Monat: April 2019

Freunde und Berge

Tyrel und ich sind ziemlich „socially awkward“. So eine richtig passende deutsche Uebersetzung dafuer kann ich nicht finden. Hier werden so Leute bezeichnet, die nicht wirklich asozial sind, sich aber irgendwie kauzig-komisch-unbeholfen in sozialen Situationen verhalten. Ja, ich kann sehr extrovertiert und wie ne Partybombe rueberkommen. Aber in meinem tiefsten Herzen bin ich aeusserst introvertiert und geniesse das Abgeschiedensein hier daher auch so sehr. Aus Ruhe und der Natur ziehe ich meine Energie. Tyrels Beduerfnis nach Ruhe ist in der Hinsicht noch staerker ausgepraegt. So kommt es, dass wir uns auch an Feiertagen so gut wie nie ins Getuemmel stuerzen, sondern unser eigenes Sueppchen kochen. Einfach, weils so schoen ist.

Jetzt kam aber Ostern um die Ecke und damit auch eine Einladung von unseren Freunden Berenike und Robert, uns ihr Grundstueck in der Wildnis anzusehen. Nach einer zweistuendigen Autofahrt wuerden wir unser Auto abstellen um nochmal 7 km mit dem Quad gen Nirgendwo zu duesen. Und auf dem Grundstueck erwartet uns ganz feudal ein wall tent (Zelt mit Holzrahmen auf Plattform mit Holzofen) und sogar ein outhouse (Ein gutes altes Klohaeusschen ueber ner Grube draussen).

Mal rauskommen. Mit Freunden. Einfach, aber bequem. Na klar!

Die kleine Arma wurde nicht lange gefragt, sie wurde schnell zu ihrer ersten Quadfahrt verholfen und hat sich auch kaum beschwert. Naja, bei der Aussicht…

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Von links: Berenike, ich, Arma (man kann die Oehrchen erkennen) und Robert auf dem Quad. Auf Eis, vor Eis und mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund.

Uns erwartete ein Stueck Land in Hanglage mit Seezugang und der richtigen Mischung aus Wildnis und Entwicklungspotenzial. Eigentlich ist es jetzt schon genau richtig – mit dem wall tent, das als Basislager fuer Entdeckungen des Umkreises dient. Ein sehr gemuetliches Basislager, welches aber zu wenig Annehmlichkeiten bietet, um es fuer Tage nicht mehr verlassen zu muessen, ohne dass die Wildnis den geneigten Bewohner vor die Tuer lockt.

Die Mitternachtssonne ist zum Glueck noch nicht unter uns, sodass wir bei einem stimmungsvollen Feuer sitzen und Geschichten austauschen konnten, bis das Innere des Zeltes doch zu verlockend wurde.

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Links das wall tent mit Ofenrohr am Hang. Rechts Robert (von hinten), Tyrel (mit Arma) und ich (in rot). Ja, tatsaechlich ein unzensiertes Bild vom guten Tyrel!

Dem Wochenende zum Opfer fielen eine Nudel-Elch-Pfanne, ein gigantischer Hefezopf mit Himbeer-Chili-Konfituere, etliche Schweinehund-Broetchen, die noch vor dem Backgang wie niedliche Haeschen aussahen, eine Ladung frischgebackenes Indianerbrot mit Cranberries, und zwei Trinkflaschen abgefuellten Weins.

Arma hatte mit ihren gerade mal 10 Wochen Lebenszeit keinerlei Probleme. Sie genoss das Toben mit ihrer Freundin Opie (die am zweiten Tag langsam die Schnauze voll hatte von scharfen Welpenzaehnchen) und blieb immer brav in unserer Naehe.

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Opie doest, Arma faengt wieder an zu staenkern.

Bis zu meinem 26. Lebensjahr waren mir Berge ziemlich egal. Ist doch auch wie Flachland, nur anstrengender, oder? Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, ohne Berge zu wohnen. Die Anstrengung beim Besteigen eines Huegels zusammen mit dem darauffolgenden Ausblick… Da fuehle ich mich einfach ruhig und froh.

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Wie schoen einfache Faltungen eine Landschaft doch machen koennen!

Zu Hause folgt die Weiterfuehrung des Gefuehls, das mich beim Ausblick auf Berge beschleicht: Ich moechte mehr Teil dieser Landschaft sein. Nicht zu bequem werden. Tyrel muss mal wieder herhalten fuer eine tiny house Diskussion.

Am Ende der Diskussion haben wir genuegend Punkte geloest, um ein grob ueberschlagenes Modell zu erstellen.

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Links ist der Eingang, dann folgt eine kleine Gaderobe, der Holzofen plus Holz, ein Tisch mit Stuehlen, das Sofa und eine Kueche. Neben dem Sofa fuehren Treppen in ein kleines Kriechloft zum Schlafen. Unter dem Loft ist ein wenig mehr Stauraum.

Ob das Modell schon aehnlich aussieht wie das Endprodukt? Ich weiss es nicht. Aber es fuehlt sich schon gut an, wenn ich auf den Vorfahren meines zukuenftigen Basislagers blicke. 🙂

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Trailer or Nothing!

Unter dem Motto standen die letzten Monate: Entweder wir finden nen passenden Anhaenger oder unsere Plaene werden verdammt schwierig umzusetzen.

Um herauszufinden, welche Mindestgroesse denn fuer uns noch passend waere, klebte ich schliesslich ein potenzielles Tiny House Modell zusammen fuer einen 20 Fuss langen trailer zusammen.

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Fertig zusamengeklebt ist die Holzstaenderbauweise des kleinen Hauses mit abnehmbarem Schraegdach.

Als alle Waende und das Dach vollendet sind, frage ich Tyrel, wie man hierzulande denn Richtfest feiert. Fragender Blick seinerseits, den ich als Herausforderung zu einer deutschen Kulturstunde deute. Mit Heissklebepistole, gerebeltem Thymian und einem Fetzen Klopapier mache ich mich an die Herstellung des Anschauungsmaterials und haenge es an einen Dachbalken.

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Eine Miniatur-Richtkrone sorgt fuer Stimmung im Modell.

Ich stelle das festlich geschmueckte Modell vor Tyrel und erklaere ihm, dass jetzt die traditionell gekleideten Zimmerleute ein Spruechlein aufsagen und Familie, Freunde und Nachbarn zu der Feier zusammenkommen. Doch eine Sache fehlt noch zur Abrundung: Es wird natuerlich auch getrunken bei einem Richtfest! Aufopfernd nehme ich ein Likoerchen aus dem Schrank und demonstriere.

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Zum Wohl! Manche Tradition muss erhalten werden.

Die zwei Schluecke bereute ich am naechsten Morgen. Mein Hals kratzte und letztendlich brach Fieber aus. Trotzdem hat uns das Modell weitergeholfen: Wir haben buchstaeblich „begreifen“ koennen, wie sich ein Wohnraum mit den Dimensionen anfuehlen wuerde. Dass wir keinen Platz fuer ein richtiges loft (Zwischenboden) haetten. Aber wir haetten ihn schon, wenn wir unter dem loft eine Sitzecke einrichten wuerden, in der man eh die meiste Zeit sitzt und nach ca. 7 Mal Kopf an der Decke anschlagen auch lernt, dass man dort nicht aufrecht stehen kann. Ein Kompostklo im Tiny House wuerde nicht gehen, dafuer wuerde der Platz fehlen. Aber ich plaediere sowieso fuer ein Outhouse draussen. Seit wir unser Wasser selbst holen und pumpen und die Haelfte davon im Klo runterspuelen, glaube ich nicht mehr an die Fortschrittlichkeit von Spueltoiletten.

Nach meinem Fiebern musste ich ein lang geplantes Projekt auf der Arbeit einfuehren. Nur um in der darauffolgenden Woche eine Dienstreise in den US of A anzutreten. Von meinem Hotelzimmer aus staunte ich ueber den 24 Stunden waehrenden Verkehr. Unterhaltsamer als Fernsehen war das alle Mal.

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Sonnenuntergang hinter einer Metropole. Lange her, seit ich eine neunspurige Kreuzung sah.

Wieder zu Hause erblickte ich anstelle eines Trailers eine andere Anzeige: Welpen genau der Hundeart, die Tyrel schon so lange sucht. Gleich in der Naehe, nur gut zwei Fahrtstunden entfernt. Ich musste tief durchatmen und ueberlegen, ob ich ihm die Anzeige zuschicke. Immerhin haben wir jetzt wirklich andere Prioritaeten. Und der Hundewunsch koennte von mir aus auch noch 4 bis 200 Jahre unerfuellt bleiben. Aber fair muss man bleiben und Informationen vorenthalten ist nicht die feine englische Art. Also bekam Tyrel den Link zu der Anzeige zugeschickt. Und er wurde zwei Tage spaeter schon Besitzer von Arma.

Ja, sie ist niedlich. Ja, sie macht viel Unsinn und treibt einen gern in den Wahnsinn.

Arma ist halb Schaeferhund und halb Greyhound-Mix. Ich freue mich schon darauf, mit ihr spaeter wandern und laufen zu gehen. Doch zur Zeit scheint ihr Leben nur daraus zu bestehen, alles beissen zu wollen, dann muede zu werden und einzuschlafen, nach dem Aufwachen ganz schnell aufs Klo zu muessen und dann wieder zu spielen und zu beissen. Die Hundehalter, mit denen ich bisher gesprochen habe, versichern mir, dass die Welpenzeit zu schnell vorbeigeht und sie schon (!) mit sechs Monaten etwas ruhiger wird.

Tyrel ist jedenfalls sehr gluecklich, was ich gern sehe. Und ich bin fleissig am trainieren mit ihr, um sie gut zu erziehen. Es ist schon erstaunlich, wie schnell so ein junger Hund lernt.

Aber zurueck zum Thema.

Alle Trailer, die wir besichtigt haben, waren entweder unglaublich verrostet und/ oder ueberteuert.

In Ermangelung eines Trailers haben wir angefangen, uns nach Alternativen umzusehen. Koennten wir eventuell doch ein winziges Haeuschen auf unserem vorhandenen Trailer bauen? Wieviel kostet es, eine Konstruktion mit einem Umzugsunternehmen zu bewegen? Und was fuer Restriktionen gelten da? Alle Recherchen fuehrten zu unbefriedigenden Szenarios.

„Aber wir koennten doch einfach noch ein weiteres Jahr in diesem Haus hier verbringen.“, merkt Tyrel an waehrend seine Hand von Armas Zaehnen erkundet wird. Ich atme tief durch und entgegne, dass wir eine Loesung finden werden. Mitte Mai ist das Bauholz vom oertlichen Haendler im Angebot. Bis dahin muss die Grobplanung stehen. Die Uhr tickt.

Diesen Mittwoch geht es dann doch ganz schnell. Ich sehe eine sehr vielversprechende Anzeige eines Trailers, zwei Stunden entfernt von uns. Am Abend fahren wir hin. Kaufen ihn. Und ziehen ihn nach Hause. Eine wirklich passende Anhaengerkupplung haben wir zwar noch nicht. Aber ich merke an, dass wir nicht umsonst im letzten Wilden Westen leben; solange es sicher ist, wird es schon okay sein. Diese Ansicht scheint sowohl Tyrel als auch den Verkaeufer zu ueberzeugen – wir ziehen nach Hause mit unserem neuen, schoenen trailer.

Wir sind so begeistert von dem trailer, dass wir kein permanentes Haus darauf bauen wollen. Das waere irgendwie schade um den trailer, den man ja fuer nichts anderes mehr gebrauchen koennte. Stattdessen wollen wir unser kleines Haus selbst damit umziehen koennen. Und in einer zweiten Tour auch noch unser restliches Geraffel; je nachdem wie schwer das Haus an sich sein wird.

Diesen Beitrag konnte ich mit nur ca. 16 Welpenbespassungspausen verfassen. Fuer neue Aktionen mit der Heissklebepistole warte ich dann doch lieber, bis Tyrel zu Hause ist. Sicher ist sicher.

Habt eine gute Woche!