Fokus

Eigentlich wollte ich nicht darueber schreiben. Jetzt mache ich es doch, denn ich weiss nicht, wie ich irgendetwas schreiben soll ohne es zu beschreiben.

Mein Chef ist krank seit zwei Monaten. Richtig krank. Er hat Tumore am Rueckenmark, die mittlerweile seine Nerven geschaedigt haben. Heisst, er kann abwaerts der Brust seine Haut nicht mehr spueren und seine Beine nur noch ziemlich unkontrolliert bewegen. Krebs ist es nicht aber eine extrem seltene Sache, sodass keiner weiss, wie es weitergeht oder auch nicht.

Er ist noch keine 40 Jahre, hat mit seiner Partnerin vier kleine Kinder im Alter von zehn bis vier Jahren. Sportlich, die Familie isst nur Bio und gute Sachen.

Und dann sowas.

Freitag habe ich ihn nach zwei Monaten wieder gesehen, er kam ueberraschend ins Buero. Mit Rollator und Hilfe seiner Partnerin. Es taete ihm gut, sich hier ein bisschen normal zu fuehlen, sagt er, waehrend er mir Zugriffe auf Datenbanken und Passwoerter und kleine Kniffe zeigt. Nach eine Stunde kommt seine Partnerin um ihn wie verabredet abzuholen. Er kann nicht so lange sitzen.

Gib uns noch etwas Zeit, bittet er sie, wir sind noch nicht fertig und ich fuehle mich gut. Sie nimmt den Vierjaehrigen an die Hand und verspricht, bald wiederzukommen.

Er haette sich abgefunden damit, Paraplegiker zu sein, erklaert er mir. Doch seit dem Wochenende merke er, dass das Gefuehl in seinen Armen schwindet. Er wurde erst weiter unten an der Wirbelsaeule operiert, daher wollen sie in Vancouver nichts machen. Am Montag hat er einen Termin in Ottawa, da wollen sie feststellen, ob er vielleicht fuer die Cyber-Knife-Methode in Frage kommt. Da wird mit hoher oertlicher Dosis Bestrahlung operiert statt mit einem Messer.

Fuer alles, was kommt, ist er vorbereitet. Falls er weder Arme, noch Beine bewegen kann, soll der Stecker so schnell wie moeglich gezogen werden. Ohne Reue blickt er zurueck „What a great life!!!“ Nur findet er es schade, dass er seine Partnerin vielleicht mit der Erziehung der vier Kinder allein lassen muss. Das ist ein grosser Job. „Wir haben so viel Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe investiert in die Erziehung der beiden Aelteren und man sieht bereits, wie sich das auszahlt. Ich weiss nicht, ob eine Person alleine den Kleineren so viel Aufmerksamkeit bieten kann. Das ist die einzige Sache, die mich beschaeftigt.“

Seine Ernaehrung habe er auch umgestellt, er isst jetzt keto, nur noch 20 Gramm Kohlenhydrate maximal pro Tag. „Das heisst, du kannst Kaese essen, oder?!“ frage ich freudig. „Ja genau, ich esse Berge von Kaese.“ Sofort hole ich mein dickes Stueck Kaese (heute ein Tomme de Chevre des Alps) aus meiner Tasche, das ich sonst zu Mittag gegessen haette und biete es ihm an. „Vielleicht ein kleines Eckchen… hast du ein Messer?“ „Ja, habe ich, aber beiss doch einfach ab. Du kannst alles haben, ich hab noch mehr davon.“ Zwei Minuten spaeter ist vom Kaese nichts mehr uebrig, es scheint zu schmecken.

Schliesslich kommt auch die Partnerin wieder, jetzt ist es Zeit zu gehen. Wir gehen zur Tuer um sie hereinzuwinken, er sitzt auf seinem Rollator vor der Tuer und schaut heraus. Sieht ernst zu mir hoch und breitet einen Arm aus. Ich beuge mich herunter und wir umarmen uns.

Vielleicht war es das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Vielleicht koennen sie ihm helfen, dass es nicht noch schlimmer wird. Ich wuensche ihm und seiner Familie von Herzen das Beste.

Dass er ohne Reue lebt, finde ich ganz toll. Fuer wie viele Leute waere so eine Krankheit eine Gelegenheit um festzustellen, dass man nicht den eigenen Weg im Leben gegangen, sondern der Umstaende wegen so viele Kompromisse eingegangen ist, dass man nicht mehr weiss, wer man eigentlich ist.

Vor fast zwei Monaten ist ein lieber Freund von mir in Deutschland gestorben.

Vor zwei Monaten habe ich angefangen zu laufen. Mit einer Minute laufen, mehr ging nicht. Jetzt kann ich 30 Minuten laufen. Morgen will ich fuenf Kilometer schaffen.

In diesem Leben will ich eine gesunde und glueckliche Version meiner selbst sein. Es gibt keine Ausreden, kein Gejammer. Ich mache es oder ich lasse es.

Ich bin hier. Und hier bin ich genau richtig.

Nicht bereit, mich zu verbiegen. Bereit, alle Herausforderungen anzunehmen.

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Ich. Eine Seite meiner Haare sind abrasiert. Das bin ich und das ist mein Weg

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Eine Woche Yukon

Eine Woche Yukon nur? Das lohnt doch nicht… denkste! Meine Freundin Dinah hat den Selbstversuch gewagt und ihn nicht bereut.

Eine Woche nach dem Baerenbesuch stand sie auf der Matte. Zwar unterbreitete sie das Angebot, uns bei der Baerenkotbeseitigung im Flur zu helfen, doch die meisten Spuren konnten wir schon beseitigen. Nur die Dusche war noch nicht funktionstuechtig, aber wofuer gibt es eigentlich die heissen Quellen? 🙂

Viele Seen, Berge und Fluesse haben wir in den ersten Tagen besichtigt. Schwierig ist es nur, das Fotomotiv zu waehlen, denn irgendwie sind hier die meisten Ausblicke Postkarten-geeignet.

Die schoenste Farbe hat meiner Meinung nach immernoch der Yukon River. Je nach Lichteinfall scheint er mehr gruenlich oder blaeulich zu schimmern.

Bei der ganzen Knipserei bin auch ich mal spontan fotografiert worden. Das passiert sonst eher selten.

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Ich stehe immer parat… am Fotoapperat!

Auf dem Weg nach Carcross haben wir dann beschlossen, Dinah auch mal arbeiten zu lassen in einem kanadischen Traditionsberuf.

Erst fanden wir uns in der kleinsten Wueste der Welt wieder und dann im Streichelzoo. Ziemlich abwechslungsreich die Ecke um Carcross!

Mein persoenliches Highlight war unser Ausflug nach Haines, was in Alaska liegt. Yukon liegt ja an der Grenze zu Alaska und Alaska scheint Kanada ne ganze Menge Kueste geklaut zu haben. Das Meer ist nur ein paar Stunden Fahrt von Whitehorse entfernt, doch da der Kuestenstreifen zu Alaska gehoert, muss man dafuer das Land verlassen und in die USA einreisen. Fuer kanadische Staatsbuerger ist das kein grosses Problem. Deutsche brauchen jedoch ein spezielles Visum fuer die USA und muessen bezahlen, dazu noch Formulare ausfuellen und und und.

Zum Glueck stiessen wir auf zwei knuffige US-Grenzbeamten auf dem Weg nach Haines. Diese gute Erfahrung hat mindestens zwei meiner drei bisher schlechten Erlebnisse mit US-Beamten wieder wettgemacht.

Haines ist ein niedliches, kleines Fischeroertchen mit Hafen direkt an einer Bucht. Da mein Auto nicht abschliessbar ist und wir vorhatten im Wagen zu naechtigen und uns nicht tagsueber um unsere Sachen sorgen wollten, haben wir uns auf einen Wohnmobilplatz direkt am Wasser gestellt.

Wir hatten Glueck und kein Kreuzfahrschiff legte an, als wir da waren. Dann ist das kleine Fischerdoerfchen ueberlaufen mit Horden von Gaesten.

Eine Attraktion in Haines ist das Eagle Preserve, in dem Wildvoegel gehalten werden, die wegen dauerhafter Einschraenkung nach Verletzungen nicht wieder ausgewildert werden koennen. Wir haben es puenktlich zur Adlerfuetterung geschafft.

Doch auch in der Natur koennen in Haines zahlreiche Adler bewundert werden.

Sogar einen jungen Grizzlybaeren konnten wir in Haines erblicken. Einen Tag vorher hatte jedoch schon ein Schwarzbaer direkt hinter unserem Auto die Strasse ueberquert. Davon existieren allerdings keine Bilder, wir haben den Augenblick einfach genossen.

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Neugieriger Baer im Strassengraben.

Am Tag unserer Rueckfahrt wollten wir noch die mueden Beinchen strecken bevor wieder fuenf Stunden Autofahrt angesagt ist. Kurzerhand stiefelten wir einen Weg entlang, der vielversprechend aussah. Keine Ahnung wie viele Kilometer die Strecke lang ist, wenn das Schild Meilen anzeigt. irgenwann wird man schon ankommen.

Irgendwann ging es dann bergauf. Und bergauf. Und weiter bergauf. Jedes Mal, wenn man einen Huegel erklimmt, wird deutlich, dass sich dahinter noch weitere Huegel verbergen. Berge motivieren mich sehr, umdrehen kommt nicht in Frage! Dann wuerde ich mich die naechsten Tage nur wundern, welche tolle Aussicht ich jetzt verpasst habe.

Trotz der Tatsache, dass es sich um Dinahs erste richtige Wanderung handelte, machte sie gut mit. Ich wandere zwar viel und gerne, bin aber zweimal hingefallen und einmal umgeknickt. Koerperklaus laesst gruessen. Aber macht nichts, ich stehe einfach wieder auf und hab trotzdem Spass.

Endlich ging es dann auch nicht mehr hoeher und wir wurden mit einer tollen Aussicht auf Haines und die umgebenden Berge belohnt. Leider war schon eine gefuehrte Gruppe auf dem Gipfel aber so konnte wenigstens jemand ein Bild von uns schiessen.

Wieder in Kanada haben wir Halt gemacht bei den Million Dollar Falls. Wir erspaehten zwar keine Muenzen, dafuer glitzerndes Wasser neben einem gepflegten Campingplatz.

Leider stand Fuchs Louie ja nicht mehr auf der Besuchsliste. Er ist seit ueber einem halben Jahr nicht aufgetaucht. Ein Abend bei James zeigte aber, dass bereits Louie junior seinen Job uebernommen hat und gerne fuer ein Fotoshooting zur Verfuegung steht.

Im Vorbeifahren sahen wir dann noch eine Moeglichkeit der Moewenbekaempfung.

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Ein Adler hat eine Moewe erlegt und wird sich gleich ans Essen machen.

Schliesslich stand nur noch auf Dinahs Liste, dass sie einen Elch sehen moechte. In freier Wildbahn konnten wir da leider nichts herzaubern, aber wozu haben wir schliesslich das Wildlife Preserve in Whitehorse?

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Dinah mit Elchkuh.

Die Woche ging schnell vorbei. Doch viele neue Eindruecke wurden gewonnen und die Seele konnte etwas durchatmen. Das ist doch die Hauptsache, egal ob das in zwei Jahren gelingt, in einer Woche oder vielleicht nur in den 6 Minuten, in denen du diesen Beitrag gelesen hast. 🙂

Unerwuenscher Besuch zum Jubilaeum Teil 2

Heute Nacht haben wir also gezeltet. Ganz abenteuerlich im Wohnzimmer. Nach drei Stunden Schlaf bin ich zur Toilette und nach sechs Stunden war die Nacht dann vorbei.

Die Canada Day Parade muss heute ohne uns auskommen. Mir ist es wichtiger, dass wir etwas aufraeumen und in ein schoeneres Haus zurueckkehren als das gestern abend der Fall war.

Dank Gabis Kommentar bin ich motiviert, vielleicht ein paar Pflanzen zu retten. Und tatsaechlich, zwei Tomaten und zwei Chilis koennen sich mit ganz viel Lebenswillen vielleicht nochmal berappeln. Ich besorge zwei grosse Toepfe und gruende zwei Pflanzen-Wohngemeinschaften. Jetzt muss ich sie nur noch angiessen und das mache ich besser draussen, damit ich den Teppich nicht flute.

Direkt vor der Haustuer giesse ich die traurig wirkenden Pflanzen – Da scheppert es im Vorgarten! DIE BAERENFALLE!!!

Ich stuerme zurueck ins Haus und reisse Tyrel vom Staubsauger weg. Wir schnappen unsere bereit stehenden Schrotflinten, laden Munition durch um im Ernstfall direkt schiessen zu koennen. Dann gehen wir im weiten Bogen um die Falle herum. Etwas bewegt sich darin und es scheint nicht unser Fuchs Skinny zu sein. Wir schauen, ob die Tuer der Falle richtig eingerastet ist, alle drei Laschen muessen eingehakt sein. Scheint der Fall zu sein. Dann kommen wir naeher. Sehen durch die Loecher im Metall einen Umriss. Es ist tatsaechlich ein Schwarzbaer in die Falle getappt. Ganz friedlich labt er sich am Biberfleisch, das in einem grobmaschigen Sack am Ende der Falle haengt und den Mechanismus ausgeloest hat. Scheint ein echter Leckerbissen zu sein!

Schliesslich gehen wir wieder ins Haus. Verrueckte Welt! Ich muss erstmal aufs Klo, doch es wartet nicht gerade eine angenehme Atmosphaere auf mich.

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Der Baer hat im Bad die ganze Duschwand herausgerissen und ein Fensterpanel zersplittert.

Duschen geht heute wohl nicht – da haben wir eine gute Ausrede, heute in den heissen Quellen zu baden. 🙂

Unerwünschter Besuch zum Jubiläum

Es ist Mitternacht. Heute bin ich seit zwei Jahren in Kanada.

Eigentlich wollte ich mich nach einer guten Mütze Schlaf in Ruhe hinsetzen und mein zweites Jahr resümieren.

Doch gerade kommen wir nach Hause von einen schönen Abendessen mit James. Komisch, die Eingangstür ist blockiert, war der Wind so stark, dass die Holzblöcke einfach umgefallen sind? Wir versuchen, die Tür zu entsperren und zu öffnen, dabei knallt mir Tyrel die Tür volle Elle an den Kopf. Sauer gehe ich in den Vorraum und schließe die Haustür auf.

Was… Warum ist der Abstelltisch umgeworfen? Und so viel liegt auf dem Boden… Ich verstehe nichts und starre auf das Chaos.

„Das ist ein verdammter Einbruch, schnell weg hier!!!“ Tyrel zieht mich am Arm wieder nach draussen.

„NICHT LAUFEN! Geh einfach zum Auto und setz dich rein! Ich hole die Schrotflinte aus meinem Auto.“

Wir gehen ums Haus. Jemand hat die Insektennetze herunter gerissen. Das Schlafzimmerfenster steht komplett offen. Tyrel brüllt ins offene Fenster und horcht. Nichts regt sich.

Schließlich betreten wir das Haus durch die Haustür. Tyrel ruft und lauscht. Ich halte Abstand.

Chaos. Die Kettensäge ist noch da. Alles andere auch. Und Bärenscheiße. Gegessen hat er nichts, nicht einmal die Mülltüte mit den Küchenresten durchwühlt. Der Kühlschrank ist geschlossen. Die Dusche ist zerstört. Ein Sofa angenagt. Ein Fenster kaputt. Viel kleine Sachen.

 

Wir telefonieren mit unserer Hausverwaltung, unserem Vermieter und schließlich der Jagdbehörde. Ein Schwarzbär hat in unserer Gegend schon viel Schaden angerichtet. Erst heute war er bei unserer Hausverwalterin auf der Veranda und hat sich von Menschen nicht stören lassen.

Der Herr von der Jagdbehörde kommt gleich vorbei und stellt eine Bärenfalle auf. Wenn wir den Bären sehen, sollen wir ihn sofort erschießen und nicht erst versuchen, zu verjagen.

Wo oder ob ich heute schlafen werde, weiß ich noch nicht.

Happy Canada Day!

Update: Dave von der Jagdbehörde ist mit uns durch das Haus gegangen, hat Haarproben mitgenommen. Dass Bären in Häuser einbrechen, ist mehr als unüblich. Oft plündern sie Hütten im Nirgendwo. Aber erst, wenn seit Monaten kein Mensch mehr drin war und es nicht mehr nach Mensch riecht. Dieser Bär hatte aber wohl Angst bekommen, als er im Haus war. Daher hat er nichts gegessen, wollte einfach nur raus aus irgendeinem Fenster und hat dabei ne Menge zerstört. Und uns in den Flur geschissen.

Dave holt jetzt eine Bärenfalle, die derzeit eine Strasse weiter steht, um ebendiesen Meister Petz zu fangen. Die Bärenfalle wird nun in unseren Vorgarten gestellt.

Ob sie auch Köder in die Falle legen, frage ich.

Ja, ne Menge!

Und was für Köder?

Einen Haufen Biberfleisch. Das sind die fettigsten Tiere, die hier rumlaufen.

Wird der Bär getötet, wenn er in die Falle getappt ist?

Ja, er ist gefährlich und kann nirgendwo freigelassen werden ohne dass er andere Menschen gefährdet.

Ist es sicher, heute Nacht hier zu schlafen?

Ja, der Bär würde wahrscheinlich gleich reißaus nehmen, wenn er euch hört oder riecht. Ausserdem wurde er nicht dafür belohnt, hier einzubrechen. Er hat nichts gegessen, hat kein positives Erlebnis gehabt. Wenn er nochmal in die Nähe kommt, würde er eher in die Falle gehen.

 

Ich habe beschlossen, heute zu zelten. Im Wohnzimmer. Nur im Innenzelt, so können wir sehen, was draussen los ist. Und die 688632 Moskitos, die jetzt unsere Mitbewohner geworden sind, saugen uns nicht leer.

Was für ein Jubiläum. Ich baue dann mal ein Zelt im Wohnzimmer auf. Kann die Situation aber schon wieder positiv sehen. Nichts wirklich Schlimmes ist passiert. Wir müssen morgen nicht arbeiten. Und lustigerweise hat der Bär unsere beiden Schwarzbärenfelle von der Wand gerissen, den Grizzly, Wolf und das Bison aber hängen lassen. Dieses Mal 1:0 für den Bären!

Liebe Grüße und macht euch keine Sorgen, mir geht es gut. 🙂

Hausmannskost

Der Yukon haengt Deutschland durch die Zeitverschiebung 9 Stunden hinterher. Es dauert hier auch laenger, bis der Sommer sich endlich zeigt. Aber endlich Ende Juni bluehen die vielen Wildrosen. Wahrscheinlich haben sie eine Symbiose mit den zigtausenden Moskitos gebildet, die nur darauf warten, dass man sich einer Rose naehert, um ihren suessen Duft einzuatmen. Daraufhin wird man naemlich von den Moskitos ausgesaugt.

Neben den Moskitos tummeln sich auch andere Tierchen im Garten: Nach der zufaelligen Jagd sind noch zweimal Baeren durch unseren Garten getrollt. Ein groesserer Schwarzbaer stand direkt vor der Haustuer und erspaehte eine Bewegung von mir, dann nahm er Reissaus. Eine Baerenmutter mit zwei Baerenkindern inspizierte unser Kanu. Tyrel bestand darauf, ihnen eine schlechte Erinnerung an Menschen mit auf den Weg zu geben. Mit Gummigeschossen und Leuchtfeuer bewaffnet ging er der Familie nach (nicht zur Nachahmung empfohlen!). Als sie keine direkte Angst vor ihm zeigten, zimmerte er der Mutter Baer ein Gummigeschoss auf den behaarten Hintern. Daraufhin verstaute sie kurzerhand ihren Nachwuchs auf dem naechsten Baum und streifte die naechsten Stunde allein durchs Unterholz um unser Haus herum.

Sommer. 🙂

In wenigen Monaten ist schon wieder bitterer Winter. Da muss ich von den Erfahrungen des Sommers ein wenig zehren. Also liegt es nahe, dass man so viel wie moeglich vom Sommer konserviert! Okay, ein Schwarzbaer liegt schon auf Eis. Auf getrocknete Muecken in meinen Backwaren als Sommerandenken kann ich muehelos verzichten. Was koennte ich noch bewahren…

Rosen!

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Zartrosa Tupfen bilden die bluehenden Rosen in der gruenen Vegetation unserer Einfahrt.

Hinterm Haus, an der Einfahrt, an der Strasse, ueberall bluehen die Wildrosen derzeit. Ich werde die Blaetter konservieren und an einem kalten Wintertag einen schoenen Kaiserschmarrn mit Rosenbluetenmarmelade geniessen!

Die Ausruestung fuer das Rosenbluetenblaettersammeln steht auch schon fest: Schrotflinte mit Gummigeschoss und Baerenspray gegen die grossen Tiere, langaermlige Kleidung, Handschuhe, Muetze und Kopfnetz gegen die kleinen.

Bekleidet wie ein ein Fremdenlegionaers-Imker trete ich vor die Haustuer. Eins muss man den Muecken lassen, sie sind kreativ und lassen sich nicht von klobig wirkender Kleidung von ihrem Ziel abbringen. Die Handschuhe waren wohl nicht mueckendicht, an meiner linken Hand werde ich spaeter 26 Einstiche zaehlen. Zum Glueck schwelle ich kaum an. Schnell reicht es mir auch mit der Sammlerei und ich beschliesse, genug gesammelt zu haben. Baeren kamen nicht vorbei.

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Meine Ausbeute an Blueten und ich. Habe gerade noch versucht, die Muecken zu vertreiben, um meine Hand beim Bedienen des Handys zu schuetzen. Doch neben meiner Nase erkennt man das unscharfe Uebel des Sommers: Eine fette Muecke!!

Wichtig, bevor man das Haus betritt: Kleidung abstreifen, damit man moeglichst wenig Muecken mit sich hereintraegt. Dann folgt eine Inspektion der doch recht hastig gesammelten Bluetenblaetter. Ein paar Kaefer transportiere ich auf einigen Blaettern wieder nach draussen – und lasse weitere Muecken hinein.

Doch endlich steht ein Topf mit Rosenblaettern und Wasser auf dem Herd und koechelt und duftet auch bald verfuehrerisch vor sich hin.

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Alles rosig im Topf.

Nach 10 Minuten des Koechelns muss der Zucker und Zitronensaft hinzugefuegt werden.

Der Zucker…

Oha. Ich hab doch nur unraffinierten, braunen Zucker im Haus! Naja, hilft ja nichts, rein damit.

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Das wars dann mit rosig. Der Topfinhalt sieht aus, als wuerde man Innereien in Lebertran aufkochen.

Da stehe ich vor meinem Herd, schaue auf das Ergebnis meiner Kuechenkunst… und kann nicht mehr aufhoeren zu kichern. 🙂

Abgefuellt in Glaeser wird das Ganze trotzdem. Es ist zu allem Uebel noch nicht mal fest geworden. Aber es wird schon dafuer reichen, sich vielleicht einen Tee zu suessen.

Auf jeden Fall sind heute Sommererinnerungen konserviert worden!

Berufsstände

Meine Augen haben sich wieder etwas mehr auf unscharf gestellt und verdreht. Die Sehschwäche kratzt mittlerweile an der -7 und auch die Hornhautverkrümmung hat zugenommen.

Unschöner Nebeneffekt: Die torischen Kontaktlinsen drehen auch fleißig im Auge umher und ich sehe nur noch mit einem Auge scharf. Maximal einem Auge.

Dann stellen wir halt vorerst auf das gute alte Nasenfahrrad um.

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Ich, bebrillt, vor elektronischen Zeichnungen im Büro.

Tyrel findet, dass ich jetzt wirklich aussehe wie ein Ingenieur. Und irgendwie bin ich das ja auch.

An manchen Tagen auf der Arbeit klappt es erstaunlich gut. Ich ändere Zeichnungen von Flugzeugelektronik anhand von Ingenieursaufträgen. Ich verfasse meinen ersten kleinen Ingenieursauftrag zum Austausch von Navigationscontrollern.

Dann gibt es wieder Tage, an denen ich mich frage, was ich hier eigentlich mache und wie irgendwer auf die Idee kommt, dass ich dafür qualifiziert bin.

Doch dann beruhige ich mich schnell wieder. Natürlich bin ich qualifiziert. Immerhin habe ich 1998 alle Folgen der Sendung mit der Maus gesehen, die den Flugzeugbau erklärt haben!

Nachmittags gehe ich spazieren und treffe auf Biberdämme. Vor Ort stand ich in einer Mückenwolke. Doch das Bild, das ich geschossen habe, schaue ich mir später noch sehr gerne an.

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Ein Biberdamm staut einen kleinen Bach auf, umgeben von frischem Grün.

Was für schöne Farben. Und eine ganz raffinierte Baukunst, die diese Nagetiere einfach so vollbringen.

Oh Kanada, du bringst mich immer wieder zum Staunen. 🙂

Dämmerung

Morgens um vier bis fuenf Uhr sind die schoensten Sonnenaufgaenge zu sehen. Zum Glueck bin ich dann schon auf! 🙂

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Der Himmel faerbst sich in den Farben der deutschen Nationalflagge.

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Ein weites Feld, eine Bergkette wie ein Scherenschnitt und gluehend rote Wolken ueber einem goldenen Band.

Die Tage sind lang, hell, warm und voller Aktivitäten.

Der Morgen ist frisch, hell und still. Ich strecke mich für einige Minuten und starte in den jungen Tag.

Selbst, wenn ich schlafen gehe, scheint er noch nicht müde zu sein. Jetzt verprassen wir die ganzen Sonnenstunden, mit denen wir im Winter unser Sparschwein dick gefüttert haben.

Und wir genießen.

Wenn wir den ganzen Trubel langsam satt haben, kommt pünktlich der Herbst und bringt andere Schönheit direkt vor unsere Haustür.

Hier bin ich.