Deutschland

Reichtum

Es war wieder so weit und ich bin um ein Jahr gealtert. Gefreut habe ich mich auf einen schoenen, unaufgeregten Tag. Erst zur Arbeit, wo eine Kollegin angedeutet hat, dass sie einen Kuchen fuer mich backen wird. Anschliessend eine grosse Bestellung japanischer Koestlichkeiten aus dem Restaurant abholen, nach Hause eilen und auf dem Sofa versumpfen.

Am Morgen meines Geburtstags klingelt der Wecker um 3:29 h. Als erstes erreicht mich die Neuigkeit, dass ich mir diesen Tag fortan mit meinem Neffen teilen darf, der heute geboren wurde. Was fuer schoene Neuigkeiten und alle Beteiligten lassen mich so nah daran teilhaben, als waere ich nur auf einer kurzen Dienstreise. Genauso wie es schon bei meiner niedlichen Nichte war.

Auf der Arbeit wurden tatsaechlich zwei Obstkuchen mit Muerbeteig fuer mich hergestellt, die ausserordentlich lecker waren. Zur Feier der Geburt meines Neffen steuere ich ein kleines Kaesebrett zu, damit wir uns nach dem Kuchen noch auf einen Nachtisch freuen koennen. Oder ist der Kuchen der Nachtisch?

Auf der Arbeit erreichen mich zahlreiche gute Wuensche, und auch nachdem ich zu Hause den Berg Sushi und Co vernichtet habe, bin ich noch damit beschaeftigt, Briefe, Karten und ein Paket zu oeffnen (zwei weitere befinden sich wohl noch im Zulauf) und die lieben Worte, Wuensche und Gedanken aufzunehmen.

Ich lehne mich in die Couch und sinniere. Wie verdammt reich ich doch bin. Schon fast drei Jahre bin ich weg aus Deutschland und schaffe es auch nicht immer, auf jeden Brief und jede Email zu antworten. Wie einfach waere es doch fuer alle, sich dem zuzuwenden, was sie taeglich beschaeftigt? Wie aussergewoehnlich waere es schon, wenn ich mit ein oder zwei meiner Freunde im Kontakt geblieben waere? Und ich habe so viele, so gute Freunde, mit denen ich weiterhin so eng verbunden bin.

Das will ich gar nicht an Glueckwuenschen zum Geburtstag festmachen: Ich neige selbst dazu, Geburtstage zu vergessen. Nur den von meinem Neffen werde ich mir jetzt wohl merken koennen. 😉 Es ist ein unbeschreiblicher Reichtum, dass ich so viele liebe Menschen kenne. Ich weiss ganz genau, wenn ich morgen bei denen an die Tuer klopfen wuerde, oder auch erst in 20 Jahren, es waere wieder genau so, wie in den alten Zeiten, als wir uns vor Lachen gekruemmt oder schweigend beigestanden haben.

Auch hier im Yukon habe ich mittlerweile gute Freunde gefunden. Und verrueckterweise hat dieser Blog, der ja eigentlich nur statt Kettenemail an Freunde und Familie gedacht war, zu neuen Kontakten, Gedankenaustaeuschen und sogar Freundschaften gefuehrt.

Ich fuehle mich sehr reich und beschenkt, dass ich hier in diesem Land leben darf und meine Freunde in Deutschland dafuer nicht aufgeben musste. Ich fuehle neugierig auf das naechste Kapitel, dass ich in meinem Leben auf weisse Seiten schreiben darf. Ich fuehle mich stark und zuversichtlich, dass ich den Herausforderungen gewachsen sein werde.

Zurueck auf das Sofa, das Tyrel und mich mit unseren bis zum Rand gefuellten Baeuchen traegt. Dieses Jahr hatte ich mich mit ihm im Vorfeld darauf geeignet, dass er mir nun wirklich nichts schenken soll. Zu Weihnachten hat er schon tief in die Geldboerse gegriffen und mir die Nintendo Switch Spielkonsole gekauft, auf die ich schon ueber ein Jahr scharf war. Und irgendwie muessen wir beide ja die Geschenke auch bezahlen. Doch Tyrel erklaert feierlich, er habe ein Gedicht verfasst. Na gut, ein Gedicht lasse ich mir gern gefallen. Doch wozu bitte muss er dazu erst in den Keller gehen, ich meine Augen schliessen und er etwas Schweres hinter die Couch legen? Ohoh…

Mein lieber Ehemann konnte es nicht lassen. Zu viel mit den Augen rollen wollte ich auch nicht, es ist ja lieb gemeint. Ich bin jetzt Besitzerin eines SKS Gewehrs.

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Ich ziele fuer den ersten Schuss mit dem Gewehr in unserer Einfahrt.

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Die SKS besitzt ein ausklappbares Bajonett. Munition wird von oben mit Hilfe von Clips in das Magazin eingefuehrt.

Was ich ueber mein Gewehr weiss:

  • Es wurde 1953 in Russland beziehungsweise damals der Sowietunion hergestellt und ist gebraucht, aber professionell ueberholt.
  • Es ist guenstig (puuh…) aber sehr verlaesslich und wird daher gern von fraglichen Gruppen in Krisengebieten benutzt *schwitz*.
  • Die Produktion wurde eingestellt, weil die AK-47 guenstiger herzustellen war bei gleichem Kaliber 7,62 x 39 mm.
  • Bei manchen Militaerzeremonien in Russland wird es noch benutzt.
  • Es ist halbautomatisch. Das heisst das Gas, was beim Abfeuern einer Patrone entsteht, wird dazu verwendet, die naechste Patrone abfeuerbereit zu machen. Es ist kein Fertigladen nach jedem Schuss notwendig, solange Patronen im Magazin sind.

Halbautomatische Waffen waren mir eher suspekt. Eigentlich ist es ja einfacher, nur den Abzug zu betaetigen statt immer nachzuladen aber ich habe gesehen, dass sich die Patronenhuelsen manchmal verklemmen und nicht richtig herausbefoerdert werden. Das muss man natuerlich nicht unbedingt haben.

Tyrel ist jedenfalls der Meinung, dass dieses Gewehr meine halbautomatischen Vorbehalte aufloesen kann… und falls es so toll ist, wie er glaubt, moechte er vielleicht auch eins haben. Ahaaa! Also nicht so ganz uneigennuetzig. 😉 Mit der Nintendo Switch spielt er uebrigens auch wie ein Grosser.

Die SKS ist uebrigens die erste Feuerwaffe, der ich einen Namen gegeben habe. Ich habe sie Yuri genannt. Und zwar, weil ich jetzt aussehen muss wie ein richtiger Russe. Wer den Bezug nicht versteht, schaue sich bitte folgendes Video an.

Spielen da die Kinder nicht auch mit einer SKS?!

Wie auch immer, Waffen beiseite.

Ich danke Dir von Herzen fuer Deinen Kommentar, deinen Brief, deine Email, dein Paket oder auch einfach nur, dass du an mich gedacht hast und ich weiss, dass ich jederzeit an Deiner Tuer klopfen koennte und warm empfangen werde. ❤

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Ein Jahr Kanadahr!

Wie der Titel frecherweise schon verrät: Ein Jahr ist um, seitdem ich mit einem Koffer in ein Flugzeug stieg und auf in ein neues Leben flog. Zeit für ein Zwischenresümee? 

Rückblickend muss ich sagen, dass die ersten Monate nicht immer ganz einfach waren. Man kommt als Erwachsener in eine​ Situation, in der man wieder ein bisschen Kleinkind ist. Man versteht nicht so Recht, wie dieses System um einen herum funktioniert. Kombiniert mit der Tatsache, dass ich in Deutschland ganz genau wusste, wie der Hase läuft, fühlt man sich ein bisschen hilflos.

Dann fällt auch noch das Einkommen weg, die Bestätigung durch den Job und die guten Freunde. Also steht man da und… Steht einfach da. Man weiß ja gar nicht so recht, was man sonst machen soll.

Zum Glück hatte ich drei Sachen, die mir geholfen haben:

A)tens habe ich einen lieben Partner an meiner Seite, der mich mit reichlich Abenteuern in Stimmung gebracht hat und mit dem ich seit einem Jahr auf 10 qm Wohnfläche bestens zurechtkomme.

B)tens habe ich mit meinen Freunden ja auch weiterhin Kontakt. Das ist immer wieder schön, sich auszutauschen und​ zu hören, wie sich alles entwickelt.

C)tens sah ich kurz vor Abreise noch eine Dokumentation über Auswandern, in der auch eine Expertin befragt wurde, die Auswanderern hilft, sich im neuen Land zurecht zu finden. Als sie nach Tipps für Auswanderer befragt wurde, sagte sie, sie habe eigentlich nur zwei Tipps. Lernt die Sprache so gut es nur irgendwie geht und bleibt mindestens ein halbes Jahr da, besser noch ein Jahr. Egal, wie schrecklich alles ist.

Und obwohl bei mir ja gar nicht alles schrecklich war… Nach einem halben Jahr waren die anfänglichen Startschwierigkeiten plötzlich weg! Irre!

Das passt komischerweise genau mit einem Tipp eines ehemaligen Arbeitskollegen zusammen, den ich nach den ersten Wochen in der neuen Abteilung nach dem Studium fragte, wann denn nicht mehr jeden Tag alles neu auf einen einprasseln würde. Er sagte mir, ich solle einfach sechs Monate jeden Tag morgens zur Arbeit gehen und auf einmal fühlt es sich so an, als hätte ich tatsächlich Ahnung von den meisten Sachen. Genauso war es auch damals! Diese sechs Monate scheinen irgendeine magische Eingewöhnungsdauer zu sein, die entweder noch in keinen Studien entdeckt worden oder die noch nicht an mein Ohr gedrungen sind.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich hier in Kanada bedeutend glücklicher bin als in Deutschland. Woran das liegt, weiß ich nicht genau. Aber ist mir auch ziemlich egal; ich lächel lieber dümmlich, als mir weise die Stirn in Falten zu legen. 🙂

Vielleicht liegt mir die Kultur einfach persönlich etwas mehr. Dieses „Muss ja…“ aus Deutschland kenne ich hier nicht. Wenn jemand hier nicht zufrieden ist mit seinen Lebensumständen, seinem Job oder was auch immer, dann ändert er das. Hier habe ich dieses Meckern auf hohem Niveau einfach noch nicht erlebt. Das Arbeiten müssen um der Familie den Lebensstandard zu sichern, aber sich gleichzeitig weit weg zu sehnen, das ist hier gesellschaftlich nicht so sehr anerkannt. Dafür gibt es auch wenig Stigma, wenn jemand eher ungewöhnlich lebt. Wenn ich hier jemandem erzähle, dass ich als Maschinenbauingenieur meinen sicheren Job aufgegeben habe, damit ich in einem kleinen Trailer zusammen mit meinem Mann lebe und auf einer Biofarm arbeite… Ok, cool! 🙂

Ich kann total dreckig in ein Restaurant, zur Bank oder sonstwohin gehen und werde freundlich bedient, ohne mich komisch fühlen zu müssen. Das gefällt mir sehr gut.

Wenn ich mehr als ein Jahr zurückblicke, auf meinen Entscheidungsprozess nach Kanada zu gehen: Wäre ich nochmals in der Situation, würde mir die Entscheidung noch leichter​ gefallen, zu gehen.

Ich habe in einem Jahr hier schon so viele Abenteuer und Erfahrungen gesammelt, wie in vielen, vielen Jahren in meinem alten Leben zusammen. Was in einem weiteren Jahr in Deutschland passiert wäre, kann ich natürlich nicht genau wissen. Aber sobald der Job sicher, die Weiterbildungen beendet und die Wohnung edel genug eingerichtet ist… Okay, vielleicht noch ne Beförderung, ein Hausbau, eine Familie gründen. Aber das alles hätte nicht die Sehnsucht und das Fernweh in mir stillen können. Es hätte sich für mich eher nach Ablenkung angefühlt. 

In einem Jahr hier habe ich gelernt zu backen, zu kochen und einzumachen, die sichere Handhabung von Feuerwaffen, zu schießen, zu jagen und zu verwerten, Bio-Gemüse anzubauen und Tiere zu mästen, Feuerholz zu sägen und spalten, schnell ein warmes Feuer im Ofen zu entfachen, im Winter nicht zu (er)frieren und vor allem, wie wenig mir materielle Dinge wichtig sind.

Ich persönlich glaube ja, dass alle Antworten auf die großen Fragen in unserem Leben schon in uns drin sind. Wir müssen nur lernen, genau zuzuhören. Meine Antwort sind die Berge und Wälder, die harten Winter und großen Wildtiere. Ich freue mich für jeden, der seine Antwort in sich selbst gefunden hat, wie immer sie auch lauten mag. Egal, ob das ein schickes Eigenheim mit Whirlpool beinhaltet, weniger Stress zu haben oder sich nur noch von Blumen zu ernähren. 🙂
… Hast du deine Antwort schon gefunden? Ich bin neugierig!

Erfrischung gefaellig?

Da mich zur Zeit reichlich Nachrichten ueber die Bullenhitze in Deutschland erreichen, moechte ich gerne fuer etwas digitale Abkuehlung sorgen:

Letzten Samstag war ich mit Bella wandern. Zusammen haben wir White Mountain am Little Atlin Lake bezwungen, was verdammt steil war.

Es war ein kuehler, regnerischer Sommertag. Nachdem wir uns ueber die Baumgrenze gehieft haben, gab es schon einen tollen Ausblick auf den Little Atlin Lake zu bewundern.

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Grau in grau verschwimmen See, Regenwolken und Berge im Hintergrund. Im Vordergrund lassen kleine Baeume erahnen, dass wir schon ganz schoen hoch gestiefelt sind.

Zum Teil war der Aufstieg so steil, dass man klettern musste. Nach der Klettertour sahen wir zum Glueck, dass es einen alternativen Weg ohne Kletterpartie gab. Das war fuer den Rueckweg sehr hilfreich.

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Steil steil geht es eine felsige Partie hoch. Immerzu sind wir dabei einem Kabel gefolgt, dass den auf dem Berg befindlichen Sendemast mit STrom versorgte.

Als wir endlich oben waren, wurden wir Mitte Juni von einem Schneesturm ueberrascht. Jedoch konnte uns das nicht vom Picknick abhalten, immerhin waren wir hungrig!

Das Picknick endete jedoch nicht mit einem vollen Bauch, sondern eher mit Fingern, die sich nicht mehr richtig bewegen lassen vor Kaelte. Also gehts bergab, so wird man auf jeden Fall wieder warm!

So, liebes Deutschland! Sommer geht auch anders. Und wenn dem Einen oder Anderen eben kurzfristig das Schwitzen vergangen ist, wird es mir ganz warm ums Herz. 😉

Erdrutschartige Ereignisse

In den letzten Tagen ist viel passiert. Und ich war vielbeschaeftigt. Aber jetzt sitze ich in dem oertlichen A & W Burgerrestaurant und nutze das Wifi um alles mal aufzuarbeiten.

Moege das Papier mit dir sein

Verrueckt aber wahr: Meine Arbeitserlaubnis luemmelte voellig unerwartet ploetzlich im Briefkasten herum. Nach normaler Bearbeitungsdauer haette sie eigentlich erst gegen August da sein sollen. Trotzdem hielt ich sie kuerzlich unglaeubig in den Haenden.

Mein erster Gedanke war tatsaechlich „Kacke, muss ich jetzt wieder ins Buero?!“. Zum Glueck bin ich alt genug, das selbst entscheiden zu duerfen. Daher lautet die Antwort darauf „Ich muss nicht aber ich darf jetzt, wenn ich moechte.“.

Da auf der Farm ziemlich viele Arbeiter kurzfristig abgesagt haben oder nicht aufgetaucht sind, konnte ich mein Engagement nun von „Freiwilliger“ zu „Arbeiter“ aufstufen…. Oder bin ich jetzt ein Knecht? Anton von Michel aus Loenneberga war doch ganz cool. Jedenfalls will ich nicht Magd Lina sein!!!

Sehr ueberrascht war ich, meinen niedersaechsischen Kumpel Gruenkohl (hier genannt Kale) einpflanzen zu duerfen. Farmbesitzer Bart fragte mich, ob ich zu den Deutschen gehoere, die den Gruenkohl nicht vor dem ersten Frost essen. Hmm, eigentlich sagt man das ja so. Aber wenn ich Hunger habe und der Kohl mich anlaechelt… da ist mir das Wetter auch egal. Ausserdem kann es hier auch im Hochsommer jederzeit ueber Nacht frieren. Die kleinen Pflanzen haben definitiv in ihrem jungen Leben genug Frost abbekommen, dass der erste Frost ein dehnbarer Begriff ist.

Am Wochenende habe ich dann in einem Hostel gearbeitet. Betten machen, Waesche waschen, putzen, Leute einchecken, Rat geben, Telefondienst, alles was anfaellt. 🙂 Da muss ich sagen, dass das Arbeitsklima schon ziemlich von Reklamationsbesuchen beim Kunden unterscheidet… obwohl es da auch immer positive Ausnahmen gibt (Oh wie schoen ist Plettenberg!).

Das heisst: Ich bin beschaeftigt. Das ist gut! Ich habe Spass und meine Freizeit ist fast vollstaendig ausgefuellt mit meinen zwei liebsten Hobbies Essen und Schlafen.

Apropos Essen: Mich hat ein verruecktes Paket erreicht, voll mit Marzipan, Schoki und Milka Loeffeleiern von der besten Anna Banana!!! Marzipan scheint hier in Kanada noch nicht so angekommen zu sein. Und auch werden die Schokoeier noch nicht zum Ausloeffeln mit Milchcreme verfuellt. Banausen! Aber Anna hilft mir, meine Kultur in den Grundfesten aufrechtzuerhalten. 😀

Auch hat der gute Tyrel zwei Schneeschuhhasen ins Land der ewigen Jagdgruende geschickt. Es gab ein grosses Lagerfeuer und Hase am Stock. Vegetarier und Liebhaber des abgepackten Fleisches bitte schnell weiterscrollen.

Schuettel dein‘ Speck!

In der Nacht auf den ersten Mai wurde ich gegen 05:30 h wach, weil auf einmal alles wackelte. Die Emaillieteller klapperten aufeinander, die Hitzeschutzbleche am Ofen vibrierten. Und ich? Wurde hin- und hergewogen!!

„Warum rollt der Trailer einen Berg herunter?!“ schiesst mir durch den Kopf! Das macht keinen Sinn! Doch Tyrel ist mittlerweile auch wachgeruettelt und versucht mich zu beruhigen mit den Worten „Das ist nur ein Erdbeben!“. Okay, dann ist ja gut… Moment, waaas?!?!

Das Geruettel hielt noch ein bisschen an und ich konnte es sogar geniessen, von der Erde gewiegt zu werden. Kaputt gehen kann ja schlecht was, wenn man im Wohnwagen wohnt. Es ist noch nicht einmal etwas aus dem Regal gefallen.

Das allerbeste war allerdings, dass ich das Erdbeben hoeren konnte. Ich dachte immer, dass die Geraeusche bei einem Erdbeben von einstuerzenden Gebaeuden stammt. Das stimmt nicht! Das Erdbeben selbst macht ein Geraeusch. Es ist ein ganz kraftvolles, dunkles Grollen. Ich bin immer noch ganz begeistert, wenn ich daran denke. Ich hab die Erde singen gehoert. 🙂

Am naechsten Morgen gab es gegen 07:15 h nochmal ein ordentliches Nachbeben, was ich komplett ohne Verwirrung geniessen konnte. Spaeter habe ich erfahren, dass die Erdbeben die Staerke 6,2 und 6,3 auf der Richterskala aufwiesen. Dafuer ist kaum Schaden entstanden. Ein Gebaeude der Regierung hat einige Risse bekommen und darf nicht mehr betreten werden. Und es gab kurz einen Stromausfall in der Innenstadt, wovon wir ja eh nichts mitbekommen da wir ohne Strom und fliessend Wasser leben.

Irgendwie sind diese ganzen Berge um mich herum ja mal entstanden. Ich finde es schoen, dass sie immer noch in Bewegung sind und ich das Ganze mitbekommen darf!

Fruehling, ja du bist’s

Nicht nur der Hase auf dem Feld wechselt den Mantel, auch ich trage tagsueber keine langen Unterhosen mehr! Zum Beweis, dass hier tatsaechlich Fruehling herrscht, habe ich ein Bild von einem Krokus geschossen.

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Ein wunderschoener prairie crocus ist dem nicht mehr ganz gefrorenem Boden entwachsen.

Also jetzt mal ehrlich. Oftmals finde ich die deutsche Sprache sehr bildhaft beschreibend, praktisch und schoen, wohingegen das Englische mir zu oft neue Worte erfindet fuer etwas schoen zu Umschreibendes. ABERT: Seht euch diesen wunderschoenen Krokus an. Prairie Crocus, also Praeriekrokus wird er im Englischen genannt.

Der deutsche Name zu diesem wunderschoenen, zarten Gewaechs? Gewoehnliche KUHSCHELLE!!! Also bitte, Deutsch! Was hast du dir dabei nur gedacht?! Gewoehnlich? Und dann Kuhschelle? Zwing mich nicht, meine Nationalitaet zu ueberdenken!!

„Schatz, du bringst mein Herz zum Erbluehen… Dein Duft und dein zartes Auesseres erinnert mich an eine gewoehnliche Kuhschelle.“

Manno.

Verschobene Massstaebe?

Fast aus Versehen habe ich letztens ein Magnum Mandel Eis am Stiel eingekauft. Dann musste ich es ja auch noch gleich im Auto essen, da unser Tiefkuehlfach nicht zuverlaessig kalt genug ist.

Da packte ich es also aus, waehrend meine Speicheldruesen schon mal fuer die richtigen Enzyme sorgten. Und dann… fand ich es klein. So klein, dass ich es vermass und hier zur Diskussion stellen muss.

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Das unangebissene Objekt der Verwunderung: Magnum Mandel neben Massstab

Mein kanadisches Magnum Mandel mass ca. 10,5 cm an der laengsten Eisseite inklusive Schokomantel. Ich hatte es echt groesser in Erinnerung. Allerdings ist in Nordamerika ja bekanntlich auch alles ein bisschen groesser. Jetzt weiss ich also nicht, ob mich meine Erinnerung truegt oder nicht.

Also: Ich suche einen Freiwilligen, beinahe ja Maertyrer, der sich in Deutschland ein Magnum Mandel kauft und es fuer mich vermisst. Achtung, das Eis kann danach wahrscheinlich nicht zurueckgegeben werden sondern muesste wohl verzehrt werden.

Falls sich jemand opfern wuerde, waere ich sehr dankbar.

Ich werde dann mal was essen… und danach schlafen. Es lebe die koerperliche Arbeit!!!

Demuetig belichtet

Durch das fast katzenhafte Anschleichen meinerseits sind mir tatsaechlich letztens ein paar brauchbare Bilder von einem weiblichen Spruce Grouse entstanden! Ok, wahrscheinlich schleiche ich mich eher an wie ein Bison. Im Porzellanladen. Aber zum Glueck glaubt so ein Grouse meist, er oder sie ist am besten getarnt, wenn es sich so wenig wie moeglich bewegt. Sie sind noch nicht ausgestorben oder auch nur bedroht, daher muss was dran sein an der Strategie.

Auch die Weisskopfseeadler scheinen wieder mehr geworden zu sein. Einige haben Whitehorse auch im Winter die Treue gehalten und sich an der Muellkippe gelabt. Aber viele sind zur nahen Kueste von Alaska geflattert, da das Meer ja bekanntlch nie so ganz zufriert. 🙂

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Die drei Adler von der Tankstelle sitzen auf ihrem liebsten abgestorbenen Baum. Oder ist es tatsaechlich ein Moebelstueck von ihnen, das nur aussieht wie ein toter Baum? Niemand weiss es.

Die Helligkeit ist echt Wahnsinn! Laut Sonnenscheinrechner im Internet haben wir heute 15:21 h Sonnenschein und 1:44 h Daemmerung. Good old Wolfenbuettel und somit auch ganz Deutschland wird solche Werte erst am 8. Mai erreichen. Und dann ist es hier schon wieder heller. Hihi.

Aber zum Glueck wird es zu dieser Jahreszeit auch noch richtig dunkel hier im Yukon. Der grosse Vorteil davon? Genau, Nordlichter!

Nordlichter wecken bei mir das religioese Gefuehl. Das Gefuehl, dass alles irgendwie zusammen gehoert und man selbst nur ein kleines Zahnrad im grossen Getriebe ist. Und das ist voll okay! Denn es relativiert auch vieles. All die kleinen Alltagssorgen sind so nichtig. Wieder ein dicker Pickel im Gesicht oder war die Suppe versalzen? Voll egal. Der Himmel ist gruen!

Das Wort, womit sich dieses Gefuehl wohl am besten beschreiben laesst ist Demut.

Als kleines Maedchen lass ich in der Dorfkirche auf der gepolsterten Kniebank „Dem Demuetigen gibt Gott Gnade“. Daraufhin meine Frage an meinen Vater „Bin ich demuetig?!“ Die Frage wurde kurz darauf verneint. Pech gehabt. Lag vielleicht daran, dass ich die Frage „Schaemst du dich nicht?!?!“ stets beantwortete mit „Ich schaeme mich NIE!!!“. Das ist auch groesstenteils so geblieben. Ich finde, dass das Leben zu kurz ist fuer Scham oder Peinlichkeiten. Das ist doch nur dafuer da, dass man Angst hat, was andere Leute von einem halten koennen.

Also entweder ich mache etwas oder ich lasse es sein. Und wenn es doof war, mache ich es beim naechsten Mal halt anders. Und wer was Schlechtes ueber mich denkt, der haette so oder so einen Grund dafuer gefunden. Also kein Grund fuer Stress! Da bleibt nur ruhig bleiben und Nordlichter anschauen. 🙂

KitKat Knüller

Manchmal frage ich mich hier beim Einkaufen, ob es die ganzen verrueckten Innovationen, die mir hier unterkommen, auch in Deutschland gibt. Heute moechte ich kurz zwei Beispiele dazu geben:

  1. KitKat in allen Varianten
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KitKat in den Geschmacksrichtungen Klassisch, Minze, Keks und Sahne und dunkle Schokolade. Nicht im Bild: KitKat Orange.

Ist das ein internationales Ding oder wird das erstmal an den Geschmacksnerven der Nordamerikaner getestet? Ich mein KitKat mit dunkler Schokolade konnte ich mir noch vorstellen. Aber KitKat, die nach Oreo-Keksen schmecken? Gruen-marmoriertes KitKat mit Minzgeschmack? Oder gar KitKat Orange? Hmmm… da denke ich nochmal drueber nach.

Viel wichtiger allerdings das zweite Thema, was mir (nicht nur) am Herzen liegt:

2. Profilliertes Klopapier

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Links: Standardklopapier mit vereinzelter Puenktchen-Praegung. Rechts: Das neue Klopapier mit Rillen!!

Amerikanisches Klopapier scheint generell duenner zu sein. Das kann darin begruendet liegen, dass laut einer Klopapierstudie die Amerikaner das Klopapier lieber knuellen, waehrend die Deutschen vorwiegend Klopapierfalter sind. Bei Knuellern kann das Papier ruhig eher duenn und weich sein, Falter brauchen dahingegen die Reissfestigkeit, um nicht an der Hand proberiechen zu muessen.

Wie auch immer, Tyrel zeigte im Supermarkt auf das oben abgebildete Vergleichsbild und sagte zum herkoemmlichen Klopapier „standard tire“ (normaler Reifen) und zum profillierten Papier „mud tire“ (Schlammreifen). Ich verstand die Argumentationskette, die aus 4 Worten bestand und das Klopapier landete erst im Einkaufswagen und schliesslich in unserem Kompostklo.

Und ich muss sagen, dass es mir wirklich gut gefaellt. Obwohl ich manchmal knuelle und manchmal falte (ganz nach Laune), arbeitet es wirklich sauber (hoehoe).

Dann schaue ich ganz sinnierend in die prall gefuellte Schuessel und frage mich, ob mir das in Deutschland auch passiert waere. Oder ob ich irgendwann so werde wie mein ausgewanderter Grossonkel, der felsenfest behauptet, Deutschland ist nicht verkommen, da es immernoch Glaeser mit Blutegeln in jeder Apotheke gibt. Dass ich diesen Umstand verneinte, erklaerte er damit, dass ich eben keine Ahnung habe. Na gut. Vielleicht auch besser so. Wenn ich es wuesste, wuerden mir die Egel naemlich leid tun.

Apropos: Fuchs Louie scheint gut durch den Winter gekommen zu sein. Seinen dicken Wintermantel hat er aber zur Sicherheit noch nicht zurueck in den Schrank gehaengt.

In diesem Sinne: Frohes Knuellen oder Falten! 🙂

Einkaufen im Ahornland

Auch im Supermarkt gibt es hier kleine aber feine Unterschiede zum gewohnten Einkaufen in Deutschland.

Zum einen ist es ungewohnt, dass an der jeweiligen Ware der Nettopreis angebracht ist. Wer manchmal in der Metro einkauft, kennt das bereits. Der Nettopreis ist der eigentliche Preis der Ware, jedoch kommt noch die Mehrwertsteuer von 5% obendrauf an der Kasse. Mit abgezaehltem Kleingeld einkaufen erfordert also ein bisschen mathematische Kopfarbeit.

Was als naechstes ins Auge faellt: Fast alles scheint im Angebot zu sein. Allerdings bedeutet das nicht wie in Deutschland, dass die Ware einfach uneingeschraenkt reduziert ist. Man muss das Kleingedruckte auf dem Preisschild lesen, was meist eine Bedingung enthaelt.

Durch das Gruppen- oder limitierte Angebot entfaellt auf den Werbungsanzeigen auch das „Abgabe nur in haushaltsueblichen Mengen“. Ist ja alles geregelt. An der Kasse wird erst alles gescannt und dann zum Ende der Kassenzettel ausgespuckt. Der Computer hat mittlerweile alle Waren sortiert und die jeweiligen Rabatte danebengeschrieben und abgezogen.

Fuer eine weitere Verwirrung meinerseits sorgte anfangs der Umstand, dass ich zu wenig Wechselgeld erhielt. Ich sollte $1,99 zahlen, gab eine $2-Muenze und erhielt nichts weiter als ein Laecheln und einen gewuenschten schoenen Tag von der Kassiererin.

Meinen Mann schien das nicht zu stoeren, also sprach ich ihn auf dem Weg zum Auto darauf an. Die Erklaerung ist denkbar einfach: Kanada hat im Jahr 2013 die Pennies abgeschafft. Die kleinste Muenze im Umlauf ist jetzt die 5-Cent-Muenze mit Biber. Das Ganze hat den Hintergrund, dass die Produktionskosten fuer einen Cent hoeher waren als der Wert der Muenze. Jetzt wird bei 1 und 2 Cent einfach abgerundet und bei 3 und 4 Cent aufgerundet. Wenn man sich da erstmal dran gewoehnt hat, ist das super praktisch und das Muenzfach im Portemonnaie quillt auch nicht mehr so schnell ueber.

Was mich aber am meisten verwundert hat im Kanadischen Supermarkt ist in der Tiefkuehlabteilung zu finden. Die Auswahl an Tiefkuehlpizzen ist wie erwartet ueppig, doch der Hersteller der meisten Variationen ist…. der gute alte Dr. Oetker!

Mit Sorten wie Giuseppe (duenner Teig und aufgehender Teig), Ristorante (duenner Teig und extra duenner Teig), Casa di Mama und weiteren Produktlinien klingt das ganze dann doch eher etwas italinenisch. Doch die Pizzen werden tatsaechlich in Deutschland hergestellt und dann hier hergeschifft. Schwer vorzustellen.

Noch mehr verwundert hat mich dann aber die Pizza der billig-Hausmarke, President’s Choice. Sie sieht auf den ersten Blick sehr kanadisch aus, jedoch verraet ein genauerer Blick auf die Pappschachtel, dass auch diese Pizza in Deutschland hergestellt und eingefroren wurde.

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Dicker Teig, Peperoni-Salami und Kaese kennzeichnen die guenstige Pizza der Hausmarke. Trotzdem: Product of Germany!

Haben wir in Deutschland die besten Tiefkuehlpizza-Fabriken oder sonst irgendwelche Marktfuehrereigenschaften, von denen ich nichts wusste? Jedenfalls… irgendwie irre. Verschwoerungstheorien dazu sind herzlich willkommen!