Winter hat schon auf uns gewartet. Ich freue mich auf Abende am Kamin und die kalte, klare Luft!

 

Von einigen tollen Bloggern wurden mir Fragen gestellt, die ich nicht einfach unter den Tisch fallen lassen kann.

Auf der Seite Der Feind in mir beschreibt C. ihre Erlebnisse nach der Diagnose Brustkrebs. Dabei steht die Krankheit selten im Vordergrund, sondern das intensive Leben, das vielleicht ein Stueck neu entdeckt wurde.

Leider ist der Beitrag mit den Fragen nicht mehr vorhanden (der Rest der Seite zum Glueck aber schon), sodass ich mich nur noch an eine Frage erinnere:

  • Schwarz oder Weiss?

Schwarz. Schlicht, elegant, stark. Wobei ich Schnee gerne in weiss mag, der leuchtet in langen Winternaechten so schoen, dass man sich auch nachts ohne Lampe orientieren kann.

 

Lydia erzaehlt auf ihrem Blog Lydias Welt von ihrem Alltag und Herausforderungen als blinde Frau und Mutter und gibt gute Tipps, wie man als Sehender helfen kann wenn man moechte.

  • Was liest Du am liebsten?

Ganz klar und fast ausschliesslich Sachbuecher. Autobiografien, Buecher ueber interessante historische Ereignisse, Erfahrungsberichte, auch wissenschaftliche Buecher. Ab und an ist mal ein Roman dabei, jedoch fuehlt sich das fuer mich meist eher an wie Berieselung und nichts, worueber ich noch stunden- und tagelang nachdenken kann.

  • Was machst Du, wenn Du nicht einschlafen kannst?

Meist klappt es mit ein wenig Autogenem Training. Wenn ich davon nicht schlafen kann, stehe ich wieder auf, bis ich muede bin. So wird mein Bett nicht mit Schlaflosigkeit verknuepft. Wenn ich alleine einschlafen soll, hoere ich auch manchmal eine Dokumentation oder einen Kabarett-Beitrag und gleite ins Traumland.

  • Glaubst Du, dass Pflanzen Gefühle haben? 

Ja, das glaube ich schon. Vielleicht fliesst kein Harztropfen aus dem Astloch, wenn wir dem Baum Titanic vorspielen, allerdings ist bewiesen, dass Baeume soziale Wesen sind, miteinander kommunizieren, sich opfern und auch merken, wenn sie gegessen werden. Fuer mich bedeutet das, dass sie Gefuehle haben muessen. Bewusstsein waere nochmal eine andere Frage.

  • Hund oder Katze?

Eigentlich wollte ich immer einen Hund haben, schaffte mir dann aber zwei Katzen an, da die mit einer Vollzeitberufstaetigkeit besser zu vereinbaren sind, wenn man allein lebt. Seitdem liebe ich Katzen! Vor allem schwarze Kater bringen mich unter Garantie zum Lachen. Hier im Yukon sind die Bedigungen aber viel guenstiger fuer einen (Draussen-) Hund. Tyrel fuehlt sich bereit fuer einen Hund, hat aber spezielle Anforderungen und keine Eile. Daher wuerde ich auch gerne ausprobieren, wie das Zusammenleben mit einem Hund klappt.

  • Hast Du jemals den Wunsch verspürt, Dich einmal in ein Tier zu verwandeln?

Als Kind natuerlich waere ich gerne das Tier gewesen, was ich gerade gespielt habe. Meist waren das entweder Pferd (Reiten oder Ziehen) oder Loewe (Koenig der Loewen war der groesste Hit). Allerdings bin ich ganz zufrieden mit dem, wer oder was ich bin. 🙂

 

Und dann gibt es ja noch Tally von tallyshome. Mit Witz und Ehrlichkeit taucht man bei ihren Beitraegen in das echte Leben ein (und in lange Abhandlungen von Familienrecht, bis sie endlich die Klausur bestanden hat! ;)).

  • Nahrungsmittelknappheit auf der Erde. Lebensmittel werden rationiert. Jeder Mensch muss sich für eine Lebensmittelgruppe entscheiden, die er nie wieder im Leben wird essen dürfen. Milchprodukte, Fleischprodukte, Fischprodukte, Obstprodukte, Salatprodukte oder Kohlehydrate (ja … darunter fallen auch Süsßigkeiten). Stattdessen bekommt man natürlich Vitaminpillen, die helfen den Körper im Gleichgewicht zu halten. Aber darum geht es ja nicht. Die Frage ist eher: Auf welche Lebensmittelgruppe könntest du für den Rest deines Lebens verzichten?

Die Antwort faellt nicht schwer und ist eindeutig Salatprodukte. Salat. Erstmal hoert sich das Wort echt doof an, wenn man es fuenfmal sagt. Salat, Salat, Salat, Salat, Salat. Dann ist es fuer mich eher Wasser mit Balaststoffen und zwar gesund aber nicht befriedigend. Da ziehe ich mir lieber ein Stueck Kaese rein und habe anschliessend Bauchschmerzen.

  • Autopannen sind ja bekanntlich sowieso schon doof. Du aber bist auf einer verlassenen Landstraße liegen geblieben. Um dich herum gar nix. Außer Wald, Felder und Wiesen. Es wird allmählich dunkel. Dein Handy hat null Empfang. Andere Autos sind nicht in Sicht, die Straße wird aber sowieso nur selten befahren. Du kennst dich in der Gegend nicht aus und das letzte Dorf liegt ca. 1 Stunde  Autofahrt hinter dir zurück. Was tust du?

Als erstes steige ich aus und klappe die Motorhaube auf – ein Zeichen fuer Vorbeifahrende, dass es hier ein Problem gibt. Bei einer Stunde Autofahrt auf einer Landstrasse liegt das naechste Dorf mit Sicherheit mehr als einen Tagesmarsch zurueck – da ich wahrscheinlich nicht geeigneten Proviant und Ausruestung mitfuehre, bleibe ich auf jeden Fall beim Auto. Auch die verlassenste Landstrasse in Deutschland ist immer noch merhmals am Tag befahren. Je nach Situation wuerde ich dann eventuell noch die Strasse mit Aesten oder anderem blockieren, damit niemand einfach so an mir vorbei kann. Allerdings nur, wenn 1. dadurch keine weitere Unfallgefahr besteht und 2. das Blockiermaterial in der Naehe des Autos zu finden ist.

  • Dein Sohn oder deine Tochter (immaginär falls nicht real vorhanden) kommt zu dir und will über etwas privates mit dir sprechen. Er/Sie erklärt dir er/sie sei schwul bzw. lesbisch oder das er/sie RennradfahrerInn als Berufsweg eingeschlagen hat. Was ist schlimmer für dich und wie reagierst du?

Waere beides kein Problem. Viel Spass, schick ne Karte 😀

  • Dein Haustier oder von mir aus auch ein beliebiges Tier fängt plötzlich an mit dir zu sprechen. Was würde es dir wohl erzählen?

Wenn meine oben bereits erwaehnten Katzen sprechen koennten, waere es klar. Eva wuerde alles kommentieren, was man so macht begleitet von „Was macht du da? Warum ist das so?“ und „Ich hab sooo einen Hunger“. Stalin hingegen… naja. Ich glaube er wuerde sich meist beklagen, wie schwer ers doch hat. Armer, schwarzer Kater halt.

  • Manche Menschen wünschen sich, den roten Knopf zu drücken. Alles noch mal zurück auf 0 setzen. Die Menschheit müsste von vorne anfangen. Wie auch immer dieser Neuanfang aussehen würde, es würden wahrscheinlich eine Menge Seelen sterben. Dafür hätte die Erde Zeit sich zu regenerieren, die Tierbestände würden sich erneuern, das Ozonloch sich schließen etc. Die Menschheit würde nicht ausgerottet, nur stark dezimiert. Der Knopf ist jetzt direkt vor dir und es ist definitiv nicht sicher, ob du unter den glücklichen/unglücklichen bist, die überlebt und auch deine Familie wäre nicht sicher. Würdest du es trotzdem tun? Würdest du den Knopf drücken und alles auf 0 stellen?

Diesen Knopf wuerde ich auf gar keinen Fall druecken. Wahrscheinlich wuerden alle Fehler genauso wieder begangen werden. Ich glaube, dass man Probleme loest, indem man vorwaerts geht und sich nicht wuenscht, dass man 10 Schritte zurueck nochmal anders abbiegen koennte.

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Projekt Elchkanu Tag 7

Morgens reibe ich mir als erstes den Schlaf aus den Augen und luge dann zum Thermometer herueber. Aha, Null Grad. Solang die Nase morgens nicht friert (das tut sie unter ca. -5 Grad) ist mir alles recht.

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Unter einer aufgespannten Plane hinter einem Stapel Holz haben wir friedlich geschlummert und das Feuer am Leben gehalten.

Ich schnappe meine Kamera und mache meinen morgendlichen Rundgang. Immerhin lagern wir heute bei Erickson’s Woodyard. Hier war eine Anlegestelle fuer die Schaufelraddampfer, die vor ca. 100 Jahren den Yukon hoch und runter gefahren sind. So schnell wie irgend moeglich wurden mit speziellen Karren Unmengen Holz an Bord geladen. Die Holzarbeiter saegten nach Abfahrt weiter per Hand Baeume um und lebten in kleinen Huetten.

Doch auch juengere Spuren sind zu finden. Jaeger, die den Fluss herunterfahren, haben naemlich spezielle Anforderungen. Sobald eine Beute erzielt wurde, werden die gehaeuteten und ausgenommenen Keulen und Teile in luftdurchlaessige aber insekten- und schmutzundurchlaessige Saecke gesteckt.

Dabei ist die Anforderung an das Fleisch, dass es sauber, trocken und kuehl lagert. Gar nicht so einfach, wenn man noch ein paar Tage auf dem Fluss unterwegs ist. Wenn man das Fleisch im Liegen lagert, ist die Unterseite nie trocken und kuehl. Daher muss man die Saecke ueber Nacht aufhaengen. Der geneigte Jaeger baut sich aus ein paar Baumstaemmen eine Haengevorrichtung vor Ort.

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Schmale Baumstaemme sind horizontal auf ca 2 m Hoehe befestigt. Das geschieht entweder von Baum zu Baum oder von Baum zu Dreibein aus weiteren Baumstaemmen. Im Hintergund glitzert der Yukon River gruenblau.

Nun bin ich aber schon mehr als hungrig. Als ich zurueckkehre zu unserem Schlafplatz, kocht zum Glueck das Flusswasser schon ueber dem Feuer! Kann sich irgendwer vorstellen, was es Gutes zum Fruehstueck gibt??

Genau, Kaesemaccaroni. Kochendes Wasser zusammen mit ungekochten Nudeln in die Tupperdose, warm in die dicke Jacke einpacken und warten. Nach einiger Zeit sind die Nudeln dann zwar sehr matschig und schleimig, aber essbar. Wasser abgiessen aber ein bisschen davon bei den Nudeln behalten, denn das Kaesepulver muss ja angeruehrt werden. Ich brauche wirklich ein wenig Abwechslung und krame in der Essenskiste. Schliesslich „verfeinere“ ich das fragwuerdige Mahl mit betraechtlichen Mengen von scharfer Sriracha-Majo und Chili-Oel.

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Auf einer Plastikbox sitzend freue ich mich ueber kulinarische Ergaenzungen zu den Kaesenudeln in meiner Tupperbox.

Meine Lippen, die mittlerweile alle paar Milimeter eingerissen sind, brennen wie Feuer und erinnern mich die naechsten Stunden noch an diese clevere Idee.

Schliesslich haben wir alles gepackt und verzurrt und gleiten wieder dahin.

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Vor dem Kanu spiegelt der glatte Yukon River die umgebenden Waelder und Berge.

Langsam versuche ich mich schon auf die Ankunft vorzubereiten. Morgen abend werden wir schon ankommen, wenn wir keinen Elch mehr sehen. Was ist alles zu tun? Auf dem Fluss ist alles so einfach, weil es logisch und naturgegeben ist. Wenn ich muede bin, bereite ich das Nachtlager, wenn ich hungrig bin, eine Mahlzeit. Wenn mir kalt ist, mache ich ein Feuer. Nichts ist abstrakt, alles greifbar.

Auf jeden Fall muss ich etwas wegen meiner Haare unternehmen!!! War ja ne ganz tolle Idee, sie in losen Zoepfen zu flechten. Um die Ohren zu waermen. Unter der Sturmhaube und Muetze. Mittlerweile waermen sie noch mehr, da sie sich in zwei Filzplatten verwandelt haben, die ich zur Schadensbegrenzung mit einem Zopfgummi zum Dutt hinter den Nacken gebunden habe. Zuhause habe ich noch nicht mal eine Spuelung… vielleicht kann ich ja eine im kleinen Laden in Carcross kaufen.

Dann schweifen meine Gedanken wieder zu Kaesekuchen, Puzzle und Soljanka und die Kilometer gleiten so dahin.

Zur Mittagspause schauen wir auf der Karte genau nach, wo wir sind. Zu unserer Ueberraschung sind wir heute schon 50 km gepaddelt! Wenn wir weiterpaddeln, wuerden wir also ganz in der Naehe von Carmacks uebernachten. „Nee, das ist doof.“ wirft Tyrel ein. „Nachdem der Little Salmon River in den Yukon muendet, verlaeuft eine Strasse direkt am Flussufer. Wenn wir so nahe an der Zivilisation sind, koennen wir auch gleich ganz nach Hause paddeln.“

Hmmm… eigentlich war ich doch noch auf eine Nacht im Freien vorbereitet. Aber nach 7 Tagen klingt eine Dusche und ein Bett dann doch verlockend. Vor allem, wenn die Alternative ein Campen am Highway darstellt.

„Okay, wir versuchen es!“ stimme ich zu. „Dann lass mich auch mal richtig in die Ruder langen!“ Tyrel hatte mich naemlich die letzten Tage ueber zur Schonung meiner Kraefte ermahnt. Wir seien schliesslich noch einige Tage in der Wildnis unterwegs, da muss man ein paar Reserven fuer Unvorhergesehenes ueber haben. Stimmt ja, wenn man darueber nachdenkt. Und wieder ein Pluspunkt fuer die Ehe mit einem Wildnisguide.

Schliesslich filtern wir noch etwas Wasser und ziehen weiter.

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Wir haben eine Plastikflasche voller Wasser gefuellt und druecken das Wasser durch unseren kleinen Sawyer Squeeze Mini Filter in einen Thermosbecher hinein.

Morgens und Abends kochen wir das Flusswasser vor dem Trinken ab. Doch unterwegs waere das viel zu aufwaendig, da wir Holz saegen und ein Feuer machen muessten. Also benutzen wir unseren kleinen Wasserfilter. Das Wasser daraus schmeckt mir um Laengen besser als das Abgekochte. Aber das Flusswasser ist so kalt, dass mir beim Filtern die Haende taub werden. Der Filter hat winzig kleine Roehrchen, durch die Keime und Erreger einfach nicht durchpassen. Daher muss man den Filter auch nie wechseln. Aber er darf nicht frieren, sonst platzen die Roehrchen und es wird nicht mehr alles herausgefiltert. Daher wohnt unser Filter auf unserer Tour in Tyrels Hosentasche und darf auch nachts mit in den Schlafsack.

Zurueck auf dem Fluss gebe ich alles. Kilometer um Kilometer kommen wir unserem Ziel naeher. Am liebsten wuerde ich jetzt Musik hoeren, habe aber nichts entsprechendes dabei. Da frage ich mich, ob ich denn nicht einfach Musik in meinem Kopf spielen lassen kann, ein Ohrwurm ist schliesslich nichts anderes. Ich suche mir eine CD aus und lasse die ersten Toene von System of a Downs „Steal this Album“ erklingen. Als ich das letzte Lied zu Ende gehoert habe, schaue ich auf die Uhr. Es ist tatsaechlich eine Stunde vergangen! Kurios.

„Katze! Katze!!!!!“ ruft Tyrel und erloest mich aus der Frage, welche Musik ich als naechstes spielen soll. Tatsaechlich! Am Ufer sitzt eine knuddelige Katze und grinst uns an. Natuerlich hole ich sofort die Kamera raus, um den Moment festzuhalten.

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Ein Luchs sitzt am Ufer und schaut uns neugierig an.

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Spaeter wurde seine Auferksamkeit von etwas anderem gefangen. Er ist trotzdem noch sehr knuffelig.

„Wenn du ein Luchsbaby zaehmst, darfst du es von mir aus auch behalten!“ bietet Tyrel grossmuetig an. In freier Natur gefallen sie mir aber viel besser.

Ein paar Kilometer weiter hoere ich ein leises Fluchen von Tyrel. „Verdammt, warum ist das kein Schwarzbaer?!“ Am Ufer, ca. 15 bis 20 Meter entfernt von uns sucht ein dicker Grizzlybaer den Strand nach Essbarem ab. Ein Grizzly darf nur alle drei Jahre gejagt werden und Tyrel darf erst naechstes Jahr wieder einen Grizzly jagen.

„Super, dann mache ich gleich ein Foto!“ denke ich mir und greife nach der Kamera. Leider bemerkt und Meister Petz, als ich die Kamera einschalte und bricht sofort mit einem Affenzahn durch das Gebuesch in den Wald hinein. Wow! Was fuer eine Geschwindigkeit und Kraft, es sind etliche Weidenzweige zerbrochen.

Zwei Dinge, die ich bisher nur theoretisch wusste, machen fuer mich nun wirklich Sinn.

  1. Lauf niemals vor einem Baeren davon denn er ist eh schneller als du.
  2. Der Otto-Normalbaer moechte mit Menschen nichts zu tun haben und verkruemelt sich von alleine.

Immer noch bin ich beeindruckt von der Kraft des Baeren. Und lege mich extra schwer ins Zeug beim Paddeln. Jetzt moechte ich baerenstark sein!

Langsam wird es dunkel. „Meinst du, wir koennen es wirklich noch schaffen heute anzukommen?“ frage ich Tyrel. „Na klar, wir muessen immerhin keinen Schlafplatz suchen, keine Plane spannen, keine Ausruestung schleppen, kein Feuerholz saegen, kein Feuer machen,…“ Ganut. Paddelpaddelpaddel.

*Plunsch!!!* „Wat?? Hier ist doch niemand! Warum schmeisst jemand Steine ins Wasser?“ wundere ich mich. „Das ist nur ein idiotischer Biber, der uns zeigen moechte, wie wenig er von uns haelt.“ *Plunsch!* Schon wieder!! „Hoer bitte auf zu Paddeln, ich moechte ein Foto schiessen!“ denn schliesslich habe ich eben den Biberkopf erspaeht, als er ein paar Meter weiter aufgetaucht ist. Ohne Paddeln dreht sich das Kanu im Kreis und treibt weiter flussabwaerts, der Biber jedoch schwimmt entgegen der Stroemung. Mit dem drehenden Kanu, dem abtauchenden Biber und dem grossen Zoom kommt leider kein Foto zustande. Am liebsten wuerde ich auch etwas in Wasser werfen, um dem Biber zu zeigen, dass wir ihn mittlerweile auch doof finden. Komischwerweise finde ich aber keinen grossen Stein im Kanu und paddel einfach weiter.

Nachdem wir jetzt schon geraume Zeit neben dem Highway entlangpaddeln, finde ich auch gut, dass wir heute schon ankommen. Hier waere es keine schoene letzte Nacht gewesen. Und ausserdem habe ich mir komplett die Wehmut der letzten Nacht und des letzten Morgens gespart. Morgen werde ich reichlich Muskelkater haben und ihn im weichen Bett geniessen koennen.

Schliesslich – Endlich – Letztlich mehren sich die Huetten links und rechts an den Uferbaenken. Nur noch zwei Kilometer bis zum Ziel. Zeit fuer ein letztes Foto auf dem Fluss.

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Die Lippen springen bei jedem Grinsen mehr auf und brennen, daher sieht mein Laecheln ein wenig waechsern aus.

Die Sonne ist bereits untergegangen und im Gegenlicht erinnert das Bild an einen Scherenschnitt mit lila Wolken.

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Sonnenuntergang am Yukon River

Der Yukon ist nun schon ziemlich breit und schnell fliessend, sodass wir rechtzeitig auf die richtige Flussseite wechseln koennen, um die Bootsrampe nicht zu verpassen.

Und dann… ist es ploetzlich vorbei.

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Hinter der Bruecke bei Carmacks haben wir das Kanu an Land gezogen und unsere Tour beendet. Ich strecke meine Arme zum Himmel.

Waehrend ich ueber das Kanu und unsere Habseligkeiten wache, holt Tyrel unseren Truck, den wir bei einem Bekannten in Carmacks geparkt haben. Ich lasse den Trip nochmal Revue passieren. Schoen wars gewesen. Alle Elche leben noch. Einerseits bedaure ich unsere leere Kuehltruhe, andererseits freue ich mich fuer die Elche. Ich finde es gut, dass man bei einer Jagd nicht selbstverstaendlich mit Beute nach Hause kommt, sondern die Tiere eine Chance haben zu entkommen. Ich bin dankbar fuer die Schoenheit der Natur und dass ich sie so unmittelbar erleben darf. Und ich freue mich auf eine heisse Dusche und ein warmes Zuhause und weiches Bett.

Danke an alle, die mich auf dieser Reise im Geiste begleitet haben! 🙂

 

Projekt Elchkanu Tag 6

Am fruehen Morgen werde ich aus dem Schlaf gerissen von Tyrels gekonnter Imitation einer verzweifelt riemigen Elchkuh. Wer das jetzt romanterisch findet, der hoere sich doch mal bitte exemplarisch an, wie das klingt.

Dazu muss ich anmerken, dass Tyrel das Ganze eher schreit. Hoert sich also eher an wie eine unheilige Mischung aus verzweifelter Elchkuh und rostiger Kettensaege.

Sofort schlage ich vor fuer unseren morgendlichen Weckton genau dieses Geraeusch einzustellen und stehe auf. Anscheinend kommt der kalte Morgen nicht wieder, es ist 1 Grad. Meine blaue, dick gefuetterte Latzhose macht beim Laufen ein leises siiipp, siiiipp, siiipp, was Tyrel in den Wahnsinn treibt. Anscheinend ist er der Meinung, Elche moegen keine warmen Hosen. Schliesslich ziehe ich Tyrels dicke Fleecehose ueber meine wollene lange Unterhose und nun kann auch der Elch nicht mehr meckern.

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Unser Camp am naechsten Morgen. Die Plane bietet Schutz vom Wetter und ist befestigt am Kanu und in den Sand gegrabenen Stoecken. Die Paddel spannen die Plane zusaetzlich auf, damit der Wind sie nicht auf uns nieder drueckt.

Beim Zubereiten des Fruhstuecks rufen wir und behalten unsere Umgebung genau im Auge. Leider ruehrt sich nichts. Wollen wir trotzdem eine weitere Nacht hier bleiben? Immerhin haben wir endlich einen Elchbullen gesehen!

Wir ueberlegen hin und her und entscheiden uns schliesslich dazu, zu gehen. Der Elchbulle von gestern hat allem Anschein nach eine gute Nase von unserem Geruch erhascht und ist jetzt ueber alle Berge. Wir machen einfach mehrere Pausen auf unserer Fahrt und rufen. Und hoffen auf eine bessere Gelegenheit.

Wir packen zusammen und fahren ein paar Flussbiegungen weiter, um dort zu rufen. Doch der Elch kommt nicht wieder. Auch kein anderer Elch schaut vorbei. Mist.

Ein paar Kilometer weiter versuchen wir es wieder. Rufen. Warten. Beobachten. Wieder Rufen.

Nichts.

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Aus dem gruenlichen Wasser des Yukon River ragen riesige Klippen hervor, die der Fluss ins Ufer gegraben hat.

„Dann sollte es halt nicht sein.“ denke ich mir und tauche wieder ab in die Monotonie der Paddelbewegung. Gleichfoermig wie in einer Meditation komme ich mit jedem Mal Paddeln meinem warmen Kaesekuchen ein kleines Stueckchen naeher.

„Mooose!“ Sofort sehe ich, was sich am Strand der kleinen Insel vor uns abspielt: Mama Elch liegt tatsaechlich mit ihren zwei Elchkaelbern am Strand und geniesst das Leben! Sofort hole ich meine Kamera raus. „Was machst du da?!? Schnell, wir muessen aus der Stroemung raus ans Ufer paddeln!!!“ Okay, okay. Die Kamera wird unsanft in den orangenen Muellsack am vorderen Ende des Kanus zurueckbefoerdert und ich lege mich maechtig ins Paddelzeug.

Aufgeschreckt durch die untypischen Flussbewohner suchen die Elche auch gleich das Weite. „Es koennen ja noch mehr Elche hier auf der Insel sein… wir pirschen uns an.“

Und wir pirschen und pirschen. Ueber Steine, durch Sand, Gras und Schlamm. Und finden nichts. Die ultrafrischen Spuren der fluechtenden Familie zeigen, dass diese gleich nach unserer Ankunft vom gegenueberliegenden Ende der Insel aus ans Festland geschwommen sind. Und die Elche haetten wir sowieso nicht gejagt, da die Kaelber noch zu jung waren und Mutti eh unter Schutz steht. Hmpf. Also geht es zurueck zum Kanu. Tyrel geht links durchs Unterholz, ich rechts.

Auf einmal ein lauter Knall!!!

War da jetzt doch noch ein Elch, den wir uebersehen haben?!

Freudestrahlend betritt Tyrel die Lichtung, die zwischen uns lag. Von seiner linken Hand baumelt… ein Hase. Der fuellt zwar nicht zu Hause die Gefriertruhen aber stellt eine willkommene Abwechslung in unserer derzeitigen Ernaehrung dar!

Ein gut gefuellter Teller Hasenfleisch ist die Jagdausbeute des Tages.

Als Beilage zum Hasen gibt es meinen Spezialkartoffelbrei, der aus vorportionierten und speziell gewuerzten Kartoffelflocken besteht.

Nach etwas mehr Paddelei sehen wir von weitem ein rotes Kanu. Es bleibt jedoch ganz weit entfernt. Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir die letzten beiden Tage keinen anderen Menschen auf dem Fluss getroffen haben. Und irgendwie war es auch total okay so. Jetzt ist es aber auch wieder schoen zu sehen, dass man nicht allein ist auf der ganzen grossen Welt. Der grosse Abstand zum Kanu gefaellt mir ganz gut, so kann ich mir noch ein bisschen Zeit lassen mit meinen Gedanken, unsozialisiert.

 

Mit 47 km und einer Menge Jagdversuchen auf dem  Tacho halten wir fuer die Nacht. Wir schlafen in einem alten Holzfaellerlager, Erickson’s Woodyard. Doch heute ist es spaet und dunkel, morgen werden wir uns genauer umsehen.

Mein Schlafsack kuschelt mit mir von allen Seiten und leicht gleite ich ins Traumland hinueber.

Projekt Elchkanu Tag 5

Es sind kuschlige 5 Grad, als ich die Augen aufschlage. Hungrig. Sehr hungrig!

Obwohl ich gestern abend keinen Bissen mehr herunterwuergen konnte, klingen Kaesemacaroni komischerweise wieder verlockend und mir mundet meine Portion.

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Am Morgen sieht unser Camp etwas verwuestet aus. Unter den gespannten Planen liegen die Isomatten, schon verpackte Schlafsacke und das Feuer heizt Wasser im Topf zum Bereiten des Fruehstuecks.

Wieder lassen wir einen grossen Haufen gesaegtes und gespaltenes Holz zurueck. Der naechste Kanute (wahrscheinlich erst naechsten Sommer) wird sein Glueck kaum fassen koennen.

Nach dem kaesigen Mahl packen wir ein und machen auf den Weg, uns. Nach einigen Flusskilometern muessen wir unserem Teslin River auf Wiedersehen sagen – er muendet im Yukon River, auf dem wir fortan unterwegs sind. Kurz nach der Vereinigung der Fluesse gehen wir an Land und schauen uns ein wenig Geschichte an.

Wir sehen einen Schiffsfriedhof einer anderen Art. Zu der Zeit des Goldrausches Anfang der 1900er Jahre gab es einen regen Schiffsverkehr auf dem Yukon River. Doch mussten die Schaufelraddampfer vor dem Eis des harten Winters gesichert werden. Eine Insel bei Hootalinqua, wo Teslin und Yukon River zusammenfliessen, bot eine gute Lage fuer die Aufbewahrung. Dieses Schiff hiess erst Evelyn und dann Norcom, nachdem es von einem anderen Unternehmen aufgekauft wurde. 1913 wurde Evelyn das letzte Mal ueber riesige Holzbalken auf die Insel gezogen und ist nach wie vor schoen anzusehen – wenn auch heute mit einem etwas anderem Charme als noch vor 100 Jahren.

Ein paar Flusswindungen spaeter gab es schon das naechste Highlight: Der echte Unterbau der SS Klondike lugte aus dem Wasser hervor. Denn die SS Klondike ist hier 1936 auf Grund gelaufen. Der Oberbau wurde daraufhin geborgen und aus ihm ein neues Schiff gebaut, die SS Klondike 2, die heute als Rentnerdasein voll restauriert in Whitehorse eine grosse Touristenattaktion darstellt.

SS steht uebrigens fuer steam ship, also Dampfschiff und keinesfalls fuer eine politische Gesinnung der Werften.

Der Yukon ist merklich breiter und schnell fliessender als der Teslin River. Auch die Farbe hat sich geaendert, sie ist nun milchig-flaschengruen. Wenn es ganz still ist, hoere ich die Sandpartikel am Kanu entlangfliessen. Ich nehme es wahr als ein sehr beruhigendes, gleichfoermig sanftes Rauschen.

Immer mal wieder begegnet uns eine Gruppe Schwaene, die sich unter lautem Geschnatter fertig machen fuer den langen Flug in waermere Gefilde.

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10 Schwaene strecken ihren Hals, waehrend sie vom Fluss aus in Richtung Sueden ziehen.

Bei der ganzen Paddelei habe ich viel Zeit, meinen Gedanken nachzugehen. Die gleichfoermige Bewegung und mangelnde Ablenkung helfen. Meistens denke ich an Essen (wie wahrscheinlich im Alltag auch). Was man alles schoen kochen koennte, wenn man nicht auf einer Kaesemacaroni-Diaet waere. Oder was fuer Aktivitaeten in einem Leben doch alle moeglich sind, wenn man einen festen Wohnsitz als Basis besitzt.

In meinen Gedanken manifestiert sich unbaendige Lust auf zwei Dinge:

  • Kaesekuchen!!! Noch ofenwarm einfach reinschaufeln in den Schlund. Mit Muerbeteig als Boden und Rand.
  • Ein 1000 Teile Puzzle legen. Ziemlich schwierig auf dem Fluss, ich muesste es jeden Morgen wieder in die Schachtel legen und dann am Abend weitermachen. Eher nicht zu empfehlen. Aber zu Hause? Vorm Kamin? Yaaaaaay!!!!

Der Gedanke an eine herhafte Soljanka schwingt ab und zu mit, kann aber gegen die beiden Hauptbegierden nicht ankommen.

Die Zeit verfliegt, waehrend ich meinen Gedanken nachhaenge und schon ist es Zeit, einen Lagerplatz fuer die Nacht zu suchen. Zwei auf der Karte verzeichnete Plaetze verwerfen wir, da wir noch ein paar mehr Kilometer reissen wollen nach unserem etwas langsamen Tag gestern. Der immer dunkler werdende Wald wird abgeloest durch ein ehemaliges Waldbrandgebiet und kahle, tote Staemme ragen in den Himmel.

Da ploetzlich! ELCH! ELCHBULLE!!!!

Mit vereinten Kraeften paddeln wir uns irgendwie an das rechte Ufer und zerren das Kanu an Land. Tyrel greift das Gewehr. Wir rufen den Elch und pirschen langsam durch das ehemalige Waldgebiet, in die Richtung in der wir den Elch vermuten. Wir haben den Wind im Gesicht, das heisst der Elch kann uns nicht riechen, wenn er sich irgendwo vor uns befindet. Nach ca. 15 Minuten beschliessen wir, zurueck zum Kanu zu gehen und das Lager aufzuschlagen, da es bereits dunkel wird. Die ganze Zeit ueber begleitet uns Tyrels Imitation einer Elchkuh.

Waehrend des Lager Bereitens dann eine Bewegung am anderen Ufer! Ein Schatten bewegt sich hinter den Staemmen im Gebuesch! Tyrel ruft und ruft und schliesslich hoeren wir die grunzende Antwort des Elchbullen. Er muss tatsaechlich durch den Fluss geschwommen sein, um uns dann vom anderen Ufer aus in Augenschein zu nehmen. Doof fuer uns, jetzt weht der Wind naemlich von uns zu ihm…

Der Elch an sich ist ja nicht doof, nur aeusserst schmackhaft – was uns auch an erster Stelle in diese Situation gebracht hat. Scheinbar missbilligt er unsere seit fuenf Tagen groesstenteils unterlassene Koerperhygiene und verschwindet schliesslich im Unterholz. Einen sauberen Schuss haette Tyrel nicht landen koennen, da der Elch sich konstant bewegt hat, Baeume im Weg waren und wir im Zweifelsfall auch zu lange gebraucht haetten, ihm auf der anderen Seite des Flusses nachstellen haetten koennen.

Trotzdem kann es sein, dass der Elch sich am naechsten Morgen nochmals blicken laesst. Oder vielleicht ein anderer Bulle, wenn wir laut genug rufen?

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Eine Aufnahme vom naechsten Morgen: Dort am anderen Ufer ueberm Steilhang hinter Totholz schlich tatsaechlich ein Elchbulle umher!

Muede von 62 Flusskilometern schlafen wir unter einer Plane am Strand und hoffen, dass wir am naechsten Morgen mehr Glueck haben werden als heute.

 

Projekt Elchkanu Tag 4

Das konsequente Abspannen des Schlafplatzes mit Planen gestern hat dazu gefuehrt, dass der Rauch des Feuers genau in die Richtung meines Kopfes gewirbelt wurde. Die ganze Nacht ueber. Dementsprechend geraedert wache ich auf und registriere die sommerlich anmutenden 6 Grad mit maulwurfigen Augen.

Neben dem Schlafentzug ueberreicht mir Mutter Natur ein weiteres Geschenk: Ich habe meine Tage.

An dieser Stelle moechte ich nochmals auf den Besuch meines Bruders Anfang September verweisen. Hier praesentierte er mir die Frage, die ihm von Freunden/ Kollegen bezogen auf meine Person am haeufigsten gestellt wurde:

Wie macht sie das denn, wenn sie ihre Tage hat im Winter?!

An seiner Stelle haette ich ja direkt zurueckgefragt, wie das denn die Schwestern der Fragesteller macht, wenn sie ihre Tage hat… im Winter! 😀 Aber da es durchaus Leute zu beschaeftigen scheint, moechte ich gerne aus meinem Menstruationstaeschchen plaudern.

Schon im Jahre 2012 beschloss ich, der Damenhygieneindustrie ein Schnippchen zu schlagen und umzusteigen. Keine Binden mehr (verklebt und laeuft ueber) und auch keine Tampons (laeuft entweder ueber oder legt die Schleimhaeute trocken, wenn man nicht eine Blutungskurve vorliegen hat, an der man minutioes die Wechselintervalle anpassen kann).

Stattdessen benutze ich eine sogenannte Menstruationstasse aus Silikon. Die Vorteile haben mich total ueberzeugt!

  • Wiederverwendbar fuer ca. 10 Jahre -> spart eine Menge Geld und Muell.
  • Sehr scheimhautfreundlich, nichts wird ausgesaugt oder laeuft ueber.
  • Nur zweimal Ausleeren pro Tag.
  • Keine Duft-, Bleich- oder Schadstoffe werden an die Haut abgegeben.
  • Man spuert sie ueberhaupt nicht.

Fuer mich ist noch ein weiterer, entscheidender Vorteil, dass das Blut im Koerper gesammelt wird und so in der Wildnis keine hungrigen Baeren anlockt. Man kann es an einem Ort ausleeren, den man gleich wieder verlaesst.

Okay, das war der Exkurs. Nun zurueck zur Exkursion! 🙂

Obwohl ich aeusserst zufrieden bin mit meinem Blutungsmanagement, habe ich trotzdem aeusserst schlecht geschlafen und weiss nicht genau, wie ich den heutigen Paddeltag ueberleben soll. Aber zuerst beginnt dieser Tag eh wie jeder andere auch: Morgentoilette, Feuer mit Holz fuettern, Wasser im Topf holen und ueber dem Feuer platzieren, gewuenschtes Fruehstueck im Container platzieren (heute Ramen-Nudelsuppen) und darauf warten, dass das Wasser kocht.

Dann schliesslich kochendes Wasser in Behaelter giessen, Deckel druff, Container in warmer Jacke einpacken und warten, bis es einigermassen weichgekocht ist. Schliesslich essen, sitzend auf unseren kleinen, gelben Plastikkisten, hier milk crate genannt (zu deutsch: Milchkasten).

Tyrel reisst mich aus der Essseligkeit: „ELCH!! Ohne Witz!!!“

Tatsaechlich, am anderen Flussufer tritt aus dem Gebuesch… eine Elchin.

Beigeistert zuecke ich die Kamera und kann ein paar brauchbare Bilder schiessen, obwohl die Dame mit blossem Auge nicht so gut zu erkennen ist.

Tyrel ist damit beschaeftigt, seine persoenliche Interpretation einer riemigen Elchkuh durch die Gegend zu toenen, damit eventuell der Liebhaber der Elchin in Erscheinung tritt. Doch nichts geschieht, die Elchin zieht schliesslich weiter und wir wenden uns wieder der nun eher kuehlen Nudelsuppe zu.

Als wir die letzten Bissen verschlingen, zeigt sie sich noch einmal.

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Lady Elch stapft durchs Wasser und sucht anschliessend im flachen, pflanzigen Gewaesser nach Nahrung.

Einige Zeit noch verbringen wir mit Rufen – doch nichts tut sich. Noch eine Nacht hier verbringen moechte ich auf keinen Fall, nachdem ich so schlecht geschlafen habe. Also packen wir unsere Sachen und ziehen weiter.

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In den schnellfliessenden Aussenseiten der Kurven im Fluss finden sich immer haeufiger Klippen aus hellem Kies.

Das erste Mal halten wir, weil Tyrel eine kleine Flussmuendung entdeckt, in die kein Motorboot hinein fahren kann. So haben wir einen Vorteil mit unserer Kanu-Paddlerei, falls wir auf ein belebtes Elchgebiet stossen sollten.

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Ein kleines Rinnsal schlaengelt sich durch eine saftige Wiese, auf die die Sonne scheint.

„Jetzt muessen wir Geduld haben und rufen!“ stellt Tyrel fest. „Und sonst ganz leise sein!“ Wir setzen uns aufs Feld und warten und rufen und warten… und ich schlafe nach zwei Minuten ein.

Doch kein lauter Knall reisst mich aus meinem wohlverdienten Nickerchen, sondern Tyrel’s Einsicht, dass wir besser weiter ziehen sollten. Na gut, so lange es nicht allzu weit ist.

Als wir die naechste geeignete Bucht finden, wo Tyrel nach Elchen Ausschau halten moechte, mache ich klar, dass ich Schlaf brauche, um weiter paddeln zu koennen. Ich schnape mir einfach meine dicke Jacke und Tyrels Schwimmweste, die er ausgezogen hat, kraxle das Flussbett hinauf bis der Grund nicht mehr nass ist und lasse mich fallen. Kopf auf die Schwimmweste, Jacke als Decke und fertig ist das selige Nickerchen. Nach einer Stunde werde ich von selbst wach und frage mich, wie lange ich wohl geschlafen habe und wo Tyrel ist. Doch als ich mich aufrapple, sehe ich, wie er die Angelrute wieder im Kanu verstaut. „Kein Fisch beisst. Meinst du, du kannst weiter paddeln oder sollen wir lieber hier unser Lager aufschlagen?“ „Mein Akku ist wieder voller, lass uns noch paddeln.“

Schliesslich kamen wir noch auf 28 km am heutigen Tage und fanden einen schoenen Platz zum schlafen. Waehrend Tyrel sich ums Feuerholz bemuehte, ging ich den vielen Eulenrufen nach in den dunklen Wald hinein. Eine Eule kann ich fuer einen Augenblick sogar auf einem Baum sitzend entdecken, allerdings flattert sie schnell lautlos davon. Mit Hilfe meines Vogelbuches identifiziere ich sie schliesslich als great gray owl, zu deutsch Bartkauz. Ein grosses Voegelchen mit knapp 70 cm Koerperhoehe.

Unser Camp ist diese Nacht nicht komplett winddicht abgespannt und so kann der Rauch gut entweichen und wird nicht verwirbelt. Die Kaesemacaroni haengen mit mittlerweile wie zu erwarten zum Halse raus. Grossmuetig biete ich Tyrel den Rest meiner Portion an, welche er gern verschlingt.

Den Eulenrufen in der Nacht lauschend krabble ich tiefer in meinen roten Schlafsack und schlafe ganz friedlich ein.

Projekt Elchkanu Tag 2

Ich wache auf und… mein Naeschen ist kalt. Das Feuer ist zum Glueck die ganze Nacht am Leben gehalten worden von Tyrel und mir, wenn wir abwechselnd wach wurden und im Halbschlaf ein paar Kloetze Holz nachgelegt haben. Aber warum ist meine Nase kalt und wollten wir nicht ganz frueh starten, um dem Wind ein Schnippchen zu schlagen?

Ich schaue rueber zu Tyrel, der sich in seinem roten Schlafsack auch schon hin- und herbewegt. Wenn in der Nacht ein Baer vorbeigekommen ist, hat er sich bestimmt gefragt, warum zwei riesige, rote Zahnpastatuben um ein Feuer herum liegen. Ich versuche hinter Tyrel zum Fluss zu sehen und sehe… nichts. Alles ist voller dichtem Nebel. Nur den engsten Kreis Baeume um uns herum koennen wir sehen, der Rest ist im grauen Dunst verschwunden. Wortlos stimmen wir ueberein, dass es sich bei diesen Witterungsbedingungen lohnt, noch ein Muetzchen Schlaf nachzuholen.

Gesfuehlte fuenf Minuten spaeter ist es schon viel heller und der Nebel hat sich groesstenteils verzogen. Raus aus dem Schlafsack, Wasser vom Fluss holen fuer das Fruehstueck und Tee fuer zwischendurch und… Moment, was ist das auf dem Thermometer?

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Mein deutsches Kuehlschrankthermometer ist voller Frost und zeigt -7 Grad an.

Naja, wir haben auch schon um einiges kaelter geschlafen als – 7 Grad. Aber da wir sehr warme Schlafsaecke besitzen, waren wir komplatt mollig warm die ganze Nacht ueber… Okay fast komplett. Meine Nase war damit beschaeftigt, die kalte Luft anzuwaermen und ist nun selbst reichlich kalt. Aber nach ein paar komischen Grimassen zwecks Nasengymnastik fuehlt sich alles wieder normal an.

Unsere Schlafsaecke haben wir in selbstgenaehte Leinenueberzuege gesteckt, damit kein Funkenflug des Lagerfeuers Schaden anrichten kann und sie vor Schmutz und Rissen geschuetzt werden.

Schon ging es ans Essen (REIS MIT CHILI!!! BAEH!), dann ans Packen und Verschnueren am Kanu und es wurde wieder gepaddelt.

Nach einiger Zeit des freudigen Paddelns ohne Gegenwind erspaeht Adlerauge Tyrel etwas am Ufer! Ist es Elchkacke? Nein, es bewegt sich. Ein Biber?!? Ich freue mich schon, mein erster Biber!! Mit meiner Kamera zoome ich komplett heran und kann mich immer noch nicht entscheiden, ob es jetzt ein Biber ist oder nicht.

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Ein braunes Fellknaeul mit langem, platten Schwanz am Strand des Ufers.

„Es ist ein muskrat!!“ Schrei-fluestert Tyrel begeistert! Okay, es ist auch die erste muskrat, zu deutsch Bisamratte, die ich aus naechster Naehe sehe.
„Wollen wir sie mit nem Paddel totkloppen und essen?!“ schlaegt Tyrel begeistert vor.
„Nein, verdammt! Das ist die erste muskrat, die ich sehe und die hat verdammt nochmal Bestandschutz!!“
„Na gut. Komm, wir paddeln zum Ufer und gucken sie uns genauer an.“

Ich bleibe im Kanu und versuche, die plueschige Niedlichkeit des kleinen Vegetariers mit der Kamera einzufangen und Tyrel geht langsam auf die muskrat zu und… streichelt sie?!?!

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Tyrels gelber Handschuh streichelt ueber das Fell der muskrat, die davon komplett unbeeindruckt bleibt.

Was bitte passiert da? Wie kommt er auf die Idee, die muskrat zu streicheln und wie kommt die muskrat auf die Idee, so verdammt cool zu bleiben?! So ganz durchblicke ich die Situation nicht, mache aber fleissig Fotos.

Dann sieht Tyrel das gruene Kanu von gestern herannahen und winkt die Kanuten heran, die auch zuegig heranpaddeln.
„Hi, wie gehts?“
„Gut und euch?“
„Auch gut. Wir haben eben eine muskrat gestreichelt und dachten das wollt ihr bestimmt sehen!!!“
„Aha… aehhh… braucht ihr irgendwie Hilfe?“
„Nein, wir wollten das euch nicht vorenthalten.“
„Okay… Dann habt noch einen guten Tag.“
*weiterpaddel*

Na dann… mehr muskrat fuer uns!!! Tyrel streichelt sie noch einmal aber der Zauber des Anfangs ist wohl fuer die muskrat verflogen. Wie in Zeitlupe dreht sie sich zum uebergrossen Handschuh, nagt einmal daran und gleitet ins Wasser. 1,5 Meter fluessabwaerts geht sie wieder an Land undsucht weiter den Boden nach Futter ab. Wir behelligen sie nicht weiter. Ich mache noch ein paar Bilder und auch wir stechen wieder in See.

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Muskrat – die plueschigste Versuchung, seit es Nagetiere gibt.

„Ich moechte wirklich gerne noch einen Biber in freier Natur sehen!“ erzaehle ich Tyrel. Er entgegnet: „Biber sind asoziale Arschloecher. Die schlagen mit ihrem Schwanz aufs Wasser und tauchen unter, nur um dir zu zeigen, wie doof sie dich finden. Und sie zerstoeren so viele alte Wege in der Wildnis durch das Aufstauen von Fluessen und Seen.“

Aber aber aber der Biber war doch immer so ein nettes kanadisches Maskottchen in meinem Kopf… Frueher hat er uns sogar in Deutschland Spanplatten und Rostschutzfarbe bei OBI verkauft, bis er Insolvenz anmelden musste. Ob ihn das hat zum Soziopathen werden lassen?!

Ich sinniere noch so vor mich hin beim Paddeln, da schreit es wieder fluesternd hinter mir: „eeeeeelch!!!!!!“ Oh, tatsaechlich! Ein Riesenvieh steht im Fluss und schaut angestrengt zum Ufer herueber. Allerdings fehlt das Geweih, es handelt sich um eine Elchin. „schnell, wir paddeln zum ufeeer!!! ein maennlicher Elch ist bestimmt nicht weit!“
Doch noch einigen Paddelhieben koennen wir schon besser in die Kurve des Flusses sehen. Dahin, wo die Elchkuh starrt. Rauch steigt auf. Einige Jaeger werkeln ums Feuer und zerlegen den potentiellen Liebhaber der Elchkuh.

Mir tut sie ziemlich leid. Warum sie wohl weiter zusieht und nicht einfach zum anderen Ufer schwimmt? Ich hoffe, dass sie morgen einen schoeneren Tag erlebt.

Schliesslich kommt erneut Wind auf und es faengt an zu regnen. Ganz leicht zunaechst und der Himmel ist auch nicht so duester… also paddeln wir erstmal weiter? Nein, es scheint nicht aufzuhoeren, so legen wir eine Pinkelpause ein und kleiden uns angemessener. Tyrel streift seinen Militaer-Poncho ueber und ich begnuege mich mit einem organgenem Muellbeutel. Ja, an das Loch fuer den Kopf und die Arme habe ich gerade noch so gedacht. 🙂

Waerend wir so durch den Regen paddeln, ueberholen wir die Mitpaddler im gruenen Kanu. Sie haben Zuflucht vor dem Niederschlag gesucht, eine Plane gespannt und ein kleines Feuer aus abgebrochenen Aesten entzuendet. Wir winken nett und gleiten davon.

Der Fluss wird schliesslich anspruchsvoller. Gut, dass wir die Flusskarte dabei haben. Sie zeigt uns naemlich an, ob wir rechts oder links an den Inseln und Sandbaenken vorbei muessen. Wo grosse Steine versteckt sind. Und manchmal auch, wo sich ein potentieller Lagerplatz versteckt.

Schliesslich halten wir im Abendgrauen an einem Platz, wo schon eine alte, verfallene Blockhuette steht und schlagen unser Lager auf. Es steht wieder Reis auf dem Speiseplan und schon beim Gedanken daran drehen sich meine Eingeweide gegen den Uhrzeigersinn. Grosszuegig biete ich Tyrel meine Potion Reis mit Dosenchili an, ich wuerde mich auch mit Kaesenudeln begnuegen. Er beisst an! Und ich beisse gierig in matschige Kaesemacaroni. Wohlwissend, dass die mir wahrscheinlich ebenso schnell aus dem Hals haengen werden. Aber heute ist es purer Luxus.

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Das Kanu liegt an Land fuer das abendliche Lager, waehrend die Wolken ueber dem Fluss sich grau-rosa-gelb faerben.

Die alte Blockhuette finde ich interessant, aber auch ein bisschen gruselig im Dunkeln, weil sie so verfallen ist. Ob ich hier gut schlafen werde, unter der Plane direkt neben dem Haus?
Noch waehrend ich mich das frage, fallen mir im Schlafsack die Augen zu und nach den heutigen 52 km auf dem Fluss falle ich in einen himmlischen, erholsamen und sorgenlosen Schlaf.

Projekt Elchkanu Tag 1

Frueh klingelt der Wecker im Motel und schon knurrt der Magen. Doch wie bringen wir hier das Wasser zum kochen fuer das Fruehstueck? So ganz ohne Wasserkocher oder Feuerstelle… Schnell wird der Kaffee- /Teeautomat entfremdet und mit heissem Tee weichen wir unseren 5-Minuten-Reis ein, um ihn mit einer Dose Chili verziert herunterzuschlingen.

Und dann geht es auch schon zurueck zum Truck. Es ist noch komplett dunkel, das mitgebrachte Thermometer zeigt -5 Grad an. Waehrend wir die Sachen aus dem Zimmer in den Truck raeumen und zum Fluss ziehen, verschwindet die Dunkelheit der Nacht und macht morgendlichen Farben Platz.

Schliesslich stehen wir mit einem Haufen Ausruestung vor dem Kanu und fangen an zu puzzeln. Im Gegensatz zu gestern weht kein Wind und ich kann mir vorstellen, nach links den Fluss herunterzufahren. Weil es so kalt ist, dampft der Fluss richtig.

Als das Kanu gepackt ist, parkt Tyrel den leeren Truck beim Motel, damit wir ihn nach der Tour sicher wieder abholen koennen. Ich stehe am Kanu und schaue auf den Teslin River. Dort werden wir 380 km entlangpaddeln. Ohne Handyempfang. Ohne Hilfe eines Motors. Ohne Zelt. Was wohl fuer Abenteuer auf mich warten?

Schliesslich kommt Tyrel ohne Truck vom Motel zurueck und es ist Zeit zu paddeln. Es ist das vierte Mal, dass ich in einem Kanu sitze und ich fuehle mich sehr bereit.

Es ist ein Genuss, lautlos durch diese spiegelnde Oberflaeche zu gleiten. Das Wasser ist so klar und flach, dass ich die Unterwasserpflanzen beobachten kann und manchmal sogar Fische erspaehe.

Nach einigen Windungen des Flusses kommen wir an einem Fish Camp vorbei, bei dem ein First Nation angelt. Fish Camps sind einfache Siedlungen der Ureinwohner an Fluessen, die der grossen Gewinnung und Haltbarmachung von Fischen fuert den Winter dient. Als wir gerade an ihn vorbeigleiten, ruft er uns zu, dass er vor kurzem einen Elchbullen hinter der naechsten Windung gesehen hat. Wir wuenschen ihm einen guten Fang und paddeln erwartungsvoll der Windung entgegen. Der Ureinwohner mit Hightechangel sing uns ein traditionelles Lied hinterher. Ich fuehle mich wie im Film und geniesse.

Wenige Stunden spaeter verstehe ich, warum der Fluss gestern stromaufwaerts floss. Ein starker Gegenwind kommt auf und wir paddeln, was das Zeug haelt. Doch scheinbar kommen wir gar nicht voran. Zur Motivation suche ich mir einen Baum am Ufer aus, den ich so lange anglotze, bis wir ihn erreicht habe. Ich gebe den Baeumen Namen und denke mir Geschichten aus, was sie wohl alles erlebt haben.

Schliesslich halten wir zur Mittagszeit an einer Insel am Fluss. Das Kanu hieven wir an Land, damit es nicht weggespuelt werden kann. Und wir erkunden die Insel. Viele Elch- und Baerenspuren saeumen das Ufer. Eine unbewohnte Huette gammelt vor sich hin.

Der Gegenwind ist an den Stellen mit wenig Stroemung im Fluss so stark, dass sich Wellen mit weissen Kappen bilden – die sogenannten Whitecaps. Ich hoffe, das Wetter aendert sich nochmal die kommenden Tage.

Als die Sonne schliesslich hinter den Bergen verschwindet, legt sich der Wind. Aber wir koennen die Gelegenheit nicht nutzen um Kilometer zu machen, sondern muessen einen Lagerplatz finden. Mit genuegend Totholz, damit wir uns ein Feuer bauen koennen.

Am ersten Lagerplatz liegt schon ein gruenes Kanu. Eine Person traegt das Gepaeck zur Feuerstelle, waehrend sich die andere Person am Feuer waermt. Der naechste auf unserer Karte verzeichnete Platz ist belegt mit einer Gruppe Motorboot-Jaeger in Tarnfarbenanzuegen. Also heisst es einen Zahn zulegen und zur naechsten Stelle paddeln, bevor es zu dunkel ist.

Schliesslich halten wir an einer Stelle und entscheiden uns, zu bleiben. Das Kanu vertaeuen wir gut und das Gepaeck trage ich Stueck fuer Stueck das steile Ufer herauf, waehrend Tyrel sich um die Feuerholzbeschaffung kuemmert. Ganz feudal haben wir unsere Kettensaege mitgenommen. Erst fand ich das uebertrieben. Aber als ich unser prasselndes Feuer mit dem Mikadostaebchen-Haufen der anderen Kanufahrer vergleiche, muss ich zugeben, dass das eine sehr gute Idee war.

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Das Feuer erwaermt Wasser in unserem Topf, der durch ein Dreibein gehalten wird.

Zu essen gibt es… Fuenf Minuten Reis mit einer Dose Chili. Mir haengt das jetzt schon zum Hals raus und ich sehne mich nach den Kaesemacaroni. Tyrel predigt jedoch, dass wir doch erst die Dosen aufessen sollten, um Gewicht zu sparen. Stimmt ja… irgendwie…

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Selbst wenn ich das Bild sehe, mag ich nicht mehr: Das Chili ergiesst sich lieblos ueber eine Monsterportion pappigen Reis in meinem Plastikcontainer.

Nach dem Essen werden die Schlafsaecke ausgerollt. „Jetzt muessen wir noch Planen spannen!“ wirft Tyrel ein. Ich kann am sternenklaren Himmel nicht eine Wolke entdecken und ueberrede ihn schliesslich zum Cowboy Camping, dem Schlafen unter freiem Himmel. „Aber nur, wenn du mir mitten in der Nacht beim Aufbau der Plane hilfst, wenn es dann doch regnet!“ „Yep.“

Zum Einschlafen sehe ich mir die Sterne an. Verwundert bin ich ueber die vielen, vielen Satelliten, die leuchtend die Erde umkreisen. Stossen die nicht aneinander? Wie viele gibt es ueberhaupt davon? Es muss vom Weltall aus ja so aussehen, als wuerde die Erde von einem Moskitoschram umrundet!

So schlafe ich ein nach einem windigen 40 km Paddeltag.