Einschub – Privates

Eigentlich bin ich ja noch dabei, von meinem Flusstrip in der Wildnis zu berichten. Seit meiner Wiederkehr in die Zivilisation ist aber einiges passiert, sodass ich einen Einschub schreiben moechte.

Als ich wieder zur Arbeit erschien, fragte ich natuerlich ob es Neuigkeiten von meinem Chef (Marc) gibt. Ja, die gaebe es, aber die solle er selbst verbreiten. Den naechsten Tag wuerde er in die Firma kommen.

Der naechste Tag kam und mit ihm Marc. Mit Rollator und Hilfe. Man setzt sich zusammen. Die Behandlungen sind abgebrochen, er wird jetzt palliativ behandelt. Keiner kann sagen, wie die Krankheit voranschreiten wird, da sie so extrem selten ist und erst wenige Male ueberhaupt dokumentiert wurde.

Jedenfalls reiche seine Kraft nicht aus, sich ausreichend um seine Arbeit zu kuemmern. An manchen Tagen kann er das Bett nicht verlassen vor Schmerzen. An anderen Tagen hat er etwas mehr Energie. Aber die will er dafuer nutzen, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Daher wird er morgen aus dem Unternehmen ausscheiden.

Wie es jetzt mit unserer Abteilung weiterginge, frage ich. Der Direktor kam mittlerweile dazu. Das stehe nicht fest. Und wir sollten uns ungestoert unterhalten.

Zum ungestoerten unterhalten gingen wir in unseren altern Buerocontainer. Ob ich mir vorstellen koenne, die Ingenieursabteilung zu leiten, fragt Marc. Das komme drauf an zu welchen Bedingungen, antworte ich. Ich wuerde verlaessliche Hilfe benoetigen bei einigen Themengebieten, einiges muesse fremd vergeben werden. Und ich haette keine Lust, mein Privatleben hintenanzustellen und keine Freizeit mehr zu haben.

Und ausserdem, und jetzt muss auch ich schluchzen, ist es doch total doof, dass ich davon profitiere, dass er krank ist!

Ich solle es auch einer anderen Perspektive sehen: Wenn ich es mache, helfe ich dem Unternehmen und allen Beteiligten. Als Marc vor ein paar Jahren gekuendigt hatte, war seine Stelle 1,5 Jahre lang weltweit ausgeschrieben und nicht eine Bewerbung ist eingegangen. Ich bin vielleicht nicht sehr lange angelernt worden, lerne aber blitzschnell und bin auch faehig, mir Sachen selbst beizubringen aus dem Kontext. Ausserdem stehe Marc mir weiterhin bei Fragen zur Verfuegung. Nicht weil er muesse, sondern weil er gerne moechte. Seine Arbeit haette ihm immer grossen Spass gemacht und ausserdem ist es gut fuer ihn, sich nicht nur mit der Krankheit zu beschaeftigen.

Na gut… dann bin ich wohl Chef. Wie verrueckt das Leben manchmal spielt.

Marc bewundere ich dafuer, wie stark er ist. Mit seiner Partnerin und vier kleinen Kindern als Alleinversorger auszufallen, ist ein starkes Stueck. Und seine Partnerin kann jetzt noch nicht mal arbeiten gehen, da er die Kinder allein nicht betreuen kann, geschweige denn Essen zuzubereiten oder den Haushalt zu machen.

Aus meinem Gefuehl des Mitleides und der Hilflosigkeit versuche ich etwas Positives zu schaffen. In Canada ist man zwar stolz auf die soziale Absicherung und medizinische Versorgung aber in Wirklichkeit ist das Gebotene eher ein Bruchteil von dem, was ich aus Deutschland kenne. In Wirklichkeit kann Marcs Familie vielleicht ihr Haus nicht halten. Fuer mich steht fest, dass ich Geld sammeln moechte. Und ich finde, die Firma sollte sich daran beteiligen nach allem, was Marc fuer sie getan hat.

Nach einigen Gespraechen, Emails an leitende Personen und produktiven Besprechungen habe ich das tatsaechlich geschafft, die Firma wird $2500 spenden, wenn $2500 an Privatspenden zusammenkommen. Hier ist der Link zur Spendenseite und somit ein wirklicher Einblick in mein Privatleben:

https://www.gofundme.com/marc-bergeron

Ausserdem besuche ich Marc alle zwei bis drei Wochen wenn die Kinder in der Schule sind. Wir haben beschlossen, eine Kuchentherapie zu machen. Ich bringe Kuchen zum Besuch und entweder die Krankheit wird davon geheilt und wir gewinnen einen Medizin-Nobelpreis oder aber es bringt nichts und wir haben wenigstens gute Kuchen zusammen gegessen. 🙂 Den restlichen Kuchen lasse ich natuerlich da, so koenne die Kinder ihn vernichten wenn sie auch der Schule kommen.

Mein neuer Job macht mir Spass. Ich kann gut mit Verantwortung umgehen. Zunaechst habe ich viel Aufraeum- und Umstrukturierungsaufgaben vor mir fuer die naechsten Monate. Und wenn ich damit fertig bin, werden neue Projekte in Angriff genommen. So gut wie taeglich flattert sowieso etwas Dringliches auf den Tisch, so wird es nicht langweilig.

Zu Halloween wurde zum kanadischen Buffet (potluck) aufgerufen. Jeder bringt was mit, keiner spricht sich ab. Und bitte im Kostuem! Mir ist nur ein Kostuem eingefallen, das angebracht war, so hab ich es selbst geschneidert und bemalt am Abend vorher.

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Ich arbeite an meinem Schreibtisch im Flugzeugkostuem.

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Meine Arme sind die Fluegel, an denen sogar kleine Triebwerke baumeln.

Das Leben ist vielleicht nicht gerade gerecht, aber es ist doch schoen!

Diese Lektion kann man von Menschen wie Marc lernen, wenn man es an sich heran laesst.

25 Kommentare

  1. Hallo Luisa,
    Es rührt mich zu Tränen. Kein großer Kommentar an dieser Stelle, bitte richte Marc unbekannter Weise unsere besten Wünsche aus und dass wir unsere Gebete und guten Gedanken schicken. Selbstverständlich beteiligen wir uns.
    Alles Liebe, Joe

    Gefällt 4 Personen

      1. Über die Spendenaktion freuen sich Marc und Isabelle sehr. So können sie weiter frische Bio Lebensmittel kaufen, was ihnen sehr wichtig ist für ihre Kinder. Marc hatte leider ziemlich miese Tage hinter sich und es ging ihm wirklich nicht gut.
        Aber wir hatten tiefgründige Gespräche, leckeren Kuchen und heute ging es ihm tatsächlich besser. 🙂

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  2. Liebe Luisa, mir fallen auch nicht viele passende und angemessene Worte ein.
    Ich musste trotz der Trauer ein wenig lächeln, als Du von der Kuchentherapie schriebst. Das ist eine tolle Idee und Dein Kuchen wird zumindestens einen Fetzen Freude und Genuss bringen – denn bei allem Leid – es ist ja gerade wichtig und richtig, mit Marc ein wenig normale Freudezeit zu verbringen. Unbekannterweise meine besten Wünsche für ihn, vor allem aber für seine Frau und die Kinder!

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo liebe Agnes,
      Danke für deinen schönen Kommentar. 🙂 Ich denke auch, so schrecklich die Situation ist, niemanden ist geholfen, wenn man im stillen Kämmerchen trauert. Die Wünsche werde ich Montag gerne ausrichten.
      Ganz liebe Grüße,
      Luisa

      Gefällt 2 Personen

    1. Dankeschön Lea! 😊
      Mir ist es auch erst schwer gefallen, mich zu freuen. Aber am Ende ist es ja tatsächlich, wie Marc gesagt hat: Ich helfe allen damit, wenn ich es mache.
      Und falls die Kuchentherapie anschlägt, stelle ich ihn natürlich wieder ein, ist doch klar. 😀
      Liebe Grüße,
      Luisa

      Gefällt 4 Personen

  3. Liebe Luisa,
    ich wünsche Marc das Wunder, das er braucht um wieder gesund zu werden!
    Dir gratuliere ich zu Deinem neuen Job, auch wenn der Anlass für das Freiwerden des Jobs ein sehr trauriger ist.
    Deine Kuchentherapie ist eine wundervolle Idee!!!
    Ebenso die Spendenaktion, die ich gerne mit einem kleinen Beitrag unterstützt habe.
    Liebe Grüße
    Jens

    Gefällt 2 Personen

  4. Die Situation habt ihr zum Glück gut gemeistert. Hut ab!

    Warum ich hier antworte ist, weil – zum einen finde ich das Kostüm klasse – und zum anderen – potluck …
    schreib doch mal darüber etwas … vielleicht auch mit einem Foto eines solchen Buffets 😉

    Gefällt 1 Person

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