Flusstrip 2018: Tag 4

Heute morgen zeigt das Thermometer nur -8 Grad an. Durch eine frische Brise fuehlt es sich jedoch um einiges kaelter an. Ich misstraue dem Messergebnis und stelle das Thermometer auf einen etwas abgelegenen Baumstumpf, auf den die Waerme des Feuers mit Sicherheit nicht strahlt. Das hat wohl auch geklappt. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, da ich das Thermometer nicht wiedergefunden habe. Es wird jetzt wohl den ganzen Winter fleissig messen und Ende Juni 2019 die ersten Touristen verwundern.

Dann wieder packen, fruehstuecken, los. Nicht nur ein Thermometer lassen wir zurueck, sondern auch wieder Berge an Feuerholz. Man weiss nie, wer als naechstes an diesen Platz kommen wird; ob er oder sie vielleicht durchnaesst oder kalt ist. Fest steht, dass die wenigsten Flussbesucher eine Kettensaege im Gepaeck haben.

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Mit dem Holzhaufen, den wir zuruecklassen, koennen mehrere Lagerfeuer entzuendet werden.

Auf dem Fluss gilt es nach Tieren Ausschau zu halten. Sich anhand der Karte zu orientieren und Notizen zu machen. Die Umgebung einzusaugen und versuchen so viel wie moeglich zu speichern von der Gelassenheit. Was hier passiert, passiert einfach. Und dann wird besonnen darauf reagiert. Ich merke, wie meine Bewegungen gleichfoermiger geworden sind. Die Schritte sind langsamer, aber sicherer.

Es gibt hier keine Termine, keine Hast. Denn durch Eile geschehen Fehler, die man sich hier nicht leisten kann.

Wir haben schon drei noch warme Feuerstellen in Ufernaehe schwelen gesehen. Weitere Jaeger muessen uns ein bisschen voraus sein. Ansonsten seit zwei Tagen keinen anderen Menschen gesehen. Wenn ein Krieg, eine Wirtschaftskrise oder die Pest ausgebrochen ist, wir wissen es nicht. Fuer uns zaehlen andere Dinge. Wie frisch sind die Schwarzbaerenspuren am Ufer? Sind die Wolken am Horizont so leicht wie sie aussehen oder bringen sie Schnee? Sind die Wellen vor uns aufgebracht durch grosse Felsen im Flussbett oder ist das Wasser dort einfach seichter?

Waehrend ich nach Bewegungen Ausschau halte, verfalle ich in suesse Tagtraeume. Ich betrachte mein Leben moeglichst neutral und frage mich, was ich noch verbessern kann. Eine Sache faellt mir ein, ich sollte mich mehr dehnen. Erste Erfolge konnte ich bereits erzielen durch regelmaessige Dehnuebungen, doch dann fing ich mit dem Laufen an und alles wurde wieder unbeweglicher. Voll egal, dann fang ich einfach nochmal von vorne an.

Am Ende des Tages erreichen wir Hootalinqua, wo die Fluesse Yukon und Teslin ineinanderfliessen. Das transparente Wasser des Teslin weicht dem tuerkis-flaschengruen des Yukon und ich fuehle mich durch diese besondere Farbe schon sehr heimisch. Zur Goldrauschzeit vor einem guten Jahrhundert war hier ein wichtiger Handelsstuetzpunkt und eine Polizeistation. Goldgraeber kamen von weit her, um ihre Claims zu registrieren und Trapper tauschten Felle gegen Gebrauchsgegenstaende. Da in heutiger Zeit die Stelle sehr beliebt zum Lagern ist, gibt es so gut wie kein Feuerholz mehr in der Umgebung. Wir haben bei der letzten Flussbiegung Halt gemacht und uns genuegend Holz fuer die Nacht und den Morgen mitgebracht.

Zum Abendessen gibt uns Joe jedem ein Grizzly Chilli Wuerstchen ab. Zum Nachtisch gibt es noch eine Scheibe Christstollen. Das Leben ist gut. 🙂

16 Kommentare

    1. Ja, es ist genau die richtige Mischung fuer mich. 🙂 Ein Baerchen koennte tatsaechlich so gut wie ueberall auftauchen. Die wollen nur in 99% der Faelle nichts mit einem zu tun haben und nehmen reissaus bevor man sie ueberhaupt erblicken kann. Aber die Spuren sieht man fast an jedem Ufer, von Grizzly und Schwarzbaer.

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      1. Eigentlich komisch, dass Bären in uns solche Ängste auslösen können. Es ist doch so viel wahrscheinlicher, dass man beim Autounfall ums Leben kommt (vor allem in Deutschland) und trotzdem hat man keine Angst davor, ins Auto zu steigen.
        Wenn man das im Verhältnis sieht, ist es schon ein wenig verzerrt. Ich glaube ich hätte eher Angst vor Großkatzen, die machen tatsächlich nur Beute. Bären sind zufrieden mit Beeren und Fischen. Wenn man nicht gerade in der Unglückslotterie gewonnen hat, hat man wenig zu befürchten. 🐻💗

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      2. vielleicht liegt es daran, dass Bären ungewohnt für mich sind. Genau wie Haie. Bei Raubkatzen hätte ich eher Bedenken, dass ich keine Angst vor ihnen hab, da sie mich an Hauskatzen erinnern, mit denen ich gut kann. Schätze, das Unbekannte macht mir eher Angst. Obwohl Du, pragmatisch gesehen, sicher Recht hast mit Beere nsammmlerm und Beutejägern. 🦁🐻

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      3. Von wegen -.- ich hab immer höllische Angst, wenn ich ins Auto steige. Hier allerdings null Angst vor Bären. Wobei das bei dir im Yukon dann wieder anders wäre. Da hätte ich dann sowohl vor dem Auto als auch einem Bären angst 😉 Zumindest dann, wenn der Bär nicht direkt abzockelt, wenn er mich sieht.

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      4. Oha, eine Realistin! :0
        Vor c.a. zwei Wochen bin ich fast mit einem Elch kollidiert. Da hätten die Lichter auch schnell aus sein können. Aber es haben ein paar Zentimeter gefehlt, also bin ich zur Arbeit und hab mich den ganzen Tag gefreut, dass ich lebe und sogar das Auto heil ist. ^^
        Allzeit gute Fahrt der Familie Tallenheimer (das war doch dein Nachname, oder? ;))

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      5. Endlich! Jemand der erkennt das ich Realist und nicht pessimistisch bin! 😂😂😂 ein Glück ist dir, dem Auto und dem Elch nix passiert. Und klar. Jeder sollte so heißen!

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  1. Hach, wie mein Herz nach der Stille und Weite lechzt. Vor Bären hätte ich nur Respekt, keine Angst. Die Sitte, dem Nachkommenden Feuerholz da zu lassen, finde ich sehr nett und hilfreich. In D müsstest Du wahrscheinlich Geld in irgendeine sinnlose Box werfen, damit Dir dann gnädigerweise 3 Scheite für den Eigenbedarf freigegeben werden.

    Wie ist es eigentlich mit den Flusstrips im Sommer? Sind die dann mehr „überlaufen“ oder hält es sich in Grenzen mit der menschlichen Spezies?

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    1. Keine Sorge Joe, es ist nur noch eine Frage der Zeit bis der Wahnsinn in Abenteuer umschlägt. 🙂
      Im Sommer muss man sich nicht allzu allein fühlen auf dem Teslin und Yukon River, auch Deutsch wird gern gesprochen. Aber von überlaufen kann man nicht sprechen, es ist genügend Wildnis vorhanden, sodass man sich über andere Gesichter durchaus freuen kann.

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  2. Boah, auf sowas hätte ich auch mal total Bock! Mit nem Boot, schön auf einen Fluss langschippern und diese wahninnig schöne Natur bestaunen! Ich glaub mein übernächster Urlaub sollte mal in die kältere Wildnis gehen 😀 Der nächste Urlaub ist eher wieder Asien-Style haha! Tolle Bilder wieder!

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