Monat: Juni 2016

Yogi Tee und die Weisheit der Welt

Ich bin immer noch hier.

Ein plausibler Grund dafür ist, dass ich in einer Abschieds-Schleife in der Matrix gefangen bin. Oder aber, dass mein Flugzeugt erst in drei Tagen abhebt. Wer weiß das schon so genau? Fühlt sich jedenfalls gleich an.

Jedenfalls habe ich wieder ein paar Dinge gelernt die letzten Tage. Und während ich jetzt seit 4:43 Stunden versuche, meinen Computer zu formatieren und es immerhin so weit geschafft habe, dass das Startmenü abhanden gekommen ist, schreibe ich diese Dinge einfach mal auf:

  1. Das Einwohnermeldeamt begnügt sich mit meiner neuen Adresse „Kanada“. Das reicht anscheinend voll aus und erklärt auch endlich, warum die Sendungen „Bitte melde Dich“ und „Vermisst“ ständig neue Folgen drehen können.
  2. Alles, wo IKEA dran steht, verkauft sich gut bei ebay Kleinanzeigen. Außer Spiegelschränke ohne Beleuchtung. Aber ganz ehrlich? Beim Benutzen der Zahnseide im Abstand 1 cm vor dem Spiegel ist mir eine diffuse Beleuchtung doch lieber.
  3. Das Samsung S4 mini scheint ein wasserdichtes Handy zu sein. Jedenfalls, wenn die Toilettenspülung nicht betätigt wird.
  4. Beim täglichen Wahnsinn fällt das Verdrängen der Realität gar nicht so schwer 🙂

An meinem vorletzten Arbeitstag habe ich angefangen, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Ein Unterfangen, welches seit ca. 3 Jahren überfällig ist. In einer Schublade habe ich ca. 142 Teebeutel-Schnipsel von Yogi-Tee gefunden. Auf jedem Schnipsel ist ein mehr oder weniger geistreicher Spruch aufgedruckt, analog zum Glückskeks beim Asiaten um die Ecke.

An den unteren Rand meines Computer-Bildschirmes habe ich drei dieser Schnipsel vor einigen Jahren geklebt. Die für mich drei schönsten Sprüche, die ich mir immer vor Augen halten wollte. Und doch habe ich sie mir schon lange nicht mehr angesehen.

20160627_132529[1]

Yogi Tee, Collage, 2013 – 2014

Schöner hätte ich nicht ausdrücken können. Muss ich auch nicht, dafür habe ich schließlich ca. 165 € in esoterisch angehauchten Bio-Tee investiert!

Nur die Botschaft meines letzten Glückskekses habe ich bis jetzt noch nicht ganz durchdringen können: „Pflaumenduft erwächst aus Kälte“

Ahja.

Ich bin dann mal weiter mit Formatieren beschäftigt. Das nächste Mal berichte ich hoffentlich schon aus dem Land wo Ahornsirup und Whisky fließen.

Glück Auf!

Advertisements

Der Abschied ist ein schweres Schaf

Ja, ich gehe.

Aber bedeutet das wirklich, dass man über einen Monat lang Abschied nehmen muss? Abschiedsessen, Abschiedstreffen, Abschiedswünsche und Abschiedsumarmungen. Schön, dass man so liebe Menschen kennt aber warum ist „Tschüss“ sagen eigentlich so schwierig? Manchmal wünsche ich mir ein wenig mehr nordischen Charme. Dann könnte ich in Gedanken meinen Elbsegler zurechtrücken (in Wirklichkeit würde eventuell ein Nasenhaar flirren) und wäre einfach weg mit einem knappen „Jo.“. Aber so cool bin ich nun mal nicht.

Seit ich viele Sachen zum letzten Mal mache, stehen sie im ganz anderen Licht da. Eine schöne Liste an Dingen entsteht, über die ich mich sonst geärgert hätte. Die aber, da sie im Lichte dieses Abschiedes stehen, mir fast ein wenig Wehmut bereitet haben.

  • Flug der Dämonen 2016

    Das letzte Mal Heide Park – eine Offenbarung

    Das letzte Mal die Mülltonnen vor das Haus stellen (Wer weiß, ob es im Yukon eine Müllabfuhr gibt!)

  • Das letzte Mal die kratzigen Socken anziehen (Sie kommen nicht mit ins Gepäck, daher schmeiße ich sie einfach weg nach dem Tragen.)
  • Das letzte Mal beim Gynäkologen (Wer mikroskopiert in Zukunft meine Körperflüssigkeiten?)
  • Das letzte Mal freitags arbeiten (Macht man eine Mittagspause oder lieber pünktlich Feierabend? Jede Woche eine spannende Entscheidung!)
  • Das letzte Mal 5 Stunden in einer Vollsperrung auf der A2 festhängen (Mit ganz viel Zeit zum Abschiednehmen vom Rasen auf der Autobahn)
  • Das letzte Mal einen Chili Cheese Burger mit extra viel Jalapenos und extra viel Chili Cheese Sauce bei Burger King bestellen und nichts extra bezahlen (Es gibt keinen Burger King in Whitehorse… ich muss die extra-Politik der anderen Läden erst austesten)

Aber – was solls? Ich wollte es so und ich will es so und würde ich so ganz sang- und klanglos entschwinden, würde ein Teil der Geschichte einfach fehlen. Also nehme ich ihn mit und an, heule, wenn mir danach ist und bin den Rest der Zeit einfach fröhlich und freue mich auf die neuen Ufer… oder Berghänge ^^.

Nur ein Zitat geht mir seit Tagen nicht aus dem Kopf. Mein Lieblings-Radio-Versprecher von einer verwirrten älteren Dame, die sich im Radio ein Lied von Roger Whittaker wünschen wollte. Doch statt „Abschied ist ein scharfes Schwert“ brachte sie nur hervor „Abschied ist ein schweres Schaf“.

Schwer. Aber auch plüschig. Und es mäht den Rasen und hilft Dir beim Einschlafen, wenn es den Sprung über den Zaun noch schaffen sollte.

Mäh.

Der letzte Monat im alten Leben

Und schon sind es nur noch vier Wochen bis zum langen Flug…

Vor ziemlich genau drei Monaten habe ich einen Entschluss gefasst: Ich werde nach Kanada ziehen, um dort zu leben. Gesagt, getan: Job und Wohnung gekündigt, Flug gebucht. Und heute bricht mein letzter Monat im alten Leben an.

Wie kommt man darauf, so eine Entscheidung zu treffen?

Nun, eigentlich ganz einfach. Anfang 2015 war ich als Urlauberin im Yukon und habe mich gleich bei Ankunft in der Flughafenhalle in Whitehorse so heimisch gefühlt wie bisher noch nirgends. Und einen Tag später lernte ich einen Kanadier kennen, den ich mittlerweile geheiratet habe und mit dem ich gern mein Leben verbringen möchte.

Auch wenn mein Gefühl mir von Anfang an deutlich machen wollte, dass sich meine Zukunft im Land der Biber und Bisons abspielen sollte und nicht zwischen Bereitschaft und Bio-Tee: es hat mich ein Jahr Nachdenken gekostet, um mich auch danach zu richten. Letzendlich entsprang meine Entscheidung aus einem logischen Dreiklang:

  1. Wenn ich es nie ausprobiere, im Yukon zu leben, werde ich es später bereuen.
  2. Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich wahrscheinlich nie.
  3. Also muss ich jetzt gehen, um später nicht verbittert zurück zu blicken.

Eigentlich ist es auch egal, was später dabei rumkommt. Entweder mein Gefühl bestätigt sich und ich finde hoch oben im Norden meine Heimat. Oder es bestätigt sich nicht und ich komme wieder zurück. Dann habe ich aber wenigstens meinen Frieden wieder und muss mir nicht die Frage stellen „Was wäre wenn…?“ oder „Hätte ich mal…“.

Hopp oder Topp! Ganz oder gar nicht! Ex oder Kelly-Fan!

Und auf die Frage, ob ich nicht ein großes Risiko eingehe, kann ich nur antworten mit einem Zitat von Frank Drebin (Die Nackte Kanone):

„Man geht schon ein Risiko ein wenn man Morgens aufsteht, über die Straße geht und sein Gesicht in einen Ventilator steckt.“

In diesem Sinne: Letzter Monat, halt Dich fest, ich komme! 🙂