Monat: Februar 2017

Sourdough Rendezvous

Letzte Woche stand Whitehorse ganz im Zeichen der Sourdough Rendezvous – eine Woche voller Aktionen und Jahrmarktstimmung zur Erinnerung an die Zeit des Goldrausches vor gut 100 Jahren.

Sourdough wurden die Goldsucher genannt, die ihren ersten Winter im Yukon ueberlebt hatten. Meist war ihr groesster Schatz immer noch der Sourdough, zu deutsch Sauerteig, der sie den Winter ueber mit frisch gebackenem Brot ernaehrt hat.

Am Samstag begab ich mich dann auch ins Getuemmel fuer Yukon-Verhaeltnisse. Es waren bestimmt einige Hundert Leute auf dem Festgelaende und das schon um die Mittagszeit! Natuerlich nicht zu vergleichen mit der Sommerzeit, in der Whitehorse zu einer Touristenhochburg wird. Und auch zum Hundeschlittenrennen Yukon Quest ist mehr los. Aber fuer den Otto-Normal-Winter… nicht schlecht!

Der internationale Schneeskulpturen-Wettbewerb bat ca. 15 Exponate auf. Die meisten waren irgendwie abstrakt aber ich habe eine Darstellung einer aelteren Dame mit Hund, Katze, Buechern und Geschirr bewundert.

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Eine aeltere, wohlgenaehrte Dame im Unterhemd beugt sich nach vorne, um ihrem Maennchen machenden Hund einen Kuss auf die Schnauze zu geben. Eine Katze schaut fragend zu ihr hoch. Im Hintergrund ein zerknautschtes Sofa mit weiterer Katze und ein Beistelltisch mit Teekanne, Tasse und Loeffel und einigen unordentlichen Buechern. Nicht im Bild: Hinter ihrem Ruecken haelt die Dame einen Knochen! Alles aus Schnee geformt und ca. 4 bis 5 Meter gross!

An den Essstaenden entschied ich mich fuer eine kanadische Spezialitaet, die stereotypischer nicht sein koennte. Ich ass maple toffee, also Ahorn Toffee. Das stellt man her, indem man Ahornsirup auf eine bestimmte Temperatur erhitzt und dann auf ein Holzstaebchen in den Schnee giesst. Fertig ist der Ahornsirup Toffee-Lollipop und das kanadische Grinsen gibt es gleich mit dazu.

Nach einem kurzen Abstecher ins geheizte Festzelt (die militaerische Artillerie-Jazz-Band aus Edmonton spielte mitreissende Stuecke) ging es weiter zu dem Punkt, warum ich unbedigt heute hier her wollte: Um 11 Uhr fand das Flour Packing (Mehlpacken) statt. Um zu Zeiten des Goldrausches nach Kanada einreisen zu koennen, musste jeder einzelne an der kanadischen Grenze vorweisen koennen, dass er genuegend Essen und Ausruestung bei sich fuehrt, um mindestens ein Jahr ueberleben zu koennen.

Die Northern Pacific Railroad Company veroeffentlichte folgende Ausruestungsliste fuer Goldsucher, die in den Norden aufbrechen, im Jahr 1897 :

  • 150 Pfund Speck
  • 400 Pfund Mehl
  • 25 Pfund Haferflocken
  • 125 Pfund Bohnen
  • 10 Pfund Tee
  • 10 Pfund Kaffee
  • 25 Pfund Zucker
  • 25 Pfund getrocknete Kartoffeln
  • 2 Pfund getrocknete Zwiebeln
  • 15 Pfund Salz
  • 1 Pfund Pfeffer
  • 75 Pfund getrocknete Fruechte
  • 8 Pfund Backpulver
  • 2 Pfund Backnatron
  • 1/2 Pfund Essigessenz
  • 12 Unzen Bruehe
  • 1 Dose Senf
  • 1 Dose Streichhoelzer (fuer vier Mann)
  • 1 Holzofen (fuer vier Mann)
  • Goldwaschpfanne
  • Ein Satz hochbeanspruchbare Eimer
  • Ein grosser Eimer
  • Messer, Gabel, Loeffel, Tasse und Teller
  • Bratpfanne
  • Tee- und Kaffekanne
  • Schleifstein
  • 2 Spitzhacken und eine Schaufel
  • Saege
  • Gurte
  • 2 Aexte und ein Reservegriff (fuer vier Mann)
  • 6 Feilen (8 Zoll lang) und 2 Spitzfeilen (fuer die Gruppe)
  • Abziehmesser, Bohrwinde, Kurzraubank und Hammer (fuer die Gruppe)
  • 200 Fuss langes Seil (drei Achtel Zoll dick)
  • 8 Pfund Pech und 5 Pfung Werg (fuer vier Mann)
  • Naegel, jeweils 5 Pfund der Groessen 6, 8, 10 und 12 Penny (fuer vier Mann)
  • Zelt, 10 x 12 Fuss gross (fuer 4 Mann)
  • Grober Leinenstoff zum Einpacken
  • 2 Wachstuecher fuer jedes Boot
  • 5 Yards Moskitonetz
  • 3 Paar warme Unterwaesche
  • Schwerer Wollmantel
  • 2 Paar schwere Wollhosen
  • Schwerer Gummimantel
  • 1 Dutzend schwere Wollsocken
  • 6 schwere Wollfaeustlinge
  • 2 schwere Pullover
  • 2 Paar schwere, reissfeste Gummistiefel
  • 2 Paar Schuhe
  • 4 Decken (fuer zwei Mann)
  • 4 Handtuecher
  • 2 Overalls
  • 1 Satz Oeltuchkleidung
  • Einige Satz Sommerkleidung
  • Kleine Auswahl Medikamente

Dabei kommt man fuer eine Person locker auf das Gewicht einer Tonne notwendiger Ausruestung, die man an der kanadischen Grenze vorzeigen muss. Zuerst musste diese Ausruestung aber ueber Bergpaesse viele Kilometer auf dem Ruecken getragen werden, wollte man ueber die kuerzeste Route, den Chilkoot Trail einreisen. Einige First Nations standen bereit, beim Tragen zu helfen, allerdings liessen sie sich das entsprechend bezahlen. Meist mussten die Goldlustigen unzaehlige Male hin- und zuruecklaufen, um wirklich alles ueber die Bergpaesse transportiert zu haben.

Das Flour Packing erinnert an diese wahnsinnigen Unternehmungen jedes einzelnen, den das Goldfieber gepackt hat. Ich habe den ersten Teilnehmern zugejubelt, gestartet wurde mit den Frauen. Dabei war das Qualifizierungsgewicht 343 Pfund (= 156 Kilogramm), dass in Form von Packrahmen und Mehlsaecken 50 Fuss weit (= 15 Meter) getragen werden musste.

In frueheren Jahren sind die Teilnehmer einfach zusammengebrochen, wenn sie nicht mehr konnten. Heute wurde ein portabler Rahmen gebaut, der mit den Teilnehmern mittfaehrt und die Last mit einem Sicherungskabel auffaengt, sollten sie es nicht mehr halten koennen.

Nach einigen Teilnehmern wurde meinen Begleitern zu kalt und wir machten uns weiter auf Entdeckungstour. Das Internet verraet aber, dass der Langzeitrekord bei Frauen im Mehlsacktragen 664 Pfund (= 301 kg) und bei Maennern bei 1002 Pfund (= 454 kg) liegt. Mir hat sich schon beim Zusehen das Kreuzdarmbein verklemmt.

Weiter ging es zum Ein-Hund-Lastschlitten-Ziehen. Der Hund wird an einen mit Gewichten beschwerten Schlitten geschirrt und wird dann vom Herrchen 60 Sekunden lang ermuntert, zu ihm samt Schlitten ueber die Ziellinie zu laufen. Den meisten Hunden sah man an, dass sie beim Training wohl kein Publikum und Jubelstuerme gewohnt waren. Sie blieben einfach sitzen oder bellten ein wenig und wussten nicht mehr so recht, was sie tun sollten. Nach 60 Sekunden zogen dann Helfer den Schlitten samt Hund zum Herrchen, um das Erlebnis fuer den Hund trotzdem erfolgreich zu machen.

Doch eine schwarze Mischlingshuendin mit 60 Pfund (= 27 kg) Lebensgewicht hatte so viel Vertrauen zu Herrchen und Spass am Schlittenziehen, dass sie schwanzwedelnd ganze 280 Pfund (= 127 kg ) zu ihm zog! So viel schaffte noch nicht mal der bullige Malamut mit 94 Pfund Koerpergewicht (= 43 kg) nach ihr. Da sieht man, wie entscheidend das Training und die Motivation des Hundes ist.

Die ganze Woche war mit Wettbewerben wie Axtwerfen, Wettheulen mit Hund, Wettsaegen, Kostuembaellen und weiteren Aktionen gesaeumt. Doch uns war es fuer den Tag genug und fuhren zurueck ins warme Haus um einige Runden Karten zu spielen und zu quatschen.

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Einkaufen im Ahornland

Auch im Supermarkt gibt es hier kleine aber feine Unterschiede zum gewohnten Einkaufen in Deutschland.

Zum einen ist es ungewohnt, dass an der jeweiligen Ware der Nettopreis angebracht ist. Wer manchmal in der Metro einkauft, kennt das bereits. Der Nettopreis ist der eigentliche Preis der Ware, jedoch kommt noch die Mehrwertsteuer von 5% obendrauf an der Kasse. Mit abgezaehltem Kleingeld einkaufen erfordert also ein bisschen mathematische Kopfarbeit.

Was als naechstes ins Auge faellt: Fast alles scheint im Angebot zu sein. Allerdings bedeutet das nicht wie in Deutschland, dass die Ware einfach uneingeschraenkt reduziert ist. Man muss das Kleingedruckte auf dem Preisschild lesen, was meist eine Bedingung enthaelt.

Durch das Gruppen- oder limitierte Angebot entfaellt auf den Werbungsanzeigen auch das „Abgabe nur in haushaltsueblichen Mengen“. Ist ja alles geregelt. An der Kasse wird erst alles gescannt und dann zum Ende der Kassenzettel ausgespuckt. Der Computer hat mittlerweile alle Waren sortiert und die jeweiligen Rabatte danebengeschrieben und abgezogen.

Fuer eine weitere Verwirrung meinerseits sorgte anfangs der Umstand, dass ich zu wenig Wechselgeld erhielt. Ich sollte $1,99 zahlen, gab eine $2-Muenze und erhielt nichts weiter als ein Laecheln und einen gewuenschten schoenen Tag von der Kassiererin.

Meinen Mann schien das nicht zu stoeren, also sprach ich ihn auf dem Weg zum Auto darauf an. Die Erklaerung ist denkbar einfach: Kanada hat im Jahr 2013 die Pennies abgeschafft. Die kleinste Muenze im Umlauf ist jetzt die 5-Cent-Muenze mit Biber. Das Ganze hat den Hintergrund, dass die Produktionskosten fuer einen Cent hoeher waren als der Wert der Muenze. Jetzt wird bei 1 und 2 Cent einfach abgerundet und bei 3 und 4 Cent aufgerundet. Wenn man sich da erstmal dran gewoehnt hat, ist das super praktisch und das Muenzfach im Portemonnaie quillt auch nicht mehr so schnell ueber.

Was mich aber am meisten verwundert hat im Kanadischen Supermarkt ist in der Tiefkuehlabteilung zu finden. Die Auswahl an Tiefkuehlpizzen ist wie erwartet ueppig, doch der Hersteller der meisten Variationen ist…. der gute alte Dr. Oetker!

Mit Sorten wie Giuseppe (duenner Teig und aufgehender Teig), Ristorante (duenner Teig und extra duenner Teig), Casa di Mama und weiteren Produktlinien klingt das ganze dann doch eher etwas italinenisch. Doch die Pizzen werden tatsaechlich in Deutschland hergestellt und dann hier hergeschifft. Schwer vorzustellen.

Noch mehr verwundert hat mich dann aber die Pizza der billig-Hausmarke, President’s Choice. Sie sieht auf den ersten Blick sehr kanadisch aus, jedoch verraet ein genauerer Blick auf die Pappschachtel, dass auch diese Pizza in Deutschland hergestellt und eingefroren wurde.

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Dicker Teig, Peperoni-Salami und Kaese kennzeichnen die guenstige Pizza der Hausmarke. Trotzdem: Product of Germany!

Haben wir in Deutschland die besten Tiefkuehlpizza-Fabriken oder sonst irgendwelche Marktfuehrereigenschaften, von denen ich nichts wusste? Jedenfalls… irgendwie irre. Verschwoerungstheorien dazu sind herzlich willkommen!

Die Sache mit dem Glück

Glück, ein großes Wort. Doch was ist das eigentlich?

Ist Glück, sich in ein neues Land zu verlieben und dahin auszuwandern? Nicht ausschließlich.

Glück ist für mich, dass ich viele schöne Dinge aus meinem alten Leben in mein neues mitnehmen konnte bei gleichzeitig leichtem Gepäck. So viele liebe Mails, Fotos, Briefe und sogar Päckchen haben den Weg zu mir in den hohen Norden gefunden. Von Herzen bin ich dankbar, dass ich so tolle Menschen kennen darf, die Freundschaften pflegen und Freude verschenken.

Doch neben den vielen lieben Menschen, die ich nicht in meinem Koffer unterbringen konnte, fehlte mir hier eine elementare Sache: Guter Käse. Die Kanadier scheinen nichts gegen die uniform schmeckenden und unterschiedlich eingefärbten viereckigen Pakete getrockneten Fensterkitt zu haben, was hier Käse genannt wird. Doch in meiner Brust schlägt ein anderes Herz.

In Deutschland konnte ich mich glücklich schätzen, gleich an der Quelle meines liebsten Käsedealers zu wohnen. Die Fahrt mit dem Rad zum Wolfenbüttler Wochenmarkt oder noch viel besser dem freitäglichen vor Ort Verkauf ins Käseleckerland war leicht und beflügelt… Die Rückfahrt beschwerlicher ob der vollen Taschen.

Schließlich konnte ich meine Sehnsucht nicht mehr verdrängen und schrieb meinem Käseleckerland eine Mail mit der Frage, ob eine Lieferung in den Yukon möglich sei. Eigentlich liefern sie zwar nur europaweit aber ein Versuch war es wert. Daraus entstand ein toller Mailkontakt, der schließlich in einem vollen Käsepaket in meinem kleinen Trailer endete. Anbei war sogar ein lieber Brief meiner Käsefreundin Patrizia, die mich vor einigen Monaten noch persönlich vor Ort mit den Köstlichkeiten am Käsestand versorgte.

Glück ist kein Zufall, kein Lottogewinn.
Glück ist der Gedanke an die lieben Menschen, die ich in meinem Herzen trage… Während ich in ein Stück Käse beiße.

Rezension

Jetzt lebe ich schon mehr als sieben Monate ohne Strom. Sieben Monate hat es gedauert, bis ich das Beduerfnis nach seichter Unterhaltung verspuerte. Der Grund, warum man die Glotze anschaltet, ohne dass man eine bestimmte Sendung dabei anpeilt. Berieselung. Etwas einfaches. Nun habe ich aber kein Fernsehen und auch das Internet reicht nur zum Mails checken ohne zu viele Bilder anzusehen. Was tun?

Die Antwort darauf fand ich im Verkaufsgeschaeft der Heilsarmee, hier Salvation Army genannt. Der Ort, an den man gebrauchte Kleidung und Buecher bringt, weil man etwas Gutes tun will (und ausserdem mal dringend ausmisten muss). Im Buecherabteil fand ich Groschenromane. Super! Genau das suche ich doch. Gerne hab ich mir frueher mal Rosamunde Pilcher reingezogen an einem Sonntag Abend mit Waermflasche unter, zwei Katzen auf mir und einem schoenen Whisky im Glas. Da kommt mir ein Groschenroman gerade recht.

Falsch gedacht!!!

Kurze Zusammenfassung der Geschichte: Zickige Stadtfrau wird gekuendigt und nimmt einen Uebergangsjob in einer Saegemuehle auf dem Land an. Immer wieder hilft ihr der etwas unterbelichtete aber nette junge Mann aus der Patsche. Und das so lange, bis sie sich in ihr Schicksal fuegt. Sie kuessen sich zweimal sehr kurz (was man ja eigentlich nicht macht), bis er ihren Vater endlich trifft und um ihre Hand anhaelt. Heiligabend wird dann geheiratet, weil sie das romanterisch findet. Ende der Geschichte.

Einfach nichts, wo man etwas schmachten kann oder was einen kleinen Spannungsbogen aufweist. Ich habe mich erwischt, wie ich immer saurer wurde beim Lesen und am Ende wusste, dass es unverantwortlich waere, dieses Buch zurueck in ein Buecherregal zu stellen.

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Loving the Country Boy von Mia Ross, unterlegt mit dem passenden Gesichtsausdruck. Durch die Selfiekamera und zum Schutz der Augen ist es gespiegelt. Bloss nicht Nachlesen!!!

Also tat ich das einzig Verantwortungsvolle, was ich in dieser Situation tun konnte: Ich lehnte das Buch an einen Baum, entfernte mich ca. 15 Meter und schoss mit meinem .22 Gewehr darauf.

 

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Drei Treffer und glatter Durchschuss. War auch nicht anders zu erwarten bei etwas, was noch nicht mal mit heisser Luft gefuellt ist.

Fazit: Zweimal fast die Koepfe getroffen und einmal fast das Knie der bezirzten Dame. Egal wie man es dreht und wendet, dieses Buch ist einfach kein Volltreffer!!!

Ab in die Bibliothek.

Die Jagd auf das Bison-Phantom

Der erste Tag von Tyrels Urlaub war gleichzeitig mein 29ter Geburtstag (was fuer ein Zufall, oder?). Einen Tag vorher habe ich im Supermarkt eine kleine Fertig-Sahnetorte von den leckeren Suessigkeiten Reese gesichtet. Wahrscheinlich muss ich nicht erwaehnen, dass sie schliesslich im Einkaufswagen gelandet ist.

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Reese’s Schoko-Sahnetorte, wartet noch sicher in ihrer Plastikhaube auf bessere Zeiten.

Am Vorabend meines Geburtstages lag diese Torte dann verfuehrerisch auf der Kuechenzeile herum. Wahrscheinlich bemerkte Tyrel den intensiven Augenkontakt, den sie mit mir suchte. Jedenfalls redete er mir gut zu, dass ja schliesslich durch die neun Stunden Zeitverschiebung in Deutschland schon mein Geburtstag sei. Erleichtert schnitt ich die Torte an und wir erlegten die Haelfte. Der zweite Teil wurde dann folgerichtig als kanadisches Geburtstagsfruehstueck verzehrt.

Dann ging es ab auf den Schiessstand. Mein Geburtstagsgewehr wollte schliesslich noch richtig ausgerichtet werden. Ein Zielfernrohr war eigentlich schon fertig eingestellt bei der gekauften Waffe dabei. Doch kann auch ich aus der Vergangenheit lernen. Und meine Vergangenheit fuehrte mich in die Zeit der technischen Fruehbesprechungen des letzten Produktionstages. Wenn im Arbeitsbericht vermerkt war, dass irgendein Teil dem Ruf der Schwerkraft gefolgt und einfach so abgefallen ist, kam mit 98%iger Sicherheit die Frage

„Wie waren die Schrauben gesichert?!“

Die Antwort, dass sie mit dem vorgeschriebenen Moment angezogen wurden, wurde nicht akzeptiert.

Da ich mir selbst gegenueber nicht Rede und Antwort stehen wollte, wie meine Schrauben gesichert wurden, falls mein Zielfernrohr auf eimal lose ist oder sogar abfaellt: Eine Schraubensicherung musste her!

Also wurden alle Schrauben herausgedreht und anschliessend mit Loctite, einem Klebstoff zur Schraubensicherung, versehen.

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Piff, Paff, Puff! Ich, eingemummelt, ziele mit meinem Gewehr am Schiessstand auf Zielscheiben.

Daraus resultierte dann aber, dass es wieder notwendig war, das Zielfernrohr auszurichten. Nach 20 Schuessen tat die Schulter ganz schoen weh aber das Ziel wurde getroffen. Tyrel legte noch zweimal nach mit der Premium-Bison-Munition und fertig war die Uebeungsstunde.

Den Rest des Tages verbrachten wir mit einem schoenen Spaziergang, dem Packen unserer Sachen fuer die Jagd, sowie dem Schlemmen von Tyrels Bannock, einer Art Indianerbrot.

Am naechsten Morgen klingelte der Wecker dann um 6 Uhr, damit wir puenktlich zu Sonnenaufgang an unserem Zielort, irgendwo zwischen Whitehorse und Carmacks, ankommen.

Jeder von uns zog einen geliehenen Schlitten, der mit Ausruestungsgegenstaenden gepackt war und hoffentlich etwas spaeter noch mit Bisonfleisch. Am Anfang war ich angenehm ueberrascht, wie leicht der Schlitten zu ziehen ist im Gegensatz zu einem ueberladenen Rucksack auf dem Ruecken. In den folgenden zwei Tagen und keine Ahnung wie vielen Kilometern fragte ich mich dann doch einige Male, warum ich das eigentlich mache. Die Antwort darauf war allerdings erschreckend einfach: Ich musste mich nur umsehen. So viel Schoenheit in der Natur. Weit weg von aller Zivilisation. Und bis auf die ein paar Tage alten Schneemobilspuren auch keine Zeichen von ihr.

Einerseits bin ich froh, dass vor ein paar Tagen Schneemobile hier entlanggefahren sind. Sie haben den Schnee verdichtet und man kann einigermassen darauf laufen. Wann immer wir den Weg verlassen, sinken wir knietief ein in die weisse Pracht.

Andererseits sehen wir die ganze Zeit, die wir hier verbringen, kein einziges Bison. Nur sehr, sehr alte Spuren einer kleinen Herde, die durchaus schon Monate alt sein koennen. Mit einem Schlitten kann man sich besser anschleichen als mit einem Schneemobil. Aber wenn die Schneemobile schon durch das Droehnen alle Bisons ins Hinterland verjagt haben, bringt einen das auch nicht viel weiter.

Doch die Landschaft entschaedigt fuer alles. Selbst als der Wind so stark ueber den Huegelkamm pfeift, dass sich der Schnee jeden entbloessten Hautfetzen beisst, muss ich das Schauspiel bewundern. Auf den Bildern sieht es auch gar nicht mehr so kalt und windig aus, wie es mal war, sondern eher fluffig.

Neben der spektakulaeren Landschaft haben wir sogar das Glueck, die heimische Tierwelt zu beobachten. Gleich zwei Elche sehen wir am ersten Tag und einen weiteren am zweiten. Sie scheinen zu wissen, dass die Elchjagd nur von August bis Oktober erlaubt ist und gucken uns unglaeubig an, bevor sie schnell um die Ecke duesen.

Mehr Fotoglueck hatte ich mit einem Schneehasen. Anscheinend hatte der noch nie etwas vom Kinderlied „Haeschen in der Grube“ gehoert und hat die beiden Schlittenjaeger fuer einige Minuten aus der Maennchenposition aufmerksam beobachtet. Hasen duerfen zur Zeit gejagt werden. Aber wir hatten nur Waffen fuer Grosswild mitgenommen und begnuegten uns, Hasi mit unseren Handykameras abzuschiessen.

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Der weisse Schneehasi ist zwar gut getarnt im ganzen Schnee. Aber vorsichtig geht anders. Er macht Maennchen und lauscht ganz aufmerksam, was wir so machen.

Am spaeten Nachmittag haben wir dann unser Lager aufgeschlagen. Erst hiess es Schnee wegschaufeln und platttrampeln. Danach wurde eine Plane gespannt, zum Teil auf dem Boden als Unterlage und zum anderen Teil als Wand und Dach falls es anfaengt zu schneien. Sobald die Plane ausgelegt ist, schnell den Schlafsack aufschuetteln, damit die Daunen flauschig werden und einen spaeter auch schoen waermen koennen. Feuerholz mochte auch noch gesammelt werden. Zum Glueck stehen ausreichend tote Baeume in der Gegend rum, hier raeumt halt keiner auf. 🙂

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Der Schlafsack liegt schon in der Planenunterkunft. Zum Kopfende wird eine Feuerstelle entstehen. Einen guten Stapel toter Baeume habe ich schon herangeschleppt.

Schliesslich wird das Licht immer weniger und der Hunger immer groesser. Beste Zeit, ein Feuerchen zu starten. Am besten eignen sich dafuer duenne, trockene Fichtenzweige, die mit einer fasrigen Flechte behangen sind, die hier old man’s beard genannt wird (Altherrenbart zu deutsch). Leider sind solche Zweige in der Naehe nicht zu finden. Daher schnitze ich mit einer Axt von einem gespaltenen Stueck Holz an den Seiten Holzspaene, bis das Ganze aussieht wie eine Holzfeder.

Bei unserem letzten Campingausflug habe ich nach unserer Rueckkehr den Topf fast wegschmeissen wollen. Das duennwandige Material hat die Kaesemacaroni schoen anbrennen lassen. Fuer dieses Mal habe ich mich daher fuer ein anderes Kochkonzept entschieden: Freezerbag Cooking! Also kochen im Gefrierbeutel. Vor Tourbeginn fuellt man einen wiederverschliessbaren Gefrierbeutel mit getrockneten Zutaten, zu denen man im Camp nur noch kochendes Wasser hinzufuegen muss. Kurz warten, fertig. Kein Abwasch ist noetig, man kann gleich aus dem Beutel essen und den Rest des kochenden Wassers gleich noch in die Thermoskanne fuellen.

Zum Abendessen gab es also Spezialkartoffelbrei aus dem Gefrierbeutel. Man nehme getrocknete Kartoffelflocken, Milchpulver, etwas Schmalz, Pfeffer und Salz, braunen Zucker und Senfpulver. Um die Konsistenz noch interessanter zu machen, habe ich noch stuffing hinzugefuegt. Das sind getrocknete, gewuerzte Brotwuerfel, mit denen man hierzulande gerne einen Truthahn zu Thanksgiving ausstopft, bevor er in den Ofen wandert.

Noch zu Hause habe ich einige Zusammenstellungen aus dem Gefrierbeutel ausprobiert. Besonders gut eignet sich Kartoffelbrei, 5 Minuten Reis (anscheinend schon vorgekocht und dann getrocknet), Couscous und gespaltene Linsen. Viel guenstiger als gekaufte Campinggerichte und man weiss ausserdem, was drin ist.

Nach einer langen, dunklen Nacht meldet sich am Morgen als erstes die Blase. Der Schlafsack hat trotz den -7 Grad ganze Arbeit geleistet und man ist kuschlig warm… kann es nur nicht geniessen, weil der unangenehme Teil unausweichlich bevorsteht. Warum ist die Plane eigentlich so kuschlig an mich herangerueckt? Ein Blick auf die Feuerstelle verraet den Grund: In der Nacht hat es ein bisschen geschneit.

Doch auch wenn ich raus aus dem Schlafsack muss: Die Umgebung entschaedigt mich umgehend dafuer mit einem wunderschoenen Sonnenaufgang im Nirgendwo.

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Die Sonne ist noch nicht ganz ueber die Berge geklettert. Dennoch leuchtet sie die Wolken orange-rot an und taucht alles in ein wunderschoenes Licht.

Befluegelt von Mutter Natur versuche ich gleich, den naechsten Outdoor-Tipp umzusetzen, den ich gelesen habe: Zusammengedrueckte Schneebaelle sollen sich hervorragend als Klopapier nach dem morgendlichen Faekalienabwurf eignen. Fazit: Zuerst wird die Rosette taub, dann die Finger. Wer soll das denn bitte unter Kontrolle haben?! Da lob ich mir den Zellstoff.

Unseren zweiten Tag verbringen wir weiterhin mit durch-die-Gegend-Stapfen. Auf dem Schneemobilpfad mit Schlitten, zum Spaehen im knietiefen Schnee. Wenn ich vom Schlitten ziehen muede werde, stelle ich mir vor, ich sei ein kleines, hochmotiviertes Yak. Keine Ahnung warum, aber die Vorstellung hilft. Die ziehen doch gerne Schlitten, oder?

Am spaeten Nachmittag des zweiten Tages  beschliessen wir, das Lager abzubrechen und nach Hause zu fahren. Wenn wir jetzt noch ein Bison sehen wuerden, haetten wir keine Zeit mehr, es zu zerlegen und nach Hause zu bringen, bevor Tyrel wieder arbeiten muss. Ausserdem hat Tyrel mir gesagt, dass wir doch morgen in die Stadt fahren um einen schoenen saftigen Burger zu geniessen. Ich fuerchte, das war das ueberzeugende Argument. Nach einigen Stunden haben wir alles zusammengepackt und sind mit den Schlitten am Truck angelangt, um die Heimreise anzutreten.

Als wir an dem Oertchen Braeburn vorbeifahren, ist es schon ca. 20 Uhr. Tyrel fragt mich, ob ich am Truckstop halten moechte. Immerhin ist der Ort fuer seine Zimtschnecken bekannt. Nein danke, sage ich. Schon verlockend aber wir wollen doch nach Hause… Tyrel setzt den Blinker und wir halten vor dem Truckstop. Anscheinend sind meine Englischkenntnisse immer noch nicht die besten. Oder sein Gehirn kann das Wort Nein nicht ausreichend verarbeiten.

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Die riesige Zimtschnecke ist mehr als 20 cm im Durchmesser und mit Zuckerguss verziert! Wer kann da widerstehen?

Jedenfalls steigen wir nach kurzer Zeit wieder in den Truck, mit zwei $10 Zimtschneckchen. Eine essen wir auf der Fahrt, die naechste gibt es den naechsten Morgen zum Fruehstueck, bevor wir uns aufmachen in Richtung Stadt. Erst baden wir in den heissen Quellen und anschliessend gibt es meinen Motivationsburger. Besser gehts nicht!

Ein paar Mal habe ich mich auf der Tour gefragt, warum ich das eigentlich mache. Aber ich koennte schon wieder. 🙂

Unschoenster Moment: Raus aus dem muckeligen Schlafsack, rein in die steifgefrorenen Socken.

Schoenster Moment: Elche aus der Naehe, Sonnenaufgang und die himmlische Stille.

Wiederholungsgefahr: Sehr hoch!

 

Uebrigens: Heute ist der Starttag des Yukon Quest, dem haertesten Hundeschlittenrennen der Welt. 1600 Kilometer fuehren die Musher von Whitehorse nach Fairbanks in Alaska. Auf dem Weg in die Stadt haben wir kurz am Takhini River gehalten und konnten die ersten beiden Starter mit ihren Hundeteams auf ihrem Weg nach Alaska bewundern!