Donnerstags

Heute mal ein Alltagsbeitrag von mir – genau so wie es mein Bruder Johannes gern liest. 🙂

Mein Lieblingstag in der Woche ist zur Zeit der Donnerstag. Da ich nur noch 30 Stunden bei der Airline arbeite, arbeite ich meist montags bis mittwochs je acht und dann donnerstags nur schlappe sechs Stunden. Freitag ist dann Fleischtag, aber der kurze Donnerstag hat es mir angetan. Es folgt mein Donnerstagsbericht, am Beispiel des Donnerstags letzter Woche.

Der Wecker klingelt um 5:06 Uhr. Die Sonne scheint noch nicht, dafuer ist die Sommersonnenwende schon zu lange her. Doch es ist angenehm-blau-daemmrig im sonst so roten Zelt.

Blick an die Zeltdecke, getaucht in ein samtig-blaues Licht.

Leise faengt es an zu nieseln und ich strecke mich noch ein wenig. Nieselregen auf dem Zelt, das loest bei mir ein ganz wohliges Gefuehl aus. Ich bleibe noch etwas laenger liegen und lese ein wenig auf meinem Handy.

Als ich mich schliesslich aus dem Schlafsack pelle, haben sich die feinen Sprenkel auf der Plane in ein rhythmisches Trommeln verwandelt. Zum Glueck habe ich meinen Hut mit ins Zelt genommen!

Draussen lass ich als erstes die Huehner aus dem Stall. Wenigstens moechte ich ihnen die Moeglichkeit geben, ein- und auszukehren wie es ihnen beliebt. Wie jeden Morgen stroemen die Huehner in den Auslauf. Doch heute flattern sie nicht mit den Fluegeln, sondern sie schuetteln sich. Ich wuensche einen guten Morgen und ziehe weiter.

Ein Outhouse steht im Walde, ganz still und stumm.

Dann geht es weiter aufs Plumpsklo, oder Outhouse. Dank der transparenten Kunststoff-Wellplatten als Dach ist es drin genauso hell wie draussen. Ausserdem verstopft es nie und eine Klobuerste ist auch nicht notwendig.

Schliesslich mache ich mich im Tiny House fertig fuer den Tag und fahre gen Arbeit. Auf halber Strecke zeichnen sich auch endlich die Berge hinter den Wolken ab, die normalerweise das Panorama unseres Feldes bilden.

Bergkulisse hinter Regen, Highway und gerissener Windschutzscheibe.

In meinem Buero angekommen giesse ich meine Tomatenpflanzen und bin anschliessend fuer ein paar Stunden produktiv. Bis ich meine verlaengerte Mittagspause nehme und aus dem Buero laufe, zu den nahegelegenen Mountainbiketrails. Auf halber Strecke treffe ich meine Freundin und wir laufen eine gute Strecke zusammen ueber Stock und Stein. Normalerweise stolpere und falle ich oefters, doch heute nicht – obwohl es immer noch regnet. Dafuer werden wir beide von einer Wespe gestochen.

Durch die Feuchtigkeit leuchten die Farben im Wald und alles duftet herrlich. Meine Freundin und ich fuehlen uns gluecklich und sind dankbar, dass wir diese schoene Gegend an einem Donnerstagvormittag nutzen koennen, ohne dafuer extra irgendwo hinfahren zu muessen!

Zurueck im Buero ist kaum noch etwas von meinen Wochenstunden uebrig. Ich arbeite waehrend ich mein mitgebrachtes Mittagessen verspeise (zwei Schraubglaeser mit ueber Nacht eingeweichten Haferflocken, Nuessen und Beeren und ein Stueck Kaese). Dann packe ich schon bald zusammen und duese in Richtung Stadt, denn donnerstags besuche ich meine Freunde im Kaeseladen!

Zwar ist mein Portemonnaie nach dem Besuch im Kaeseladen leichter, doch meine Schritte sind es auch. Und dass, obwohl ich eine schwere Tuete trage.

Der naechste Stopp ist der Bauernmarkt, der donnerstags ab 15 Uhr stattfindet. Besucher des Marktes stehen in Schlangen und muessen sich vor Eintritt die Haende desinfizieren. Doch die Stimmung ist gut – der Markt gehoert hier zum Sommer dazu und findet nur ca. vier Monate lang statt im Jahr. Ausserdem hat es aufgehoert zu regnen!

Ich umgehe die lange Schlange des Standes „meiner“ Biofarm und stelle mich von der anderen Seite an. Waehrend ich mich nach dem Wohlbefinden von Hahn Clover erkundige (blendend) wird mein gruener Einkaufskorb beladen mit den Leckereien dieser Woche und einem Flugblatt; dann bin ich schon wieder auf dem Weg. Bezahlt habe ich fuer die ganze Saison im Vorraus im Fruehjahr. Aussuchen, was ich bekomme, kann ich mir nicht. Jeder bekommt das Gleiche. Eine prima Gelegenheit, neue Rezepte auszuprobieren mit Gemuesesorten, die sonst nicht im Einkaufswagen landen wuerden.

Skeptisch sehe ich auf das riesige Buendel Mangold. Zusammen mit meiner Schwester und Cousine habe ich mir frueher haarstraeubende Gute-Nacht-Geschichten ausgedacht. Eine Geschichte, die sich ueber mehrere Abende erstreckte, handelte vom Sandmaennchen, der auf dem Mond riesige Tanks voller Mangold-Erbrochenem lagerte. Gekauft habe ich Mangold daher selbst noch nie. Doch zum Glueck schlaegt das beiliegende Rezept der Woche etwas mit Mangold vor – ich muss mir also keine Gedanken machen.

Ich schlendere noch eine Runde ueber den Markt (wegen der Sicherheitsvorkehrungen nur im Uhrzeigersinn erlaubt), kaufe noch ein, zwei Leckereien und schiesse ein Foto fuer euch.

Gemuesiger Einkauskorb vor Marktszene. Orangene Pylone zeigen den korrekten Abstand beim Schlangestehen an den jeweiligen Staenden an.

Auf dem Parkplatz im Auto nasche ich ein Eis, das den Weg in meinen Einkaufkorb gefunden hat. Dann fahre ich nach Hause.

Dort werde ich begruesst von Arma, die umgehend das Baeuchlein zum sofortigen Streicheln freigibt und bewirbt. Dem kann ich natuerlich nicht widerstehen. Die Einkaeufe werden grob verstaut und Arma und ich schauen nach den Huehnern.

Nach Regen lieben es die Huehner, den Erdboden aufzukratzen und sich ausgiebig zu waelzen. Es macht grossen Spass, sie zu beobachten!

Doch Arma und ich gehen eine Runde durch das Feld und spielen ausgiebig „Hol das Stoeckchen“.

Arma beim aufgeregten Apportieren. Mein Vater findet, die sieht Knecht Ruprecht von den Simpsons aehnlich. Nach diesem Bild gibt es keinen Widerspruch mehr – sogar die Comicaugen sind vorhanden.

Anschliessend schluepfe ich in Gummistiefel und bewaffne mich mit Schaufel, Besen und Schubkarre. Donnerstags wird der Huehnerstall ausgemistet.

Huehnerstall vorher und nachher. Bis auf die fehlenden Federn im Stroh kein grosser optischer Unterschied, doch der frische Stall duftet herrlich.

Nach der Stallsaeuberung verbringe ich noch etwas Zeit mit meinen fedrigen Freunden.

Irgendwann grummelt mein Bauch; ich folge dem Ruf und bereite das Abendessen im Haus zu. Es gibt herzhafte Mangold-Muffins, wie das Rezept der Woche meiner Gemuesekiste vorschlaegt. Waehrenddessen lerne ich eine neue, englische Vokabel. Das Rezept verlangt nach der Haelfte des beiliegenden „summer savory“ Buendels. Ein Kraut, sieht so aehnlich aus wie Rosmarin aber kann ich nicht direkt zuordnen.

Das Internet loest auf: Es ist Bohnenkraut! Das habe ich in Deutschland geliebt, aber nur getrocknet gekannt.

Waehrend der Zubereitung fragt mich Tyrel fuenf Mal aufgeregt, ob ich wirklich herzhafte Muffins zubereite. Ich mache eine mentale Notiz, dass ich ihm damit anscheinend eine Freude machen kann.

Die Muffins sind superlecker, genau wie der Burrata-Kaese, der das Abendessen abschliesst. Ich verbringe noch Zeit mit Tyrel, wir tauschen uns ueber unseren jeweiligen Tag aus und schauen gemeinsam lustige Bilder im Internet an.

Schlussendlich liege ich wieder im Zelt. Die Sonne scheint noch, die Stimmung ist eine andere als noch heute Morgen. Ich schliesse meine Augen und versuche das Zappen des elektrischen Zauns zu zaehlen aber komme nicht weit, bis ich einschlafe.

Zelt am Abend. Mein Innenschlafsack haengt noch an der Lampe zum Lueften.

Habt einen schoenen Donnerstag! 🙂

30 Kommentare

  1. Jetzt, zu Corona- und Klimaveränderungs-Zeiten wäre es eigentlich dringend notwendig sich die Fragen zu stellen – was brauche ich zu einem guten Leben? und – was muss ich verändern in meinem Leben?
    Ich finde, du hast die Frage nach einem „guten Leben“ gut gelöst …
    Es macht Freude, deine Berichte zu lesen …

    Ich bin 70 Jahre alt und saß gestern mit zwei 70-jährigen Frauen zusammen, die mich entgeistert anschauten, als ich sagte, dass ich mich frage was ich mit dem Rest meines Lebens anfange? Ich schaute entgeistert zurück – ist es doch gerade jetzt Zeit für Veränderungen im Leben.
    Für mich persönlich gehört zu einem guten Leben, dass ich nicht über Jahre in gleichen Alltagsgewohnheiten versinke und und mir der Lebensmöglichkeiten gar nicht mehr bewusst bin, sondern immer wieder Neues ausprobiere. Ich meine, dass es ein Geschenk ist, die Jahre nach 70 in Gesundheit verbringen zu dürfen und wir sie daher sehr bewusst gestalten sollten.

    Liebe Grüße an dich in deinem guten Leben
    Monika

    Gefällt 6 Personen

    1. Hallo Monika,
      Vielen Dank für deine lieben Worte. 🙂
      Du hast recht, die Frage nach einem guten Leben sollte man sich unbedingt stellen. Das ist, finde ich, das Positive an unserer unsteten Zeit: Es macht es einfacher, sich diese Frage ernsthaft zu stellen.

      Dass du bewusst die Veränderung suchst, finde ich stark. Dein ganzer Kommentar hat mich zum Lächeln gebracht – Dankeschön! Ich kann dir nur zustimmen in dem, was du geschrieben hast.

      Ich wünsche dir einen wunderschönen Donnerstag. 🙂
      Viele Grüße aus Kanada,
      Luisa

      Gefällt 4 Personen

  2. Moin moin Luisa,
    danke für den interessanten Bericht, den ich ich dehr lebenswert fand.
    Wir hatten bis vor kurzem immer noch Mangold vom letzten Jahr im Gefrierschrank, weil die Ernte so groß war. Wir hatten sogar Mangold gegen Rotkohl getauscht. 🙂
    Liebe Grüße
    Jens

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Jens,
      Ich bin schon gespannt, ob morgen wieder Mangold im Gemüseabo ist (gerade ist hier ja noch Mittwoch). Falls ja, dann frage ich dich nach einem Rezept – bei der Ernte hast du bestimmt einige Zubereitungsarten ausprobiert!
      Viele Grüße,
      Luisa

      Gefällt 3 Personen

  3. Moin, moin Luisa,
    ich habe gerade Marina die Bilder von Deinen Hühnern gezeigt. Sie war ganz begeistert und will auch genau solche Hühner haben – kannst Du ein paar zu uns schicken? 🙂
    Na das geht wohl schlecht. Kannst Du mir bitte sagen von welcher Rasse die Hühner sind?
    Nochmal liebe Grüße
    Jens

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Jens und Marina,
      Folgende Hühnerrassen und -farben habe ich:
      Orpington in schwarz gesperbert, perlgrau gesperbert und perlgrau;
      Australorp in schwarz und blau;
      Ameraucana in schwarz, blau und splash.

      In Deutschland scheint es fast keine Ameraucana zu geben sondern nur Araucana, was die schwanzlose Ursprungsform ist. In Amerika wurde die Rasse weiterentwickelt und der Schwanz wieder herangezüchtet, da die Schwanzlosigkeit wohl mit Erbkrankheiten verbunden ist. Beide Rassen legen blau-grüne Eier.

      Australorp ist die australische Weiterzüchtung der Orpington Rasse. Die Weiterzüchtung legt wohl mehr Eier, ist aber nicht ganz so würfelförmig im Körperbau wie das englische Original.

      Viel Spaß beim Hühnerrassen-Recherchieren, das kann süchtig machen! 🙂

      Viele Grüße,
      Luisa

      Gefällt 1 Person

  4. schön, von dir hören. ich bin schon eine weile auf der insel hiddensee. der vorteil: ich weiss nicht mehr, welcher wochentag heute ist….
    warum schläfst du im zelt? also nicht, dass es mir fehlt seit dem trail.
    alles gute

    Gefällt 1 Person

  5. schön, von dir hören. ich bin schon eine weile auf der insel hiddensee. der vorteil: ich weiss nicht mehr, welcher wochentag heute ist….
    warum schläfst du im zelt? also nicht, dass es mir fehlt seit dem trail.
    alles gute

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Jac,
      wie schoen, dass du deinen Sommer wieder auf Hiddensee verbringen kannst! Ist vielleicht auch etwas weniger los als letztes Jahr, wegen Corona? Oder noch mehr, weil jetzt alle innerhalb Deutschlands Urlaub machen?
      Dass ich manchmal im Zelt schlafe, hat viele Gruende. Erstmal liebe ich es, zu zelten, dann fuehlt es sich wie Urlaub an (den ich ja eigentlich anderweitig verbringen wollte, aber jetzt arbeite ich doch lieber), und es tut mir richtig gut und erdet mich neu bei allem, was so auf mich einprasselt.
      Aber ich schlafe auch nicht jede Nacht im Zelt – heute bin ich zum Beispiel im Haus aufgewacht. 🙂
      Liebe Gruesse!
      Luisa

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  6. Risse i d Scheibe sind ja obligat. 😉
    Und Gemüsekisten sind super! Ich bin nun Mitglied bei einer Solawi. Es gibt 40 Gemüsesorten übers Jahr, ein Kräuterbeet zum Selbstpflücken, diverses Getreide, Hirse, Linsen, Leinsamen, Leinöl, Eier, manchmal Fleisch, Apfelsaft, regionales Obst und das gute Gefühl. Alles Bio, alles ganz frisch, ohne Verpackung und ohne Transport. Ich habe auch gleich das ganze Jahr bezahlt. Man darf auch helfen. Müssen täte ich 6 Stunden im Jahr, denn ich hole nur 14-tägig ab. Ich habe ja auch noch meinen Gemüsegarten, der dieses Jahr wie verrückt wächst. Im Moment bräuchte ich es nicht unbedingt. Verschenke dann jetzt immer was zu viel ist.
    Allerbesten Gruß zum weißen Pferd.

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    1. Super Sache!
      Kannst du dir aussuchen, was du dir abholst oder ist das schon zusammengestellt?
      Mein Programm laeuft unter CSA, Community Supported Agriculture, also die kanadische SoLaWi. Dass Leinoel selbst hergestellt wird bei deinen Erzeugern finde ich ja klasse!!
      Jetzt hab ich Hunger und es ist nicht mal 7 Uhr morgens. 😀
      Liebe Gruesse!
      Luisa

      Gefällt 1 Person

      1. Alles was geerntet wird, wird gleichmäßig aufgeteilt. Man kann also nicht wählen. Aber man kann etwas i d Geschenkebox tun oder sich rausnehmen…
        Guten Morgen. ❤🍒🍓☕

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      2. Das finde ich super! Aus Deutschland kenne ich eigentlich nur das Konzept dass es jederzeit an- und abbestellbar ist, oder man sich raussuchen will was man will und es viele Diskussionen darum gibt, wer wieviel wovon nimmt. Prima, dass du das unterstuetzt! 🙂

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    1. Haha, vor allem haben wir bei unseren Erzählungen den entsetzlichen Gestank auf dem Mond beschrieben. Das Sandmännchen lagerte dort nämlich auch Fürze… 😂😂😂
      Süße Träume und liebe Grüße,
      Luisa 😊

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  7. Ich finde jeder sollte etwas mehr seinen Alltag in jeglicher Handlung würdigen und auch hinterfragen!
    Ein Hoch auf den gelebten Alltag und in dieser dokumentierten Form!
    Gerne mehr davon! 🙂

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  8. Ja, ja! Der nach Mangold-Fürzen stinkende Mond ist aufgrund dieser überaus Adjektiv-geschwängerten Gute-Nacht-Geschichte von damals bis heute keiner meiner Sehnsuchtsorte geworden. Und irgendwie greife ich auch bis heute lieber zum Spinat! 😄

    Gefällt 1 Person

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