Der Fluch des Bison

Manchen Tag ist es warm hier, um den Gefrierpunkt herum. In der Sonne schmilzt der Schnee im Tal für eine kurze Zeit, bevor wieder neuer fällt. Nur die Berge bleiben mit Schnee bedeckt. Wenn ihnen zu kalt wird, ziehen sie sich einfach eine kuschlige Wolkendecke über den Kopf und träumen vom kurzen Sommer.

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James bearbeitet zur Zeit einen ca. 100 Kilo schweren Stoßzahn eines Mammuts. Dann wird er eine Box und einen Halter dafür bauen und es an den Käufer verschicken. Er wird nur für seine Arbeit bezahlt, hat das Zähnchen nicht zufällig irgendwo gefunden. Zwei fragwürdige Gestalten haben es ungesichert auf der Ladefläche des Pickups die sechs Stunden Autofahrt von Dawson nach Whitehorse transportiert. Ziemlich mutig für eine 20.000$ teure Fracht.

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Auf dem Woodlot nichts Neues. Und irgendwie doch, sieht es doch jedes Mal anders aus. Mit der Zeit entwickle ich einen anderen Bezug zu Holz. So viele verschiedene schöne Farben kann es haben. Bei meinem gestrigen Spaziergang musste ich die Wurzel eines verrottenden Baumstumpfes einfach dokumentieren.

Am Wochenende waren wir auf Bison-Jagd. Nachdem die Wald-Bisons fast ausgerottet waren, wurden in den Achtzigern hier 23 Tiere ausgewildert. Heute ist die Population mit 1700 Bisons alles andere als bedroht. Vielmehr gibt das Umweltamt an, dass zu viele Wiederkäuer durch den Yukon streifen. Nicht viele Leute machen auch auf die Jagd, denn die Bisons verstecken sich gern im Wald oder auf Bergen weitab jeder Straße oder Zivilisation. Und wenn man dann eins geschossen hat, steht man dann da mit bis zu 450 kg Fleisch ohne Knochen und muss das irgendwie zerteilen und nach Hause schaffen.

Es winken hohe Strafen für denjenigen, der verwertbare Teile eines geschossenen Tieres zurücklässt. Verschwendung jeder Art ist verboten. Auch muss man das Tier respektvoll behandeln. Wer dabei erwischt wird, seinen erlegten Elch mit Hasenohren für ein Bild zu dekorieren kommt genauso in Schwierigkeiten wie jemand, der ihm blöde Spitznamen gibt. Kein Scherz. Und das finde ich auch gut so. Wenn ein Tier sein Leben für einen gibt, sollte man besser respektvoll handeln und nichts verschwenden.

Zurück zum Bison: Nach vier Stunden Autofahrt sind wir zu einem Campingplatz mitten im nirgendwo, aber jedenfalls in den Bergen, gelangt. Den ganzen Tag haben wir mit einem Freund von Tyrel im Truck verbracht und sind umher geallradet. Immer wieder aussteigen, umherlaufen und Ausschau halten. Letztendlich sind die beiden Waffenträger nicht fündig geworden. Ich hingegen schon. Ich habe schöne Fotos geschossen von den einsamen Landschaften, die sich mir aufgetan haben. Also bin ich durchaus zufrieden mit meinem Jagdglück. 🙂

Am Abend zurück beim Camp ging es Tyrel gar nicht gut. Er hat sich erkältet und wollte nur schlafen. Also haben sein Freund und ich schnell ein Camp aufgebaut und Feuer entzündet und Tyrel konnte seinen 13 stündigen Schlaf antreten.

Ich war weniger gesegnet, um Mitternacht wünschte ich mir sehnlichst einen Katheter zur Hand. Doch es nützt ja alles nichts, raus aus dem Daunenschlafsack, rein in die eisige Realität eines bedürftigen Uro-Genital-Traktes. Das Feuer war mittlerweile erloschen und wir schliefen unter einer Plane. Morgens waren es dann frische -8 Grad Celsius. Anscheinend nichts, wofür man hier ein Zelt benötigt. Aber ich will mich nicht beschweren, immerhin war ich noch nicht mal erkältet, ganz im Gegensatz zu Tyrel.

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Als er endlich von der Totenruhe erwachte, stopfte ich ihn in den Truck mit unseren restlichen Sachen und fuhr zurück nach Whitehorse. Wir stoppten im Real Canadian Superstore um Medikamente zu kaufen. Apothekenpflicht gibt es hier nämlich nicht. Von Hustensaft über Schmerzmittel zu der Pille danach steht hier alles im Supermarktregal. Nur für Antibiotika und sonstiges braucht man ein Rezept. Damit geht man zum Pharmazie-Tresen im Supermarkt und bekommt ein Plastikdöschen mit den verschriebenen Pillen mit nach Hause.

Aber nicht in unserem Fall. Bestens ausgestattet gegen alles was so eine echte Männergrippe ausmacht, ging es in den Trailer, wo ich eine anfing, eine schöne Hühnersuppe zu kochen. Ich erinnerte mich an den Ausspruch einer ehemaligen Nachbarin von mir:
„Lieber zwei kranke Kinder als einen kranken Mann!“
Aber mein Mann war gar nicht so wehleidig wie ich es aus früheren Beziehungen kenne. Er schlief und hustete einfach abwechselnd für zwei Tage, bis er wieder den Trailer verlassen konnte. Das lobe ich mir 🙂

Apropos Essen: Letzte Woche packte mich die Sehnsucht nach ner guten alten Currywurst Pommes. In meinem Berufsleben war Donnerstag Currywursttag. Und jetzt brachte ich schon unzählige Donnerstage völlig ohne Phosphatschwengel zu. Also galt es zu improvisieren.

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Eine dicke Knoblauchwurst wurde geachtelt und frittiert, während Süßkartoffel-Pommes im Backofen schmorten. Nur noch Ketchup mit Curry mischen und warm machen und schon erhält man eine kanadische Imprurry-Wurst. Geschmeckt hats gut. 🙂

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11 Kommentare

  1. In einem Beitrag die Worte „Mammutzähnchen“, „Männergrippe“ und „Phosphatschwengel“ unterzubringen ist auch eine Form von Kunst – Respekt! 😉
    Und ich bewundere Dich von Herzen: So schön die Winter-Wunderland-Fotos sind und so gerne ich selber durch Schnee und Frost wandere – bei -8°C im Freien schlafen und sonstiges erledigen… Ich bekomme schon bei dem Gedanken daran Frostbeulen! Die ersten Wintertage hier habenschon ein bischen Umgewöhnung nötig.
    In diesem Sinne herzlichste Grüße aus dem Kuschel-Warm-Büro und Winke Winke von hier nach da!

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    1. Stimmt, wenn du es so schreibst, ist das Vokabular schon exotisch ^^
      Keine Sorge, ich liefere dir die Bilder und Storys und du bleibst erstmal eingemummelt… Bis dich die Neugier zu sehr packt 😉
      Grad liege ich auch im warmen Bettchen als hätte ich vom Winter nicht gehört. Aber ich denke der Kontrast macht es für mich noch interessanter.
      Wink und drück zurück 🙂

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  2. Guter Artikel und super Bilder!
    Ganau so wie du es beschreibst hab ich mir dein Kanadatrip im Vorfeld auch ausgemalt – Also alles gut verlaufen bisher was? 🙂
    Der Versuch zählt die Currywurst nachzubauen! Gute Aktion!
    Ich hoffe du hast den Glauben der rechten Currywurst auch an diverse Personen in Kanada bereits weitergegeben^^
    Mal schauen, wann du den ersten Döner nachbaust^^
    Alternativ ein Pumpernickel/Schwarzbrot oder Lakritz was? ^^

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    1. So was ähnliches wie Döner gibt es hier sogar. Es ist neu und heißt Donair. Teigtaschen mit Fleisch halt. Hatte ich auch schon ausprobiert aber es konnte einfach dem Salghetto-Standard überhaupt nicht das Wasser reichen.
      Tyrels deutsche Arbeitskollegin Bella sagte mir, dass es hier eine deutsche Bäckerei gibt, die Schwarzbrot und co verkauft. Sollte ich darauf scharf werden, ist also vorgesorgt. 🙂

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