Ein Jahr Kanadahr!

Wie der Titel frecherweise schon verrät: Ein Jahr ist um, seitdem ich mit einem Koffer in ein Flugzeug stieg und auf in ein neues Leben flog. Zeit für ein Zwischenresümee? 

Rückblickend muss ich sagen, dass die ersten Monate nicht immer ganz einfach waren. Man kommt als Erwachsener in eine​ Situation, in der man wieder ein bisschen Kleinkind ist. Man versteht nicht so Recht, wie dieses System um einen herum funktioniert. Kombiniert mit der Tatsache, dass ich in Deutschland ganz genau wusste, wie der Hase läuft, fühlt man sich ein bisschen hilflos.

Dann fällt auch noch das Einkommen weg, die Bestätigung durch den Job und die guten Freunde. Also steht man da und… Steht einfach da. Man weiß ja gar nicht so recht, was man sonst machen soll.

Zum Glück hatte ich drei Sachen, die mir geholfen haben:

A)tens habe ich einen lieben Partner an meiner Seite, der mich mit reichlich Abenteuern in Stimmung gebracht hat und mit dem ich seit einem Jahr auf 10 qm Wohnfläche bestens zurechtkomme.

B)tens habe ich mit meinen Freunden ja auch weiterhin Kontakt. Das ist immer wieder schön, sich auszutauschen und​ zu hören, wie sich alles entwickelt.

C)tens sah ich kurz vor Abreise noch eine Dokumentation über Auswandern, in der auch eine Expertin befragt wurde, die Auswanderern hilft, sich im neuen Land zurecht zu finden. Als sie nach Tipps für Auswanderer befragt wurde, sagte sie, sie habe eigentlich nur zwei Tipps. Lernt die Sprache so gut es nur irgendwie geht und bleibt mindestens ein halbes Jahr da, besser noch ein Jahr. Egal, wie schrecklich alles ist.

Und obwohl bei mir ja gar nicht alles schrecklich war… Nach einem halben Jahr waren die anfänglichen Startschwierigkeiten plötzlich weg! Irre!

Das passt komischerweise genau mit einem Tipp eines ehemaligen Arbeitskollegen zusammen, den ich nach den ersten Wochen in der neuen Abteilung nach dem Studium fragte, wann denn nicht mehr jeden Tag alles neu auf einen einprasseln würde. Er sagte mir, ich solle einfach sechs Monate jeden Tag morgens zur Arbeit gehen und auf einmal fühlt es sich so an, als hätte ich tatsächlich Ahnung von den meisten Sachen. Genauso war es auch damals! Diese sechs Monate scheinen irgendeine magische Eingewöhnungsdauer zu sein, die entweder noch in keinen Studien entdeckt worden oder die noch nicht an mein Ohr gedrungen sind.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich hier in Kanada bedeutend glücklicher bin als in Deutschland. Woran das liegt, weiß ich nicht genau. Aber ist mir auch ziemlich egal; ich lächel lieber dümmlich, als mir weise die Stirn in Falten zu legen. 🙂

Vielleicht liegt mir die Kultur einfach persönlich etwas mehr. Dieses „Muss ja…“ aus Deutschland kenne ich hier nicht. Wenn jemand hier nicht zufrieden ist mit seinen Lebensumständen, seinem Job oder was auch immer, dann ändert er das. Hier habe ich dieses Meckern auf hohem Niveau einfach noch nicht erlebt. Das Arbeiten müssen um der Familie den Lebensstandard zu sichern, aber sich gleichzeitig weit weg zu sehnen, das ist hier gesellschaftlich nicht so sehr anerkannt. Dafür gibt es auch wenig Stigma, wenn jemand eher ungewöhnlich lebt. Wenn ich hier jemandem erzähle, dass ich als Maschinenbauingenieur meinen sicheren Job aufgegeben habe, damit ich in einem kleinen Trailer zusammen mit meinem Mann lebe und auf einer Biofarm arbeite… Ok, cool! 🙂

Ich kann total dreckig in ein Restaurant, zur Bank oder sonstwohin gehen und werde freundlich bedient, ohne mich komisch fühlen zu müssen. Das gefällt mir sehr gut.

Wenn ich mehr als ein Jahr zurückblicke, auf meinen Entscheidungsprozess nach Kanada zu gehen: Wäre ich nochmals in der Situation, würde mir die Entscheidung noch leichter​ gefallen, zu gehen.

Ich habe in einem Jahr hier schon so viele Abenteuer und Erfahrungen gesammelt, wie in vielen, vielen Jahren in meinem alten Leben zusammen. Was in einem weiteren Jahr in Deutschland passiert wäre, kann ich natürlich nicht genau wissen. Aber sobald der Job sicher, die Weiterbildungen beendet und die Wohnung edel genug eingerichtet ist… Okay, vielleicht noch ne Beförderung, ein Hausbau, eine Familie gründen. Aber das alles hätte nicht die Sehnsucht und das Fernweh in mir stillen können. Es hätte sich für mich eher nach Ablenkung angefühlt. 

In einem Jahr hier habe ich gelernt zu backen, zu kochen und einzumachen, die sichere Handhabung von Feuerwaffen, zu schießen, zu jagen und zu verwerten, Bio-Gemüse anzubauen und Tiere zu mästen, Feuerholz zu sägen und spalten, schnell ein warmes Feuer im Ofen zu entfachen, im Winter nicht zu (er)frieren und vor allem, wie wenig mir materielle Dinge wichtig sind.

Ich persönlich glaube ja, dass alle Antworten auf die großen Fragen in unserem Leben schon in uns drin sind. Wir müssen nur lernen, genau zuzuhören. Meine Antwort sind die Berge und Wälder, die harten Winter und großen Wildtiere. Ich freue mich für jeden, der seine Antwort in sich selbst gefunden hat, wie immer sie auch lauten mag. Egal, ob das ein schickes Eigenheim mit Whirlpool beinhaltet, weniger Stress zu haben oder sich nur noch von Blumen zu ernähren. 🙂
… Hast du deine Antwort schon gefunden? Ich bin neugierig!

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16 Kommentare

  1. Ich habe schon seit Tagen überlegt, wo ich dir eine Nachricht zum 1jährigen hinterlasse. Zum Glück hast du mich mit deinem Beitrag daran erinnert, dass du einen Blog hast 😛

    Jetzt fehlen mir ein wenig die Worte. Vielleicht weil ich an dich denke und vor Freude weine 🙂 Weil es so cool ist, wie glücklich du da drüben bist und wie du auf den vielen Fotos strahlst. Vielleicht aber auch, weil wir in diesem einen Jahr nach meinem e-Mail-Ordner gut 370 Mails geschrieben haben. Und das sind nicht alle, einige hab ich bestimmt gelöscht 🙂 Also ist quasi alles gesagt und irgendwie auch nichts. Wir haben immer wieder spannende und mega lustige Themen entdeckt.
    Ich danke dir für deine Freundschaft, liebe Lulu.
    You are crazy cool, rock on!
    Love you ❤

    GOODBYES ARE ONLY FOR THOSE WHO LOVE WITH THEIR EYES.
    BECAUSE FOR THOSE WHO LOVE WITH THEIR HEART AND SOUL, THERE IS NO SEPARATION.
    ~Rumi ~

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    1. Hey Lurchi!!!
      Oooh, wie lieb du bist!!! ❤ Vielen Dank für deinen süßen Kommentar zur einjährigen Brieffreundschaft. 😀

      Ja, ein Jahr ist schon rum aber entfernt haben wir uns nicht voneinander. Das ist mehr als total super toll!!

      Love loving you my dear friend. 🙂
      Wirbel hug!

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  2. Liebe Lu,
    unglaublich, dass es schon ein ganzes Jahr her ist! Nun sind wir ja glücklicherweise die Fernbeziehung gewöhnt. 😉 Ich muss sagen, dass es mich regelmäßig zu einem dummen Schmunzeln verleitet, zu wissen, dass du dort den Spaß deines Lebens hast und sich offensichtlich alles im Leben irgendwie fügt, wenn man nur mit offenem Herzen und Augen neues wagt. Und ich bin Tyrel sehr dankbar, dass er dir so gut tut. Ich versuche derweil in Deutschland mehr Raum zu für mich und Jörn zu schaffen, miste Gedöns aus (deine obergeile Beerdigungspostkarte behalte ich natürlich), damit der ganze Kram uns nicht mehr einengt, und betreibe ein bisschen mehr Selbstpflege, wie du ja weißt. Neben dir hat mich außerdem noch mein 90-järhiger Lieblingsprofessor dazu inspiriert, mein Weltbild noch etwas anzupassen und mit weniger Vorurteilen auf Menschen zuzugehen. Und ich merke, dass ich meine Dankbarkeit wiedergefunden habe. So werde ich mit jedem Tag, den ich älter werde, glücklicher und habe vielleicht noch nicht alle Antworten gefunden, aber es ist ja noch Zeit.
    Ich habe letztens im tiefgründigen U-Bahn-TV einen Spruch des Tages gelesen, der mich seitdem begleitet: „Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur“ (Max Frisch). Offensichtlich war im Harz noch nicht genug Platz für deine Entfaltung, aber in Kanada kannst du nun endlich deine Flügel ausstrecken. Also alles Gute zu deiner einjährigen Unabhängigkeit im 150. Jahr der kanadischen Unabhängigkeit, wie man mir zutrug. Wird das im Yukon gefeiert?

    Alles Liebe von der Deinah

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    1. Liebste Deinah!
      Vielen Dank für diesen wundertollen Beitrag, der mich direkt zur Dankbarin werden lässt! ;D
      Vor ein paar Jahren versuchte ich einmal, ein Buch von Max Frisch zu lesen… ich gab dann irgendwann auf, weil es mir zu anstrengend war. Aber das Zitat ist grandios!
      Und wenn ich dich dann und wann zu einem dümmelichen Grinsen verleiten kann, war es die Sache doch schon wert! 🙂
      Karnardar wird heute 150, du bist total informiert. Ich bin auf dem Weg zur Dusche und dann in die Stadt, zum Gratulieren. Und hoffentlich finde ich die Torte irgendwo 😉
      Als denn, ein herzliches „Jo.“
      Deine Florettfahrende Tierfreundin

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  3. Was soll ich sagen?
    Ich beneide Dich mit glühendem Herzen. Und ebenso aus tiefstem Herzen wünsche ich Dir noch ganz, ganz viele glückliche Jahre in Deiner Wahlheimat!
    Du hast eindeutig das richtige getan. Denn die Sehnsucht, die vergeht wirklich nicht.

    Ein lieber Gruß
    Gabi

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    1. Hallo Gabi,

      Danke für deinen Kommentar! 🙂
      Ich drücke ganz fest die Daumen, dass der Trick mit dem Schälchen Ahornsirup auf dem Balkon klappt 😉
      Und falls nicht, du richtest es dir schon nett ein, egal wo auf der Welt!

      Liebe Grüße,
      Luisa

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  4. Wenn Du schreibst, was Du gelernt hast: Genau das braucht ein Mensch einfach nur. Der ganze Schickimicki unserer Welt hier in Deutschland, 30 Paar Schuhe oder auch dicke Autos und Thermomixe und teure Schönheitscremes—-all das braucht der Mensch nicht. Sei weiterhin glücklich, wünsche ich Dir! Ich denke so oft an Dich, Küßchen von Muddi!

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    1. Hallo Muddi,

      Ich gebe dir total recht! Erst nach dem Verzicht habe ich gemerkt, wie viel ich eigentlich habe und was mit ausreicht zum Leben.
      Auch wenn ich Türell dann und wann gerne damit ärgere, dass ich mir sehnlichst einen Magheritaville wünsche, das ist ein sinnloser Mixer, mit dem man Magherita Cocktails mixen kann.
      … Ich sollte damit aufhören, sonst kauft er das Ding noch mal, nur um mich zu ärgern xD
      Knutsch und Knuddel von Lupina

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  5. Hey Lulu,
    krass, wie schnell die Zeit vergeht. Es kommt mir vor, als wären wir erst gestern unseren letzten gemeinsamen Burger essen gewesen. 🙂 Aber die Zeit vergeht ja bekanntlich nur schnell wenn man glücklich und zufrieden ist. Und das bist du! Ich freue mich für dich, dass du gefunden hast, wonach du dich hier gesehnt hast. Ich bin eher so die typisch Deutsche, die jetzt ein Häuschen im schönen Berel hat, nächstes Jahr eine (hoffentlich) Traumhochzeit feiert und dann irgendwann eine Familie gründet. Aber das ist was mich glücklich macht. Mein Fernweh ist manchmal auch vorhanden, kann aber durch Urlaube gestillt werden. Ich freue mich schon auf unsere Flitterwochen nächstes Jahr irgendwo in den Süden.
    Also alles Gute zum Einjährigen! 😉

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    1. Hey Inks!
      Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung!!! 🙂 Das hört sich toll an! Das mit dem Häuschen war ja letztes Jahr beim Burger schon Thema. Und wenn bei dir die Zeit auch so schnell verging, bist du ja mindestens so glücklich wie ich! 😉
      Schön, dass du genau weißt, welcher Lebensentwurf dir zusagt und du das auch genauso umsetzen kannst. Wenn es jeder so machen würde wie ich, wäre hier erstens bald kein Platz mehr und zweitens würde die Wirtschaft kollabieren. Und das muss ja nicht sein.
      Fühl dich gedrückt, ich freu mich immer von dir zu hören! 🙂
      Liebe Grüße,
      Luls

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  6. Ich hab schon gehört, dass Kanada dir zu Ehren sogar ein Fest ausgerufen hatte und jetzt jedes Jahr an deinem Einreisetag abhalten wird.
    Das sie allerdings einen landesweiten Nationalfeiertag drauß gemacht haben finde ich etwas übertrieben, aber warum nicht sag ich da mal 🙂
    Du scheinst ja echt angekommen zu sein! 🙂

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    1. Hrhr, genau so ist es! ^^
      Ganz standesgemäß mit Parade und Festivitäten wurde mein Jubiläum von der ganzen Stadt gefeiert. 🙂 Ich hoffe, ich komme bald dazu, auch einen Beitrag dazu zu schreiben.

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