Doenekens

Einschub – Privates

Eigentlich bin ich ja noch dabei, von meinem Flusstrip in der Wildnis zu berichten. Seit meiner Wiederkehr in die Zivilisation ist aber einiges passiert, sodass ich einen Einschub schreiben moechte.

Als ich wieder zur Arbeit erschien, fragte ich natuerlich ob es Neuigkeiten von meinem Chef (Marc) gibt. Ja, die gaebe es, aber die solle er selbst verbreiten. Den naechsten Tag wuerde er in die Firma kommen.

Der naechste Tag kam und mit ihm Marc. Mit Rollator und Hilfe. Man setzt sich zusammen. Die Behandlungen sind abgebrochen, er wird jetzt palliativ behandelt. Keiner kann sagen, wie die Krankheit voranschreiten wird, da sie so extrem selten ist und erst wenige Male ueberhaupt dokumentiert wurde.

Jedenfalls reiche seine Kraft nicht aus, sich ausreichend um seine Arbeit zu kuemmern. An manchen Tagen kann er das Bett nicht verlassen vor Schmerzen. An anderen Tagen hat er etwas mehr Energie. Aber die will er dafuer nutzen, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Daher wird er morgen aus dem Unternehmen ausscheiden.

Wie es jetzt mit unserer Abteilung weiterginge, frage ich. Der Direktor kam mittlerweile dazu. Das stehe nicht fest. Und wir sollten uns ungestoert unterhalten.

Zum ungestoerten unterhalten gingen wir in unseren altern Buerocontainer. Ob ich mir vorstellen koenne, die Ingenieursabteilung zu leiten, fragt Marc. Das komme drauf an zu welchen Bedingungen, antworte ich. Ich wuerde verlaessliche Hilfe benoetigen bei einigen Themengebieten, einiges muesse fremd vergeben werden. Und ich haette keine Lust, mein Privatleben hintenanzustellen und keine Freizeit mehr zu haben.

Und ausserdem, und jetzt muss auch ich schluchzen, ist es doch total doof, dass ich davon profitiere, dass er krank ist!

Ich solle es auch einer anderen Perspektive sehen: Wenn ich es mache, helfe ich dem Unternehmen und allen Beteiligten. Als Marc vor ein paar Jahren gekuendigt hatte, war seine Stelle 1,5 Jahre lang weltweit ausgeschrieben und nicht eine Bewerbung ist eingegangen. Ich bin vielleicht nicht sehr lange angelernt worden, lerne aber blitzschnell und bin auch faehig, mir Sachen selbst beizubringen aus dem Kontext. Ausserdem stehe Marc mir weiterhin bei Fragen zur Verfuegung. Nicht weil er muesse, sondern weil er gerne moechte. Seine Arbeit haette ihm immer grossen Spass gemacht und ausserdem ist es gut fuer ihn, sich nicht nur mit der Krankheit zu beschaeftigen.

Na gut… dann bin ich wohl Chef. Wie verrueckt das Leben manchmal spielt.

Marc bewundere ich dafuer, wie stark er ist. Mit seiner Partnerin und vier kleinen Kindern als Alleinversorger auszufallen, ist ein starkes Stueck. Und seine Partnerin kann jetzt noch nicht mal arbeiten gehen, da er die Kinder allein nicht betreuen kann, geschweige denn Essen zuzubereiten oder den Haushalt zu machen.

Aus meinem Gefuehl des Mitleides und der Hilflosigkeit versuche ich etwas Positives zu schaffen. In Canada ist man zwar stolz auf die soziale Absicherung und medizinische Versorgung aber in Wirklichkeit ist das Gebotene eher ein Bruchteil von dem, was ich aus Deutschland kenne. In Wirklichkeit kann Marcs Familie vielleicht ihr Haus nicht halten. Fuer mich steht fest, dass ich Geld sammeln moechte. Und ich finde, die Firma sollte sich daran beteiligen nach allem, was Marc fuer sie getan hat.

Nach einigen Gespraechen, Emails an leitende Personen und produktiven Besprechungen habe ich das tatsaechlich geschafft, die Firma wird $2500 spenden, wenn $2500 an Privatspenden zusammenkommen. Hier ist der Link zur Spendenseite und somit ein wirklicher Einblick in mein Privatleben:

https://www.gofundme.com/marc-bergeron

Ausserdem besuche ich Marc alle zwei bis drei Wochen wenn die Kinder in der Schule sind. Wir haben beschlossen, eine Kuchentherapie zu machen. Ich bringe Kuchen zum Besuch und entweder die Krankheit wird davon geheilt und wir gewinnen einen Medizin-Nobelpreis oder aber es bringt nichts und wir haben wenigstens gute Kuchen zusammen gegessen. 🙂 Den restlichen Kuchen lasse ich natuerlich da, so koenne die Kinder ihn vernichten wenn sie auch der Schule kommen.

Mein neuer Job macht mir Spass. Ich kann gut mit Verantwortung umgehen. Zunaechst habe ich viel Aufraeum- und Umstrukturierungsaufgaben vor mir fuer die naechsten Monate. Und wenn ich damit fertig bin, werden neue Projekte in Angriff genommen. So gut wie taeglich flattert sowieso etwas Dringliches auf den Tisch, so wird es nicht langweilig.

Zu Halloween wurde zum kanadischen Buffet (potluck) aufgerufen. Jeder bringt was mit, keiner spricht sich ab. Und bitte im Kostuem! Mir ist nur ein Kostuem eingefallen, das angebracht war, so hab ich es selbst geschneidert und bemalt am Abend vorher.

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Ich arbeite an meinem Schreibtisch im Flugzeugkostuem.

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Meine Arme sind die Fluegel, an denen sogar kleine Triebwerke baumeln.

Das Leben ist vielleicht nicht gerade gerecht, aber es ist doch schoen!

Diese Lektion kann man von Menschen wie Marc lernen, wenn man es an sich heran laesst.

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Hausmannskost

Der Yukon haengt Deutschland durch die Zeitverschiebung 9 Stunden hinterher. Es dauert hier auch laenger, bis der Sommer sich endlich zeigt. Aber endlich Ende Juni bluehen die vielen Wildrosen. Wahrscheinlich haben sie eine Symbiose mit den zigtausenden Moskitos gebildet, die nur darauf warten, dass man sich einer Rose naehert, um ihren suessen Duft einzuatmen. Daraufhin wird man naemlich von den Moskitos ausgesaugt.

Neben den Moskitos tummeln sich auch andere Tierchen im Garten: Nach der zufaelligen Jagd sind noch zweimal Baeren durch unseren Garten getrollt. Ein groesserer Schwarzbaer stand direkt vor der Haustuer und erspaehte eine Bewegung von mir, dann nahm er Reissaus. Eine Baerenmutter mit zwei Baerenkindern inspizierte unser Kanu. Tyrel bestand darauf, ihnen eine schlechte Erinnerung an Menschen mit auf den Weg zu geben. Mit Gummigeschossen und Leuchtfeuer bewaffnet ging er der Familie nach (nicht zur Nachahmung empfohlen!). Als sie keine direkte Angst vor ihm zeigten, zimmerte er der Mutter Baer ein Gummigeschoss auf den behaarten Hintern. Daraufhin verstaute sie kurzerhand ihren Nachwuchs auf dem naechsten Baum und streifte die naechsten Stunde allein durchs Unterholz um unser Haus herum.

Sommer. 🙂

In wenigen Monaten ist schon wieder bitterer Winter. Da muss ich von den Erfahrungen des Sommers ein wenig zehren. Also liegt es nahe, dass man so viel wie moeglich vom Sommer konserviert! Okay, ein Schwarzbaer liegt schon auf Eis. Auf getrocknete Muecken in meinen Backwaren als Sommerandenken kann ich muehelos verzichten. Was koennte ich noch bewahren…

Rosen!

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Zartrosa Tupfen bilden die bluehenden Rosen in der gruenen Vegetation unserer Einfahrt.

Hinterm Haus, an der Einfahrt, an der Strasse, ueberall bluehen die Wildrosen derzeit. Ich werde die Blaetter konservieren und an einem kalten Wintertag einen schoenen Kaiserschmarrn mit Rosenbluetenmarmelade geniessen!

Die Ausruestung fuer das Rosenbluetenblaettersammeln steht auch schon fest: Schrotflinte mit Gummigeschoss und Baerenspray gegen die grossen Tiere, langaermlige Kleidung, Handschuhe, Muetze und Kopfnetz gegen die kleinen.

Bekleidet wie ein ein Fremdenlegionaers-Imker trete ich vor die Haustuer. Eins muss man den Muecken lassen, sie sind kreativ und lassen sich nicht von klobig wirkender Kleidung von ihrem Ziel abbringen. Die Handschuhe waren wohl nicht mueckendicht, an meiner linken Hand werde ich spaeter 26 Einstiche zaehlen. Zum Glueck schwelle ich kaum an. Schnell reicht es mir auch mit der Sammlerei und ich beschliesse, genug gesammelt zu haben. Baeren kamen nicht vorbei.

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Meine Ausbeute an Blueten und ich. Habe gerade noch versucht, die Muecken zu vertreiben, um meine Hand beim Bedienen des Handys zu schuetzen. Doch neben meiner Nase erkennt man das unscharfe Uebel des Sommers: Eine fette Muecke!!

Wichtig, bevor man das Haus betritt: Kleidung abstreifen, damit man moeglichst wenig Muecken mit sich hereintraegt. Dann folgt eine Inspektion der doch recht hastig gesammelten Bluetenblaetter. Ein paar Kaefer transportiere ich auf einigen Blaettern wieder nach draussen – und lasse weitere Muecken hinein.

Doch endlich steht ein Topf mit Rosenblaettern und Wasser auf dem Herd und koechelt und duftet auch bald verfuehrerisch vor sich hin.

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Alles rosig im Topf.

Nach 10 Minuten des Koechelns muss der Zucker und Zitronensaft hinzugefuegt werden.

Der Zucker…

Oha. Ich hab doch nur unraffinierten, braunen Zucker im Haus! Naja, hilft ja nichts, rein damit.

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Das wars dann mit rosig. Der Topfinhalt sieht aus, als wuerde man Innereien in Lebertran aufkochen.

Da stehe ich vor meinem Herd, schaue auf das Ergebnis meiner Kuechenkunst… und kann nicht mehr aufhoeren zu kichern. 🙂

Abgefuellt in Glaeser wird das Ganze trotzdem. Es ist zu allem Uebel noch nicht mal fest geworden. Aber es wird schon dafuer reichen, sich vielleicht einen Tee zu suessen.

Auf jeden Fall sind heute Sommererinnerungen konserviert worden!

Job 4: Die Fluggesellschaft

Ja, ich habe einen neuen Job. Diesmal sogar nicht gleichzeitig mit den anderen drei, von denen ich schon berichtet habe.

Das Restaurant von Job 1 schließt im Herbst seine Türen für den Winter, also blieben mir nach unserer Elchjagd nur noch Job 2 im Hostel und Job 3 die Selbstständigkeit mit dem Feuerholz. Beides war unregelmäßig, da ich im Hostel arbeitete, wenn die Hauptangestellte frei brauchte und ich mich zum Holz machen mit Tyrel und dem Wetter einig sein musste. Deshalb hielt ich Ausschau nach einem neuen Job und schaute täglich in die Stellenanzeigen.

Doch ich sah nichts, was mir irgendwie zusagte. Ganz so nötig hatte ich es ja auch nicht, sonst hätte ich irgendeinen Job genommen. Irgendwann bewarb ich mich dann halbherzig für eine Stellenanzeige, die Bauingenieursstudenten im Masterstudiengang suchte. Rückblickend sehe ich, dass meine Berufsbezeichnung einfach zu lang war mit Maschinenbauingenieur und ich auch nicht mehr wirklich studiert hatte.

Ende November fragte mich Fräulein Hostel dann, ob ich nicht vom 19. bis 30. Dezember durcharbeiten möchte inklusive im Hostel schlafen. Ich entgegnete, dass ich es mir überlege und ihr in fünf Tagen Bescheid sage, wenn ich wieder arbeite.

Einerseits hatte ich echt wenig Lust, über die ganze Weihnachtszeit das Hostel kaum verlassen zu können und 15 Stunden pro Tag zu arbeiten. Ich wollte lieber wieder Würste über einem Lagerfeuer grillen und James besuchen. Andererseits ist das ne Stange Geld, mit der ich meine längere Jobsuche mir gegenüber besser rechtfertigen könnte. Ich beschloss also, zuzusagen, wenn ich in der Zwischenzeit keine total verlockende Stellenausschreibung entdecke. Was ja eher unwahrscheinlich war, denn in 1,5 Monaten ist mir nichts interessantes untergekommen.

Zwei Tage vor meiner Galgenfrist sehe ich tatsächlich zwei Anzeigen, die ich interessant finde. Die zweite verwerfe ich wieder, weil ich jetzt wirklich diese eine spezielle Stelle haben möchte.

Eine Fluggesellschaft sucht einen Technical Records Controller für die Flugzeuginstandhaltung. Die Aufgaben sind Ueberprüfen, korrigieren und Verwalten von technischen Dokumenten, Berichte erstellen und so. Die zu erfüllenden Voraussetzungen habe ich auch in der Tasche. Vor allem die letzte Voraussetzung. Da steht „Und am Wichtigsten: Sinn für Humor und jemand, der gerne Spaß hat.“

Herausforderung angenommen! 🙂

Den Rest des Tages aktualisiere ich meinen Lebenslauf und versuche ihn möglichst an die Stelle anzupassen mit den Schlüsselwörtern und Qualifikationen, die sie sehen möchten. Die hab ich zwar alle, aber je nach Job hebt man unterschiedliche Sachen hervor.

Dann noch das Anschreiben formulieren. Nach der Einleitung zähle ich stichpunktmäßig auf, warum ich gut für die Stelle geeignet bin. Und dann kann ich es mir nicht verkneifen. Unter die Stichpunkte schreibe ich:

„Desweiteren kann ich Flugzeuge malen.“

So interessant der Job auch klingt, wenn sie erst nach jemandem mit Humor suchen und mich deswegen nicht einstellen, möchte ich gar nicht da arbeiten. Ich krame meine Stifte hervor und liefere gleich den Beweis für meine Malkünste.

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Ein etwas krummer Düsenjet bringt Farbe in mein Bewerbungsschreiben.

Okay, das hätte wahrscheinlich auch ein Fünftklässler so hinbekommen, wenn er sich Mühe gibt. Aber ich finde es schön. Und wenn ich in der Personalabteilung arbeiten würde, hätte ich mich mit Sicherheit auch gefreut.

Nach dem Wochenende gebe ich meine Bewerbung persönlich ab. Ende der Woche klingelt mein Telefon. Ich bin zum Bewerbungsgespräch eingeladen am Montag! Schnell fahre ich in die Stadt und kaufe mir eine vernünftige Hose plus Oberteil. Meinen langen Wollmantel und schicke Schuhe habe ich aus Deutschland mitgebracht.

An meinem Bewerbungsgesprächsmontag bin ich wider Willen schon ziemlich aufgeregt. Wenn ich nicht überzeugen kann, muss ich in den Hostelknast über Weihnachten als Bestrafung, denke ich mir zum Spaß obwohl das ja selbst auferlegt wäre.

Beim Vorstellungsgespräch sitzen mir zwei junge Leute gegenueber, ich schätze sie auf Ende dreißig. Chelsea ist von der Personalerabteilung und Mark ist der Instandhaltungsdirektor. „Moment mal, warum duze ich die Leute? Ist das hier ein Halligalliladen?“, schießt mir durch den Kopf. „Achtung, andere Kultur“, wiegele ich den inneren deutschen Aufstand ab. Meinen letzten deutschen Chef habe ich in 4,5 Jahren Zusammenarbeit nicht geduzt. Vom Instandhaltungschef natürlich ganz zu schweigen.

Im Bewerbungsgespräch haben Mark und Chelsea einen Fragebogen vor sich liegen, aus dem sie mir abwechselnd eine Frage stellen und meine Antwort notieren. Daneben liegt jeweils eine Kopie meiner Bewerbung. Mit schwarzweiß kopiertem Flugzeuggemälde. Doch dazu stellen sie mir keine Frage, auch nicht zu Stärken und Schwächen, warum ich im Yukon lebe oder was ich in der Lücke meines Lebenslaufes so getrieben habe. Stattdessen geht es um Audits, Selbstorganisation und -motivation, sowie was einen guten Teamplayer ausmacht. Bei manchen Antworten haue ich wohl mächtig auf die Kacke trotz Aufregung. „Das ist mal ne gute Antwort auf die Frage!“ oder „Gute Idee!!!“ höre ich öfters und es scheint keine Höflichkeitsfloskel gewesen zu sein.

Schließlich sind alle Fragen abgearbeitet und es wird sich verabschiedet. „Wann kann ich denn mit einer Antwort rechnen?“ „Wenn es gut läuft schon Donnerstag aber es wird wohl eher Freitag werden.“ Na gut, das ist dann doch absehbar. Und jetzt kann ich eh nichts mehr machen.

Nach dem Bewerbungsmontag folgt ein Hosteldienstag und dann wahrscheinlich ein Holzmittwoch und -donnerstag. „Wenigstens vergeht die Zeit schnell“ denke ich mir, während ich im Hostel Gästen E-Mails beantworte. Da klingelt mein Handy.

Es ist Chelsea. Sie fragt mich, ob mein Angebot noch besteht, dass ich den Job haben möchte, denn sie wollen mich UHUNBEDIHINGT im Team haben. Na klar, da freue ich mich!!! 🙂 „Wann kannst du denn anfangen zu arbeiten?“ „Wie wär’s mit morgen?“ „Sagen wir Montag? Da haben wir schon eine Orientierung mit jemand anderem.“ „Okay, Montag!“

Bevor wir auflegen, kann ich mir eine Frage nicht verkneifen. „Ihr wollt mich jetzt aber nicht nur haben, weil ich so schöne Flugzeuge malen kann?!?“, frage ich mit ernster Stimme. „Das ist ein Teil des ganzen Pakets!!!“ freut sich Chelsea. Ich freue mich auch. 🙂

Auch das Hostelfräulein freut sich für mich. Die Besitzerin des Hostels hat ihr versprochen, dass sie sich um eine Vertretung kümmern wird, wenn ich einen anderen Job habe.

Von der Abgabe meiner Bewerbung bis zum ersten Arbeitstag sind gerade mal 14 Tage vergangen! Ich freue mich auf das Arbeiten in einem Unternehmen, in dem schnelle Entscheidungen getroffen werden können.

Moment mal, ich arbeite wieder in einem Unternehmen? Ist es dann nicht das gleiche wie in Deutschland, nur in grün? Nicht ganz. Hier muss ich nicht extra in den Yukon fliegen, um am Wochenende in der Wildnis zu wandern. Der Job ist gut, um ein wenig mehr Geld in die Kasse zu spülen und macht mir Spaß. Falls sich das dauerhaft ändern sollte, hab ich kein Problem damit, mich umzuorientieren oder einfach so zu kündigen. Ich weiß ja jetzt, dass das ganz einfach ist. 🙂

Mehr Einblicke wird es im nächsten Beitrag geben. Zu Heiligabend wurde jedenfalls bei -30 Grad eine Wurst über dem Lagerfeuer gegrillt!

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Dick eingemummelt roeste ich eine Wurst ueber dem Feuer und trinke Cider.

Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen!

Meine Tage auf der Farm neigen sich dem Ende zu. Daher moechte ich meine Erfahrungen hierzu zusammentragen.

Vorteile/ Pro Farming:

  • Arbeiten draussen macht gute Laune und nen roten Kopp.
  • Man lernt viel ueber Pflanzen, Tiere und wie man beides in der jeweiligen Klimazone grosszieht.
  • Bewegung an der frischen Luft – schon die aelteren Generationen schworen drauf!
  • Schweine kraulen.
  • Man kann ganz dolle viel essen und es schmeckt alles wunderbar.
  • Koerperliche Arbeit macht den Kopf frei, die Gedanken ordnen sich wunderbar.
  • Am Ende der Arbeit kann man das angebaute Gemuese essen!!!

Nachteile/ Kontra Farming:

  • Das Wetter ist immer schlecht, egal wie es ist.
  • Unkraut. Viel Unkraut. Noch mehr Unkraut.
  • Haende und Fuesse werden trotz Waschens nicht mehr sauber.
  • Da unsere Supermarkt-Lebensmittel groesstenteils grossindustriell und/ oder in Billiglohnlaendern produziert werden: Keine Kohle!

 

Der letzte Punkt war dann der entscheidende, dass ich meine Farmerkarriere an den Nagel haengen werde. Es ist nie Geld da. Und jetzt noch weniger. Ich kann nicht mehr bezahlt werden fuer meine Arbeit, die ich verrichte. Und der Lohn enspricht sowieso eher einer geringen Aufwandsentschaedigung.

Bart und Kate tun mir leid und ich moechte ihnen gerne aushelfen. Aber ich habe fuer mich entschlossen, dass ich da eine Grenze ziehen muss. Ich kann ihnen aushelfen, indem ich auf einen besseren Lohn verzichte. Aber ganz ohne Geld geht es leider auch in Kanada nicht. Mein ganz persoenliches Ziel ist es ja, dass ich den kommenden Winter in etwas Isoliertem verbringen kann. Und dafuer muss man einfach ein paar Scheine auf den Tisch legen, die erstmal verdient werden wollen.

Gestern morgen wurde mir die kommende Zahlungsunfaehigkeit eroeffnet. Gestern nachmittag fuhr ich in die Stadt und bekam waehrend eines Restarantbesuchs ein Jobangebot von einer Freundin, die ein paar Unternehmen in der Stadt hat. Ich habe noch nicht einmal ueber eine drohende Arbeitslosigkeit nachdenken koennen, da war ich schon wieder verplant. Irgendwie laeuft es also. 🙂

Ueber meine neue Taetigkeit werde ich berichten, wenn es soweit ist. Ein paar Dollar mehr pro Stunde sind drin und wahrscheinlich auch ein Dienstwagen… Ich bin schon selbst gespannt und freue mich schon auf neue Erfahrungen!

Ein Schmankerl noch zum Schluss: Ich habe mein Passfoto aus dem internationalem Fuehrerschein aus Deutschland mit meinem juengst erworbenen kanadischen Lappen verglichen.

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Links ist die Gesichtsfarbe weiss wie das Papier, rechts hingegen brauner als die Recycling-Serviertte!

Mal sehen, was ich von der Gesichtsfarbe in den Winter retten kann!

Saugute Bilder

Die vier kleinen Ferkel haben sich zum Glueck inzwischen genug Speck angefuttert, sodass sie nicht mehr durch den Elektrozaun schluepfen koennen. Daraus folgt, dass sie gluecklich durch ihr zugeteiltes Waldstueck herumtollen und alles umgraben, was ihnen vor die Schnauze kommt.

Ein wenig schreckhaft sind sie immer noch. Keine Ahnung, ob das noch von der naechtlichen Hetzjagd kommt oder ob sie einfach nicht so sehr an Menschen gewoehnt sind. Aber ich habe mich mit viel Zeit, Ruhe und etlichen Radieschenblaettern an den Zaun gesetzt und gewartet, bis die Neugier und der Appetit die Schweine-Scheu besiegten.

Was dabei fuer lustige Szenen entstanden, kann und moechte ich euch nicht vorenthalten!

So, jetzt da mein derzeitiges Lieblingsthema (Schweine) abgearbeitet ist, moechte ich mich dem zweiten Lieblingsthema zuwenden: Essen!

Ich fuhr zum Eishaendler meines Vertrauens, um ein schoen kuenstliches Eis zu kreieren. Herausgekommen ist dieses Kunstwerk:

Man mixe pinkes Eis (Kaugummigeschmack) und blaues Eis (Zuckerwattegeschmack) mit bunten Zuckerstreuseln und Nerds, was wiederum bunte runde Zuckerstreusel mit saurem Geschmack sind.

Eben auf der Toilette bekam ich die Rechnung: Meine Faekalien waren zur Haelfte grasgruen eingefaerbt. Da starrte ich erstmal unglaeubig in die Schuessel, bis ich dieses Raetsel loesen konnte. Keine Angst, hiervon stelle ich kein Foto hoch! 😀

Erdrutschartige Ereignisse

In den letzten Tagen ist viel passiert. Und ich war vielbeschaeftigt. Aber jetzt sitze ich in dem oertlichen A & W Burgerrestaurant und nutze das Wifi um alles mal aufzuarbeiten.

Moege das Papier mit dir sein

Verrueckt aber wahr: Meine Arbeitserlaubnis luemmelte voellig unerwartet ploetzlich im Briefkasten herum. Nach normaler Bearbeitungsdauer haette sie eigentlich erst gegen August da sein sollen. Trotzdem hielt ich sie kuerzlich unglaeubig in den Haenden.

Mein erster Gedanke war tatsaechlich „Kacke, muss ich jetzt wieder ins Buero?!“. Zum Glueck bin ich alt genug, das selbst entscheiden zu duerfen. Daher lautet die Antwort darauf „Ich muss nicht aber ich darf jetzt, wenn ich moechte.“.

Da auf der Farm ziemlich viele Arbeiter kurzfristig abgesagt haben oder nicht aufgetaucht sind, konnte ich mein Engagement nun von „Freiwilliger“ zu „Arbeiter“ aufstufen…. Oder bin ich jetzt ein Knecht? Anton von Michel aus Loenneberga war doch ganz cool. Jedenfalls will ich nicht Magd Lina sein!!!

Sehr ueberrascht war ich, meinen niedersaechsischen Kumpel Gruenkohl (hier genannt Kale) einpflanzen zu duerfen. Farmbesitzer Bart fragte mich, ob ich zu den Deutschen gehoere, die den Gruenkohl nicht vor dem ersten Frost essen. Hmm, eigentlich sagt man das ja so. Aber wenn ich Hunger habe und der Kohl mich anlaechelt… da ist mir das Wetter auch egal. Ausserdem kann es hier auch im Hochsommer jederzeit ueber Nacht frieren. Die kleinen Pflanzen haben definitiv in ihrem jungen Leben genug Frost abbekommen, dass der erste Frost ein dehnbarer Begriff ist.

Am Wochenende habe ich dann in einem Hostel gearbeitet. Betten machen, Waesche waschen, putzen, Leute einchecken, Rat geben, Telefondienst, alles was anfaellt. 🙂 Da muss ich sagen, dass das Arbeitsklima schon ziemlich von Reklamationsbesuchen beim Kunden unterscheidet… obwohl es da auch immer positive Ausnahmen gibt (Oh wie schoen ist Plettenberg!).

Das heisst: Ich bin beschaeftigt. Das ist gut! Ich habe Spass und meine Freizeit ist fast vollstaendig ausgefuellt mit meinen zwei liebsten Hobbies Essen und Schlafen.

Apropos Essen: Mich hat ein verruecktes Paket erreicht, voll mit Marzipan, Schoki und Milka Loeffeleiern von der besten Anna Banana!!! Marzipan scheint hier in Kanada noch nicht so angekommen zu sein. Und auch werden die Schokoeier noch nicht zum Ausloeffeln mit Milchcreme verfuellt. Banausen! Aber Anna hilft mir, meine Kultur in den Grundfesten aufrechtzuerhalten. 😀

Auch hat der gute Tyrel zwei Schneeschuhhasen ins Land der ewigen Jagdgruende geschickt. Es gab ein grosses Lagerfeuer und Hase am Stock. Vegetarier und Liebhaber des abgepackten Fleisches bitte schnell weiterscrollen.

Schuettel dein‘ Speck!

In der Nacht auf den ersten Mai wurde ich gegen 05:30 h wach, weil auf einmal alles wackelte. Die Emaillieteller klapperten aufeinander, die Hitzeschutzbleche am Ofen vibrierten. Und ich? Wurde hin- und hergewogen!!

„Warum rollt der Trailer einen Berg herunter?!“ schiesst mir durch den Kopf! Das macht keinen Sinn! Doch Tyrel ist mittlerweile auch wachgeruettelt und versucht mich zu beruhigen mit den Worten „Das ist nur ein Erdbeben!“. Okay, dann ist ja gut… Moment, waaas?!?!

Das Geruettel hielt noch ein bisschen an und ich konnte es sogar geniessen, von der Erde gewiegt zu werden. Kaputt gehen kann ja schlecht was, wenn man im Wohnwagen wohnt. Es ist noch nicht einmal etwas aus dem Regal gefallen.

Das allerbeste war allerdings, dass ich das Erdbeben hoeren konnte. Ich dachte immer, dass die Geraeusche bei einem Erdbeben von einstuerzenden Gebaeuden stammt. Das stimmt nicht! Das Erdbeben selbst macht ein Geraeusch. Es ist ein ganz kraftvolles, dunkles Grollen. Ich bin immer noch ganz begeistert, wenn ich daran denke. Ich hab die Erde singen gehoert. 🙂

Am naechsten Morgen gab es gegen 07:15 h nochmal ein ordentliches Nachbeben, was ich komplett ohne Verwirrung geniessen konnte. Spaeter habe ich erfahren, dass die Erdbeben die Staerke 6,2 und 6,3 auf der Richterskala aufwiesen. Dafuer ist kaum Schaden entstanden. Ein Gebaeude der Regierung hat einige Risse bekommen und darf nicht mehr betreten werden. Und es gab kurz einen Stromausfall in der Innenstadt, wovon wir ja eh nichts mitbekommen da wir ohne Strom und fliessend Wasser leben.

Irgendwie sind diese ganzen Berge um mich herum ja mal entstanden. Ich finde es schoen, dass sie immer noch in Bewegung sind und ich das Ganze mitbekommen darf!

Fruehling, ja du bist’s

Nicht nur der Hase auf dem Feld wechselt den Mantel, auch ich trage tagsueber keine langen Unterhosen mehr! Zum Beweis, dass hier tatsaechlich Fruehling herrscht, habe ich ein Bild von einem Krokus geschossen.

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Ein wunderschoener prairie crocus ist dem nicht mehr ganz gefrorenem Boden entwachsen.

Also jetzt mal ehrlich. Oftmals finde ich die deutsche Sprache sehr bildhaft beschreibend, praktisch und schoen, wohingegen das Englische mir zu oft neue Worte erfindet fuer etwas schoen zu Umschreibendes. ABERT: Seht euch diesen wunderschoenen Krokus an. Prairie Crocus, also Praeriekrokus wird er im Englischen genannt.

Der deutsche Name zu diesem wunderschoenen, zarten Gewaechs? Gewoehnliche KUHSCHELLE!!! Also bitte, Deutsch! Was hast du dir dabei nur gedacht?! Gewoehnlich? Und dann Kuhschelle? Zwing mich nicht, meine Nationalitaet zu ueberdenken!!

„Schatz, du bringst mein Herz zum Erbluehen… Dein Duft und dein zartes Auesseres erinnert mich an eine gewoehnliche Kuhschelle.“

Manno.

Verschobene Massstaebe?

Fast aus Versehen habe ich letztens ein Magnum Mandel Eis am Stiel eingekauft. Dann musste ich es ja auch noch gleich im Auto essen, da unser Tiefkuehlfach nicht zuverlaessig kalt genug ist.

Da packte ich es also aus, waehrend meine Speicheldruesen schon mal fuer die richtigen Enzyme sorgten. Und dann… fand ich es klein. So klein, dass ich es vermass und hier zur Diskussion stellen muss.

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Das unangebissene Objekt der Verwunderung: Magnum Mandel neben Massstab

Mein kanadisches Magnum Mandel mass ca. 10,5 cm an der laengsten Eisseite inklusive Schokomantel. Ich hatte es echt groesser in Erinnerung. Allerdings ist in Nordamerika ja bekanntlich auch alles ein bisschen groesser. Jetzt weiss ich also nicht, ob mich meine Erinnerung truegt oder nicht.

Also: Ich suche einen Freiwilligen, beinahe ja Maertyrer, der sich in Deutschland ein Magnum Mandel kauft und es fuer mich vermisst. Achtung, das Eis kann danach wahrscheinlich nicht zurueckgegeben werden sondern muesste wohl verzehrt werden.

Falls sich jemand opfern wuerde, waere ich sehr dankbar.

Ich werde dann mal was essen… und danach schlafen. Es lebe die koerperliche Arbeit!!!

KitKat Knüller

Manchmal frage ich mich hier beim Einkaufen, ob es die ganzen verrueckten Innovationen, die mir hier unterkommen, auch in Deutschland gibt. Heute moechte ich kurz zwei Beispiele dazu geben:

  1. KitKat in allen Varianten
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KitKat in den Geschmacksrichtungen Klassisch, Minze, Keks und Sahne und dunkle Schokolade. Nicht im Bild: KitKat Orange.

Ist das ein internationales Ding oder wird das erstmal an den Geschmacksnerven der Nordamerikaner getestet? Ich mein KitKat mit dunkler Schokolade konnte ich mir noch vorstellen. Aber KitKat, die nach Oreo-Keksen schmecken? Gruen-marmoriertes KitKat mit Minzgeschmack? Oder gar KitKat Orange? Hmmm… da denke ich nochmal drueber nach.

Viel wichtiger allerdings das zweite Thema, was mir (nicht nur) am Herzen liegt:

2. Profilliertes Klopapier

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Links: Standardklopapier mit vereinzelter Puenktchen-Praegung. Rechts: Das neue Klopapier mit Rillen!!

Amerikanisches Klopapier scheint generell duenner zu sein. Das kann darin begruendet liegen, dass laut einer Klopapierstudie die Amerikaner das Klopapier lieber knuellen, waehrend die Deutschen vorwiegend Klopapierfalter sind. Bei Knuellern kann das Papier ruhig eher duenn und weich sein, Falter brauchen dahingegen die Reissfestigkeit, um nicht an der Hand proberiechen zu muessen.

Wie auch immer, Tyrel zeigte im Supermarkt auf das oben abgebildete Vergleichsbild und sagte zum herkoemmlichen Klopapier „standard tire“ (normaler Reifen) und zum profillierten Papier „mud tire“ (Schlammreifen). Ich verstand die Argumentationskette, die aus 4 Worten bestand und das Klopapier landete erst im Einkaufswagen und schliesslich in unserem Kompostklo.

Und ich muss sagen, dass es mir wirklich gut gefaellt. Obwohl ich manchmal knuelle und manchmal falte (ganz nach Laune), arbeitet es wirklich sauber (hoehoe).

Dann schaue ich ganz sinnierend in die prall gefuellte Schuessel und frage mich, ob mir das in Deutschland auch passiert waere. Oder ob ich irgendwann so werde wie mein ausgewanderter Grossonkel, der felsenfest behauptet, Deutschland ist nicht verkommen, da es immernoch Glaeser mit Blutegeln in jeder Apotheke gibt. Dass ich diesen Umstand verneinte, erklaerte er damit, dass ich eben keine Ahnung habe. Na gut. Vielleicht auch besser so. Wenn ich es wuesste, wuerden mir die Egel naemlich leid tun.

Apropos: Fuchs Louie scheint gut durch den Winter gekommen zu sein. Seinen dicken Wintermantel hat er aber zur Sicherheit noch nicht zurueck in den Schrank gehaengt.

In diesem Sinne: Frohes Knuellen oder Falten! 🙂