Die Jagd auf das Bison-Phantom

Der erste Tag von Tyrels Urlaub war gleichzeitig mein 29ter Geburtstag (was fuer ein Zufall, oder?). Einen Tag vorher habe ich im Supermarkt eine kleine Fertig-Sahnetorte von den leckeren Suessigkeiten Reese gesichtet. Wahrscheinlich muss ich nicht erwaehnen, dass sie schliesslich im Einkaufswagen gelandet ist.

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Reese’s Schoko-Sahnetorte, wartet noch sicher in ihrer Plastikhaube auf bessere Zeiten.

Am Vorabend meines Geburtstages lag diese Torte dann verfuehrerisch auf der Kuechenzeile herum. Wahrscheinlich bemerkte Tyrel den intensiven Augenkontakt, den sie mit mir suchte. Jedenfalls redete er mir gut zu, dass ja schliesslich durch die neun Stunden Zeitverschiebung in Deutschland schon mein Geburtstag sei. Erleichtert schnitt ich die Torte an und wir erlegten die Haelfte. Der zweite Teil wurde dann folgerichtig als kanadisches Geburtstagsfruehstueck verzehrt.

Dann ging es ab auf den Schiessstand. Mein Geburtstagsgewehr wollte schliesslich noch richtig ausgerichtet werden. Ein Zielfernrohr war eigentlich schon fertig eingestellt bei der gekauften Waffe dabei. Doch kann auch ich aus der Vergangenheit lernen. Und meine Vergangenheit fuehrte mich in die Zeit der technischen Fruehbesprechungen des letzten Produktionstages. Wenn im Arbeitsbericht vermerkt war, dass irgendein Teil dem Ruf der Schwerkraft gefolgt und einfach so abgefallen ist, kam mit 98%iger Sicherheit die Frage

„Wie waren die Schrauben gesichert?!“

Die Antwort, dass sie mit dem vorgeschriebenen Moment angezogen wurden, wurde nicht akzeptiert.

Da ich mir selbst gegenueber nicht Rede und Antwort stehen wollte, wie meine Schrauben gesichert wurden, falls mein Zielfernrohr auf eimal lose ist oder sogar abfaellt: Eine Schraubensicherung musste her!

Also wurden alle Schrauben herausgedreht und anschliessend mit Loctite, einem Klebstoff zur Schraubensicherung, versehen.

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Piff, Paff, Puff! Ich, eingemummelt, ziele mit meinem Gewehr am Schiessstand auf Zielscheiben.

Daraus resultierte dann aber, dass es wieder notwendig war, das Zielfernrohr auszurichten. Nach 20 Schuessen tat die Schulter ganz schoen weh aber das Ziel wurde getroffen. Tyrel legte noch zweimal nach mit der Premium-Bison-Munition und fertig war die Uebeungsstunde.

Den Rest des Tages verbrachten wir mit einem schoenen Spaziergang, dem Packen unserer Sachen fuer die Jagd, sowie dem Schlemmen von Tyrels Bannock, einer Art Indianerbrot.

Am naechsten Morgen klingelte der Wecker dann um 6 Uhr, damit wir puenktlich zu Sonnenaufgang an unserem Zielort, irgendwo zwischen Whitehorse und Carmacks, ankommen.

Jeder von uns zog einen geliehenen Schlitten, der mit Ausruestungsgegenstaenden gepackt war und hoffentlich etwas spaeter noch mit Bisonfleisch. Am Anfang war ich angenehm ueberrascht, wie leicht der Schlitten zu ziehen ist im Gegensatz zu einem ueberladenen Rucksack auf dem Ruecken. In den folgenden zwei Tagen und keine Ahnung wie vielen Kilometern fragte ich mich dann doch einige Male, warum ich das eigentlich mache. Die Antwort darauf war allerdings erschreckend einfach: Ich musste mich nur umsehen. So viel Schoenheit in der Natur. Weit weg von aller Zivilisation. Und bis auf die ein paar Tage alten Schneemobilspuren auch keine Zeichen von ihr.

Einerseits bin ich froh, dass vor ein paar Tagen Schneemobile hier entlanggefahren sind. Sie haben den Schnee verdichtet und man kann einigermassen darauf laufen. Wann immer wir den Weg verlassen, sinken wir knietief ein in die weisse Pracht.

Andererseits sehen wir die ganze Zeit, die wir hier verbringen, kein einziges Bison. Nur sehr, sehr alte Spuren einer kleinen Herde, die durchaus schon Monate alt sein koennen. Mit einem Schlitten kann man sich besser anschleichen als mit einem Schneemobil. Aber wenn die Schneemobile schon durch das Droehnen alle Bisons ins Hinterland verjagt haben, bringt einen das auch nicht viel weiter.

Doch die Landschaft entschaedigt fuer alles. Selbst als der Wind so stark ueber den Huegelkamm pfeift, dass sich der Schnee jeden entbloessten Hautfetzen beisst, muss ich das Schauspiel bewundern. Auf den Bildern sieht es auch gar nicht mehr so kalt und windig aus, wie es mal war, sondern eher fluffig.

Neben der spektakulaeren Landschaft haben wir sogar das Glueck, die heimische Tierwelt zu beobachten. Gleich zwei Elche sehen wir am ersten Tag und einen weiteren am zweiten. Sie scheinen zu wissen, dass die Elchjagd nur von August bis Oktober erlaubt ist und gucken uns unglaeubig an, bevor sie schnell um die Ecke duesen.

Mehr Fotoglueck hatte ich mit einem Schneehasen. Anscheinend hatte der noch nie etwas vom Kinderlied „Haeschen in der Grube“ gehoert und hat die beiden Schlittenjaeger fuer einige Minuten aus der Maennchenposition aufmerksam beobachtet. Hasen duerfen zur Zeit gejagt werden. Aber wir hatten nur Waffen fuer Grosswild mitgenommen und begnuegten uns, Hasi mit unseren Handykameras abzuschiessen.

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Der weisse Schneehasi ist zwar gut getarnt im ganzen Schnee. Aber vorsichtig geht anders. Er macht Maennchen und lauscht ganz aufmerksam, was wir so machen.

Am spaeten Nachmittag haben wir dann unser Lager aufgeschlagen. Erst hiess es Schnee wegschaufeln und platttrampeln. Danach wurde eine Plane gespannt, zum Teil auf dem Boden als Unterlage und zum anderen Teil als Wand und Dach falls es anfaengt zu schneien. Sobald die Plane ausgelegt ist, schnell den Schlafsack aufschuetteln, damit die Daunen flauschig werden und einen spaeter auch schoen waermen koennen. Feuerholz mochte auch noch gesammelt werden. Zum Glueck stehen ausreichend tote Baeume in der Gegend rum, hier raeumt halt keiner auf. 🙂

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Der Schlafsack liegt schon in der Planenunterkunft. Zum Kopfende wird eine Feuerstelle entstehen. Einen guten Stapel toter Baeume habe ich schon herangeschleppt.

Schliesslich wird das Licht immer weniger und der Hunger immer groesser. Beste Zeit, ein Feuerchen zu starten. Am besten eignen sich dafuer duenne, trockene Fichtenzweige, die mit einer fasrigen Flechte behangen sind, die hier old man’s beard genannt wird (Altherrenbart zu deutsch). Leider sind solche Zweige in der Naehe nicht zu finden. Daher schnitze ich mit einer Axt von einem gespaltenen Stueck Holz an den Seiten Holzspaene, bis das Ganze aussieht wie eine Holzfeder.

Bei unserem letzten Campingausflug habe ich nach unserer Rueckkehr den Topf fast wegschmeissen wollen. Das duennwandige Material hat die Kaesemacaroni schoen anbrennen lassen. Fuer dieses Mal habe ich mich daher fuer ein anderes Kochkonzept entschieden: Freezerbag Cooking! Also kochen im Gefrierbeutel. Vor Tourbeginn fuellt man einen wiederverschliessbaren Gefrierbeutel mit getrockneten Zutaten, zu denen man im Camp nur noch kochendes Wasser hinzufuegen muss. Kurz warten, fertig. Kein Abwasch ist noetig, man kann gleich aus dem Beutel essen und den Rest des kochenden Wassers gleich noch in die Thermoskanne fuellen.

Zum Abendessen gab es also Spezialkartoffelbrei aus dem Gefrierbeutel. Man nehme getrocknete Kartoffelflocken, Milchpulver, etwas Schmalz, Pfeffer und Salz, braunen Zucker und Senfpulver. Um die Konsistenz noch interessanter zu machen, habe ich noch stuffing hinzugefuegt. Das sind getrocknete, gewuerzte Brotwuerfel, mit denen man hierzulande gerne einen Truthahn zu Thanksgiving ausstopft, bevor er in den Ofen wandert.

Noch zu Hause habe ich einige Zusammenstellungen aus dem Gefrierbeutel ausprobiert. Besonders gut eignet sich Kartoffelbrei, 5 Minuten Reis (anscheinend schon vorgekocht und dann getrocknet), Couscous und gespaltene Linsen. Viel guenstiger als gekaufte Campinggerichte und man weiss ausserdem, was drin ist.

Nach einer langen, dunklen Nacht meldet sich am Morgen als erstes die Blase. Der Schlafsack hat trotz den -7 Grad ganze Arbeit geleistet und man ist kuschlig warm… kann es nur nicht geniessen, weil der unangenehme Teil unausweichlich bevorsteht. Warum ist die Plane eigentlich so kuschlig an mich herangerueckt? Ein Blick auf die Feuerstelle verraet den Grund: In der Nacht hat es ein bisschen geschneit.

Doch auch wenn ich raus aus dem Schlafsack muss: Die Umgebung entschaedigt mich umgehend dafuer mit einem wunderschoenen Sonnenaufgang im Nirgendwo.

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Die Sonne ist noch nicht ganz ueber die Berge geklettert. Dennoch leuchtet sie die Wolken orange-rot an und taucht alles in ein wunderschoenes Licht.

Befluegelt von Mutter Natur versuche ich gleich, den naechsten Outdoor-Tipp umzusetzen, den ich gelesen habe: Zusammengedrueckte Schneebaelle sollen sich hervorragend als Klopapier nach dem morgendlichen Faekalienabwurf eignen. Fazit: Zuerst wird die Rosette taub, dann die Finger. Wer soll das denn bitte unter Kontrolle haben?! Da lob ich mir den Zellstoff.

Unseren zweiten Tag verbringen wir weiterhin mit durch-die-Gegend-Stapfen. Auf dem Schneemobilpfad mit Schlitten, zum Spaehen im knietiefen Schnee. Wenn ich vom Schlitten ziehen muede werde, stelle ich mir vor, ich sei ein kleines, hochmotiviertes Yak. Keine Ahnung warum, aber die Vorstellung hilft. Die ziehen doch gerne Schlitten, oder?

Am spaeten Nachmittag des zweiten Tages  beschliessen wir, das Lager abzubrechen und nach Hause zu fahren. Wenn wir jetzt noch ein Bison sehen wuerden, haetten wir keine Zeit mehr, es zu zerlegen und nach Hause zu bringen, bevor Tyrel wieder arbeiten muss. Ausserdem hat Tyrel mir gesagt, dass wir doch morgen in die Stadt fahren um einen schoenen saftigen Burger zu geniessen. Ich fuerchte, das war das ueberzeugende Argument. Nach einigen Stunden haben wir alles zusammengepackt und sind mit den Schlitten am Truck angelangt, um die Heimreise anzutreten.

Als wir an dem Oertchen Braeburn vorbeifahren, ist es schon ca. 20 Uhr. Tyrel fragt mich, ob ich am Truckstop halten moechte. Immerhin ist der Ort fuer seine Zimtschnecken bekannt. Nein danke, sage ich. Schon verlockend aber wir wollen doch nach Hause… Tyrel setzt den Blinker und wir halten vor dem Truckstop. Anscheinend sind meine Englischkenntnisse immer noch nicht die besten. Oder sein Gehirn kann das Wort Nein nicht ausreichend verarbeiten.

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Die riesige Zimtschnecke ist mehr als 20 cm im Durchmesser und mit Zuckerguss verziert! Wer kann da widerstehen?

Jedenfalls steigen wir nach kurzer Zeit wieder in den Truck, mit zwei $10 Zimtschneckchen. Eine essen wir auf der Fahrt, die naechste gibt es den naechsten Morgen zum Fruehstueck, bevor wir uns aufmachen in Richtung Stadt. Erst baden wir in den heissen Quellen und anschliessend gibt es meinen Motivationsburger. Besser gehts nicht!

Ein paar Mal habe ich mich auf der Tour gefragt, warum ich das eigentlich mache. Aber ich koennte schon wieder. 🙂

Unschoenster Moment: Raus aus dem muckeligen Schlafsack, rein in die steifgefrorenen Socken.

Schoenster Moment: Elche aus der Naehe, Sonnenaufgang und die himmlische Stille.

Wiederholungsgefahr: Sehr hoch!

 

Uebrigens: Heute ist der Starttag des Yukon Quest, dem haertesten Hundeschlittenrennen der Welt. 1600 Kilometer fuehren die Musher von Whitehorse nach Fairbanks in Alaska. Auf dem Weg in die Stadt haben wir kurz am Takhini River gehalten und konnten die ersten beiden Starter mit ihren Hundeteams auf ihrem Weg nach Alaska bewundern!

 

 

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8 Kommentare

  1. Na, einige Antworten gibt mir dieser Blogeintrag. Wie wolltet Ihr denn mit diesen netten kleinen Schlitten ein ganzes Bison transportieren und ich dachte, Ihr fahrt auf solche Touren mit mehr Leuten? Ich hatte so das Bild vor Augen, wie Ihr mit ner Seilwinde das Tier auf den Truck zieht! Naja, Deine Devise ist ja, „Wo ein Wille, da ein Weg!“.

    Und ich glaube, so eine Zimtschnegge würde ich glatt auch mal backen.

    Über die Schneeballsache sach ich jetzt nix. Oder doch. Ich hätte es Dir vorraussagen können, wie das ist. Und das Du auch noch einen Blogeintrag darüber schreibst…….es muß ein Erlebnis gewesen sein.

    Es gibt ja Leute, die noch verrückter sind, siehe diese Hundeschlittenfreaks. ,-) Wenn ich es recht überlege, hat Tyrel mit dir doch das große Los gezogen. Welche Frau macht sowas tagelang freiwillig mit? Aber alles klingt, als mache es Dir großen Spaß, also, weiter so! Freu mich auf den nächsten Bericht. Grüße von Muddi

    Gefällt 1 Person

    1. Es gibt ja bekanntlich auf jeden Topf einen Deckel… Und ich musste auch nur ans andere Ende der Welt fliegen, um meinen zu finden. 😀 reine Statistik.
      Das Bison hätten wir vor Ort zerlegt und dann die Teile so oft kilometerlang zum Truck gezerrt, wie es nötig gewesen wäre. Das hätte wahrscheinlich einen ganzen Tag gedauert. Aber hey, irgendwie haben die Pioniere das früher auch ohne Motorschlitten geschafft.
      Hemdsärmlige Grüße,
      Lupina

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