Flusstrip 2018: Tag 6

Geweckt werde ich diese Nacht erst wie gewohnt von tanzenden Maeusen auf unserer Plane und spaeter nochmal durch Niederschlag auf die Plane ueber uns. Vielleicht war es doch keine allzu gute Idee, die Plane mit den Brandloechern ueber uns zu spannen, denke ich mich noch; gestern Abend war kein Woelkchen am Himmel. Es gelingt mir trotzdem, beide Augen nochmal zuzudruecken und zu schlummern, bis ich Joe in der Daemmerung herumwuseln hoere. Zum Glueck herrscht kein Niederschlag mehr, vereinzelt sind Graupel zu finden.

Normalerweise halte ich nachts das Feuer am Leben. Heute Nacht jedoch haben wir eine Schutzwand aus Holz auf unserer Seite errichtet, damit der Funkenflug nachts unsere teuren Daunenschlafsaecke nicht bedroht. Durch die Wand konnte ich das Feuer dann aber nicht mehr sehen und somit nicht instandhalten ohne aus dem warmen Schlafsack zu kriechen, was ich bald eingesehen habe.

Obwohl heute wohl keine zweistelligen Minusgrade herrschen, ist uns kalt. Ein frischer Wind weht und irgendwie fuehlt es sich klamm an, obwohl der Boden auf den ausgetretenen Pfaden im Lager staubt.

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Mit ein paar letzten Handgriffen wird unser Lager wieder zurueckverwandelt in eine Uferlichtung am Yukon River – nur mit einem Haufen zusaetzlichem Feuerholz.

Bald schon sitzen wir dick eingemummelt im Boot und fahren dahin. Einzelne Schneeflocken segeln auf uns herab und laden uns ein zu malerischen Winterlandschaften in nur wenigen Wochen. Noch sieht alles so nach Herbst aus, als ob der Winter noch weit weg waere und vielleicht dieses Jahr eher nass-trueb werden koennte.

Zum ersten Mal beschliessen wir, heute zum Mittag ein Feuer zu machen um uns aufzuwaermen. Joe zaubert etliche Beutel mit Tassensuppen hervor und bald schon waermen wir Finger an Schuesseln und fuellen Maegen mit suesslichen Pulver-Tomatensuppen. Ich gehe zum Boot, um zu sehen, wie sich unsere Galleonsfigur Pusheen macht bei diesem Wetter, doch ihr scheint es wirklich nichts auszumachen.

Am fruehen Nachmittag machen wir wieder Halt. Hier waere die letzte sinnvolle Moeglichkeit eines weiteren Lagers. Weiter flussabwaerts sind sie meisten Gebiete in Privatbesitz oder anderweitig geschuetzt, sodass dort nicht gejagt werden darf. Es ist noch frueh genug am Tag, dass wir unseren Endpunkt Carmacks heute erreichen koennten. Hier muessen wir uns entscheiden.

Ich freue mich einerseits auf eine Nacht ohne Maeseschuhplattler neben meinen Ohren, andererseits vermisse ich die Zivilisation nun wirklich noch nicht und wir haben noch Zeit, bis wir wieder arbeiten muessen. Allerdings sind die Chancen auf Jagdglueck durch eine weitere Nacht nicht unermesslich hoeher; wir schippern den gleichen Weg entlang, nur zu einer anderen Uhrzeit. Ausserdem haette das letzte Lager jetzt auch einen Beigeschmack nach Abschied. Die dicker werdende Wolkendecke scheint uns fast zur Abreise ueberreden zu wollen. Tyrel will nach Hause. Also fahren wir.

Schliesslich sehen wir die Bruecke von Carmacks. Wir sind vor ein paar Tagen an der ersten Bruecke gestartet und steigen nach einigen hundert Kilometern an der zweiten Bruecke wieder aus.

In der Zivilisation. Es scheint noch grob alles so zu funktionieren wie vor einer Woche. Komischerweise habe ich keinen speziellen Heisshunger und frage daher Tyrel, ob er auf etwas Spezielles Lust haette. Pizza! Es werden zwei Tiefkuehl-Pizzas gekauft, natuerlich aus Deutschland importiert wie fast alle Pizzas hier.

Joe wuerde eigentlich von James abgeholt werden, der erstmal fuer drei Stunden hierher fahren muesste. Natuerlich fahren wir ihn nach Hause, auch wenn wir dafuer gute zwei Stunden laenger unterwegs sein werden. Nach kurzer Fahrt kommen wir in ein Unwetter von Eisregen, was die naechsten hunderte Kilometer anhalten wird, bis wir Joe abliefern. Mittlerweile sind wir beide so gierig nach Pizza, dass wir auf dem Weg nach Hause online riesige Pizzas bestellen und dann in der Stadt abholen. Zu Hause angekommen koennen wir uns so motivieren, bei Eisregen schnell den ganzen Truck auszuraeumen und unsere Ausruestung ins Haus zu schaffen. Denn anschliessend goennen wir uns unsere Pizzaberge, bevor wir gegen 2 Uhr morgens ins Bett fallen.

Am naechsten Morgen sehen wir den ersten Gruss vom Winter. Er hat uns vermisst und ist froh, dass wir wieder da sind. Daher hat er angefangen, die Landschaft herauszuputzen.

Wir holen unser Auto vom Startpunkt ab und essen dort im Restaurant eine leckere Suppe mit frischem Brot. In der Stadt waschen wir drei grosse Saecke Waesche und kaufen ein.

Und am naechsten Tag veranstalten wir einen Waffelabend mit Joe und James und verspeisen Tuerme von Waffeln mit Bratapfelmarmelade, roter Gruetze, Eis, Schokosauce, Ahornsirup und Apfelmus und lachen dabei aus tiefstem Herzen.

Wie ein bisschen Reduktion so gluecklich machen kann.

23 Kommentare

    1. Dankeschön 🙂
      Ja, die meisten Pizzas kommen hier aus Deutschland, so auch die der billigen Eigenmarke. Und Dr. Oetker ist ganz vorn mit dabei! Die restlichen Pizzas kommen aus den USA, wobei das bei manchen sogar angepriesen wird. Man kauft gern lokal oder auch Nordamerika-weit.

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      1. Tolle Berichte, wirklich lohnenswert eine Reise dorthin. Haben wir auf jeden Fall noch auf der Bucketlist. Und ja, Dr. Oetker Pizzen haben wir hier in Atlantik Kanada auch. Ich muss gestehen, das sind immer noch die Besten. Erhol Dich gut, freu mich auf mehr.

        Gefällt 1 Person

      2. Dankeschön für das Lob und sagt Bescheid, falls es euch nach hier oben verschlägt. 🙂
        Du musst mal drauf achten, wo die Billigpizzas bei euch hergestellt werden, vielleicht kommen die auch aus Deutschland. Klein ist die Welt. 😉

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  1. Bei Pizza kann ich nicht mitreden. Die mag ich nämlich nicht. 😀
    Schade, dass es mit dem Elch wieder nicht geklappt hat. Aber ein paar Tage auf dem Fluss scheinen ja ideal zu sein zum abschalten und um den Blick wieder gerade zu rücken um die wirklich wichtigen Dinge sehen zu können. 🙂

    Passt gut auf Euch auf!

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    1. Hallo Gabi,
      Das hast du wirklich sehr schön zusammengefasst. 🙂
      Eines Tages wird es schon noch klappen mit dem Elch. Und heute sind wir bei Freunden eingeladen zur Elchlasagne. Man hilft sich gegenseitig aus. 😉
      Liebe Grüße,
      Luisa

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      1. Wenn du vorbei kommst, machen wir natuerlich auch n Lagerfeuer! 🙂 Siehst du auch regelmaessig auf dem Balkon nach, ob das Schaelchen Ahornsirup einen strammen Kanadier angelockt hat? 😀

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      2. 😀 Im Moment muss ich sogar öfter gucken, weil die Vögel den Sirup sonst wegnaschen 😉
        Aber ich gehe ehe davon aus, dass, sollte tatsächlich ein strammer Kanadier angelockt werden, dieser ohne Leiter nicht auf meinen Balkon klettern kann 😀 😀 😀

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  2. Moin, moin Luisa,
    es tut mir Leid, dass Ihr wieder kein Jagdglück hattet!
    Du hast wieder sehr schöne Bilder gemacht und einen tollen Bericht geschrieben. Danke.
    Wir kaufen lieber Pizza-Fertigteich und belegen den dann mit Zutaten und Käse nach unserer Wahl.
    Uns schmeckt das sehr viel besser als alle Fertig-Pizzas und der Aufwand ist nur geringfügig höher.
    Liebe Grüße aus Schleswig-Holstein
    Jens

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    1. Hallo Jens,
      Das hab ich in Deutschland auch gerne gemacht mit dem Fertigteig, aber hier gibt es den tatsächlich nicht. Man kann fertig gebackenen Teig kaufen und Backmischungen aber nichts dazwischen.
      Irgendwann werden wir schon noch Glück haben mit dem Elch und bis dahin finde ich es sogar gut, dass die Tiere ne echte Chance haben zu entkommen.
      Liebe Grüße,
      Luisa

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    1. Hallo Gunnili, vielen lieben Dank fuer die Glueckwuensche! Dass du immer noch an mich denkst… ❤ Leider sind alle Geburtstage von meinem lieben Ex-Kollegen im alten Outlook-Kalendar geblieben… Ooopsie. Also alles Gute nachtraeglich! 🙂 Naja, wir lesen uns hoffentlich spaetestens, wenn ich wieder einen Ratschlag bezueglich Tier-Verwert-Rezepten benoetige. Liebste Gruesse und ich hoffe es geht dir prima.
      Luisi

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